Mit Fakten und Fiktion erzählt Titus Müller eine große Geschichte vor dem Hintergrund historischer Ereignisse
Asta arbeitet als Dolmetscherin im Kurhotel »Palace« in Mondorf-les-Bains, wo die US-Armee gefangengenommene Nazi-Größen interniert. Am 20. Mai 1945 reist ein neuer Gast an. Er bringt 16 Koffer, eine rote Hutschachtel und seinen Kammerdiener mit. Es ist Hermann Göring, Oberbefehlshaber der Luftwaffe und Hitlers designierter Nachfolger. Asta übersetzt bei den Verhören, reist dann mit nach Nürnberg zu den Prozessen und wird jeden Tag im Gerichtssaal anwesend sein, die abscheulichsten Dinge zu hören bekommen und sie zudem ins Englische übertragen müssen. Umso empfänglicher ist sie für Leonhard, ein junger, sensibler Mann, der ihr sanft den Hof macht. Doch seine Vergangenheit ist undurchsichtig und er stellt verdächtig viele Fragen zu den Prozessen ...
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Eine klare Leseempfehlung
Monika Schulze am 17.01.2026
Bewertungsnummer: 2983507
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Mich fasziniert es immer, wie Autor*innen es schaffen, Fiktion mit Realität zu verbinden. So wie bei "Die Dolmetscherin" von Titus Müller aus dem Heyne Verlag.
Hier wird die fiktive Übersetzerin Asta als Dolmetscherin für die Nürnberger Prozesse eingesetzt. Natürlich wusste ich, was im Grunde in dieser Geschichte passieren wird, denn über diese Zeit und Ereignisse drum herum gibt es viele Berichte, aber für mich war es doch nochmal etwas anderes, das Ganze aus Astas Sicht zu erleben. Für mich war das genau das Richtige, denn dadurch hat man zum einen einen "Augenzeugen" zum anderen aber auch ein wenig Abstand, da Asta nicht real ist.
Trotzdem hat es mich erneut schockiert und verwundert, wie unterschiedlich die Reaktionen der Beteiligten doch waren. Die einen geben sich unwissend und weisen jede Verantwortung von sich, die anderen verteidigen sich oder sind immer noch der Meinung, das Richtige getan zu haben oder dass es doch gar nicht so schlimm war, wie behauptet. Titus Müller hat das in seinem Buch noch einmal gut herausgearbeitet und dem Leser*in nahegebracht. Mich hat es dabei wieder richtig geschüttelt und obwohl ich weiß, dass die Schilderung den Tatsachen entspricht, kann ich es trotzdem nie glauben. Wie konnten sie nur?!
Ich konnte Asta nur bewundern (auch, wenn sie selbst fiktiv ist, gab es doch wirklich Menschen, die bei den Nürnberger Prozessen übersetzt haben), wie kann man bei dieser Arbeit neutral bleiben? Aber es war auch sehr interessant bei ihrer Tätigkeit hinter die Kulissen zu schauen. Und obwohl ich schon so viel vom Inhalt des Buches wusste, war es durch die Protagonistin doch spannend und ich konnte das Buch kaum weglegen, weil ich so vereinnahmt wurde.
Zeitgeschichtlicher Thriller aus schwerer Zeit
Oliver_L aus Wien am 25.09.2025
Bewertungsnummer: 2606628
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Dieses Buch führt uns in eine zugleich düstere wie hoffnungsvolle Epoche: Nämlich die Zeit direkt nach der Kapitulation und dem Zusammenbruch des Dritten Reiches 1945/46. Schon aufgrund des Buchtitels ist klar, dass Asta, die titelgebende Dolmetscherin, die Hauptfigur ist. Recht bald wird angedeutet, dass sie Pläne hat, die übers Überleben und Übersetzen hinaus gehen; die Hintergründe werden nach und nach aufgedeckt. Meinem Eindruck nach überraschend früh erfährt man von ihrer Verbindung zum Geheimdienst der Sowjetunion, und bald auch davon, dass sie als Kind (mit ihrer Mutter) mal Göring begegnet ist, auf den sie es insbesondere ›abgesehen‹ hat. Warum, bleibt anfangs unklar.
Die zeitgeschichtlichen Hintergründe wirken gut recherchiert, und einiges wird am Schluss des Buches erklärt. Ein Großteil der Aussagen der historischen Figuren (Chefankläger Jackson, Gefängnisleiter Andrus und natürlich die gefangenen NS-Größen) beruhen offenbar auf historischen Aufzeichnungen bzw. Erinnerungen.
Unter den mehr oder minder befreiten Deutschen wird nur eine Handvoll namentlich und wohl exemplarisch eingeführt: V.a. Leo, ein desillusionierter Ex-Soldat, der sich aber seine Menschlichkeit bewahrt hat; außerdem der Junge Robert, der sich mit seiner Mutter Charlotte mehr schlecht als recht durch das Nachkriegs-Chaos durchschlägt und von dem sich recht bald herausstellt, dass er Leos Sohn ist.
Mit Leo tritt Asta bald in Kontakt: Anfangs ist er für sie Mittel zum Zweck, aber allmählich vertieft sich die Beziehung. Angesichts des unterschiedlichen Werdegangs von Mann und Frau entwickelt sich die Beziehung überraschend unkompliziert.
Beim Nürnberger Prozess muss Asta recht rasch das Synchron-Dolmetschen lernen, ein damals noch junges Verfahren. Recht geschickt werden dabei Ausschnitte aus der Verhandlung verknüpft mit Zwischenbemerkungen zu der Übersetzerin, die das Geschehen natürlich nicht unberührt lässt.
Im Hintergrund läuft unterdessen eine Verschwörung zur Befreiung von Göring, was etwas Action in die Sache bringt; in diese wird auch Leo als eine Art verdeckter Ermittler verwickelt. Alfred Naujocks, der Chef-Schurke, ist, wie mir Wikipedia verrät, tatsächlich eine historische Figur. Hier erinnert er mich an eine Schurken-Figur aus einem Dan-Brown-Buch: Brillant, bedenkenlos und leicht durchgeknallt … Nach und nach wird auch klar, worum es Astas Kontakten auf russischer Seite vor allem geht: Nämlich um die Hintergründe des Massakers von Katyn – beziehungsweise darum, diese unter den Teppich zu kehren oder den Deutschen die Schuld dafür in die Schuhe (bzw. in die Wehrmachts-Stiefel) zu schieben.
Erzählt wird immer von einem allwissenden Erzähler, der aber sozusagen abwechselnd in die Köpfe der Haupt-ProtagonistInnen schlüpft und deren Gedanken wiedergibt. Das ist effektiv, wirkt aber manchmal etwas bemüht, wenn etwa von einem Absatz zum nächsten eine Szene erst aus der einen, dann aus der anderen Sicht wiedergegeben wird, etwa bei dem ersten Zusammentreffen von Naujocks und Andrus.
Nach und nach werden recht geschickt zeitgeschichtliche Fragen (Katyn und eben der Prozess von Nürnberg) verquickt mit den persönlichen Geschichten um Asta und Leo. Es gibt sogar einen regelrechten ›Showdown‹ samt Schießerei! Das Ende ist dann meinem Eindruck nach überraschend ungetrübt. Dass der Befreiungsversuch misslingt, ist sicher kein Spoiler und dürfte wohl selbst für die historisch unbedarftesten LeserInnen keine Überraschung sein; somit nimmt das naturgemäß etwas an Spannung. Diese wird dafür dadurch aufrechterhalten, dass Astas Motivation erst nach und nach aufgedeckt wird.
Hilfreich, wie gesagt, sind die historischen Anmerkungen am Schluss. Was mich noch interessiert hätte: Gab es jenes Vermögen, das Göring versteckt haben soll, wirklich, und wenn ja, wurde es gefunden?
Ich fand die Lektüre jedenfalls lohnend; das Buch liest sich flott, ist aber trotzdem alles andere als leichte, seichte Unterhaltung.
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