Eigentlich will Issa diese Reise gar nicht antreten. Schwanger sitzt sie im Flugzeug nach Douala, angetrieben von ihrer Mutter, die bei der bevorstehenden Geburt um das Leben ihrer Tochter fürchtet. In Kamerun, dem Land ihrer Kindheit, soll sie den heilsamen Weg der Rituale gehen, unter den Adleraugen ihrer Omas. Doch so einfach ist das alles gar nicht, wenn man in Frankfurt zu Schwarz und in Buea zu Deutsch ist. Der Besuch wird für Issa eine Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte und der Gewissheit, dass sowohl Traumata als auch der unbedingte Liebens- und Lebenswille vererbbar sind.
Kunstvoll verwebt Mirrianne Mahn die Schicksale von fünf Frauen miteinander, deren Leben mehr als ein Jahrhundert auseinanderliegen und doch über die Linien koloniale Ausbeutung und dem Sterben nach Selbstbestimmung verbunden sind. Ein empowerndes und eindringliches Debüt - als Hörbuch von der Autorin selber gelesen.
Kundinnen und Kunden meinen
4.7/5.0
Mareike Zerstört
aus Oldenburg
5/5
24.03.2024
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Generationsübergreifende Verbundenheit
Ich empfand die Charaktere des Buches als sehr gut ausgearbeitet, wobei sie beim Hören gleichzeitig etwas ineinander überzugehen schienen, denn wir verfolgen zwei Storylines; es beginnt mit Issa (Anfang des 21. Jahrhunderts) und mit Enanga (Anfang des 20. Jahrhunderts), die uns über ihre Leben, Beziehungen und Schwangerschaften berichtetend, durch ihr Leben begleiten und uns zeigen, was es bedeutet Mutter, Tochter und Schwester zu sein.
Daher empfand ich die Charakterübergange in der Storyline im 20. Jahrhundert von Enanga ausgehend sich Issa annähernd als wirklich gute Entscheidung, um diese Verbundenheit über die Generationen hinweg, zu verdeutlichen.
Als Frau in den 30igern, die gesellschaftlich mit dem Thema Mutterschaft immer wieder (übergriffigerweise) konfrontiert und unter Druck gesetzt wird, empfand ich die Darstellung von Mutterschaft als ein wenig zu romantisiert und als zu erfüllend skizziert, obwohl über viele weniger schöne Aspekte von Schwangerschaft, Mutterschaft und einer möglichen Abhängigkeit vom Vater ebenfalls geschrieben wurde. Die Darstellung war also durchaus differenziert und nicht verklärend.
Die Stimme und die Erzählweise der Autor:in war sehr stimmig; meiner Meinung nach oft der Fall, wenn Autor:innen das eigene Buch vertonen. Das Cover strahlt Stärke aus, was mich direkt angesprochen hat und ich wurde nicht enttäuscht. Das war ein richtig schönes (Hör-)Buch mit schwierigen Themen und spannenden Perspektiven.
Bewertung
5/5
17.03.2024
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Schafft Verständnis
Dieses Buch wirbt für Verständnis. Es ist feministisch. Und es zeigt, dass nicht immer alles so ist, wie es auf den ersten Blick scheint. An jahrhundertealten Traditionen festzuhalten, bedeutet nicht nicht in die Zukunft zu blicken. Nicht die einzige Frau eines Mannes zu sein, bedeutet nicht schwach zu sein. Schwarz zu sein, bedeutet nicht sich einpassen zu müssen.
Ich mag die vielen starken Frauen in dieser Geschichte. Ihre Solidarität miteinander macht mir Mut. Gleichzeitig sagen sie sehr viel Kluges, das mich immer wieder ins Nachdenken und zu einer neuen Perspektive bringt. Für mich ist „Issa“ eines dieser Bücher, das viel mehr mit seinen Botschaften hevorsticht und in Erinnerung bleibt, als mit seiner Geschichte selbst.
Die Handlung ist zwar gut und vor allem auch unterhaltsam und angenehm erzählt, aber sie hält auch keine großen Überraschungen bereit. Immer wieder hat sie mich mit den Verwandtschaftsgraden verwirrt, dennoch hatte ich Freude an der Geschichte.
Bei mir hat das Buch Eindruck hinterlassen, deswegen empfehle ich es gerne weiter.
Gerwine Ogbuagu
aus Rodgau
5/5
10.03.2024
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Ein weit gespannter Bogen
Die Geschichte beginnt in Kamerun – einem Kamerun, das von Deutschen besetzt und regiert wird. Das eine der vielen Kolonien Afrikas war, die von westeuropäischen Mächten vereinnahmt wurden. Solche Besetzungen wurden immer mit dem Euphemismus „Schutzherrschaft“ benannt, „protectorate“ unter englischen Eindringlingen, „protectorat“ von Franzosen. Ausbeutung, Gesetzlosigkeit, Unterdrückung, Schändung von unschuldigen Leben, Vergewaltigung von afrikanischen Frauen, Brandmale auf Handrücken zu Tausenden waren die Folgen. Die Verbindungen zur Gegenwart sind noch sehr präsent. All das und noch viel mehr lesen wir, als das Leben von Issa sich vor uns entfaltet. Wir lernen Issas Leben in ihrer Familie in Kamerun und Deutschland kennen. Bis zur letzten Seite fesselt uns diese Geschichte so sehr, dass man immer weiter lesen möchte. Dieses Leben entfaltet sich in Rückblicken. Sie beginnen 1903.
Issa fliegt aus Deutschland nach Douala. Während des Fluges erinnert sie sich an ihre Mutter, als diese ihren Vater begraben ließ und diese Erinnerungen lassen uns die komplizierten Strukturen der afrikanischen Gebräuche erahnen. Das Cover zeigt eine moderne afrikanische Frau die uns mutig entgegen blickt. Der Schreibstil erinnert an die poetische und bildreiche Sprache, die alle Geschichten und Romane aus afrikanischer „Feder“ prägt und das Leseerlebnis verstärkt und bereichert. Eine Legende aus der Welt der Elefanten, die eine Brücke zu den Menschen schlägt, wird uns erzählt und befeuert unsere Vorstellungskraft. In der Folge lesen wir weitere Geschichten, die uns die Welt des traditionellen Kameruns näher bringt. Die wichtigste Person ist Issa, ihre Reise dient nicht nur der Selbstfindung sondern auch der Vorbereitung auf die Geburt und darauf, dass diese leicht für sie wird und sie ein gesundes Kind zur Welt bringen kann. Sie wird in Rituale eintauchen, die ihr weiteres Leben, ihr Verhältnis zu ihrer Mutter und deren Vorfahrinnen sowie das Leben des Ungeborenen für immer zum Guten beeinflussen wird. Von 1903 bis in die Gegenwart lesen wir eine Geschichte von Familien – in Kamerun und Deutschland. Dieses Buch ist eine Schatzkiste - angefüllt mit Begebenheiten, die in dieser Zeitspanne geschehen sind. Die unzählige Leben beinhalten, auch die von denen wir nicht lesen, die uns aber betreffen, je tiefer wir in diese Geschichte eindringen. Wir lesen von Geschehnissen, die so wie hier noch nicht erzählt wurden. Wir erkennen, wie das äußere Leben das Innere von Menschen berühren, beeinflussen und bedrängen konnte, ohne dass diese Menschen es sich gewünscht hätten oder voraussehen konnten, was mit ihnen geschehen wird. Diese Ereignisse sind unvergessen und reichen bis in unsere Gegenwart. Der erste Weltkrieg 1914 – 1918, auch „Der große Krieg“, „The Great War“ genannt, beeinflusst die damalige Kolonie Kamerun zutiefst. Zu lesen, welches unermessliche Leid er über unschuldige Menschen bringt und in die Familiengeschichte Issas eingreift, ist bestürzend. Das Vorsatzpapier des Buches zeigt eine sehr anschauliche Karte, die alle Schauplätze erfasst und die Nachbarländer Kameruns – Nigeria, Tschad und die Zentralafrikanische Republik – mit einbezieht. Nicht nur spannende Unterhaltung in höchstem Maß, sondern auch die Themen Weltgeschichte, Diskriminierung, Verständnis zwischen Völkern, Sozialgeschichte – letztere auch deren Versäumnisse an den Menschen - wird hier dargestellt. Ich wünsche diesem Buch weite Verbreitung und Übersetzungen.
Fredhel
4/5
21.03.2024
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Selbstbestimmt
Issa ist als schwarzes Mädchen im tiefsten Hunsrück aufgewachsen. Ihre Mutter war übertrieben streng zu ihr, schreckte auch vor Schlägen nicht zurück. Doch nun ist Issa schwanger mit ihrem ersten Kind. Nachdem die Mutter immer alles dafür getan hatte, dass Issa die deutschen Ansprüche an Normalität erfüllte, so dringt sie jetzt darauf, dass Issa in Kamerun alte Rituale über sich ergehen lässt, damit ihr und dem Ungeborenen eine gesunde Zukunft gesichert ist.
In Kamerun erwartet sie eine riesige Verwandtschaft, die große Ansprüche an die vermutlich reiche Frau aus Europa hat. Aber sie begibt sich auch auf einen Weg der inneren Einkehr, auf dem sie losgelöst von den Ansprüchen der Mutter und des Kindsvaters ihre eigene Seele findet, die bislang zwischen der afrikanischen und der deutschen Welt orientierungslos vor sich hin existierte. Am Ende dieses Weges sehen wir in Issa eine selbstbestimmte Frau, die im Einklang mit sich selbst ein gesundes Mädchen gebärt.
Die Autorin schreibt in einfachen Sätzen. Doch auch eine einfache Sprache kann sehr eindringlich von den Schrecken der Kolonialzeit erzählen, die nicht nur als gemischtrassige Nachkommen bis in die Gegenwart hineinwirken.
Die besagten Rituale sind gleichermaßen befremdlich als auch interessant, aber man sollte sie vorurteilsfrei zur Kenntnis nehmen, denn sie haben die Frauen schon seit Jahrhunderten begleitet und ihnen ein Gefühl von Schutz gewährt.
Ich persönlich habe aus dem Buch gelernt, dass, je mehr ich über Afrika erfahre, umso mehr weiß ich, wie wenig ich weiß.
Die Autorin liest ihr Werk in der Hörbuchversion selbst ein. Da glaube ich, eine routinierte Sprecherin wäre eine bessere Wahl gewesen, auch wenn Mahns Timbre wirklich angenehm und die Aussprache sehr deutlich ist.
adel69
aus Baden-Württemberg
5/5
16.01.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Starke Frauen in Kamerun…
Starke Frauen in Kamerun Worum geht es in dem Buch? Die Ich-Erzählerin Issa ist schwanger. Sie fliegt von Frankfurt nach Kamerun, die Heimat ihrer Mutter, um einige Rituale zu erleben. Als schwangere Frau, die in Kamerun geboren wurde, muss sie das – laut der Meinung ihrer Urgroßmutter – machen. Parallel dazu erfährt man als Leser/-in einiges über Issas Vorfahren. Wie lebten sie in Kamerun? An welche Regeln mussten sie sich als Frauen halten? Wie gingen die Männer mit ihnen um? Man liest über Enanga, die 1903 in einem Ort aufwächst, in dem viele Menschen dem Aberglauben nachgehen. Ein Deutscher, der Hausherr des Hofes ist, auf dem Enanga lebt, vergewaltigt sie. Sie wird schwanger und bringt eine Tochter zur Welt. Ihr Vater Keke verjagt sie anschließend vom Hof. Sie findet Unterschlupf bei ihrer Cousine. Auch von weiteren kamerunischen Frauen erfährt man – all das ist aus der Sicht des auktorialen Erzählers in der Vergangenheit geschrieben. Meine Meinung zu diesem Buch: Mich haben beide Handlungsstränge sehr bewegt. Einerseits Issa, die Ich-Erzählerin, die in Deutschland groß geworden ist und jetzt in Kamerun einiges erleben muss. Sie schreibt das im Präsens. Die Rituale sind merkwürdig. Beispielsweise wird sie von einem Heiler mit einer stinkenden Brühe behandelt. Während eines anderen Rituals muss sie mit einem toten Kaninchen ins Meer gehen. Ebenso sind die Frauenschicksale, die ab 1903 erzählt werden, oft erschütternd. Frauen in Kamerun hatten im 20. Jahrhundert wenig Rechte. Ein Mann konnte durchaus 19 Frauen haben. War man die erste Frau eines Mannes, genoss man einige Vorrechte und konnte die anderen Frauen piesacken. Männer bestimmten über die Frauen. So konnte beispielsweise Marijoh, Enangas Tochter, als Jugendliche von ihrem Stiefvater mit einem viel älteren Mann verheiratet werden, damit er seine Schulden bei diesem Mann loswurde. Auch heute hat ein Mann noch viel zu sagen in Kamerun. Wer es als Mann beispielsweise nicht schafft, dass seine Frau ihn respektiert und ruhig ist, gilt als schwach. Diese und andere Tatsachen habe ich gelesen – und ich habe auch sonst viel über Kamerun gelesen und gelernt, was ich vorhin noch nicht wusste. Für mich war „Issa“ ein interessantes und gutes Leseerlebnis. Ich vergebe 5 Sterne.
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