Shortlist Deutscher Buchpreis und Schweizer Buchpreis - »Ein fulminantes literarisches Unikat, das Roman und Essay zugleich ist.« NZZ
»Aus der Zuckerfabrik« ist die Geschichte einer Recherche, ein Journal voller Beobachtungen, Befragungen und Ermittlungen. Ein Text, der den Blick öffnet für die Komplexität dieser Welt. ›My skills never end‹ steht auf dem T-Shirt eines Arbeiters, der gerade seinen Lohn ausbezahlt bekommt. Am Strand einer karibischen Insel steht der erste Lottomillionär der Schweiz und blickt aufs Meer hinaus. Nachts drängen sich Ziegen am Bett der Autorin. Dorothee Elmiger folgt den Spuren des Geldes und des Verlangens durch die Jahrhunderte und die Weltgegenden. Sie entwirft Biographien von Mystikerinnen, Unersättlichen, Spielern, Orgiastinnen und Kolonialisten, protokolliert Träume und Fälle von Ekstase und Wahnsinn.
Kundinnen und Kunden meinen
3.4/5.0
Bewertung
5/5
08.05.2024
Buch (Taschenbuch)
Literatur gegen den Strich: forschend, unkonventionell, wie ein großes Mosaik
Dorothee Elmiger formulierte in einem Text 2021, der sich um Ursula K. Le Guins Carrier-Bag-Theory drehte, folgende Zeilen:
»In der Tasche, im Behältnis befinden sich die Dinge in Unordnung, in ständiger Bewegung, mit jedem Schritt werden sie gewendet und in neue Konstellationen gebracht, neu formatiert; Hierarchien haben unter diesen Bedingungen keinen Bestand […].«
Wie kaum ein*e zweite*r Autor*in baut Elmiger ihre Texte gemäß der Nicht-Gesetze der Unordnung auf. Sie versteht eine Erzählung nicht als Abfolge von Konflikten, wie es die alte Ratgeberweisheit besagt, vielmehr müsse sich »der Text selbst im Konflikt mit der Welt befinden, von der er ausgeht«. Diesem Credo folgend, sammelt sie in der »Zuckerfabrik« in einer Art großangelegter Recherche Fragmente, Episoden, Wissensstücke, Gedankenfetzen, Impressionen, Fallberichte, Erfahrungen, Geschichtsauszüge, Lyrik, Biografien, Liebesgeschichten und viele Mosaiksteine mehr, die sie dann aus ihrer vollgepackten Tasche zieht, auslegt, analysiert und miteinander in eine (aber nicht zwingend die eine) Verbindung setzt. Mittels dieser Verbindungen zieht sie Fäden von den Ausgangsthemen Lotto-Millionär, Liebe und Begehren über Marx und Revolution zu Zucker, Macht und Biografien von diversen Personen, bis hin zu sich selbst – woraus eben keine konventionelle Handlung, sondern ein ausschweifendes, tiefgründiges, bisweilen chaotisches und undurchdringliches Mosaik entspringt …, das man als Leser*in eben als Gewinn oder Zeitverschwendung betrachten kann (wie die äußerst gespaltenen Reaktionen auf das Buch belegen).
Das Buch mag verwirrend und exaltiert erscheinen, als »Literaturinstitutsliteratur«, wie immer wieder zu lesen ist, und wie bei wenigen anderen mir bekannten Werken scheint es mir letztlich auch eine Geschmacksfrage zu sein, ob man Elmigers preisgekröntes Werk mag oder nicht, jedoch bin ich der Meinung, dass über ihre sprachlichen Fähigkeiten kaum Zweifel bestehen (sollten). Elmiger beherrscht die unterschiedlichsten Textsorten mit einer spielerischen Leichtigkeit, ist mal Dichtern, mal Historikerin, mal Theoretikerin, mal Forscherin, mal Erzählerin, und erreicht es u.a. mit ihrer Sprache, die Gattung Roman aus ihren eigenen Fesseln zu befreien.
Nicht zuletzt ist Elmiger eine kluge, unkonventionelle Analytikerin, die es versteht, alte Texte von Frisch, Marx und weiteren historischen Personen gegen die herkömmlichen Deutungsmuster zu lesen und ihnen so andere Interpretationsebenen und Geschichten zu entlocken, die für mich hochspannend und bereichernd waren. Sie verknüpft dabei immer wieder das Private mit dem Politischen und legt das feingesponnene Netz von z.B. Macht und Begehren in aufschlussreichen Verstrickungen frei.
Fazit: Ein herausforderndes, aber reichhaltiges Buch, geschrieben in einer bezaubernden Sprache, für Leser*innen, die sich gerne auf eine tollkühne, unkonventionelle Forschungsreise begeben.
Bewertung
5/5
28.07.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein fragmentarisches Meisterwerk,...
Ein fragmentarisches Meisterwerk, das sofort in den Schweizer Literaturkanon gehört. Dorothee Elmiger erzählt im genresprengenden Stil von Begehren, Zucker, Früchten und Kolonialismus - Ein weiter Bogen, den sie jedoch mühelos, gar graziös, zu spannen vermag.
Bewertung
aus Bern
5/5
20.10.2020
eBook (ePUB)
Nicht empfehlenswert
Dieses Buch hat mir leider gar nicht gefallen. Ich habe überhaupt nicht reingefunden und auch nicht verstanden, was die Autorin mit dem Buch will. Die einzelnen Abschnitte sind viel zu kurz, um einen Lesefluss zu finden und die Themen sind wild durcheinander gemixt.
Circlestones Books Blog
5/5
07.10.2020
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ungewöhnlich, intensiv, packend
„Wenn ich meine Hefte und Kopien durchblättere, die Abbildungen, Schemata und Fotografien, wenn ich die im Verlauf der vergangenen Monate erstellten Dateien öffne, sehe ich keinen Pfad, keine sich an den Rändern überlagernden, aufeinander hinweisenden Bilder, Illuminationen, sondern einen Platz, einen Punkt, von dem ich vor vier oder fünf Jahren ausgegangen bin; seither habe ich alles, was mir in die Hände fiel, alles, was ich so sah, das in einem Zusammenhang mit diesem ersten Ort zu stehen schien, dorthin zurückgetragen und vorläufig abgestellt auf diesem weitläufigen Platz.“ (Zitat Pos. 45)
Inhalt
Eine Ich-Figur, Schriftstellerin, sieht einen Dokumentarfilm über den ersten Schweizer Lottomillionär Werner Bruni und eine Szene, eine Versteigerung, ist einer der Auslöser für viele Fragen, die sich daraus ergeben. Der symbolische Gang durch ein Gestrüpp, am Beginn und am Ende des Buches steht für die immer neuen Verästelungen und Themen, die in Fragmenten auftauchen, durch neue Gedankenverbindungen unterbrochen und dann später irgendwann weitergeführt werden. Daraus ergibt sich ein vielfältiges Mosaik aus Themen und Fragen unserer Gesellschaft und Zeit.
Thema und Genre
An einer Stelle des Buches stellt die Ich-Figur fest, ihr Buch sei kein Roman, sondern ein Recherchebericht. Es geht um Zucker, als Metapher für Gier, Ausbeutung aus wirtschaftlichen Gründen, Geldgier, aber auch für Gier im Sinne von Begierde, die Sehnsucht nach Süßem, nach Liebe.
Handlung und Schreibstil
Es sind Fragmente, Geschichten, die zwischen den Jahrhunderten pendeln, Szenen und Auszüge aus Biografien, aus bekannten literarischen Werken, teilweise neu gedeutet und neu verknüpft. Von der Schweiz an die amerikanische Ostküste, mit Max Frisch nach Montauk, nach Port-au-Prince, zu den Sklaven auf den Zuckerplantagen auf Haiti, führt die Reise kreuz und quer, dokumentiert durch Notizen der Recherchen in Bibliotheken, dazwischen Tagebucheinträge, manchmal nur in Stichworten, Textauszüge und Originalzitate in mehreren Sprachen, die sich immer wieder neu um den Grundbegriff „Zucker“ ergeben, ohne Ordnung und dennoch irgendwie geordnet. „Jetzt alles noch einmal revidieren: Zu allen Dingen ein letztes Mal zurückkehren, sie ins Licht halten, befragen.“ (Zitat Pos. 2690)
Eine literarische Achterbahnfahrt, manchmal episch schildernd, langsam sich steigernd, dann atemlos rasch, Satzteile, Ereignisse über Zeilen aneinandergereiht, weil ja auch in der Realität viele Dinge immer gleichzeitig geschehen, dazu kommen noch die sich dazu aufdrängenden Überlegungen und genau so will die Ich-Figur es auch erzählen. Das Ende?
„Aber wenn du glaubst, es gebe ein Ende, dann täuschst du dich.“ (Zitat Pos. 2529)
Fazit
Ein ungewöhnliches Buch, das eine der Facetten der aktuellen Gegenwartsliteratur zeigt, komplexe Themen, kritische Fragen unserer Zeit in eine neue Form des Erzählens gebracht. Keine leichte Lektüre, aber gerade wegen dieser sprunghaften Gedankenläufe, der unvorhersehbaren, breit gefächerten Geschichtenfragmente interessant und packend und nach einem ersten erstaunten, etwas verwirrten Innehalten las ich mit neugieriger Begeisterung weiter, gespannt, wohin mich die nächste Seite führen würde.
Circlestonesbooks.blog
5/5
06.10.2020
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ungewöhnlich, intensiv,…
Ungewöhnlich, intensiv, packend „Wenn ich meine Hefte und Kopien durchblättere, die Abbildungen, Schemata und Fotografien, wenn ich die im Verlauf der vergangenen Monate erstellten Dateien öffne, sehe ich keinen Pfad, keine sich an den Rändern überlagernden, aufeinander hinweisenden Bilder, Illuminationen, sondern einen Platz, einen Punkt, von dem ich vor vier oder fünf Jahren ausgegangen bin; seither habe ich alles, was mir in die Hände fiel, alles, was ich so sah, das in einem Zusammenhang mit diesem ersten Ort zu stehen schien, dorthin zurückgetragen und vorläufig abgestellt auf diesem weitläufigen Platz.“ (Zitat Pos. 45) Inhalt Eine Ich-Figur, Schriftstellerin, sieht einen Dokumentarfilm über den ersten Schweizer Lottomillionär Werner Bruni und eine Szene, eine Versteigerung, ist einer der Auslöser für viele Fragen, die sich daraus ergeben. Der symbolische Gang durch ein Gestrüpp, am Beginn und am Ende des Buches steht für die immer neuen Verästelungen und Themen, die in Fragmenten auftauchen, durch neue Gedankenverbindungen unterbrochen und dann später irgendwann weitergeführt werden. Daraus ergibt sich ein vielfältiges Mosaik aus Themen und Fragen unserer Gesellschaft und Zeit. Thema und Genre An einer Stelle des Buches stellt die Ich-Figur fest, ihr Buch sei kein Roman, sondern ein Recherchebericht. Es geht um Zucker, als Metapher für Gier, Ausbeutung aus wirtschaftlichen Gründen, Geldgier, aber auch für Gier im Sinne von Begierde, die Sehnsucht nach Süßem, nach Liebe. Handlung und Schreibstil Es sind Fragmente, Geschichten, die zwischen den Jahrhunderten pendeln, Szenen und Auszüge aus Biografien, aus bekannten literarischen Werken, teilweise neu gedeutet und neu verknüpft. Von der Schweiz an die amerikanische Ostküste, mit Max Frisch nach Montauk, nach Port-au-Prince, zu den Sklaven auf den Zuckerplantagen auf Haiti, führt die Reise kreuz und quer, dokumentiert durch Notizen der Recherchen in Bibliotheken, dazwischen Tagebucheinträge, manchmal nur in Stichworten, Textauszüge und Originalzitate in mehreren Sprachen, die sich immer wieder neu um den Grundbegriff „Zucker“ ergeben, ohne Ordnung und dennoch irgendwie geordnet. „Jetzt alles noch einmal revidieren: Zu allen Dingen ein letztes Mal zurückkehren, sie ins Licht halten, befragen.“ (Zitat Pos. 2690) Eine literarische Achterbahnfahrt, manchmal episch schildernd, langsam sich steigernd, dann atemlos rasch, Satzteile, Ereignisse über Zeilen aneinandergereiht, weil ja auch in der Realität viele Dinge immer gleichzeitig geschehen, dazu kommen noch die sich dazu aufdrängenden Überlegungen und genau so will die Ich-Figur es auch erzählen. Das Ende? „Aber wenn du glaubst, es gebe ein Ende, dann täuschst du dich.“ (Zitat Pos. 2529) Fazit Ein ungewöhnliches Buch, das eine der Facetten der aktuellen Gegenwartsliteratur zeigt, komplexe Themen, kritische Fragen unserer Zeit in eine neue Form des Erzählens gebracht. Keine leichte Lektüre, aber gerade wegen dieser sprunghaften Gedankenläufe, der unvorhersehbaren, breit gefächerten Geschichtenfragmente interessant und packend und nach einem ersten erstaunten, etwas verwirrten Innehalten las ich mit neugieriger Begeisterung weiter, gespannt, wohin mich die nächste Seite führen würde.
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