Sofia begleitet ihre Mutter nach Andalusien, wo diese in einer Spezialklinik behandelt werden soll, da die Beine ihr den Dienst versagen. Doch ist das Leiden der Mutter wirklich physischer Natur, oder versucht sie, ihre Tochter an sich zu binden? Dr. Gomez gilt als Koryphäe auf seinem Gebiet. Sofia, deren griechischer Vater die Familie vor Jahren verließ, versucht zu er- gründen, woran ihre Mutter erkrankt ist und wo sie selbst steht. Beim Schwimmen im Meer, von Medusen umringt, in Gesprächen mit Dr. Gomez oder dessen Tochter wird ihr allmählich klar, dass sie sich von ihrer Mutter befreien muss. Als sie die Deutsche Ingrid kennenlernt, die selbstbewusst und unkonventionell ihr Leben lebt, trifft Sofia Entscheidungen.Ein Roman über eine allzu enge Mutter-Tochter-Beziehung, über Abhängigkeit und Emanzipation und über die Suche nach Identität.
Kundinnen und Kunden meinen
4.1/5.0
Bewertung
5/5
18.08.2025
Buch (Taschenbuch)
Mutter und Tochter
Dieses Buch ist mir bis ins Mark gegangen.
Die Beziehung zwischen der kranken Mutter und ihrer Tochter, die sich um sie kümmert, ist bedrückend und zugleich befreiend.
Ich denke noch viel darüber nach.
(Meiner Meinung nach passt Lorde‘s Album „Virgin“ perfekt zu Heiße Milch!)
https://lieslos.blog/
5/5
14.08.2020
eBook (ePUB 3)
Psychologisch stimmig, vielschichtig, anrührend und interessant.
Meine Gedanken und Eindrücke zu „heiße Milch“ von Deborah Levy.
Als Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie Psychoanalytikerin bin ich an dem Roman nicht vorbeigekommen.
Schon der Klappentext hat mich gereizt.
Geht es hier um eine neurologische Erkrankung oder um eine pseudoneurologische Symptomatik im Rahmen einer psychosomatischen Erkrankung?
Aber jetzt erst einmal von vorne und zum Inhalt:
Die Engländerin Rose ist chronisch krank. Ihre Beine versagen ihren Dienst. Beweglichkeit und Sensibilität sind gestört.
Kein Arzt im Königreich konnte bisher eine klare Diagnose stellen, geschweige denn eine heilsame Therapie anbieten.
Was steckt hinter der Symptomatik von Rose?
Eine physiologische oder eine psychologisch-psychosomatische Ursache?
Um endlich eine eindeutige Diagnose zu bekommen, die Voraussetzung dafür ist, den richtigen therapeutischen Weg einzuleiten, beschließt sie, sich an den Spezialisten Dr. Gomez zu wenden.
Zu diesem Zweck reist sie zusammen mit ihrer Tochter Sofia, einer Mittzwanzigerin, nach Andalusien in die Spezialklinik.
Der griechische Vater hat die Familie vor Jahren verlassen und die Mutter Rose scheint das noch nicht verdaut zu haben. Sofia kümmert sich um ihre Mutter, die unter dem Verlust und ihrer Erkrankung leider. Sie kümmert sich mehr um die Mutter, als um ihr eigenes Leben.
Beide leiden unter einer Art Lähmung, die sie am Vorankommen hindert.
Welche Erkrankung hat die alleinerziehende Mutter Rose, die seit Jahren von ihrer Tochter Sofia umsorgt wird?
Hat die Symptomatik der Mutter eine Funktion?
Will sie damit ihre Tochter unbewusst an sich binden?
Es geht auch um Identitätssuche und Befreiung. Rose fragt sich letztlich, wer sie ist und wohin sie will.
Es geht um die Notwendigkeit der Ablösung und Emanzipation von der Mutter. Um emotionale Unabhängigkeit.
Bedeutende Schritte in diese Richtung kann die überforderte Rose tätigen, als sie Sorge und Verantwortung für ihre Mutter an den Arzt abgeben kann und nachdem sie die selbstbewusste, unkonventionell lebende und flippige Schneiderin Ingrid aus Berlin kennen und lieben lernt. Entscheidungen können jetzt getroffen, ein Wandel kann eingeleitet werden.
Es geht in dem 288-seitige Roman um eine verstrickte Mutter-Tochter-Beziehung, um die gegenseitige Abhängigkeit der Beiden, um Selbstverlust, Identitätssuche und Befreiung.
Mutter und Tochter klammern sich aneinander:
Rose ist der Grund für Sofia, das eigene Leben nicht anpacken zu müssen und Sophia bewahrt Rose davor, mit ihrer Gefühlswelt, mit ihren inneren Nöten und mit ihrer Einsamkeit in Kontakt zu kommen
Der Leser bekommt einen wunderbaren Einblick in Charakter und Psyche der Protagonisten.
Die Autorin zeigt einerseits wunderbar auf, wie die leidende Rose sich an die Erkrankung und ihre Tochter klammert, um nicht auf sich selbst zurückgeworfen zu werden.
Andererseits erkennt der Leser das Korsett von Sofia, die sich dringend abnabeln und ihren eigenen Weg finden muss.
Der Roman überzeugt mich mit seinem allgegenwärtigen, unspektakulären und interessant aufbereiteten Inhalt, der gleichermaßen einfachen wie poetischen Sprache und den psychologisch stimmigen und nachvollziehbaren Hintergründen, Zusammenhängen und Beschreibungen.
Vordergründig geht es um Krankheit und Heilung. In der Tiefe und hinter den Kulissen geht es aber um häufig auftretende psychologische Phänomene, die in der Regel nur bzw. v. a. in psychoanalytischen Aufarbeitungen so deutlich ins Bewusstsein und zur Sprache gebracht werden.
Umso schöner ist es, dass die Autorin diese Thematik literarisch und poetisch verarbeitet.
Was mich allerdings nicht überzeugt hat ist die Begründung für die Reise nach Andalusien.
Es ist sehr unwahrscheinlich, dass es in ganz England keine Spezialisten für diese Symptomatik gibt. Heutzutage lernt man bereits im Medizinstudium differenzialdiagnostisch zu denken und spätestens dann, wenn man organische Ursachen ausgeschlossen hat, aber idealerweise schon auf dem Weg dahin, wendet man seine Gedanken und seinen Blick in Richtung Psychosomatik.
Die Begründung hinkt, aber dass Levy sich für diesen Ortswechsel entschieden hat kann ich nachvollziehen.
Sie will damit symbolisieren, dass Distanz von der Lebensrealität hilfreich sein kann, um Veränderungen und Entwicklungen Raum zu geben.
Außerdem bietet das Setting in Andalusien natürlich mehr Möglichkeiten, Spannung und Abwechslung für den Leser (und Sofia) als eine psychosomatische Behandlung und eine psychoanalytische Therapie, die im Falle von Rose und Sofia auch in England hätten stattfinden und hilfreich sein können.
Ich denke also, dass es aufgrund dieser Plausibilität und des Gesamteindrucks völlig in Ordnung ist, großzügig über diesen Makel hinwegzusehen.
Was die Atmosphäre des Romans betrifft entstand in mir das Bild einer unerbittlich heißen Wüstengegend.
Die Luft flimmert und flirrt. Die Sicht ist nicht ganz klar.
Ich empfand die Gleichzeitigkeit von Bedrohlichkeit und Spannung ob eines sich auftuenden Abgrunds sowie Hoffnung ob des Erscheinens einer Oase.
Die Oase der Erkenntnis, Veränderung, Entwicklung, Heilung, Emanzipation und Befreiung.
Ich empfehle diesen lesenswerten, anrührenden und interessanten Roman sehr gerne weiter! Er erzählt eine vielschichtige Geschichte mit Sogwirkung.
Kaffeeelse
4/5
26.12.2018
Buch (Gebundene Ausgabe)
Emanzipation und Identitätssuche
Deborah Levy beweist mit dem Roman "Heiße Milch" ihren Spaß an der Sprache. Dafür gebührt ihr ein großes Lob, genauso auch der Übersetzerin Barbara Schaden. Dieses Buch besitzt durch seine Art der Sprache, durch das Spiel mit der Sprache, dieser Lust an der Sprache, diesem Tanz mit den Wörtern eine Einzigartigkeit. Diese Arbeit mit den im Kopf erzeugten Bildern, mit Metaphern und Umschreibungen ist wunderschön, aber teilweise auch nicht ganz so einfach zu lesen. Auch die Geschichte an sich hat etwas Unwirkliches/Surreales. Ansonsten kann man noch eine gehörige Portion schwarzen Humors der Autorin lobend erwähnen. Alles in allem hat mir das Buch gefallen.
Zum Inhalt: Die 64-jährige Rose und die 25-jährige Sofie, Mutter und Tochter, haben beide durch gewisse Entwicklungen in ihrem Leben eine normale Beziehung zueinander verloren. Das Kind Sofia lernt schon sehr frühzeitig sein Leben nach den Befindlichkeiten der Mutter zu richten. "wenn man bedenkt, dass ich den Symptomen meiner Mutter nachgespürt habe, solange ich zurückdenken kann. Meine Ermittlungen haben rund zwanzig meiner fünfundzwanzig Lebensjahre in Anspruch genommen." Als Sofia 14 Jahre alt ist, muss sie auch die Trennung der Mutter von ihrem griechischen Mann Christos hinnehmen, wächst somit vaterlos auf. Das Ganze gipfelt schließlich darin, dass die Tochter ihr Anthropologie Studium hinschmeißt. als sie gerade am Verfassen ihrer Doktorarbeit ist, weil ihre Mutter Symptomatik um Symptomatik entwickelt und nicht mehr allein leben kann/will. Es entwickelt sich eine krankhafte Mutter/Tochter-Beziehung. Als letzten Ausweg für die verschiedenen Symptomatiken der Mutter sehen beide nur noch eine Klinik in Südspanien. Und hier kommen dann in der Geschichte einige skurrile Personen zum Tragen, die dem Ganzen noch eine gehörige Portion Würze verleihen. Da haben wir einmal Dr. Gomez und Schwester Sonnenschein, die durch geschickte Fragestellungen die Patientin Rose und auch ihre Tochter Sofia geschickt triggern. Die Begegnungen mit der eigenwilligen Berlinerin Ingrid und mit dem spanischen Studenten Juan bringen eine gewisse Emanzipation von Sofia. Und nach und nach setzt sich eine gewisse Veränderung durch. Der ganze Roman zeichnet sich durch eine intensive Betrachtung von Beziehungen und Rollenbildern aus und man kann beim Lesen schon etwas Sinnieren.
Bewertung
aus Leiblfing
4/5
02.06.2018
Buch (Gebundene Ausgabe)
Das Psychogramm einer krankhaften Mutter-Tochter-Beziehung
Dies ist das Psychogramm einer offensichtlich krankhaften Mutter-Tochter-Beziehung. Sofia fährt mit ihrer zeitweise lahmen, unter vielen seltsamen Symptomen leidenden Mutter Rose in eine Spezialklinik nach Südspanien, damit ihr dort hoffentlich von einem Arzt, mit dubiosen Behandlungsmethoden geholfen werden kann. Es ist die letzte Chance auf Heilung. Durch ihre Hilflosigkeit bindet Rose ihre Tochter sehr stark an sich. Und diese kann sich nicht wehren, wirkt seltsam apathisch, lässt alles mit sich machen, obwohl sie unter der Situation leidet. Wo die Beine der Mutter gelähmt sind, so ist Sophies Innerstes gelähmt. Sie hat sich praktisch bereits aufgegeben, akzeptiert, dass sie nur dazu da ist, ihrer Mutter die Beine zu ersetzen.
"Meine Liebe zu meiner Mutter ist wie eine Axt. Sie schlägt sehr tief." Seite 137
In Alméria lernt Sophie mehrere recht eigensinnige Personen kennen, eine davon auch lieben. Und sie schwimmt im Meer, das scheinbar nur so wimmelt vor Medusen. Mit ihnen macht sie mehrmals schmerzhafte Bekanntschaften. Was auch immer es ist, irgendetwas in Alméria scheint Sophie aufzurütteln. Und sie macht sich auf die Suche nach sich selbst. Eine Suche nach der eigenen Identität, die vielleicht so schmerzhaft ist wie ein Quallenbiss. Das Cover finde ich im Übrigen sehr aussagekräftig.
"Ich wünschte mein ganzes bisheriges Leben mit den rollenden Wellen fort, damit ich dann ein ganz anderes beginnen könnte." Seite 56
Ein interessanter Roman, humorvoll und locker erzählt, aber dennoch oft beklemmend. Leider hat er mich über weite Teile emotional nicht wirklich mitgerissen. Die Protagonisten, auch die Erzählweise grundsätzlich, waren dazu allesamt zu distanziert.
Der Schreibstil an sich hat mir aber gut gefallen hat; sehr klar, oft drückt die Autorin Dinge überdeutlich aus, was fast schockierend, auf jeden Fall provokativ wirkt.
TochterAlice
aus Köln
4/5
24.02.2018
Buch (Gebundene Ausgabe)
"Meine Liebe zu meiner Mutter…
"Meine Liebe zu meiner Mutter ist wie eine Axt. Sie schlägt sehr tief." (S.137) Tief gelandet sind folglich auch Sofia Papastergiadis und ihre Mutter Rose - zumindest von ihrer Heimat Yorkshire aus, im tiefen Süden Europas nämlich, in Spanien. Dort soll Rose in der Spezialklinik des Dr. Gomez endlich Heilung finden, Heilung von einer diffusen Krankheit, die sie im wahrsten Sinne des Wortes lähmt. Zumindest manchmal. Denn die 64jährige Rose kann sich kaum mehr fortgebewegen. Ihre Tochter Sofia kann das sehr wohl, zumindest physisch. Sie kann gehen: doch nach einer eigentlich recht erfolgreich begonnenen Karriere als Anthropologin mit einem tollen Masterabschluss, der nun mit der Dissertation gekrönt werden sollte, ist auch sie gelähmt - innerlich zumindest. Die 25jährige kommt nicht in die Pötte, sie lässt sich treiben, ist immer noch abhängig von ihrer Mutter. Und diese von ihr: Rose hat sich in ihrer Krankheit eingerichtet, lässt Sofia alles machen, sie quasi von vorne bis hinten bedienen. Diese gegenseitige Abhängigkeit tut beiden nicht gut, ganz und gar nicht, doch gibt es eine Lösungsmöglichkeit? Mutter und Tochter setzen im wahrsten Sinne des Wortes auf Dr. Gomez - sie haben für die überaus hohen Behandlungskosten ihr Haus versetzt. Doch möglicherweise ist er ein Scharlatan. Die Geschichte wird aus Sofias Perspektive erzählt, aus der Perspektive einer jungen Frau, die sich treiben lässt, die eher (an)nimmt, als eigene Initiative zu ergreifen, deren Handlungen meist - auch wenn sie durchaus energisch sein kann - eher reaktive sind. Doch die Begegnungen in Spanien, bspw. mit der Deutschen Ingrid - während der Behandlungen ihrer Mutter hat sie viel Zeit - bringen sie auf neue Gedanken. Sofia und Rose sind von ihrem Vater bzw. Partner, dem Griechen Christos vor langer Zeit verlassen worden, Sofia hat ihn seit über einem Jahrzehnt nicht mehr gesehen. Der Kontakt ist spärlich, denn der Vater hat nun eine neue Familie, mit und für die er lebt. Kann er vielleicht Sofia weiterhelfen? Sie macht sich auf den Weg zu ihn. Ein Roman über starke Gefühle, über das Verhältnis zu anderen, zu sich selbst. Vor allem aber zu seinem Weg zur Findung der eigenen Identität. Deborah Levy hat einen schmerzlichen Roman geschrieben, finde ich, aber sie hat eine Leichtigkeit hineingebracht, die ihn unterhaltsam, anregend und spannend werden lässt. Auch wenn es an keiner Stelle unbeschwert zuging, war die Handlung für mich stets gut (be)greifbar. Die Sprache ist klar, dabei durchdacht, es werden viele Metaphern benutzt, vor allem solche, die zerstörende Kraft beinhalten. So der Vergleich von Sofias Mutterliebe zu einer Axt, den ich zum Titel dieser Darstellung gemacht habe, der eine weitere Formulierung zu den Veränderungen, die Sofia innerlich durchlebt, gegenübersteht: "Was ich über mich weiß, zerfällt derzeit in Trümmer und der Hammer ist Ingrid." (S.141). Kraftvolle Vergleiche im Prozess einer Selbstfindung stehen im Zentrum des Romans, doch drumherum gruppieren sich zahlreiche Fragestellungen und Entwicklungen, die die Darstellung von Sofias Leben, ihrer Entwicklung, ergänzt. Obwohl ich den Roman gut lesen konnte, kann ich nicht sagen, dass ich ihn gerne gelesen habe, denn er hinterlässt in mir Gefühle, die ich nicht ganz einordnen kann. Vielleicht hat die Autorin Deborah Levy mir ja - ob beabsichtigt oder nicht - einen Spiegel vorgehalten, den ich erst einmal begreifen muss.
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