Manche erleben die Präsenz von etwas Göttlichem beim Hören eines Musikstücks. Andere fühlen sich beim Zungenreden wie von einer fremden Macht besessen oder spüren in tiefer Trance und Ekstase eine Verbindung zur jenseitigen Welt. Das Mysteriöse, Unfassbare kann Furcht und Angst auslösen, fasziniert aber gleichwohl. Hinter diesen unerklärlichen Phänomenen vermuten Menschen Geister, Dämonen, Götter oder Wesen aus einer anderen Welt. Diese Erfahrung des Unverfügbaren kennzeichnet für Hans Peter Duerr den Beginn der Religion. Der bekannte Ethnologe geht in seinem neuen Buch der Frage nach, was religiöse Erfahrungen sind. Dazu zieht er zahlreiche ethnologische Studien und moderne neurowissenschaftliche Erkenntnisse heran.
Von den Anfängen der menschlichen Kultur in der Steinzeit bis zum New Age untersucht Hans Peter Duerr, wie unerklärliche Phänomene religiös gedeutet wurden. Er erzählt von Nahtod-Erfahrungen, von Marienerscheinungen, von Menschen, die mit den Toten kommunizieren und Liebesbeziehungen zu Geistern haben. Wort- und bildgewaltig entfaltet seine Studie ein opulentes Panorama der Menschheitsgeschichte.
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"Diesseits von Eden. Über den…
Ein Leser aus Deutschland am 21.09.2020
Bewertungsnummer: 2732550
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
"Diesseits von Eden. Über den Ursprung der Religion" ist ohne Zweifel eine weitere literarische Fleißarbeit des Enfant terrible der Ethnologie. Hans Peter Duerr (...) hat sich als Fortsetzung seines umfangreichen Buches über Nahtoderfahrungen ein sensibles Thema vorgenommen, das mit epochemachenden Werken wie "Das Heilige" von Rudolf Otto und "Die Vielfalt religiöser Erfahrung" von William James seit Jahrzehnten in seiner irreduziblen Eigenständigkeit gegen unangemessene Zugriffe und unzulängliche Betrachtungsweisen abgegrenzt gilt. Genau das hatte Duerr bereits in seinen wilden Heidelberger Jahren in Frage gestellt, und mit dieser Erinnerung an ein provozierendes Gespräch mit einem Dozenten für Religionsgeschichte beginnt er sein Werk. (...) Es gibt keine spezifisch religiösen Empfindungen. Das Heilige ist keine Kategorie sui generis. Es gibt lediglich allgemein verbreitete, universelle, Zeit- und Raum durchziehende menschliche Erfahrungen, die unterschiedlich gedeutet werden können. Gerüstet mit neurowissenschaftlichen Kenntnissen, der kritischen Sprachphilosophie Wittgensteins, gesundem Menschenverstand, eigenen Drogen- und Nahtoderfahrungen und Sinn für Humor macht sich Duerr an sein durchaus aufklärerisches Werk, dessen wesentlichster Teil die aus allen Zeiten und Weltgegenden zusammengetragene Phänomenologie religiöser und spiritueller Erfahrung ausmacht. Duerr entlarvt Schauspielerei und Betrug, erklärt Erfahrungen mit Hilfe neurologischer und naturwissenschaftlicher Modelle, bemüht Hirnareale, Aktivierungsmuster, Gehirnwellen, Frequenzen und Magnetresonanz. Aber auch Hypnose, tierischer Magnetismus, Traumata und Freuds Unbewusstes werden zur Erhellung religiöser und spiritueller Phänomene herangezogen. Es geht um Besessenheit, das Eindringen von Geistern und Seelen in Menschen, Schamanismus, Tantra, Kundalini, um Heilung, multiple Persönlichkeiten, Zungenreden, Mana und Shakti. Immer wieder wird deutlich, wie nahezu ununterscheidbar die beschriebenen religiösen und spirituellen Erfahrungen von sexuellen Erfahrungen sind. (...) Es geht um Energien, Kräfte, Schauer, die den Menschen durchströmen, wobei immer wieder die Wirbelsäule eine besondere Rolle spielt. (...) An den besten Stellen des Buches wird allerdings klar, dass Duerr keine wirkliche Antwort auf die Frage nach Herkunft, Wesen und Wirkung gut dokumentierter Erfahrungen hat. Dazu gehören u.a. zahlreiche Beispiele aus dem brasilianischen Spiritismus. Schmerzunempfindlichkeit, automatisches Schreiben und operative Eingriffe durch Geistheiler ohne Betäubung und sterile Werkzeuge, wie Kiu Eckstein sie dokumentiert hat, lassen sich nicht naturalistisch reduzieren, auch, wenn Duerr dies an einigen Beispielen versucht. (...) Kundalini Shakti ist eine Kategorie sui generis, eine mögliche Erfahrung und Wirklichkeit, die ganz sicher biologische Grundlagen hat, wie Gopi Krishna bereits gezeigt hat, deswegen in ihrer Einzigartigkeit und spezifischen Wirklichkeit aber nicht reduziert werden kann. Hier zeigt sich die Schwäche dieses, in der Fülle der geschilderten Phänomene durchaus bewundernswerten und wichtigen Buches. Weder mit dem reichlich vorhanden, gut dokumentierten Wissen über Kundalini Shakti, Yoga und Buddhismus, noch mit den auch heute noch bedeutsamen Beschreibungen und Argumenten von William James oder den religionsphilosophischen Einsichten Keiji Nishitanis setzt sich Duerr wirklich auseinander. Außen vor bleiben auch die bedeutsamen religions-, metaphysik- und sprachkritischen Ansätze Descartes, Nietzsches, Ludwig Feuerbachs und Martin Heideggers. Wer nicht nur Aufsehen und Anstoß erregen, sondern wirklich aufklären will, kann aber grundlegende, als sicher geltende anthropologische und philosophische Einsichten nicht ignorieren. (...) "Diesseits von Eden" ist ein bemerkenswerter Beitrag zur Phänomenologie der Religion. "Über den Ursprung der Religion" sagt es wenig. (aus: Benedikt Maria Trappen in : Yoga aktuell 9/2020)
Aufzählen, aufzählen, aufzählen - Wissenschaft geht anders
Bewertung aus Schaffhausen am 04.08.2021
Bewertungsnummer: 1544611
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Da ich mich als Historiker gerade mit Religionsentstehung beschäftige, habe ich unter anderem das Buch von Duerr gelesen. Der grossartige Titel 'Über den Ursprung der Religion' hat mich gereizt. Die anfänglichen Kapitel waren noch interessant zu lesen und machten gespannt. Es wurden einige psychologische Grundlagen der Religionsentstehung aufgezählt, die aber nicht speziell originell sind. Dann folgt wie immer bei Duerr der Quellenteil, d.h. es werden (wie es scheint möglichst abstruse) Beispiele für religiöse Traditionen verschiedenster Kulturen aufgelistet. Und dabei bleibt es. Weder gibt es eine inhaltlich-theoretische Reflexion noch ein Schlusswort, das eine Synthese der Forschungsergebnisse bieten würde. Nein, das Buch bricht nach dem Kapitel 32 (Geisttaufe und Sexualität) unvermittelt ab.
Offenbar war man zu Duerrs Studienzeit (60er/70er Jahre) an der Uni noch sehr 'tolerant'. Bereits in den 90ern wäre er mit dieser desolaten Methodik nicht über die Proseminarstufe hinausgekommen.
Zum Inhalt: Die Beispiele sind kleine Splitter und wirken aus dem Kontext gerissen. Sie wirken so ohne den restliche kulturellen Zusammenhang seltsam und bedienen den Voyeurismus. Es fehlt die teilnehmende Beobachtung, die ein Ethnologe eigentlich beherzigen müsste und die etwa bei Pascal Boyers Und der Mensch schuf Gott. Klett-Cotta 2002 beispielhaft vorliegt.
Schliesslich noch zur Auswahl der Beispiele: Kennt man das Werk Duerrs ein bisschen, so verwundert es nicht, dass die Sexualität immer eine grosse Rolle spielt. Hier jedoch wird's exzessiv und bald auch monoton (Sex mit Jesus, sex mit Geistern und Dämonen, Kraftverlust durch Spermaentzug etc., etc.)
Fazit: Das Buch ist wie Frazers Goldener Zweig kein sauber analytisches und Erkenntnis förderndes
Werk, was der Titel verspricht, sondern ein unmethodische Sammelsurium eigenartiger religiöser Praktiken aus aller Welt, was wohl der passende Titel wäre. Das einzige Buch, das sich von Duerr mit einigermassen Gewinn lesen lässt ist das bereits 1984 erschienene Sedna. Ansonsten zeigt der Autor eindrücklich , dass er wissenschaftlich in einer unteren Liga spielt.
NB: Ich habe das Buch wegen seines Umfangs aus meiner Bibliothek aussortiert und entsorgt.
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