Sommer 1969. Während auf den Straßen gegen den Vietnamkrieg protestiert wird, fiebert der elfjährige Tobias am Stadtrand von Köln der ersten Mondlandung entgegen. Zugleich trübt sich die harmonische Ehe seiner Eltern ein. Seine Mutter fühlt sich eingeengt, und als im Nachbarhaus ein linkes, engagiertes Ehepaar einzieht, beschleunigen sich die Dinge.
Tobias, eher konservative Eltern freunden sich mit den neuen Nachbarn an, und deren dreizehnjährige Tochter, Rosa, eigenwillig und klug, bringt ihm nicht nur Popmusik und Literatur bei, sondern auch Berührungen und Gefühle, die fast so spannend sind wie die Raumfahrt. Auch die Eltern der beiden verbringen viel Zeit miteinander, zwischen den Paaren entwickelt sich eine wechselseitige Anziehung - "Wahlverwandtschaften" am Rhein. Und während Armstrong und Aldrin sich auf das Betreten des Mondes vorbereiten, erleben Tobias und seine Mutter beide eine erotische Initiation.
Ulrich Woelk erzählt spannend, atmosphärisch dicht und herzzerreißend von einem Aufbruch, persönlich und politisch, der tragisch endet.
Kundinnen und Kunden meinen
4.7/5.0
Bewertung
5/5
20.07.2020
Buch (Gebundene Ausgabe)
Die Geschichte zweier Familien im Sommer 1969
Als die Leinhardts das Haus neben dem von dem neunjährigen Tobias beziehen, entsteht zwischen den Familien schnell eine Freundschaft.
Was erst nur nach Nachbarschafts-Gesten ausschaut, entwickelt sich schnell zu einer erotischen Spannung zwischen den Paaren, und auch Rosa, die Tochter der Leinhardts, bringt Tobias einiges über das Erwachsenwerden bei.
Ein ästhetisch wundervoll strukturierter Sommer-Roman, der den Charme der Sechziger mit einem unzensierten Rhythmus überbringt. Ein Buch, das ich mehrfach lesen werde!
sleepwalker
5/5
10.10.2019
Buch (Gebundene Ausgabe)
„Im Sommer 1969, ein paar…
„Im Sommer 1969, ein paar Wochen nach der ersten bemannten Mondlandung, nahm sich meine Mutter das Leben.“ Mit diesem Satz wirft der Autor novellengleich den Leser mitten in die Geschichte und mitten in sein Leben. In ein Leben voller Umbrüche, neuer Entwicklungen, Entdeckungen und Chaos. Es ist die Welt meiner Eltern und Großeltern, für mich als Leser, der 1977 geboren wurde, ist sie fremd. Den „Summer of Love“ kennt man aus Filmen, die Spießigkeit der Vorstadtsiedlung (im Buch ist es Köln, könnte aber jede beliebige Stadt dieser Zeit sein) ebenso. Es ist die Zeit der Mondlandung, der Proteste und Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg und die der Emanzipation., Und mittendrin ist der elfjährige Tobias. Hin- und hergerissen zwischen seiner Begeisterung für die Mondlandung und den ersten erotischen Erfahrungen mit Rosa, der Tochter der neuen Nachbarn. Und nicht nur er erlebt Neues. Auch seine Mutter versucht, sich vorsichtig aus der Spießigkeit und der Enge des Patriarchats zu befreien. Mit neuen Kleidern und einem Job. Sie erlebt mit den neuen Nachbarn (einem Philosophieprofessor und seiner Frau, die als Übersetzerin arbeitet), dass sie mehr ist, als nur das Heimchen am Herd, das in den Augen des Ehemannes „nicht richtig funktioniert“. „Es war wie so oft: durch meine Mutter erlebte ich Dinge und mein Vater erklärte sie mir“, sinniert Tobias. Und der Vater ist ein Mann seiner Zeit. Er ist der Ernährer, seine Frau hat zu funktionieren. Er hätte gerne mehr Kinder gehabt, sie ist ihm aber nicht so zu Willen, wie er es gerne hätte. Auch ihre Bestrebungen, sich als Übersetzerin zu versuchen, findet er falsch („Es gefällt mir nicht, wenn du arbeitest. Was sollen unsere Freunde denken? Oder meine Kollegen? Dass es nicht reicht, und wir auf einen Zuverdienst angewiesen sind? Es wäre peinlich für mich, das muss dir klar sein.“). Wie die Geschichte ausgeht, weiß der Leser vom ersten Satz an. Wieso es dazu kommt, erfährt er auf den letzten paar der nur knapp 190 Seiten. Das Buch ist trotz des tragischen Ausgangs keine wirkliche Tragödie, dafür ist alles viel zu nüchtern und exakt beschrieben, ich konnte keine wirklichen Sympathien für irgendeinen Charakter entwickeln. Der erwachsen gewordene Tobias blickt auf die Zeit zurück, beschreibt sie sachlich, fast wissenschaftlich. Interessant für mich die Beschreibung der Vorstadt-Idylle, die tatsächlich ja keine ist. Eine Idylle voller Bügelfalten, gestärkten Blusen, wo man E605 noch gegen Ungeziefer einsetzen konnte und man Kinder „früh, aber behutsam an Alkohol heranführen“ sollte. „Das ist der beste Weg zu lernen, später damit umzugehen.“ Erzählerisch hatte das Buch für mich keinerlei Spannung. Psychologisch, vor allem entwicklungspsychologisch und historisch steckt allerdings unfassbar viel drin. Die Kontraste zwischen den beiden Nachbarsfamilien, sowohl bei den Eltern als auch bei den beiden Kindern und die Entwicklungen, die angestoßen werden, sind enorm spannend. Die Umbrüche, sowohl in der Gesellschaft im Allgemeinen, als auch in den Familien im Speziellen und im Leben von Tobias – für mich stand mehr zwischen den Zeilen als in ihnen. Insgesamt für mich ein interessantes Buch, die Mischung aus Novelle und Coming-of-Age Roman ist dem Autor geglückt. Er hat den Zeitgeist der späten 1960er Jahre hervorragend eingefangen und beschrieben. Für mich eine klare Lese-Empfehlung und 5 Sterne.
Bewertung
5/5
12.09.2019
Buch (Gebundene Ausgabe)
Eindrucksvoll geschrieben..
Ulrich Woelk erzählt eine emotionale, fesselnde Geschichte über die Emanzipation der Frau, über erwachende Sexualität und menschliche Beziehungen, im Kontext von bedeutenden historischen Ereignissen. Da man zu Anfang bereits weiß, wie die Erzählung endet, ist die Entwicklung während des Lesens noch dramatischer. Definitiv ein Roman der einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt.
Bewertung
5/5
10.09.2019
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein wundervolles verzauberndes Buch
Ich habe gerade "Der Sommer meiner Mutter" zu Ende gelesen und bin vollkommen begeistert.
Ulrich Woelk schildert den Sommer 1969, den Sommer der Mondlandung; aus der Perspektive eines 11-jährigen Jungen, für den sich in diesem Sommer das ganze Leben dadurch ändert, dass eine Familie (Vater, Mutter und eine 13-jährige Tochter) in das Nachbarhaus einzieht. Die erotischen Verstrickungen zwischen den Familien führen dabei letztlich zur Katastrophe.
Woelk schildert die Geschichte eines Sommers mit so einer feinen poetischen Sprache, dass ich den wunsch verspürte dieser Roman möge nie enden.
Tany Bee
5/5
03.09.2019
Buch (Gebundene Ausgabe)
Der Sommer, der alles verändert
Tobias ist 11 Jahre alt und lebt ein beschauliches Leben am Rande von Köln. Sein Vater arbeitet, seine Mutter ist Hausfrau, sie wohnen in einer Reihenhaussiedlung. Das aufregendste in seinem Leben ist die bevorstehende Mondlandung, es ist das Jahr 1969. Doch dann zieht nebenan eine neue Familie ein und bringt das geregelte Leben von Tobias und seinen Eltern ziemlich durcheinander.
Tobias Familie und die neuen Nachbarn, Familie Leinhard, leben in unterschiedlichen Welten. Tobias Mutter findet es schon zu gewagt, eine Jeans zu tragen, was Frau Leinhard ganz selbstverständlich tut. Und sie verdient sogar eigenes Geld! Die Leinhards haben auch eine Tochter, Rosa, benannt nach Rosa Luxemburg, ein Jahr älter als Tobias und auch hier prallen Welten aufeinander. Rosa ist nämlich im Gegensatz zu Tobias nicht mehr nur Kind.
Das Setting im Jahr 1969 ist sehr interessant. In der Welt tobt die Studentenbewegung, aber in der Reihenhaussiedlung im Vorort ist davon noch nichts angekommen. Auch Herr Leinhard ist nur oberflächlich aufgeschlossener. An einer Stelle doziert er darüber, wie er die Rolle der Frau in der Zukunft sieht, und das ist schon ziemlich schräg.
Die heimliche und tragische Hauptperson des Romans ist eigentlich Tobias Mutter. Denn wir erfahren schon im ersten Satz, dass sie sich am Ende des Sommers das Leben nehmen wird. Wie konnte es soweit kommen? Auch das hängt mit dem Rollenbild der damaligen Zeit zusammen. Man kann nur froh sein, dass sich das mittlerweile geändert hat.
Das Buch ist eine nostalgische Zeitreise. Manchmal muss man schmunzeln, manchmal wird man richtig wütend wegen der moralischen Vorstellungen. Es erinnert uns daran, wie wichtig echte (nicht nur oberflächliche!) Gleichberechtigung ist. Und damit ist nicht nur die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau gemeint.
Außerdem ist es eine zarte Coming of Age Geschichte und einfach eine wunderbare Lektüre. Ich kann es nur empfehlen.
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