Eindrucksvoll schildert Henry James in seiner berühmten Geistergeschichte das Grauen beim Einbrechen des Irrationalen in die scheinbar heile Welt. Einer der faszinierendsten Texte der Weltliteratur.
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Bewertung am 10.01.2026
Bewertungsnummer: 2790868
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Wer dieses kurze Werk ins hilflos Absurde ziehen und seine Kräfte anzweifeln möchte, hat viel zu tun. So unbegreiflich die Umstände sind, ein solches Großereignis bewirken sie im Herzen der Leser.
Ein Leben ohne Henry James ist möglich, aber sinnlos
Bewertung am 09.11.2017
Bewertungsnummer: 486667
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Eine Gouvernante, neu auf einem alten Landsitz.
Zwei Kinder, ein Junge, ein Mädchen, undurchsichtig, unkontrollierbar.
Sie wirken abwesend, eingenommen.
Beeinflusst von einer anderen Welt, beeinflusst von Erscheinungen. Geistern.
Henry James dreht.
Langsam, vorsichtig, beinahe ein wenig zögerlich bohrt er sie immer tiefer, dreht sie rasant, immer schneller.
Bis sie durchdreht.
Die Schraube.
Bis die Katastrophe unaufhaltsam über uns hinein bricht.
Immer weiter, Satz um Satz, Seite um Seite, kreiert James eine Spannung, eine Atmosphäre, ein Gefühl, schwer zu beschreiben, undurchdringlich und haltlos.
Er schafft Horror, Angst, und das ganz ohne Blut, ohne offensichtliche Gewalt, allein durch seine grandiose Schilderung der menschlichen Psyche und dem Raum für Mutmaßungen, für Misstrauen.
Und es ist viel Raum, den er dem Leser zugesteht, er setzt sie oft, diese Lücken zur Spekulation.
Und er setzt sie immer an genau der richtigen Stelle.
Schnell wird aus Spekulation Verdacht und aus Verdacht Erwartung - eine Erwartung, die James nur zu gerne mit der nächsten Seite wieder verwirft, in dem er die Richtung ändert, völlig abrupt, unerwartet, und der Erwartung schnell die erneute Spekulation folgen lässt. Und so türmt sich Zweifel auf Verdacht, Wachsamkeit auf Argwohn, Skepsis auf Befürchtung.
Auf Bange, Besorgnis. Auf Angst.
Henry James ist ein Meister seines Fach’s, eine Kenner der menschlichen Psyche, der die Schwächen des Menschen in geschickter, eleganter Sprache eiskalt auf dem Seziertisch offen legt. James ist ein Beobachter, ein Analyst, dessen wachsamen Blick nicht die kleinste Kleinigkeit entgeht.
Und er ist ein großer Erzähler, dessen Geschichten den Fokus auf die Bedeutung von Entscheidungen, die Folgen des eigenen Handelns legen.
Dessen Geschichte, weit vor unserer Zeit und der Emanzipation, starke Frauenfiguren in den Mittelpunkt stellen, unabhängig, selbstständig, gebildet.
Dessen Geschichten bestechen, durch außerordentliche Personenkonstellationen und Beziehungsproblematiken.
Dessen Geschichte zu den ganz großen Klassikern der Weltliteratur zählen.
„Das Durchdrehen der Schraube“ ist ein Meisterwerk, eine Darstellung des subtil Bösen, des Nicht-Gesagtem.
Es ist in gleicher Manier eine psychologische Studie, ganz im Sinne von Freud, als auch eine Geistergeschichte, übernatürlich und paranormal.
Es ist ein Wechsel von Erzählperspektiven, von Blickwinkeln, von Rahmen- und Binnenhandlung.
Und über all jenem schwebt die Frage, inwieweit man den Schilderungen und Wahrnehmungen der Protagonistin trauen kann, ob sie uns womöglich täuscht, gar sich selbst täuscht.
Ob man die Begebenheiten für bare Münze nimmt.
Schlussendlich muss jeder diese Frage für sich selbst beantworten, muss sich selbst fragen, wo er steht.
Ob er zweifelt oder vertraut.
Ob er hofft oder aufgibt.
Ob er wagt und dabei womöglich alles verliert.
Am Ende bleibt bleibt nicht mehr und nicht weniger als das Zitat von Alexander Cammann:
"Ein Leben ohne Henry James ist möglich, aber sinnlos.“
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