München arisiert - Landeshauptstadt München (Hrsg.)
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Die "Arisierung" war eine der größten unrechtmäßigen Enteignungsaktionen der Geschichte. Dieser einzigartige staatlich organisierte Raubzug und die damit einhergehende Entrechtung der Juden fanden weitgehend unter den Augen der Öffentlichkeit statt. Die Autoren schildern am Beispiel Münchens die Beteiligung zahlreicher Institutionen und Einzelpersonen an der Existenzvernichtung und Entrechtung der Juden.
Sie nennen Akteure und Profiteure und schildern das Schicksal von Opfern der "Arisierung". Mit Hilfe von Parteiorganisationen, lokalen und überregionalen Behörden sowie einem weitreichenden
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Produktbeschreibung
Die "Arisierung" war eine der größten unrechtmäßigen Enteignungsaktionen der Geschichte. Dieser einzigartige staatlich organisierte Raubzug und die damit einhergehende Entrechtung der Juden fanden weitgehend unter den Augen der Öffentlichkeit statt. Die Autoren schildern am Beispiel Münchens die Beteiligung zahlreicher Institutionen und Einzelpersonen an der Existenzvernichtung und Entrechtung der Juden.

Sie nennen Akteure und Profiteure und schildern das Schicksal von Opfern der "Arisierung". Mit Hilfe von Parteiorganisationen, lokalen und überregionalen Behörden sowie einem weitreichenden Netzwerk privater und öffentlicher Interessenträger griff der nationalsozialistische Staat auf alle verfügbaren Formen jüdischer Vermögenswerte zu. Die Autoren schildern eindrücklich, wie Beamte, Angestellte und Parteileute an ihren Schreibtischen dafür sorgten, daß eine der größten unrechtmäßigen Enteignungsaktionen der Geschichte reibungslos vonstatten gehen konnte. Viele hundert Münchner Geschäfte und Fabriken, aber auch Arztpraxen, Anwaltskanzleien, Wohnungen, Grundstücke und Häuser wurden jüdischen Eigentümern oder Mietern geraubt und verwertet - die Erträge wurden an den Fiskus, die Stadt, die Partei, an private und öffentliche Unternehmen oder auch an Münchner Bürger verteilt. Der Entrechtungsprozeß ging nach Kriegsende weiter. Die Autoren schildern, wie die überlebenden Opfer von Verfolgung und Vermögensentzug oder ihre Hinterbliebenen sich nach 1945 in oft langwierigen und zermürbenden juristisch komplexen Verfahren mit den Nutznießern der "Arisierung" und den Wiedergutmachungsbehörden - häufig erfolglos - auseinander setzen mußten.
  • Produktdetails
  • Verlag: Beck
  • Seitenzahl: 280
  • Deutsch
  • Abmessung: 219mm x 138mm x 19mm
  • Gewicht: 405g
  • ISBN-13: 9783406517563
  • ISBN-10: 3406517560
  • Artikelnr.: 12510847
Autorenporträt
Andreas Heusler ist Mitarbeiter des Münchner Stadtarchivs, wo er für die Bereiche Zeitgeschichte und jüdische Geschichte zuständig ist.
Rezensionen
Besprechung von 23.04.2004
Nie wiederkehrende Gelegenheiten
Eine Ausstellung, ein Buch und eine Veranstaltungsreihe über die „Arisierung” in München
Die Augustenstraße ist eine ganz normale Münchner Straße, und sie war es wohl auch vor siebzig Jahren. 120 Hausnummern mit kleinen Läden, Gaststätten, Wohnhäusern, Arztpraxen, dazwischen plätschert die friedliche Geschäftigkeit vorstädtischen Lebens. Was man heute nicht mehr sieht: In zwanzig der Häuser lebten oder arbeiteten früher Juden. Im Nationalsozialismus wurden sie aus ihren Geschäften und Wohnungen vertrieben und enteignet, viele von ihnen wurden später deportiert und ermordet. Die systematische Beraubung und Verdrängung der Juden aus dem bürgerlichen Leben, die dem Holocaust voranging, nennt man mit einem zeitgenössischen Begriff „Arisierung”.
Die Arisierung war gewissermaßen der Ersatz für die soziale Revolution, die der Nationalsozialismus versprochen hatte, aber nicht einlösen konnte. Von ihr profitierte die gesamte deutsche Gesellschaft, vom Staat über die Industrie bis zum Kleinbürger und Arbeiter. Sie vollzog sich vor den Augen und unter tätiger Mithilfe der Bürger und Nachbarn. Wer damals zugriff, konnte auf der sozialen Leiter nach oben purzeln, wie zum Beispiel der Münchner Partylöwe und Liebling der Boulevardpresse der sechziger Jahre, Herbert Stiehler alias Styler, der 1937 die Textilgroßhandlung Heinrich Cohen an Land zog. Andere rissen sich eine größere Wohnung oder gleich ein ganzes Wohnhaus unter den Nagel, wie es der Kolonialwarenhändler und Parteigenosse Gesslein versuchte, der 1939 an die Münchner IHK schrieb: „Der Jude Bernhard G. ist Besitzer des Wohnhauses Charlottenstraße 1. Nachdem die Judenfrage in Deutschland akut ist, möchte ich Sie bitten mir mitzuteilen, wie ich am besten zu diesem Objekt komme.” So manches Bergkristall und Meißner Porzellan in deutschen Vitrinen, das angeblich aus uraltem Familienbesitz stammt, wechselte damals den Besitzer.
Dass so viele Deutsche in die Arisierung verstrickt waren, von ihr profitierten und bis heute profitieren, ist vermutlich einer der Gründe, warum dieser große Raub in der Öffentlichkeit bislang wenig präsent ist. Und das trotz des großen allgemeinen Interesses am Dritten Reich und obwohl andere Länder – etwa die Niederlande, Belgien, Österreich – schon vor einigen Jahren Historikerkommissionen eingesetzt haben. Jetzt will selbst München die Diskussion über die Arisierung voranbringen, nachdem die einstige „Hauptstadt der Bewegung” ihre braune Vergangenheit lange Zeit unter den Biergartentisch gekehrt und in der letzten Zeit vor allem durch geschichtspolitische Peinlichkeiten – insbesondere die end- und fruchtlose Diskussion um ein NS-Dokumentationszentrum – Schlagzeilen gemacht hat.
In einem schmucklos weißen Keller des Kulturreferats, das zusammen mit dem Stadtarchiv die Ausstellung „München arisiert” ausgerichtet hat, stehen unter Belüftungsrohren aus Blech und bestrahlt von kaltem Neonlicht mannshohe Stellwände mit Fotos. Sie zeigen eine Reihe von Häusern aus der Augustenstraße, wie sie vor siebzig oder mehr Jahren aussahen, darunter auch das Haus Nummer 75, in dem einst Justin Marx ein Strickwarengeschäft betrieb. Weil Frau Marx „Arierin” war, wurde das Geschäft in der Pogromnacht des 9. November 1938, dem Höhe- und Kristallisationspunkt der Arisierungen, verschont. Die Familie blieb in München und überlebte das Dritte Reich dank der Hilfe couragierter Mitbürger, wie der Sohn zwischen den Stellwänden der Augustenstraße einer Schar neugieriger Journalisten erzählt. Im Raum davor hängen an der Wand vergrößerte Passfotos aus den Jahren 1938/39. Ein Lichtfokus springt von Bild zu Bild, und eine Stimme aus dem Off erzählt in kurzen Sätzen die Lebensgeschichten der jeweils Beleuchteten. Die meisten hatten weniger Glück als die Marxens, viele Geschichten enden bei Kaunas in Litauen, wo im November 1941 die ersten Münchner Juden erschossen wurden.
Die Geschichten der Opfer, auf die die Ausstellung ihren Schwerpunkt legt, und der Täter sind nur die eine Seite der Arisierung. Die andere ist der Apparat. Parteiorganisationen, kommunale Behörden, die IHK und allen voran die Finanzverwaltung übernahmen die „Abwicklung” der jüdischen Vermögen. Das gab dem Ganzen einen legalen Anstrich und sorgte auch wohl für Gewissensberuhigung. Der Apparat produzierte Akten, die für die Erforschung der Arisierung eine ergiebige Quelle sind. Für das Publikum ist das eher eine trockene Materie und daher nur schwer zu vermitteln.
Die Ausstellung gesteht sich das sozusagen selbst ein, indem sie hier vollends minimalistisch wird: Ein langes Regal aus rohem Holz mit Pappkartons, auf denen Fotos und Texte die wichtigsten Stationen der Arisierung verzeichnen, eine großformatige Texttafel mit Gesetzesauszügen, ein Vorhang, bedruckt mit einem Foto von Hängeordnern. Hier hätten, und sei es in Vitrinen, ein paar Originale nicht geschadet. Gut gewählt ist hingegen das Lemma, der Behördenstempel mit dem Adler und dem Hakenkreuz, der auch auf den Passfotos wiederkehrt.
Die Ausstellung ist nicht groß, jedenfalls nicht groß genug, um die Geschichte von 12 500 Münchner Juden, von mehr als 2000 arisierten Betrieben, von zigttausenden Tätern und Profiteuren zu erzählen. Sie wird daher flankiert von einem gleichnamigen Buch und einem umfangreichen Begleitprogramm aus Stadtführungen, Vorträgen und Diskussionen, mit zum Teil hochkarätiger Besetzung. Das Buch versammelt Beiträge von Historikern und Studenten aus dem Umkreis der Münchner Universität, die an einem Projekt zur Geschichte der Finanzverwaltung in Bayern arbeiten und an der Ausstellung mitgewirkt haben. Wer sich für den Apparat der Arisierung interessiert, findet dort weiterführende Artikel, etwa den von Gerd Modert über die NSDAP, den „Motor der Verfolgung”. Andere rekonstruieren einzelne Arisierungsfälle, beispielsweise den des Kaufhauses Uhlfelder, das manchem Alteingesessenen noch ein Begriff ist.
Dass in München plötzlich soviel Wind durch die verstaubten Akten der Arisierung fährt, ist sehr zu begrüßen. Aber das heißt nicht, dass die Stadt der gründlichen Auseinandersetzung mit ihrer NS-Vergangenheit genüge getan hätte.
CHRISTIAN JOSTMANN
Vom 23. April bis 13. Juni in den Kunstarkaden. Das Buch „München arisiert. Entrechtung und Enteignung der Juden in der NS-Zeit”, hrsg. von Angelika Baumann und Andreas Heusler, ist im C. H. Beck Verlag erschienen und kostet 19,90 Euro.
Ladenschlusszeiten: Bewaffneter Boykott eines jüdischen Geschäftes in der Prielmayerstraße, 1933.
Foto: Weiler
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Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Eine "notwendige" und "verdienstvolle" Darstellung der Arisierung in München haben A. Baumann und A. Heusler hier vorgelegt, meint Rezensentin Gabriele von Arnim. Die Enteignung der Juden unter den Nationalsozialisten gilt für die Herausgeber als der "größte Besitzwechsel der neuzeitlichen deutschen Geschichte", dessen Auswirkungen auch heute noch überall anzutreffen sind. Obwohl Baumann und Heusler in der Einleitung noch einmal die Gegenwärtigkeit des Themas betonen, wird das Buch "diesem eigenen Hinweis nur zu selten gerecht", kritisiert Arnim. Sie hätte sich mehr Informationen wie jene gewünscht, dass die geräumige Innenstadtlage von Loden Frey in München nur durch den billigen Ankauf des Nachbargeschäfts in der Arisierung möglich wurde.

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