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"Abgereist, ohne Angabe der Adresse/parti, sans laisser d'adresse" - mit diesem postamtlichen Klebezettel wurden zahlreiche Postsendungen versehen, ehe die Reichspost sie an ihre Absender außerhalb Deutschlands zurückschickte. In Wahrheit waren die meisten Adressaten nicht "abgereist", sondern vertrieben oder ermordet worden, weil sie Juden waren. "Abgereist" wurde so zur Metapher für das Verschwinden der Juden aus Deutschland, bis der Klebezettel im Januar 1943 von der Gestapo verboten wurde, weil sich seine Bedeutung herumgesprochen hatte. Nicht nur die Inhalte von Postsendungen, sondern…mehr

Produktbeschreibung
"Abgereist, ohne Angabe der Adresse/parti, sans laisser d'adresse" - mit diesem postamtlichen Klebezettel wurden zahlreiche Postsendungen versehen, ehe die Reichspost sie an ihre Absender außerhalb Deutschlands zurückschickte. In Wahrheit waren die meisten Adressaten nicht "abgereist", sondern vertrieben oder ermordet worden, weil sie Juden waren. "Abgereist" wurde so zur Metapher für das Verschwinden der Juden aus Deutschland, bis der Klebezettel im Januar 1943 von der Gestapo verboten wurde, weil sich seine Bedeutung herumgesprochen hatte.
Nicht nur die Inhalte von Postsendungen, sondern auch ihre äußeren Merkmale legen Zeugnis von individuellen Schicksalen und historischen Ereignissen ab. Als Dokumente der Alltagskultur verleihen sie ihnen eine neue Anschaulichkeit und erweitern die Kenntnisse um Personen und Zusammenhänge. Die Frage nach dem zeitgeschichtlichen Nutzen postalischer Dokumente, im angelsächsischen Sprachbereich als "Social Philately" bezeichnet, bringt seit einigen Jahren eine neuartige Kategorie von Büchern und Ausstellungen hervor, zu der auch das vorliegende Werk gehört. In Zusammenarbeit mit Zeitzeugen, Archiven und Sammlern in vielen Ländern hat der Autor über 300 postalische und ergänzende Dokumente zusammengetragen und verschiedenen Phasen und Aspekten von Terror und Verfolgung im Nationalsozialismus zugeordnet.
  • Produktdetails
  • Verlag: Hentrich & Hentrich
  • Seitenzahl: 336
  • Erscheinungstermin: November 2017
  • Deutsch
  • Abmessung: 289mm x 233mm x 24mm
  • Gewicht: 1648g
  • ISBN-13: 9783955652418
  • ISBN-10: 3955652416
  • Artikelnr.: 49262317
Autorenporträt
Wewer, Heinz
geboren 1935 in Köln, Abitur in Emden, Studium der Rechtswissenschaften, der Geschichte und der Politikwissenschaft in Tübingen, Berlin, am Amherst College und in Princeton (M.A.). Gründer und Redaktionsmitglied von "DISkussion" - Zeitschrift für Fragen der Gesellschaft und der deutsch-israelischen Beziehungen, zeitgeschichtliche Beiträge in den "Frankfurter Heften", den "Gewerkschaftlichen Monatsheften", für den WDR u.a. Korrespondent beim Eichmann-Prozess für RIAS Berlin. Wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Document Center Berlin, bei der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler und in der Hochschul-Informations-System GmbH (HIS). Tätigkeit in der Kultur- und der Bildungsverwaltung, zuletzt als Leiter des Arbeitsbereichs Internationale Beziehungen der Hochschule der Künste Berlin. Gründer zivilgesellschaftlicher Initiativen wie des Komitees für die Entschädigung der Opfer medizinischer Experimente im KZ Ravensbrück und des Musikforums Berlin-Israel (mit Peter Schwarz). Buchpublikationen: Herausgeber (mit Rainer Mackensen), Dynamik der Bevölkerungsentwicklung, München 1973/74; Herausgeber, Mai 1995 - Erinnerung und Zukunft. Von der Darstellung des Nichtdarstellbaren in den Künsten, deutsch und englisch, Glasgow 1997. Lebt in Berlin.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 09.04.2018

Grauen im Kleinformat
Der Historiker Heinz Wewer hat zahllose Postkarten aus der Zeit der NS-Diktatur ausgewertet.
Entstanden ist ein ungewöhnliches Buch, das auf anschauliche Weise Aufklärungsarbeit leistet
VON CHRISTIANE SCHLÖTZER
Eine Ansichtskarte in Rosa und Blau, das „Hotel zum Strande“ in Borkum druckte sie zu Werbezwecken, die Aufschrift: „Juden werden hier nicht geduldet!“. Im Jahr 1903. Ein Frankfurter Hotel ließ schon 1898 auf einer Bildpostkarte wissen: „Juden ist der Eintritt verboten.“ Auf eine Postkarte passt nicht mehr, als Menschen heute in Whatsapp-Nachrichten unterbringen, Karten aber schreiben sie meist gar nicht mehr. Die waren einst ein billiges Medium, die Post in Deutschland beförderte um 1900 pro Jahr 240 bis 290 Millionen Stück. Die NS-Diktatur nutzte die Massenware dann gezielt für Propagandazwecke: mit Bildpostkarten von der Bücherverbrennung, vom ausgebrannten Reichstag.
Der Berliner Historiker Heinz Wewer hat dieses furchtbare Kapitel deutscher Kartenkunst erforscht – ein Kaleidoskop des Grauens im Kleinformat. Zu sehen ist Anschauungsmaterial der Diktatur im Alltag, bestehend aus scheinbar Nebensächlichem, aus Klebezetteln („Kauft nicht bei Juden, und nicht in ihren Warenhäusern“), Stürmer-Vignetten und Hakenkreuz-Stempeln.
Auch aus Konzentrationslagern wurden noch Karten geschrieben, da gab es aber nichts mehr, was den Verwaltern der Vernichtung darstellenswert erschien, dafür druckte die Lagerleitung in Dachau auf die Vorderseite den Hinweis: „Entlassungsgesuche aus der Schutzhaft an die Lagerleitung sind zwecklos.“
Bürokratisch penible Stempelwut der Deutschen Reichspost erhielt wiederum den Anschein von Normalität aufrecht: Karten an Menschen, die unter ihrer bisherigen Adresse nicht mehr auffindbar, weil längst ins Gas geschickt waren, sandte sie an die Absender im Ausland zurück, versehen mit zweisprachigen Aufklebern: „Abgereist, ohne Angabe der Adresse/parti, sans laisser d’adresse“).
Es ist diese erschreckende Gleichzeitigkeit von Grauen und Gewöhnlichkeit, die an den Zeugnissen der postalischen Zeitgeschichte haftet. Wewer bettet die Dokumente in die historischen Zusammenhänge ein, und er erzählt die Geschichten einzelner Fundstücke. Sie stammen aus Archiven, Museen und von Privatleuten, wobei der 2017 mit 93 Jahren verstorbene Sammler Wolfgang Haney zu Recht hervorgehoben wird. Er war 1990 eher zufällig auf KZ-Post gestoßen, bei einem Münzhändler. Haney war sensibilisiert, seine Mutter, eine Jüdin, hatte in der NS-Zeit in der Nähe Berlins in einer Waldhütte überlebt, von Freunden versorgt. Der Sammler fand antisemitische Postkarten im Antiquitätenhandel später unter „Judaica“, die Verkäufer wussten offenbar nicht, was sie da hatten.
Auch Geschichten von Emigration und Flucht erzählen die Karten, wie die von Ernst Toller, der im April 1919 die Münchner Räterepublik ausgerufen hatte und als Linker und Jude besonders gefährdet war. Er floh nach London. Erich Mühsam, Schriftsteller und ebenfalls Münchner Revolutionär, konnte nicht mehr fliehen, er schrieb 1934 auf seiner letzten Karte an seine Frau Zenzl aus dem KZ Oranienburg: „Ich muss Dir leider schreiben, dass über mich für vier Wochen Besuchs- und Briefsperre verhängt ist.“ Bald danach wurde Mühsam von der SS-Wachmannschaft ermordet. Die Karte trägt einen russischen Archivstempel, Zenzl gelang die Flucht, in Moskau aber geriet sie in die Mühlen der stalinistischen Säuberungen, in der DDR musste sie später darüber schweigen. All das ist nachzulesen in diesem ungewöhnlichen Geschichtsbuch, das Sammlerfleiß und Aufklärungsinteresse auf anschauliche Weise verbindet.
Eifrige Privatsammler,
wie der Berliner Wolfgang Haney,
trugen wichtige Fundstücke bei
Antisemitismus in der
Alltagskultur war bereits
während der Kaiserzeit
stark verbreitet. Das Hotel „Kölner Hof“ am Frankfurter Hauptbahnhof warb schon
um die Jahrhundertwende
damit, dass es keine
Juden einließ (oben).
Am 22. Juni 1934 schrieb der Dichter Erich Mühsam seine letzte Postkarte (links) an seine Frau („Bleib gesund
und sei geküsst von Deinem Erich“), am 10. Juli wurde er ermordet. „Postverkehr z. Z. eingestellt“: Ein Brief wird am 31. August 1943 von
Prag zurück nach Rom
geschickt (rechts).
Karten-(Ausschnitte): Verlag
Hentrich&Hentrich
Heinz Wewer:
„Abgereist, ohne Angabe der Adresse“. Postalische Zeugnisse zu Verfolgung und Terror im Nationalsozialismus. Verlag Hentrich & Hentrich, Berlin 2017,
336 Seiten, 346 Abbildungen, 39 Euro.
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