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Von reizenden Komplimenten für die "geliebte Bibliothek Suhrkamp" bis zu Schimpftiraden über die "hundsgemeinen Hinschlachtung" eines seiner Theaterstücke, von gnadenlosem Geschacher um Honorare und Vorschüsse bis zu tiefem Verständnis eines Verlegers für seinen komplizierten Autor: Der von 1961 bis 1988 reichende Briefwechsel zwischen Thomas Bernhard und Siegfried Unseld ist stets ein fesselndes Zwei-Personen-Stück. Und wer könnte dieses Beziehungsdrama besser verkörpern als die beiden Doyen des Burgtheaters, Gert Voss und Peter Simonischek?
(3 CDs, Laufzeit: 3h 57)
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Produktbeschreibung
Von reizenden Komplimenten für die "geliebte Bibliothek Suhrkamp" bis zu Schimpftiraden über die "hundsgemeinen Hinschlachtung" eines seiner Theaterstücke, von gnadenlosem Geschacher um Honorare und Vorschüsse bis zu tiefem Verständnis eines Verlegers für seinen komplizierten Autor: Der von 1961 bis 1988 reichende Briefwechsel zwischen Thomas Bernhard und Siegfried Unseld ist stets ein fesselndes Zwei-Personen-Stück. Und wer könnte dieses Beziehungsdrama besser verkörpern als die beiden Doyen des Burgtheaters, Gert Voss und Peter Simonischek?

(3 CDs, Laufzeit: 3h 57)

  • Produktdetails
  • Verlag: Dhv Der Hörverlag
  • Anzahl: 3 Audio CDs
  • Gesamtlaufzeit: 240 Min.
  • Erscheinungstermin: 15. Januar 2009
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-13: 9783867172752
  • Artikelnr.: 23845506
Autorenporträt
Bernhard, Thomas§Thomas Bernhard wurde 1931 als unehelicher Sohn einer Haushaltsgehilfin und eines Tischlergesellen in Heerlen/Holland geboren. Er wuchs - zunächst bei den Großeltern - in Österreich auf, machte eine Kaufmannslehre in einem Lebensmittelgeschäft und nahm Musik- und Gesangsunterricht. 1949 erkrankt Bernhard an einer schweren Rippenfellentzündung. Während seiner monatelangen Krankenhaus- und Sanatoriumsaufenthalte begann Thomas Bernhard intensiv zu lesen und zu schreiben. 1950 erscheinen in Zeitungen erste Prosa-Texte Bernhards. Auf Vermittlung Carl Zuckmayers wird er zunächst Journalist und Gerichtsreporter und veröffentlicht erste Lyrikbände. Sein erster Roman "Frost" wird 1963 im Insel-Verlag veröffentlicht. Es folgen weitere Werke des Autors wie z.B. "Verstörung" (1966), "Das Kalkwerk" (1970), "Gehen" (1971), "Korrektur" (1975), "Der Stimmenimitator" (1978) u.v.a. An den Spätfolgen seiner Lungenerkrankung stirbt Thomas Bernhard 1989 in Gmunden.
Trackliste
CD
1Der Briefwechsel
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 23.01.2010

Einfach kompliziert

Erpressung, als schöne Kunst betrachtet: Der Briefwechsel von Thomas Bernhard und Siegfried Unseld zeigt den Schriftsteller und seinen Verleger in nie endendem Streit einträchtig vereint.

Von Hubert Spiegel

Zwei Dinge lassen sich aus diesem Briefwechsel lernen: wie schwierig ein schwieriger Schriftsteller und wie genial ein genialer Verleger sein können. Gegenseitig spornen sie sich zu Höchstleistungen an, in einer permanenten, sich über Jahrzehnte erstreckenden Auseinandersetzung, die ganz von der Lebens- und Arbeitsmethode des Schriftstellers geprägt ist. Jede Entscheidung, jeder noch so kleine Schritt wird als Gegenbewegung, als Reaktion, ja mehr noch: als ein Akt des Widerstands definiert und auf diese Weise erst möglich. So, im unablässigen Gegeneinander untergehakt, schreiten Thomas Bernhard und Siegfried Unseld gemeinsam voran, in nimmer endendem Streit einträchtig vereint.

Fast nie geht es um künstlerische oder genuin literarische Fragen, fast immer geht es um Geld. Aber schon bei einer der ersten Gelegenheiten, im Dezember 1965, gibt Bernhard seinem Verleger zu verstehen, dass es zwischen ihnen immer auch um anderes gehen würde: "Die Zeit, da ich Sie mit finanziellen Kopfsprüngen nicht mehr belästigen werde, ist mit großer Sicherheit bald gekommen, dann entbehrt unser beider Verhältnis vielleicht gar die so wunderbare Spannung, die mir, ich erstaune darüber nicht, so recht ist."

Die Hoffnung, die Bernhard hier weckte, hat sich natürlich nie erfüllt - auf die "wunderbare Spannung" zwischen ihm und Unseld konnte und wollte der Schriftsteller nicht verzichten. Er hat diese Spannung seinem Verleger zugemutet und abverlangt, oft über das Maß des Erträglichen und ein-, zweimal sogar über das Maß des Menschenmöglichen hinaus. Ausgerechnet von Siegfried Unseld, diesem temperamentvollen, ungeduldigen Tat- und Machtmenschen lässt sich in diesen Briefen lernen, was Geduld heißt, was Nachsicht, Verständnis und Großzügigkeit.

Nicht zu vergessen: Raffinement und Gerissenheit, Taktik, Schläue und Geschäftssinn. Völlig unbeirrbar tut Unseld alles, was in seiner Macht steht, um zum Vorteil seines Verlages zu wirken. Und wenn er zu diesem Zweck seinem Autor einen Wunsch abschlagen oder auf einer Forderung ihm gegenüber bestehen muss, dann tut er dies in dem Bewusstsein, dass der Verlag im geistigen Sinn nichts anderes ist und sein kann als die Summe seiner Autoren. Was dieser Verlag auf materieller Ebene ist und braucht, der Apparat, die Mitarbeiter, Verwaltung, Verträge, Arbeitsabläufe, all das wird von Bernhard zutiefst verachtet, von Unseld aber geradezu geliebt: als vertrautes, zuverlässiges Mittel zu einem höheren Zweck. Unselds Demut gegenüber seinen Autoren war groß, hier jedoch gelangte sie an ihre Grenzen. Mitunter hat es den Anschein, als habe der Verleger die Attacken gegen seine Person weitaus leichter verschmerzen können als die Herabsetzung seines Verlags.

Immer wieder beklagt sich Bernhard über die schlechte Behandlung, die ihm der Suhrkamp Verlag zumute. Da ergeht es dem Haus und seinem Verleger kaum besser als dem Rest der Welt. Zeitungen, Rundfunkanstalten, der Literaturbetrieb, das Theater: Überall sieht Bernhard den Stumpfsinn am Werk, herrschten Bösartigkeit, Infamie und Inkompetenz. Dass von seinem Roman "Verstörung" innerhalb von drei Jahren nur 1800 Exemplare verkauft wurden, kreidet er allein dem Verlag an: "Denn selbst wenn ich ganz alleine mit meinem Rucksack durchs Land ginge, verkaufte ich in vier Wochen sicher mehr." Unseld kontert mit den Verkaufszahlen von Beckett, dessen "Malone" sich innerhalb eines ganzen Jahrzehnts gerade einmal 1632 Mal verkauft habe. Und dann, als sei der Beckett-Vergleich nicht schmeichelhaft genug, legt er noch einmal kräftig nach: "Denken Sie doch an einen Fall, mit dem Sie sich wirklich vergleichen dürfen, an Kafka. Von ihm sind von einem Buch im ersten Jahr des Erscheinens nie mehr als 300 Exemplare verkauft worden".

So wirkungsvoll Sätze wie diese gewesen sein dürften, so zeigt dieser Brief vom 15. Juli 1968 doch auch, dass der Verleger seinen Autor damals noch nicht richtig einzuschätzen wusste. Denn nun, da er Bernhard beschwichtigt glaubt, stellt Unseld seinerseits Forderungen. Nicht nur verlangt er Geduld von dem Ungeduldigen, sondern er schreibt: "Wir müssen uns nach den Realitäten richten." Wohl keinen anderen Satz hätte Bernhard mit größerem Ingrimm zurückgewiesen als diesen.

Aber er tut es im Stillen, und so wird es noch eine Weile dauern, bis Unseld begreift, welchem Muster diesem Autor folgt: "In die Poesie gehört die Ökonomie, in die Phantasie die Realität, in das Schöne das Grausame, Hässliche, Fürchterliche hineingemischt", so hatte Bernhard im bereits zitierten Brief vom 14. Dezember 1965 geschrieben. Erst zehn Jahre später wird Unseld ganz erfasst haben, dass dieser Autor in seinem Geschäftsgebaren denselben Gesetzen folgt wie in seiner Literatur, also in seinem Leben: "Es ist ja immer dasselbe: Er ist rücksichtslos, erpresserisch und erhebt das auch zu seiner künstlerischen Ideologie. Und dies wird jedes Mal schlimmer werden." Unseld notiert diese für ihn bittere Erkenntnis am 1. März 1975 nach einem Treffen am Frankfurter Flughafen. Bernhard war auf dem Weg nach Lissabon, musste in Frankfurt umsteigen und hatte seinen Verleger geradezu einbestellt: an einem Samstagmorgen, um 8.05 Uhr in der Frühe.

Mehr als fünfhundert Briefe, Postkarten und Telegramme haben die Herausgeber dieses außerordentlichen Bandes zusammengestellt, kommentiert und ergänzt um Unselds Aufzeichnungen, den "Reiseberichten", in denen der Verleger den Verlauf seiner Gespräche, geschmiedete Pläne und getroffene Vereinbarungen festhielt und sich gelegentlich auch persönliche Kommentare gestattete. Auch diese Notizen wurden ebenso wie die Briefe selbst in dem Bewusstsein geschrieben, dass Dritte sie lesen würden: Die Reiseberichte dienten der Information von Verlagsmitarbeitern und waren zugleich Material einer "von ihm selbst zu verfassenden Verlags- und Verlegergeschichte", wie es im Nachwort heißt. Für das Verständnis der Korrespondenz sind sie unentbehrlich, was sich nicht von allen der zahllosen Fussnoten sagen lässt. Aber auch, wenn die Anmerkungen den Lesefluss oft empfindlich stören und manche Detailinformation überflüsssig ist, kann man den Herausgebern die Bewunderung nicht versagen: Raimund Fellinger, langjähriger Wegbegleiter Unselds im Verlag, seine Lektorenkollegin Julia Ketterer sowie Martin Huber als Leiter des Thomas-Bernhard-Archivs in Gmunden haben einen dramatischen, monumentalen, berührenden und in vielfacher Hinsicht ungeheuer aufschlussreichen Briefwechsel mustergültig ediert. Er ist Teil des Bernhardschen Werks und führt zugleich Werk, Wesen und Arbeitsweise Siegfried Unselds auf eindrucksvolle Weise vor Augen.

Wann immer es Ärger gibt, ob nun der Österreichische Staatspreis oder der Büchnerpreis, der Salzburger Skandal bei der Uraufführung von "Der Ignorant und der Wahnsinnige" oder die Auseinandersetzungen um "Holzfällen" und "Heldenplatz" den Anlass geben, stets ist der Verleger an der Seite seines Autors, als loyaler Berater und Vermittler. Wann immer die Geldstreitigkeiten ausweglos zu werden drohen, wird ein Treffen arrangiert. Dass Unseld auf den Reisen nach Ohlsdorf, Salzburg oder Wien zuweilen unterwegs in München haltmacht, um Wolfgang Koeppen oder Ilse Aichinger zu treffen, muss er dem eifersüchtigen Bernhard verschweigen. Nach den Begegnungen, nach Wein und langen Spaziergängen, folgen brieflich gegenseitige Sympathie- und Freundschaftsbekundungen, aufrichtig, aber von begrenzter Dauer. Der nächste Krach lässt nie lange auf sich warten.

Nichts in all diesen Jahren hat Unseld so tief verletzt wie das üble Spiel, das Bernhard um seine biographischen Schriften inszenierte, die er Suhrkamp versprach, aber Band für Band im Residenz Verlag erscheinen ließ. Am 24. November 1988 schickt Unseld, der sich und den Verlag zutiefst "desavouiert" sieht, ein letztes Telegramm: "ich kann nicht mehr". Am folgenden Tag schlägt Bernhard gnadenlos zurück: "Wenn Sie, wie Ihr Telegramm lautet, ,nicht mehr können', dann streichen Sie mich aus Ihrem Verlag und aus Ihrem Gedächtnis. Ich war sicher einer der unkompliziertesten Autoren, die sie jemals gehabt haben." Einen Monat später kommt es bei einem letzten Treffen zur Versöhnung. Vierzehn Tage darauf, am 12. Februar 1989, stirbt Thomas Bernhard. Die Beisetzung erfolgt gemäß seinen Anweisungen: "Ich gehe, wie ich gekommen bin, unbemerkt." Auch Siegfried Unseld, so hatte es Bernhard verfügt, wird erst eine Woche später benachrichtigt.

Thomas Bernhard, Siegfried Unseld: "Der Briefwechsel". Herausgegeben von Raimund Fellinger, Martin Huber und Julia Ketterer. Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2009. 869 S., geb., Abb., 39,80 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 01.02.2010

Die größtmögliche Unzucht: das Schreiben
Ein geschäftstüchtiger Quälgeist und ein geschäftstüchtiger Dulder treffen sich. Zum Briefwechsel zwischen Thomas Bernhard und Siegfried Unseld
Es war nicht nur im September 1971 so, sondern fast immer. Thomas Bernhard besucht Siegfried Unseld im Frankfurter Suhrkamp-Verlag, und kaum zurückgekehrt in seinen Vierkanthof, setzt er einen Brief an Unseld auf: er sei wieder mal in eine „brutale Maschine hineingegangen”, so ein Verlag kenne „Individualität” nicht und keinen „Menschen” wie ihn, Verlag und Verleger seien „Sensibilitätszermalmer und Ignorierer”. Und mehr als zehn Jahre später, im Januar 1982, verfügt Bernhard aus Portugal auf einmal handstreichartig, dass der Verlag keine Nachauflagen seiner Bücher mehr machen und überhaupt alles auslaufen lassen soll. Als Unseld um einen Gesprächstermin bittet, schickt Bernhard ein Telegramm: „kommen sie am 9. februar verfluchter”.
Bernhards genussvoller Qual-und- Lust-Slalom, sein Überbietungs-, Übertreibungs- und Übersteigerungs-Stil ist im Briefwechsel mit seinem Verleger genauso präsent wie in seiner sonstigen Prosa. Es gibt auf den mehr als 800 Seiten des Bandes kaum eine Atempause. Das teilt sich selbst in den internen Reiseberichten und in der „Chronik” Unselds mit, die in den Anmerkungen ausführlich zitiert werden und zum ersten Mal in größerem Umfang den Blick auf diesen großen literaturgeschichtlichen Schatz freigeben. Der Verleger muss in jedem Moment auf eine unerwartete Wendung gefasst sein: vor allem finanzieller, aber auch drucktechnischer oder manuskriptverändernder Art. Selbst wenn es anfangs ganz glimpflich zu laufen scheint, notiert Unseld: „Ich war den ganzen Tag über skeptisch, was sich Bernhard noch ausgedacht haben könnte.”
Das erste Treffen zwischen Thomas Bernhard und Siegfried Unseld findet am 28. Januar 1965 statt, in der Wohnung des Verlegers. „Frost” ist 1963 erschienen, man unterhält sich über dies und jenes, und kurz, bevor der Autor und seine Lektorin zum Zug müssen, fordert Bernhard von Unseld 40000 DM – gleichsam aus dem Nichts heraus. Er brauche das Geld, um seinen Ohlsdorfer Hof abzahlen zu können. Mehr als zwei Jahrzehnte später, diverse Darlehen und finanzielle Balanceakte sind überwunden, notiert Unseld: „Guthaben von Thomas Bernhard: DM 319 000.” Dafür hat er alles ausgehalten.
Bernhard, der Wut-Techniker, treibt den erfolgsverwöhnten Verleger an seine Grenzen. Der Briefwechsel bietet nicht nur einen ungewohnten Einblick in den Literaturbetrieb jener Jahre, der mittlerweile unendlich weit ferngerückt scheint, er hilft auch, das Geheimnis dieses Verlegers besser zu verstehen. Unseld sieht sich in ein Theaterstück versetzt, wie es Bernhard immer wieder geschrieben hat, scheinbar bloß für die Bühne. Der Verleger weiß gelegentlich nicht, welche Rolle für ihn vorgesehen ist und ob er überhaupt eine Rolle spielt, er weiß nur, es geht jeden Moment ums Ganze.
Am 24. Juli 1980 gibt es zwischen „drohenden Felsen” und einem „lieblichen Abendrot über dem See” einen Showdown in Bernhards Revier. Es geht wieder einmal um Geld, um Verträge, um Drohungen. Unseld schreibt in seiner „Chronik”: „Was wir machten, war nichts anderes als eine Szene aus einer Komödie von Thomas Bernhard. Die Alternativen des Spiels waren samt und sonders komisch.” Unseld weiß, es geht nicht nur um einen finanziell mittlerweile lukrativen Autor, es geht auch ums Prestige des Verlags: „Er wäre zu allem bereit gewesen, ich nicht; damit riskierte er den höheren Einsatz. Ich weiß nicht, ob ich noch einmal die Nerven habe, ein solches Gespräch durchzustehen.” Bernhard überrascht trotz seiner fulminanten Brief-Prosa, die unter der Hand zu einem doppelt raffinierten Kunstprodukt wird, hier im Grunde weniger als Unseld – seine Suaden liegen ja bereits längst als Gesamtwerk vor. Wie aber der Verleger es schafft, die jäh wechselnden Launen, die cholerischen Ausbrüche, die Unberechenbarkeiten seines Gegenübers nicht nur zu ertragen, sondern ihm auch noch das Gefühl zu geben, ihn für den größten lebenden Autor überhaupt zu halten – das erklärt, psychologisch sehr differenziert, die Hintergründe seines Erfolgs. Bernhard lockt ihn immer wieder in böse Hinterhalte. Er fügt ihm schmerzliche Wunden zu. Aber Unseld hält stand. Und steigert die Auflage.
Unseld bereitet Bernhard den Weg als Theaterautor und vermittelt den folgenschweren Kontakt zu Claus Peymann. Auch für den Büchner-Preis, den Bernhard schon 1970 erhält, gratuliert Unseld vielsagend „Ihnen und mir”. Vom „lieben Herrn Bernhard” steigert sich die Anrede aber nur zum „lieben Thomas Bernhard”, vereinzelte Versuche mit einem „lieben Thomas” bleiben einsam in der Luft hängen. Bernhard wiederum zieht den Verleger mit „Lieber Doktor Unseld” in seinen österreichischen Kosmos hinein, man muss sich diese „Doktor”-Anrede am ehesten höhnisch-näselnd vorstellen. Gelegentliche Stimmungsschwankungen und Geldbedürfnisse lassen aber auch manchmal ein „Lieber Siegfried Unseld” zu.
Der einzigartige Sensations-, Skandal- und Erfolgsweg Bernhards ist hier noch einmal en detail zu verfolgen – bis hin zur legendären „Heldenplatz”-Premiere 1988 im Burgtheater. Doch parallel dazu findet das Psychodrama zwischen Bernhard und Unseld statt, es gibt keinen Unterschied zwischen Öffentlichkeit und Privatheit. Früh schon bekennt Bernhard, die „Arbeit” sei „meine einzige Freude, meine größtmögliche Unzucht”. Er beklagt immer wieder die „agronomische Schläue” des Unternehmers Unseld, der wiederum aufstöhnt: „Das ist der geschickteste und raffinierteste Brief, den mir je ein Autor zugesandt hat.”
Meist vergeblich sind verlegerische Beschwörungen wie „Ich bitte Sie, meiner Erfahrung wenigstens einmal in diesem Punkt zu vertrauen.” Vor der Wahl des Titels „Verstörung” warnt Unseld mehrfach, ein Buch mit diesem Titel würde keiner kaufen. Bernhard ficht das nicht an, und als der Verkauf bei 1800 Exemplaren angekommen ist, zetert er: „Selbst wenn ich ganz alleine mit meinem Rucksack durchs Land ginge, verkaufte ich in vier Wochen sicher mehr.”
Natürlich hätte es Bernhard am liebsten, wenn es gar keinen anderen Suhrkamp-Autor außer ihm gäbe; die „Bibliothek Suhrkamp” immerhin blockiert er fast mit seiner unbändigen Produktion. Als Unseld es wagt, angesichts von Martin Walsers „Brandung” 1985 ein großangelegtes Bestseller-Marketing zu starten, fordert Bernhard für sich mindestens so starke Kampagnen: „Sie haben in meinen Rolls-Royce nur einen Liter Normalbenzin gegossen und ihn stehen lassen, während Sie in den Opel-Kadett Ihres Freundes vier bis fünf Zusatztanks haben einbauen und mit Superbenzin haben anfüllen lassen.” Auch die Konkurrenz zwischen den beiden österreichischen Hegemonialautoren Bernhard und Handke nimmt gelegentlich köstliche Ausmaße an.
Dieser Briefwechsel hat eine ganz besondere Dramaturgie, wie von höherer Hand, sie scheint eher von Shakespeare entworfen zu sein als vom deutschsprachigen Literaturbetrieb. Der große Vertrauensbruch Bernhards, seine autobiographischen Werke (angefangen mit der „Ursache”) im Salzburger Residenz-Verlag zu veröffentlichen, zieht sich wie ein schicksalsträchtiges Leitmotiv durch die Zeitläufte. Es kulminiert folgerichtig im Finale, ästhetisch so brillant, dass man fast vergisst, es mit harten biographischen Fakten zu tun zu haben. Den ersten „Residenz”-Band 1975 widmet Bernhard Unseld noch mit dem Satz: „Ich gehe nie mehr fremd!” Er findet jedoch mit der Zeit öfter Gefallen daran, er weiß, wo es weh tut. Immer wieder dringt Unseld darauf, dass Bernhard die Rechte der Residenz-Veröffentlichungen Suhrkamp zuspreche, immer wieder geht Bernhard scheinbar darauf ein – bis, wie aus heiterem Himmel, Bernhard in seinem vorletzten Brief am 20. November 1988 nebenbei mitteilt, er habe Residenz schon wieder ein neues Manuskript übergeben.
Das ist für Unseld zu viel. Nach fast 30 Jahren zähen Kampfes scheint er, in seinem letzten Telegramm an den Autor, die Waffen zu strecken: „Ich kann nicht mehr.” Bernhards Antwort, der letzte Brief des Bandes, wartet mit einer teuflischen Schlusspointe auf: „Ich war sicher einer der unkompliziertesten Autoren, die Sie jemals gehabt haben.” Doch am 28. Januar 1989, kurz vor Bernhards Tod am 12. Februar, treffen sich die beiden noch einmal in Salzburg. Unselds Sekretärin Burgel Zeeh, die all die Jahre hindurch eine wichtige Rolle als Ansprechpartnerin spielt, hat Unseld mitgeteilt, Bernhard gehe es sehr schlecht, er möchte ihn noch einmal sehen. In seiner „Chronik” hält Unseld fest: „Er spielte den reizenden und witzigen Charmeur.”
HELMUT BÖTTIGER
THOMAS BERNHARD/SIEGFRIED UNSELD: Der Briefwechsel. Hg. von Raimund Fellinger, Martin Huber und Julia Ketterer. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009. 869 Seiten, 39,80 Euro.
Was wir machten, war nichts anderes als eine Szene aus einer Komödie von Thomas Bernhard
Männer von agronomischer Schläue: Thomas Bernhard und Siegfried Unseld in der Nähe von Gmunden, wo Bernhard ein Haus besaß. Foto: Suhrkamp Verlag
Verbunden durch fast dreißig Jahre eines zähen Kampfes: Thomas Bernhard (li.) und sein Verleger Siegfried Unseld. Fotos (2): Brigitte Friedrich/Teutopress
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Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Dieses Hörbuch hat in Wilhelm Trapp einen begeisterten Hörer gefunden, der in dem Hörstück, das seinen Informationen zufolge auf 500 Briefen der insgesamt 900 Seiten starken Druckfassung ein "letztes, unentdecktes" Thomas-Bernhard-Drama sieht. Dies ist seiner Ansicht nach nicht nur der Dramaturgie von Ruthard Stäblein und Götz Fritsch zu verdanken, sondern auch den beiden Sprechern: Peter Simonischek als Bernhard und Gert Voss als sein Verleger Siegfried Unseld. Beide lieferten sich ein "fantastisches Gefecht paradoxer Provokation", jubelt Trapp, die die "theatrale Lust", die bereits die Briefe zum Ausdruck bringen, zu tobenden Gefühlsduellen aufreizen würden. Bernhard-Simonischek "stets erhitzt, tiradierend, unverschämt" und Unseld-Voss abfedernd, jedes Wort mit Netz und doppeltem Boden aussprechend.

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