The Uncommon Reader - Bennett, Alan
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Ein sozial-politische Satire: Die Queen gerät in ein Lesemobil. Wer hätte gedacht, dass Lesen politische Krisen entfacht?

Produktbeschreibung
Ein sozial-politische Satire: Die Queen gerät in ein Lesemobil. Wer hätte gedacht, dass Lesen politische Krisen entfacht?
  • Produktdetails
  • Verlag: Profile Books; Faber & Faber, London
  • Seitenzahl: 121
  • Erscheinungstermin: Juli 2008
  • Englisch
  • Abmessung: 179mm x 112mm x 13mm
  • Gewicht: 98g
  • ISBN-13: 9781846681332
  • ISBN-10: 1846681332
  • Artikelnr.: 23538699
Autorenporträt
Alan Bennett, 1934 in Leeds geboren, wurde bekannt durch seine TV-Comedy-Revue Beyond the Fringe. Er ist einer der populärsten britischen Dramatiker. Neben zahlreichen Theaterstücken und seinen Arbeiten für Fernsehen und Rundfunk schreibt Bennett seit Mitte der neunziger Jahre auch Prosa, unter anderem den Erfolgstitel Die souveräne Leserin. Elf weitere Titel sind bei Wagenbach lieferbar. Allein in Deutschland erreichten seine Bücher Auflagen von über einer halben Million Exemplaren.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 17.09.2008

Die einzige Demokratin im Land
Alan Bennetts herrliche Hommage an Elizabeth II. und die Literatur
1998, als Diana zu Grabe getragen wurde, waren die Briten von ihrer Monarchin schwer enttäuscht. Eine Weile lang hatte „die Königin der Herzen” die echte ausgestochen, die als kalt und elitär gebrandmarkt wurde. Der linksliberale Guardian plädierte damals in einer Kampagne für die Abschaffung der Monarchie. Vergeblich. Der Buckingham-Palast hat den Sturm im Wasserglas ausgesessen. Hier und da wurden die offiziellen Auftritte der Queen volksnäher gestaltet, sehr viel mehr war nicht nötig. Stephen Frears’ Film „Die Queen” von 2006, in dem Elizabeth II. als warmherzig-bodenständige Frau gezeigt wird, tat dann ein Übriges. Die britische Monarchie ist nicht in Gefahr. Frears’ Film mag es gewesen sein, der Alan Bennett ein Jahr später zu einer seiner schönsten Erzählungen inspirierte.
Frears zeigt die Queen als eine Frau, die für einen totgeschossenen Zwölfender Mitleid empfindet. Bennett geht darüber weit hinaus: Er lässt sie zur Leseratte werden. „Die Hunde waren schuld.” Die Corgies rennen nämlich zu einem Platz vor dem Hintereingang des Buckingham-Palastes, wo der Bücherbus der Stadtteilbibliothek geparkt hat und auf Kundschaft wartet. Die Queen, den geliebten Hunden auf den Fersen, sieht sich genötigt, dem Busbibliothekar und dem einzigen Leser, einem Küchenjungen der Palastküche, mit der formalen Liebenswürdigkeit zu begegnen, die sie jedem einzelnen ihrer Untertanen schuldet. Sie lässt sich ein Buch schenken, findet es todlangweilig, fühlt sich aber bemüßigt, eine Woche später bei dem Bus wieder aufzutauchen – unhöflich wäre es, wenn sie nicht Interesse heuchelte. Deshalb entleiht sie nun ganz regulär ein weiteres Buch. Weil sie von Literatur keine Ahnung hat, lässt sie sich von dem Küchenjungen, der auch wieder da ist, bei der Auswahl beraten. Der Küchenjunge ist allerdings schwul und frequentiert den Bücherbus, weil er nach erotischer Anregung sucht.
Die Geschichte, die sich nun entspinnt, ist von grandioser Komik, von großer psychologischer Finesse und von Ingo Herzke kongenial übersetzt. Bennett, der Drehbuch- und Theaterschriftsteller, beherrscht das Handwerk des Pointensetzens aus dem Effeff. Er gehört zu den britischen Autoren, deren Werke von der genauen Kenntnis der verschiedenen gesellschaftlichen Klassen und ihres Habitus leben. Hier trifft nicht nur die Welt der Monarchie auf die der Arbeiterklasse. Es trifft auch die Queen auf eine Welt, die sie bisher überhaupt nicht kannte: die der Bücher.
Die feinen Unterschiede
Mit Jane Austen zum Beispiel kann sie zunächst gar nichts anfangen. Bennett erklärt das ironisch einfühlsam: „Die Essenz der Kunst Jane Austens liegt in feinsten gesellschaftlichen Distinktionen, und von der einzigartigen Warte der Queen aus waren diese Unterscheidungen nur schwer auszumachen.” Bis sie zu lesen begonnen hat, ist ihr Blick auf die Gesellschaft simpel gewesen – hier steht sie, dort stehen ihre Untertanen: „für sie war eines jeden Name ohne Bedeutung, wie übrigens auch alles andere, Kleidung, Sprache, Klassenzugehörigkeit. Sie war eine echte Demokratin, vielleicht die einzige im ganzen Land”.
Je mehr die Queen liest, desto differenzierter lernt sie, ihre Umgebung zu betrachten, und desto neugieriger wird sie auf immer neue Bücher. Auch auf der festlichen Kutschfahrt zur alljährlichen Parlamentseröffnung liest sie – „das gleichzeitige Lesen und Winken beherrschte sie inzwischen recht gut, es kam nur darauf an, das Buch unterhalb der Fensterkante zu halten”. Ihre royalen Pflichten gehen ihr zunehmend auf die Nerven. Zu ihren Terminen kommt sie unpünktlich, und sie absolviert sie zunehmend nachlässig, was sich vor allem daran zeigt, dass sie ihre vermeintlich spontanen öffentlichen Äußerungen, zu denen sie sich mit großer Disziplin bisher regelmäßig aufgerafft hat, nun unterlässt. Außerdem hat sie ein schlechtes Gewissen, weil sie sich ihre Freude am Lesen nicht zu einer Pflichterfüllung zurechtzureden vermag. Sie entdeckt, dass lesen riskant ist, weil es dazu führen kann, dass der Mensch nicht mehr reibungslos angepasst funktioniert. Je öfter sie sich kenntnisreich über Jean Genet oder Marcel Proust oder Thomas Hardy äußert, desto gewisser sind ihre Höflinge: Die Königin scheint geistig abzubauen. Ist sie vielleicht ein Alzheimer-Fall?
Am Ende belehrt sie alle eines Besseren und bleibt dabei doch die Anarchistin, die sie durch ihre Lektüre geworden ist. Dann werden die Höflinge und die Leser entlassen – mit dem einnehmenden Lächeln, das eine Spur zu intensiv ist, um noch einladend zu wirken, und einem jedem unmissverständlich zu verstehen gibt, dass die Audienz beendet ist. FRANZISKA AUGSTEIN
ALAN BENNETT: Die souveräne Leserin. Aus dem Englischen übersetzt von Ingo Herzke. Wagenbach Verlag, Berlin 2008. 115 Seiten, 14,90 Euro.
Erst lesend begreift Ihre Majestät, dass es Klassenunterschiede gibt: Szene aus Stephen Frears Filmkomödie „The Queen”mit Helen Mirren als Queen Elizabeth II. Foto: Concorde/Cinetext
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For all its hilarity The Uncommon Reader has a heartfelt tone. It offers a lament on old age, some thoughts on reticence and a backward glance at a life wasted. Sunday Times

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 20.01.2008

Ein Königreich für lauter Bücher
Der englische Autor Alan Bennett hat sich ausgemalt, was wäre, wenn Queen Elisabeth II. spät berufen zu einer fanatischen Leserin würde

Das Buch, um das es hier geht, ist bisher nur auf Englisch erschienen, aber es ist so einfach zu verstehen und auch so angenehm kurz, dass das eigentlich niemanden abschrecken muss. Es ist eine fiktive Geschichte, a novella, in deren Mittelpunkt die tatsächliche Königin von England steht, Elisabeth II., die hier, mit über siebzig Jahren, das Lesen entdeckt.

Eigentlich sind die Hunde schuld. Anstatt wie sonst ihre Ausflüge in den königlichen Garten über die Vordertreppe zu beenden, streunen sie eines Tages die Terrasse entlang und verirren sich vor den Küchentrakt, von wo die Königin ihr Kläffen vernimmt. Als sie hinzukommt, sieht sie, dass dort die mobile Leihbücherei der City of Westminster parkt. Neugierig wirft sie einen Blick hinein, und einmal eingestiegen, verlangt es ihr Pflichtgefühl von ihr, sich auch ein Buch auszuleihen. Sie entscheidet sich für ein Werk von Ivy Compton-Burnett, einer Verfasserin britischer Gesellschaftsromane, an deren seltsame Frisur sie sich noch gut erinnert, weil sie sie einmal zur Freifrau ernannt hat.

Ihre Majestät hatte sich bis dahin noch nie fürs Lesen interessiert - ihre Liebe gilt, wie die Welt weiß, ihren Hunden und der Jagd. Aber wo sie das Buch nun einmal ausgeliehen hat, liest sie es auch, und sie liest es ganz, obwohl sie keinen Gefallen daran findet, aber was sie einmal anfängt, führt sie auch zu Ende, und im schlimmsten Fall tut sie es eben für England. Als sie das Buch eine Woche später zurückgibt, findet sie, die Höflichkeit gebietet es, ein weiteres zu entleihen. Diesmal fällt ihre Wahl auf "The Pursuit of Love" ("Englische Liebschaften") von Nancy Mitford, deren Familie sie kannte. In dieser Nacht hört der Prinzgemahl sie nachts im Nebenschlafsaal laut lachen, am nächsten Tag meldet sie sich erkältet, um weiterlesen zu können, das hatte es noch nie gegeben: um die Königin ist es geschehen.

Der englische Dramatiker, Schriftsteller und Schauspieler Alan Bennett, 73, den man hierzulande vor allem durch sein Theaterstück "Die Lady im Lieferwagen" kennt, erzählt in "The Uncommon Reader" eine ganz und gar unwiderstehliche Geschichte: Was wäre, wenn Queen Elisabeth II. sich in eine unersättliche Leserin verwandeln würde, die oberste Leserin des englischen Königreichs? Mit einem liebevollen Blick, der an den von Stephen Frears' Film "The Queen" erinnert, erfindet er Szenen, die die Königin als Mensch zeigen, der sie aller Wahrscheinlichkeit nach ist. Sie liest Romane, Sachbücher, Biographien, liest themenbezogen, auf Empfehlung oder gut Glück. Mit der Zeit entwickelt sie einen sicheren Geschmack, sie hasst es, wenn ein Autor nicht auf den Punkt kommt, als sie Henry James liest, entfährt ihr ein lautes: "Oh, nun mach endlich hin."

Ihr Lesen hat aber auch etwas Trauriges. "Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie das Gefühl, einiges verpasst zu haben. Sie hatte über eins der vielen Leben von Sylvia Plath gelesen und war eigentlich ziemlich froh, das meiste davon verpasst zu haben, aber als sie die Memoiren von Lauren Bacall las, konnte sie sich dem Gefühl nicht verwehren, dass Ms. Bacall einen besseren Bissen von der Karotte abbekommen hatte, und zu ihrer leichten Verwunderung bemerkte sie einen Anflug von Neid."

Um die vielen Jahre wiedergutzumachen, in denen sie nicht gelesen hatte und die sie nun als verloren betrachtet, liest sie, so viel sie nur kann. Sie liest sogar bei öffentlichen Auftritten im Auto, wofür sie sich den Trick angewöhnt, während des Winkens die Augen gesenkt zu halten und heimlich in einem Buch zu lesen, das auf ihren Knien liegt. Mit Bedauern denkt sie an all die Bankette und Empfänge zurück, bei denen sie mit Schriftstellern oder deren Biographen zusammenstand und um Gesprächsthemen verlegen war. Was hätte sie die alles fragen können. Inzwischen sind die meisten tot.

Nach und nach macht sich ihre Veränderung auch äußerlich bemerkbar. Den Hofangestellten fällt auf, dass Ihre Majestät nachlässiger mit ihrer Kleidung wird - es kommt jetzt vor, dass sie zweimal hintereinander dasselbe trägt -, sie verspätet sich, früher undenkbar, und wird immer öfter mit einem Notizbuch gesehen, in das sie sich eifrig irgendwelche Dinge notiert. Weil niemand sich vorstellen kann, was um Himmels willen die Queen sich notieren müsste, vermutet der Stallmeister, dass sie an Alzheimer erkrankt ist und sich Gedächtnisstützen aufschreibt.

Bennett zeichnet die Queen als patente ältere Dame mit gutem Mutterwitz und Intelligenz. Als der französische Außenminister bei einem Empfang nicht gleich weiß, wer Proust ist, hilft sie ihm so auf die Sprünge: "Fürchterliches Leben, armer Mann. Offenbar ein Märtyrer für Asthma, und wirklich jemand, dem man gerne gesagt hätte, ,Komm, nun zieh dir mal die Socken hoch.' Aber von solchen wimmelt es ja in der Literatur." Bei ihren wöchentlichen Zusammentreffen gibt sie dem Premierminister nun Lesetipps. Als er einmal schrecklich langweilig über den Mittleren Osten doziert, rät sie zu einem Buch über Ur, die Wiege der Zivilisation, das er natürlich nicht liest - ihn nervt die neue Leidenschaft der Königin genauso wie die meisten anderen Menschen in ihrer Umgebung. Denn das Lesen verändert sie. Aus einer leicht autistischen Figur der Zeitgeschichte, die alles Mögliche huldvoll hinnahm, wird eine Frau mit Einfühlungsvermögen, Einsicht und eigenen Ideen. Alan Bennett hat ein rührend komisches Buch über das Glück des Lesens geschrieben. Es zu lesen, macht glücklich.

JOHANNA ADORJÁN

Alan Bennett: "The Uncommon Reader". Verlag Farrar Straus Giroux, 128 Seiten, 9,95 Euro

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