Hier bin ich (DAISY Edition), 1 MP3-CD - Foer, Jonathan Safran
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Das ist eine DAISY-Ausgabe, ein Hörbuch in einem speziellen MP3-Format. Verpackt ist es in einer Amaray/DVD-Box mit Punktschriftaufkleber für Blinde und Sehbehinderte Hörer. Das Hörbuch gibt es darüber hinaus inhaltsgleich auch in einer Audio-CD-Ausgabe.
Julia und Jacob haben sich auseinandergelebt, doch wie könnten sie sich einfach trennen, ohne dass ihre drei Söhne darunter leiden oder gar sie selbst? Lieber diskutieren sie alle Szenarien tagelang durch und kümmern sich aufopferungsvoll um den inkontinenten Hund und die bevorstehende Bar Mitzwa des Ältesten. Als die israelische…mehr

Produktbeschreibung
Das ist eine DAISY-Ausgabe, ein Hörbuch in einem speziellen MP3-Format. Verpackt ist es in einer Amaray/DVD-Box mit Punktschriftaufkleber für Blinde und Sehbehinderte Hörer. Das Hörbuch gibt es darüber hinaus inhaltsgleich auch in einer Audio-CD-Ausgabe.

Julia und Jacob haben sich auseinandergelebt, doch wie könnten sie sich einfach trennen, ohne dass ihre drei Söhne darunter leiden oder gar sie selbst? Lieber diskutieren sie alle Szenarien tagelang durch und kümmern sich aufopferungsvoll um den inkontinenten Hund und die bevorstehende Bar Mitzwa des Ältesten. Als die israelische Verwandtschaft bei ihnen in Washington D. C. eintrifft, ereignet sich plötzlich ein katastrophales Erdbeben im Nahen Osten und die Ereignisse überschlagen sich. Jacob wird mit den Forderungen seines israelischen Cousins, er müsse für "seine Heimat" kämpfen, unter Druck gesetzt. Ist die Ehe noch zu retten, wenn er nun endlich einmal seine gewohnten Pfade verlässt? Und wie können wir all die Rollen, die wir zu spielen haben, glaubhaft unter einen Hut bringen?
  • Produktdetails
  • Verlag: Argon
  • Gesamtlaufzeit: 630 Min.
  • Erscheinungstermin: 27. Februar 2017
  • ISBN-13: 9783839852750
  • Artikelnr.: 44956605
Autorenporträt
Foer, Jonathan Safran
Jonathan Safran Foer ist der Autor der preisgekrönten Bestsellerromane "Alles ist erleuchtet" und "Extrem laut und unglaublich nah" sowie dem Sachbuch-Bestseller "Tiere essen". Er lebt in New York.

Ahrens, Henning
Henning Ahrens lebt als Schriftsteller und Übersetzer in Frankfurt am Main. Er veröffentlichte die Lyrikbände 'Stoppelbrand', 'Lieblied was kommt' und 'Kein Schlaf in Sicht' sowie die Romane 'Lauf Jäger lauf', 'Langsamer Walzer' und 'Tiertage'. Für S. Fischer übersetzte er Romane von Richard Powers, Kevin Powers, Khaled Hosseini. Zuletzt erschien 'Glantz und Gloria. Ein Trip', 2015, der mit dem Bremer Literaturpreis ausgezeichnet wurde.

Herbst, Christoph Maria
Christoph Maria Herbst verkörpert u.a. die Titelfigur in der Serie "Stromberg", für die er den Deutschen Fernsehpreis, den Grimme-Preis, den Bayerischen Fernsehpreis und siebenmal den Deutschen Comedypreis erhielt. Als Hörbuchsprecher ist er eine Klasse für sich.
Rezensionen
Besprechung von 10.11.2016
Die Zahnfee wohnt hier nicht mehr

Kernschmelze bei den Eltern - und dann? Der amerikanische Autor Jonathan Safran Foer erzählt in "Hier bin ich" eine jüdische Familiengeschichte vor dem Hintergrund der Zerstörung Israels.

Zu Beginn der Zerstörung Israels", so hebt der neue Roman von Jonathan Safran Foer an, zu Beginn der Zerstörung Israels also "überlegte Isaac Bloch, ob er sich umbringen oder ins jüdische Seniorenheim gehen sollte".

Isaac ist der Patriarch der Familie Bloch, dessen galizische Verwandtschaft von den Nationalsozialisten nahezu vollständig ausradiert wurde. Nur er und sein Bruder hatten wie durch ein Wunder überlebt. Während der Bruder nach Israel ging, verschlug es Isaac nach Washington. Und eigentlich hatte er jetzt nur noch einen Wunsch: lange genug mit dem Leben durchzuhalten, um die Barmizwa seines Urenkels noch erleben zu können. Doch die steht wenige Tage vor dem großen Ereignis ohnehin zur Disposition, noch ehe ein Erdbeben und die gesamte arabische Welt Israel in die Knie zwingen und Isaacs Pläne damit über Bord werfen werden. Denn auch in der Familie Bloch hat sich etwas zugetragen, dessen Auswirkungen Isaacs Urenkel Sam immerhin mit den Folgen der Zerstörung des japanischen Reaktors vergleicht: Sams Eltern Jacob und Julia, Isaacs Enkel, wollen sich scheiden lassen.

Von der Unvereinbarkeit der Katastrophen, einer geopolitischen und einer häuslich-privaten, handelt der explosive Roman "Hier bin ich", dessen Titel auf das Buch Genesis zurückgeht. Freilich konnte man Jonathan Safran Foer noch nie vorwerfen, als Autor großen Themen aus dem Weg zu gehen. In seinem Romandebüt "Alles ist erleuchtet" (2002, deutsch 2003) verhandelte er in experimenteller Erzählform den Holocaust, "Extrem laut und unglaublich nah" erzählte 2005 von einem Jungen, der durch den 11. September seinen Vater verlor. Mit "Hier bin ich" will der 1977 in Washington geborene Schriftsteller nach elfjähriger Romanpause nichts Geringeres als eine Great American-Jewish Novel schreiben. Daran muss er sich messen lassen.

Im Kern umkreist sein Buch die Frage, was es für amerikanische Juden heute bedeutet, jüdisch zu sein. Ist es eine Frage der Religion oder der Kultur, der Erziehung oder der Vorliebe für einen bestimmten Humor? Und natürlich steht da wie ein Elefant im Raum immer auch die Frage: Wie hältst du es mit Israel?

Dass die jährlich auch in dieser Washingtoner Familie zum Pessach-Seder-Fest ausgesprochene Formel "Nächstes Jahr in Jerusalem" zum Allgemeinplatz, das versprochene Land zur Plattitüde verblasst ist, diesen Gedanken wirft der Roman ein ums andere Mal auf. Tatsächlich bleibt die eingangs erwähnte Zerstörung Israels jedoch die folgenden dreihundert Seiten zunächst unerwähnt - denn "Hier bin ich" entpuppt sich viel mehr denn als die dystopische Ausmalung eines gar nicht so unvorstellbaren Flächenbrands im Nahen Osten als ein gerade für Foer überraschend konventionell erzählter Scheidungsroman aus dem bürgerlichen Milieu rund um den Washingtoner Cleveland Park.

Im Zentrum stehen die Eheleute Jacob und Julia sowie deren blankes Entsetzen, als sie erkennen, dass ihnen in ihrem geschmackvollen Haus in der Newark Street das Glück abhandengekommen ist. Die Lücke zum Glück sind die häusliche Routine und ein Familienalltag, der wie ein schwarzes Loch all das, was einst mit großartigem Sex und der Geburt von drei Söhnen so verheißungsvoll begann, verschluckt hat. Foer schreibt gegen Tolstois berühmten Satz an, wonach sich alle glücklichen Familien ähnelten, aber jede unglückliche Familie auf ihre besondere Art unglücklich sei. Bei ihm gleichen "alle glücklichen Morgen einander, wie auch alle unglücklichen Morgen". Weil alle Bemühungen, ihm vorzubeugen, das Gegenteil bewirkten, weil sich "das Universum aus irgendeinem rätselhaften, überflüssigen, unfairen Grund gegen die harmlose Abfolge von Kleidern, Frühstück, Zähnen und nervigen Haarwirbeln, Rucksäcken, Schuhen, Jacken und Abschieden verschworen hat".

Mit viel Detailkenntnis und furiosem Humor erfasst der selbst unlängst von der amerikanischen Autorin Nicole Krauss geschiedene Foer das Drama der Mittelklasse. Jacob, der erfolgreiche wie unablässig hadernde Autor einer Fernsehsitcom, und seine Frau Julia, die als Architektin noch nie ein Haus gebaut hat, dafür als Dekorateurin die Villen ihrer vermögenden Kundschaft einrichtet, gehören jener urbanen Spezies an, die sich aus Prinzip gegen Konventionen stemmt, um dann verblüfft festzustellen, wie konventionell sie geworden ist: Längst haben auch Jacob und Julia Zweitwagen, Steuerberater und Doppelwaschbecken. Und während sie stets wissen, was am besten ist (Miele-Staubsauger, Vitaminmixer, Misono-Messer), freudianische Mengen von Sushi verputzen und ihren zehnten Hochzeitstag mit einem Ausflug in eine Weinkellerei verbinden, die sie auf "Remodelista", der Internetseite für bewusstes Leben, gefunden haben, wissen sie der allmählichen Verfremdung nichts entgegenzusetzen. So weit, so ähnlich, Zahnfee inklusive.

Was hier beschrieben wird, die suburbia tristesse, ist weder neu noch originell. "Es hatte weder Tätlichkeiten noch Grausamkeiten gegeben, nicht einmal Gleichgültigkeit", heißt es einmal: Der Ursprung der Misere war Nähe, "die Unfähigkeit, ein Schamgefühl zu überwinden". Julia kann die Fingernägel Neugeborener mit den Zähnen stutzen, aber ihren Mann nicht mehr anfassen. Und Jacob, der den Kindern das Lesen beibringt, weiß nicht mehr, wie er seine Frau ansprechen soll.

Dabei wird in diesem Roman gesprochen, was das Zeug hält. Darin liegt seine unheimliche Rasanz. Vier Generationen Bloch reden, bis auf Isaac, unaufhörlich, siebenhundert Seiten lang. Es ist ein nicht enden wollendes, komisches, sehnsüchtiges, irrwitziges Geplapper und Gezeter, ein Streiten und Abwägen, wiedergegeben häufig in Dialogen, Monologen, Internet-Chats, Spielekommentaren und Nachrichtenabschriften, ein Tohuwabohu, in dem sich Jonathan-Franzen-Interieurs mit Woody-Allen-Figuren und der Sexbesessenheit Philip Roths verbinden. Während Jacobs Vater Irv alle Gespräche zielsicher in politische Leitartikel münden lässt, flüchten die anderen, wenn es ernst wird, in ihre Innenwelten, die sie ganz nach Gusto tapezieren können: Der sensible Sam, der so vieles begreift, noch ehe es den Erwachsenen dämmert, beschäftigt sich im virtuellen Paralleluniversum von "Other Life" lieber mit der Latina Samantha, einem weiblichen Avatar, den er geschaffen hat. Auch Jacob führt mittels seines Zweithandys im dirty talk mit einer Fernsehkollegin ein Eigenleben. Und agiert dort als jener sexbesessene Macho, der er im echten Leben nicht sein kann.

Die Diaspora, von der dieser Roman erzählt, ist nicht nur in Washington, D.C. zu verorten, sondern findet sich überall: im Internet, im Möbelhaus oder in den gedanklichen Fluchten, die Julia vor den Anforderungen als überlastete Mutter und gelangweilte Ehefrau immer wieder unternimmt. Das Hier ist dabei von zentraler Bedeutung. "Hier bin ich", antwortete Abraham, als Gott ihn rief, seinen Sohn zu opfern. Abraham sagte nicht ,Ja?", wie Sam weiß, und fragte nicht "Was willst du?", sondern war für ihn da. Sam denkt über die biblische Szene nach, weil er sich verraten fühlt.

Sams Eltern wollen ihm nicht glauben, dass der Zettel mit den Schimpfwörtern und rassistischen Ausdrücken, den sein Lehrer gefunden hat, nicht von ihm stammt. Doch selbst wenn, meint der Junge, sollten sie für ihn da, also hier sein, statt zu fragen, was er angestellt habe. "Sie hätten sich auf meine Seite stellen sollen, weil ich ihr Kind bin."

Wer sich auf wessen Seite stellt oder nicht - Eltern und Kinder, wenn der inkontinente Hund eingeschläfert werden muss, Enkel und Großväter, wenn Letztere nicht ins Altersheim wollen, amerikanische Juden und Israel, wenn es angegriffen wird -, das alles verhandelt der Roman in all der Widersprüchlichkeit und Unauflöslichkeit seiner Sujets. Da steckt rasend viel Witz und Wahrheit und Verve drin. Und dann wundert man sich, dass Foer, dessen voriges Buch "Tiere essen" von vegetarischer Lebensweise handelte, hier nicht umhinkommt, Sätze unterzubringen, die wie Kalenderweisheiten klingen. Kaum eine Seite, auf der sich nicht ein Sinnspruch finden ließe wie: "Die Suche nach dem Glück ist die Flucht vor der Zufriedenheit", was gleich mehrmals zitiert wird, "Das falsche Leben zu leben ist schlimmer, als den falschen Tod zu sterben" oder "Das Leben wird von einem Ereignis zu einem Prozess". Ja, selbst der Avatar Samantha sagt: "Was um Himmels willen musste passieren, damit ein rundum gutes menschliches Wesen gesehen wurde? Nicht bemerkt, sondern gesehen. Nicht gewürdigt, nicht geschätzt, nicht einmal geliebt. Sondern wirklich gesehen."

Die Ambivalenzen des modernen Lebens, an denen das Familienglück erstickt wie an einem vertrockneten Bagel, werden so detailliert ausgerollt, dass die eingangs angekündigte Apokalypse im Nahen Osten, die sich in der Mitte des Romans dann wirklich ereignet, nie mehr in den Vordergrund gelangt. Der Roman hat gar nicht den Anspruch, politisch zu sein. Das Krisen- und Kriegsszenario, die Millionen Flüchtlinge und Tote in Nahost, sie bleiben seltsam fern. Fast meint man, dass sie vor allem dazu dienen, Jacobs erbärmliche Ichbezogenheit, die Trivialität seiner Probleme in größtmöglichem Kontrast zu illustrieren. Es ist jedenfalls eine einseitige Sicht auf den Flächenbrand, gegen die Benjamin Netanjahu wohl nichts einzuwenden hätte, schon allein weil die Palästinenser oder das Dilemma des Staates Israel, nicht nur Zufluchtsort für Verfolgte, sondern auch Besatzer zu sein, kaum erwähnt werden.

Was den Washingtoner Blochs viel näher geht als die Zerstörung Israels, sind ihre eigenen Traumata, ein Unfall vor Jahren, bei dem Sam beinahe seinen Daumen verlor, und immer wieder die Frage, warum der Sex nicht mehr so gut sein kann wie früher. "Hier bin ich" ist ein Roman, der von der Unvereinbarkeit der großen Tragödien mit den kleinen Malaisen handelt. Dass Letztere mehr weh tun können als Erstere, das ist seine bittere Erkenntnis.

SANDRA KEGEL

Jonathan Safran Foer: "Hier bin ich". Roman.

Aus dem Englischen von Henning Ahrens. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016. 688 S., geb., 26,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 19.12.2016
Heftpflaster gegen Einsamkeit
Jonathan Safran Foer war der Jungstar des amerikanischen Literaturbetriebs, es folgten
eine Ehe, eine Affäre, eine Schreibkrise – und jetzt der Midlife-Crisis-Roman „Hier bin ich“
VON JÖRG HÄNTZSCHEL
Auch literarische Wunderkinder werden älter. Ihr Ruhm ist gewachsen, aber ihre Testosteronwerte sind gesunken. Sie haben inzwischen selbst Kinder bekommen, aber Haare verloren. Und weil sie ihren einst angehimmelten Ehefrauen immer weniger zu sagen haben, legen sie sich Zweithandys zu, zum Sexting mit ihren Freundinnen. Nein, die Rede ist nicht von Jonathan Safran Foer, sondern von Jacob Bloch, dem Helden in Foers neuem Roman „Hier bin ich“, dem ersten seit elf Jahren. Doch weil die ehemaligen Jungen auch notorisch vergesslich sind, lassen sie diese Handys gerne irgendwo liegen, und dann machen diese Handys vibrierend auf sich und neue Sex-Botschaften aufmerksam und fallen Ehefrauen in die Hände, und der ganze Betrug fliegt auf.
Genau das passiert Jacob Bloch, einem früher sehr ambitionierten, wenn auch wenig gelesenen Autor, der heute Skripts für eine Fernsehserie mit vier Millionen Zuschauern schreibt. Er heiratete die Architektin Julia, sie bekamen drei Söhne, kauften einen Saab, einen Volvo und ein üppiges Haus im Washingtoner Viertel Cleveland Park, in dem sie geschickt Mid-Century-Klassiker und Ikea-Möbel kombinieren. Doch das reichte nicht, um das Glück zu erhalten, das sie früher zusammen hatten. Es verflüchtigte sich. „Wie hatte aus all der Anwesenheit Abwesenheit werden können?“, fragt sich Jacob.
Seine Affäre ist also nur der Auslöser einer offenen Ehekrise, die unter der Oberfläche des Bilderbuch-Familienlebens schon seit Jahren wuchert wie ein Pilz. Foer umschleicht dieses Myze,l als sei es ein einzigartiges und geheimnisvolles Phänomen, doch der Leser möchte mehr als einmal während dieser 700 Seiten rufen: Habt ihr noch nie etwas von Midlife-Crisis gehört? Und davon, dass das Liebesleben in vielen Ehen nach 16 Jahren nicht mehr so aufregend ist wie im ersten? Klar, Julia, es war vielleicht ein Fehler, dass du deine Karriere den Kindern geopfert hast. Jetzt ist es schwer, wieder einzusteigen. Und Jacob, ja, in deinem Leben wird „nichts größer“, Du kämpfst nur noch darum, „dass nichts kleiner“ wird. Aber so geht es doch allen! Ihr fürchtet „die Leere, die ohne die Kinder eintrat“? Willkommen im Klub!
So altbekannt die Untiefen des mittleren Alters sind, so detailliert und authentisch sind sie hier beschrieben. Das alles hört sich so erlebt und erlitten an, dass man kaum anders kann, als dies nicht nur Foers Erzähltalent zuzuschreiben. Der Verdacht drängt sich auf, er erzähle seine eigene Geschichte. Auch Foer, der jetzt 39 ist, hat ja als Jungstar begonnen. 2002, mit 25, schrieb er den Weltbestseller „Alles ist erleuchtet“. 2005 folgte „Extrem laut und unglaublich nah“, eines der wenigen erfolgreichen 9/11-Bücher. Statt in Cleveland Park, dem Washingtoner Viertel für Familien, die ihre Hipness in die Bürgerlichkeit hinüberretten wollen, wohnt er im Brooklyner Pendant Park Slope. Auch er hat Kinder. Und auch bei ihm gab es privat Ärger. Seine in zahllosen Homestorys verklärte Glamour-Ehe mit der Schriftstellerin Nicole Krauss ging 2014 – über einer E-Mail-Affäre mit Natalie Portman – in die Brüche.
Doch die Parallelen gehen noch weiter. 2012 berichtete der Hollywood Reporter, Jonathan Safran Foer und der Schauspieler Ben Stiller planten für HBO eine Serie rund um die „täglichen und lebensverändernden Dramen einer jüdischen Familie in Washington“. Bald darauf wurde das Projekt mit dem Titel „All Talk“ eingestellt. Jetzt weiß man, was daraus wurde: Die Serie lebt in „Hier bin ich“ weiter und sie handelt von Jacobs eigener Familie. Schon seit Jahren strickt er an dieser Langzeitchronik, mit der er hofft, den Sprung vom Lohnschreiber zum Auteur zu schaffen. Foers Roman wiederum liest sich über weite Strecken wie ein Drehbuch. Das Skript der nie realisierten Serie? „All Talk“ wäre jedenfalls auch ein guter Titel für den Roman gewesen: Die Pingpong-Dialoge ziehen sich seitenlang hin. Und man hört beim Lesen fast, wie Foers Sentenzen – „Beschämung ist die Mutter aller Gefühle“ – aus dem Off gesprochen werden.
Diesen Eindruck verstärkt die Übersetzung noch, die über weite Strecken den bekannten Sound von lieblos synchronisierten Sitcoms hat, in denen Menschen immer „Ich schätze“ sagen. Doch schlimmer sind die Stilblüten und offensichtlichen Fehler: Mit dem schon im Original verqueren Satz „You’re lonely and I look like a Band-Aid“ ist etwas gemeint wie: Du bist einsam, und ich erscheine dir wie der Ausweg aus dieser Einsamkeit. Daraus wird hier, gnadenlos wörtlich übersetzt, das sinnfreie: „Du bist einsam, und ich sehe aus wie ein Heftpflaster“. „It isn’t rocket science“ heißt nicht „Ist doch keine Raketentechnik“, sondern „Ist doch nicht so kompliziert!“ Und eine „kneejerk reaction“ ist keine „kniereflexartige Antwort“, sondern eine übereilte, unüberlegte Reaktion. Maryland hat keine „Stadtverwaltung“, weil es ein Bundesstaat ist, und der „Mac Arthur Award“ ist kein „Orden“, sondern der wichtigste Preis für Künstler und Wissenschaftler in den USA.
Foers erste beide Bücher waren aus der Sicht von Kindern erzählt, Kunstkindern allerdings, die mehr sahen und zu sagen hatten als alle Erwachsenen. Foer hatte ein geschicktes Konstrukt erfunden: Er konnte mittels dieser Kinderperspektive seinen Hang zum Sentimentalen ausleben, sorgte aber mit allerlei postmodernen Tricks dafür, dass sich Kitschvorwürfe halbwegs entkräften ließen. In „Hier bin ich“, wo Foer erstmals aus der Sicht eines Erwachsenen erzählt, fehlt diese Differenz. Ego und Alter kommen zur Deckung, und statt der funkelnden Fantasie eines Kinderhirns erleben wir die allzu vertraute Larmoyanz eines Desillusionierten. Hier und dort bringt Foer noch die charmanten Ideen unter, für die er berühmt ist. Die Blochs sammeln Dinge, die innen größer sind als außen. Jacob hat sich als Kind nicht nur zum Spaß taub gestellt, sondern auch noch die Gehörlosensprache gelernt. Aber diese Ideen gehen zunehmend unter im Alltagseinerlei.
Doch wie immer bei Foer steht das Private auch hier im Schatten des Weltgeschehens. Jacob quält nicht nur seine zerbrechende Ehe, sondern auch sein ungeklärtes Verhältnis zum Judentum, eine permanente Quelle des schlechten Gewissens. Sein Urgroßvater Isaac verlor fast alle Angehörigen im Holocaust. Und auch in dieser Frage muss er sich nun bekennen: Es beginnt mit der Bar-Mizwa seines ältesten Sohns Sam, die nun vielleicht abgesagt wird, weil er mit rassistischen Sprüchen in der Schule auffiel. Dann kommt sein Cousin Tamir zu Besuch nach Washington und verlangt Loyalitätssignale für Israel.
Und weil das nicht reicht, greift Foer zum bewährten Theatertrick, dem deus ex machina. Er lässt in Israel die Erde beben, macht 20 Millionen Menschen zu Flüchtlingen und beschwört – hart an der Grenze zur Geschmacklosigkeit – einen apokalyptischen Konflikt herauf, gegen den sich der Syrienkrieg ausnimmt wie eine Wirtshausschlägerei. Jacob sieht in der drohenden Apokalypse vor allem die willkommene Gelegenheit, sich endlich als Mann und Jude zu beweisen. Nicht nur Julia verliert hier die Geduld mit ihm.
Mit Ben Stiller arbeitete
er an einer Serie für HBO,
das Projekt scheiterte
Elf Jahre hat Jonathan Safran Foer keinen Roman veröffentlicht.
Foto: Natan Dvir/Polaris/laif
Jonathan Safran Foer:
Hier bin ich. Roman.
Aus dem Englischen von Henning Ahrens. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016. 688 Seiten, 26 Euro. E-Book 22,99 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Eine lange Kritik, die Eva Behrendt da verfasst hat. Viel Licht wirft sie aber nicht auf diesen Roman. Vordergründig geht es um einen jüdisch-amerikanischen Schriftsteller, der mit Frau und zwei Kindern in Washington DC lebt und dessen Ehe auseinanderbricht. Und dann gehts um die Weltlage, ein Erdbeben im Nahen Osten. Beide Erzählstränge dienen, wenn man Behrendt richtig liest, vor allem dazu, die Identität des Autors zu schärfen, der ewig unentschlossen, abschweifend, kreisend eine Selbstbestimmung anstrebt. Inwiefern das gelingt, bleibt offen. Aber die totale Konzentration auf das eigene Ich, die Behrendt da beschreibt, klingt in ihrer Rezension doch sehr abtörnend.

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"Man lässt das Fahrrad stehen, um das Buch in der S-Bahn wieder aufzuschlagen, schleppt Hier bin ich überall hin. Es ist 700 Seiten dick, man fliegt hindurch wie im Rausch. Grund dafür sind die Dialoge und Gespräche. Oder besser: Es ist das Tempo dieser Gespräche, der Witz und die Schlagfertigkeit derer, die hier zu Wort kommen, lauter Helden der Ironie, die nie um eine Pointe verlegen sind [...]" Julia Encke Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung