Shomon. Das Tor der Klause zur Bananenstaude - Kikaku, Takarai; Kyorai, Mukai; Ransetsu, Hattori

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Produktdetails
  • Verlag: Dieterich'Sche Verlagsbuchhandlung
  • 2., verb. Aufl.
  • Seitenzahl: 223
  • Erscheinungstermin: Oktober 2000
  • Deutsch
  • Abmessung: 180mm x 110mm x 10mm
  • Gewicht: 183g
  • ISBN-13: 9783871620508
  • ISBN-10: 3871620505
  • Artikelnr.: 08928395
Rezensionen
Besprechung von 08.05.2003
Weiß der Atem der Spieler
Ekkehard Mays preisgekrönte Haiku-Übersetzungen
Der japanische Lyriker Matsuo Munefusa, genannt Bashô (1644-1694), war der unumstrittene Großmeister des Haiku. Kultisch verehrt schon zu Lebzeiten, gab er dem Kurzgedicht für Jahrhunderte sein spezifisches Gepräge. Auf seinen zahlreiche Wanderungen durch ganz Japan wurden Festbanketts für ihn veranstaltet, Lokalpoeten hefteten sich an seine Fersen; seiner Beisetzung im Tempel Gichûji am dunstumhüllten Biwa-See im Winter 1694 wohnten zweitausend Anhänger bei.
Zuvor hatten Hunderte von Berufs- und Hobbydichtern ans Tor von Bashôs Heim in Edo geklopft. Wer eintrat, durfte mit dem Meister dichten. Als Kettendichtung nämlich war die Haiku-Produktion nicht selten ein Gesellschaftsspiel, eine Gruppenübung, die später für Anthologien eine oftmals erhebliche Redaktion erfuhr. Eine typische Entstehungszeremonie ist überliefert: Bashô und sein Zirkel sitzen in der Stille des Hauses von Edo und blicken über die offene Veranda hinaus in den Garten, wo leichter Märzregen sanft zwei Kirschblüten vom Baume löst. Bashô lässt sich von Schweben und Plätschern inspirieren und offeriert zwei Zeilen, die vom Sprung eines Frosches und dem Geräusch bewegten Wassers handeln. Ein Schüler schlägt „Inmitten wilder Rosen” als Lösung für den Anfang vor. Bashô geht in sich, dann sagt er nach langem Schweigen das, was die Suche entgültig beendet: Der alte Teich / Ein Frosch springt hinein – / das Geräusch des Wassers. Ehrfürchtig sehen sich die Schüler an und nicken: Bashô hat in aller Klarheit und Weisheit die Wahrheit gesagt, sein Werk ist perfektgelungen. Bis heute ist dieses Weg weisende Haiku in Japan in aller Munde.
Wir dürfen uns Bashôs Garten als streng gerahmte Naturkomposition im Sinn des Zen-Buddhismus denken, dessen Vertreter sein Besitzer war: mit Teich, Insel und Berg als himmlischer Behausung im Vergänglichen. Ein Garten also, in dessen Wassern sich das gesamte Universum spiegelt und dessen sorgsam angelegte, mit mythischer Bedeutung gespickte Natürlichkeit in den Haiku- Meditationen Bashôs und seiner Schüler eine literarische Entsprechung fand. Komplexe Einfachheit und Detailverliebtheit nämlich waren auch hier ästhetisch Pflicht: Immer drei reimlose Zeilen mit 17 Silben im Verhältnis fünf-sieben- fünf, in denen jedes Wort in Alliterationen und Assonanzen mit eigenem Rhythmus sinnlich-sinnhaft glitzert. Fortan wurde das Schema von den Dichtern respektiert und eingehalten. Das Überraschende, Ungewöhnliche spielte sich zumeist in diesem starren Rahmen ab, im zarten Spiel mit den Konventionen.
In Bashôs Haiku-Garten fand sich ein Großteil jenes Inventars, das über zwei Jahrhunderte niemand so recht auszutauschen wagte: Kiefern und Fichten, Pflaumen-, Kirsch- und Pfirsichzweige, Chrysanthemen und Kamelien, Bambus, Sommergras und Vogelscheuchen, Schnecken und Libellen, Mäuse, Vögel, Frösche und Zikaden, deren Rascheln, Zwitschern, Krähen, Kuckuck, Quaken und Zirpen die Stille der Natur erst hörbar macht. Selbst die große Landschaft des japanischen Reisehaiku war im Kleinen da, mit Brücken, Nebeln, Wolken, Sturm und Schneegestöber, beschienen von Mond und Glühwürmchen gleichermaßen: vor allem aber der Wechsel der Jahreszeiten, den das Haiku als beständig wieder kehrenden Wandel diszipliniert in feste Formen presst.
Im Schatten von Bashôs Bäumen bildete sich so eine klassische Dichterschule aus: Shômon, benannt nach jener berühmten Bananenstaude (bashô), die sich vor der Klause des Meisters fand. Aus ihrem Kreis generierten Fans, in Anlehnung an die „Zehn Weisen” der Gruppe um Konfuzius, immer neue „Top Ten”. Die Namen auf den Bestenlisten variieren, drei kehren immer wieder: im Werden und Vergehen privilegierter Erben hat vor allem das Dreigestirn Takarai Kikaku (1661-1707), Mukai Kyorai (1651-1704) und Hattori Ransetsu (1654-1707) Bestand. Weitere Trabantenwaren im 17. und frühen 18. Jahrhundert Kagami Shikô, Naitô Jôsô, Sagiyama Sampû, Nozawa Bonchô, Hirose Izen, Morikawa Kyoriku – und Natô Jôsô (gest. 1704), mit dessen „Trauerarbeit” der eigentliche Bashô- Kult begann.
Die Werke dieser Zehnergruppe hat der Japanologe Ekkehard May in zwei Bänden aus der Versenkung hervorgeholt und blendend ins Deutsche übertragen: wundervoll präzise Kurzdichtung von artistischer Meisterschaft. Hier beweist sich, welch unterschiedliche Pfade man auch in Bashôs streng umzirkelten Garten gehen konnte: Am treuesten trat Kyorai in die Fußstapfen des Lehrers. Er propagierte Bashôs Poetik der Leichtigkeit („shôfû”) weit über dessen Tod hinaus. Die Nachricht von Bashôs Erkrankung allerdings wird nicht in leichte, sondern in düstre Metaphern existentieller Angst gefasst: Hingestreckt auf dem / Boot, zwischen Gepäckstücken – / such ich frierend Schutz.
Zedern auf einem Berg
Feinfühlig-unspektakulär zeigt sich in buddhistischer Demut Ransetsu, in dessen Dreizeiler über ein liebenswertes Insekt „hae” („Fliege”) als Jahreszeitenwort („kigo”) den Sommer assoziiert: Ein Reiskorn, das mir / auf der Wange klebte - ich / gab es der Fliege. Der Lebemann, notorische Trinker und Frauenheld Kikaku hingegen gibt sich mythologisch- hintersinnig, wie in jenem entzückenden Votivvers für den Sumiyoshi-Schrein, der eine winterliche Kulthandlung im Schein eines (nur durch den Kontext literarisch entzündeten) Holzfeuers aufflackern lässt: Nächtlicher Götterglanz – / Weiß der Atem der Spieler. / Hinter den Masken. Kikaku wagte es einmal sogar, im Gedicht Zedern auf einen Berg zu pflanzen: Bis dahin durften im Haiku-Garten an dieser Stelle nur Kiefern und Kirschbäume wachsen. Und auch den sieben Dichter des zweiten Bands gelangen eindringliche Vers- Bilder.
May hat jeder zarten Haiku-Pflanze eine ausführliche Erläuterung zur Seite gestellt und durch weitere „Annotationen” im Anhang ergänzt: Wie in modernen japanischen Ausgaben, die den Tokioter Großstadtleser durch das inzwischen überwachsene Geflecht früher allseits geläufiger Mehrdeutigkeiten führen. Zu Recht hat May für seine Arbeit den Übersetzerpreis der „Japan Foundation” erhalten. Erfrischend wirkt seine Übertragung vor allem da, wo sie das krampfhaft Verwachsene früherer Übersetzungen beschneidet und den Ballast falscher pathetischer Schmückungen aus den klaren, sprachlich schlichten Bildern fegt.
THOMAS KÖSTER
SHÔMON. Das Tor der Klause zur Bananenstaude. Haiku von Bashôs Meisterschülern Kikaku, Kyorai, Ransetsu. Aus dem Japanischen von Ekkehard May. Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung, Mainz 2001. 224 Seiten, 20 Euro.
SHÔMON II. Haiku von Bashôs Meisterschülern Jôsô, Izen, Bonchô, Kyoriku, Sampû, Shikô, Yaba. Aus dem Japanischen von Ekkehard May. Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung, Mainz 2002. 390 Seiten, 24 Euro.
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Noch bevor er sich der "vorzüglichen Anthologie" widmet, an der er dem Leser die komplexe Rhetorik dieses "universellen poetischen Ideals" zu erfahren empfiehlt, ist Hans Jürgen Balmes so freundlich, uns die Kunst des Haiku näher zu bringen. Einzelne Elemente des Haiku, wie die unprätentiöse Darstellung des Vergänglichen (sabi), die Miniatur und der Bezug zur Jahreszeit (kigo), stellt der Rezensent anhand der drei versammelten Bash-Schüler und ihrer Arbeiten vor. Am Schluss noch ein brauchbarer Tipp vom Haiku-Kenner Balmes: Der Band "Sarumino" (gleichfalls Dieterichsche Verlagsbuchhandlung) und die Möglichkeit, "das Zusammenspiel von Intuition und Improvisation, von Regelwerk und Variation" dieser Kunst genauer zu beobachten, der "vertrackten Unmittelbarkeit des Haiku" auf die Schliche zu kommen, indem man das Buch neben die vorliegende Anthologie stellt.

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