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Seine Großeltern versuchten, mit Fleiß und Mobilität der Armut zu entkommen und sich in der Mitte der Gesellschaft zu etablieren. Doch letztlich war alles vergeblich. J. D. Vance erzählt die Geschichte seiner Familie - eine Geschichte vom gescheiterten Aufstieg und von der Resignation einer ganzen Bevölkerungsschicht. Sein Buch bewegte Millionen von Lesern in den USA und erklärt nicht zuletzt den Wahltriumph eines Donald Trump.…mehr

Produktbeschreibung
Seine Großeltern versuchten, mit Fleiß und Mobilität der Armut zu entkommen und sich in der Mitte der Gesellschaft zu etablieren. Doch letztlich war alles vergeblich. J. D. Vance erzählt die Geschichte seiner Familie - eine Geschichte vom gescheiterten Aufstieg und von der Resignation einer ganzen Bevölkerungsschicht. Sein Buch bewegte Millionen von Lesern in den USA und erklärt nicht zuletzt den Wahltriumph eines Donald Trump.
  • Produktdetails
  • Ullstein Taschenbuch .37763
  • Verlag: Ullstein Tb
  • Seitenzahl: 302
  • Erscheinungstermin: 8. Juni 2018
  • Deutsch
  • Abmessung: 188mm x 121mm x 27mm
  • Gewicht: 283g
  • ISBN-13: 9783548377636
  • ISBN-10: 3548377637
  • Artikelnr.: 50016118
Autorenporträt
Vance,
James David Vance, geboren 1984, stammt aus der Industriestadt Middletown im US-Bundesstaat Ohio. Während seiner Jugend erlebte er den wirtschaftlichen Niedergang und den Abstieg der Menschen dort mit, während er in zerrütteten Familienverhältnissen aufwuchs. Später studierte er an der Yale-Universität Jura und arbeitet heute in einer Investmentfirma. Sein Buch "Hillbilly Elegy" wurde ein überwältigender Erfolg. Vance lebt in Columbus, Ohio..

Hens,
Gregor Hens, geboren 1965 in Köln, studierte Anglistik, Germanistik und Sprachwissenschaft an der Universität Bonn und in den Vereinigten Staaten. 1995 wurde er an der University of California in Berkeley promoviert. Er lehrte von 1995 bis 2012 an der Ohio State University und wohnt seit 2013 in Berlin. Neben seiner schriftstellerischen Arbeit ist er auch als Übersetzer tätig; unter anderem übersetzte er George Packer und Jonathan Letham.
Rezensionen
Besprechung von 07.04.2017
Diesen Weißen geht es ähnlich wie den Schwarzen
Ins wahre Leben: J.D. Vance führt in seiner Autobiographie "Hillbilly Elegie" zu den Armen in den Appalachen

Der Wahlsieg Donald Trumps hat den Blick auf lange vergessene gesellschaftliche Gruppen gelenkt - die "zornigen, weißen Männer", die seit geraumer Zeit in aller Munde sind. Bereits vor der Wahl im November 2016 hatte der Unternehmensberater J.D. Vance mit "Hillbilly Elegie" eine Autobiographie vorgelegt, die rasch zum Bestseller avancierte. Das hatte einen guten Grund. Offen, klug und lesbar formuliert, in einer Mischung aus sehnsuchtsvoll skizzierter Beschreibung einer lange verlorenen Idylle und kritischer Analyse war es Vance gelungen, die Stimmung all derjenigen weißen Arbeiter nachvollziehbar zu machen, die dann Trump tatsächlich wählten. Seine Hillbillies und Rednecks, also die in den kargen Mittelgebirgsregionen der Appalachen lebenden Nachfahren presbyterianischer Migranten aus Irland und Schottland, die im späten achtzehnten und frühen neunzehnten Jahrhundert vom nordirischen Ulster über den Atlantik gezogen waren, sind lebensvoll gezeichnet, nicht die medial vermittelten Karikaturen, welche die Ostküsteneliten aus ihnen gemacht haben.

Man versteht nach der Lektüre, warum diese vergessenen, in Armut und oft genug in Hoffnungslosigkeit lebenden Weißen sich in vielerlei Hinsicht mit den Schwarzen in den Vereinigten Staaten vergleichen. Und warum sie überwiegend konservativ wählen, obwohl für viele weiterhin Bill Clinton, der sich aus einfachen Verhältnissen nach oben durchgeboxt hat, als politischer Held dient. Demgegenüber wirken Politiker wie Barack Obama, Hillary Clinton oder selbst George W. Bush auf sie wie Aliens von einem fremden Stern, elitäre Großkopferte, die mit dem wahren Leben der einfachen Menschen nichts mehr anzufangen wissen. Sie sprechen eine fremde Sprache und verkörpern nicht nachvollziehbare Werte, die sich nicht in die Vorstellungswelt der südstaatlichen Mittelgebirge übersetzen lassen.

Ausdrücklich wird betont, dass die Kritik der iroschottischen Arbeiterklasse an Obama nur wenig mit Rassismus zu tun hat, wie Rassismus in dem Buch überhaupt keine besonders große Rolle spielt, sondern Ausdruck einer fundamentalen, tiefsitzenden kulturellen und sozialen Differenz ist. Die Gemeinschaft, wie sie uns hier entgegentritt, hat dementsprechend so gar nichts mit unserer Vorstellung von den Vereinigten Staaten als Laboratorium der Moderne zu tun. Es ist eine ländliche, in Kleinstädten lebende Gruppe, die sich den Werten der Tradition verpflichtet fühlt. Eine meist aus vielen Bestandteilen zusammengesetzte Patchworkfamilie, ihre Ehre, ihr streitbares, nicht selten gewalttätiges Eintreten für das eigene Recht, ein eintöniges, materiell armseliges Leben stets am Rande des Gefängnisses (oder darin), all dies macht noch heute die Lebenswelt der Iroschotten aus.

Das klingt nicht nur vormodern, es ist aus der Zeit gefallen. Selbst die Religion ist nicht die des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Der Protestantismus, wie er in der "Hillbilly Elegie" geschildert wird, trägt gleichfalls vormoderne, unscharfe und uneindeutige Züge. Im persönlichen Umfeld des jungen J.D. Vance, inmitten der großen Erweckungsbewegung der siebziger und achtziger Jahre, gab es, vom ungeliebten Stiefvater abgesehen, praktisch keine theologisch konservativen, kirchentreuen Evangelikalen. Man war protestantisch, aber mehr intuitiv und unmittelbar auf die eigene Person und ihre Interessen bezogen, undogmatisch und an theologischen Fragen desinteressiert. Viele gingen überhaupt nicht in die Kirche oder banden sich jeweils nur für kurze Zeit an einen Prediger und seine Gemeinde.

Vor allem aber versagt diese Religiosität komplett, wenn es um soziale Probleme geht. Der bible belt zeigt sich in dieser Perspektive sehr viel fluider als gemeinhin angenommen. Folgt man Vance, stand der lautstarke und politisch so aktive evangelikale Fundamentalismus ausgerechnet inmitten seiner engsten Gefolgschaft von Anfang an auf tönernen Füßen. Ähnliches könnte man über den Patriotismus sagen, zu dem sich Vance in dankenswerter Unbefangenheit bekennt. Er ist gefühlsselig, wenig abstrakt, nicht sonderlich aggressiv und oft eher auf mediales Erleben als auf den konkreten Staat und seine Politik ausgerichtet.

J.D. Vance schildert diese traditionale, ethnokulturell, regional und sozial definierte Gemeinschaft der weißen Unterklasse aus eigener Betroffenheit mit Verve, Sympathie und nicht ohne Ironie. Aber sosehr er sie verteidigt, so sehr stellt er sie, als klassischer Sozialaufsteiger, auch in Frage. Im Grunde spürt er dem Problem nach, warum gerade die Iroschotten, wenn es um Fragen sozialer Mobilität geht, so pessimistisch und rückständig sind, darin erneut den Schwarzen ähnlicher als anderen weißen Gruppen. Seine Antworten sind immer dann stark, wenn sie aus der gefühlten Evidenz eigener, unmittelbarer Erfahrung stammen und mit intimem Erleben gesättigt sind. Aber genau darin liegt eine der zentralen Schwächen des Buches.

Gewiss, Vance hat sich über die kollektive Familienerfahrung hinaus mit soziologischen Studien zu den armen Weißen in den Appalachen beschäftigt. Dessen ungeachtet neigt er gar zu sehr dazu, die persönliche Sicht zu verabsolutieren. So hat er durchaus recht, wenn er in Einzelfällen den arg rudimentären Sozialstaat für mangelnden Einsatzwillen junger Leute im Beruf verantwortlich macht oder wenn er darauf hinweist, dass die Mehrheit der alleinerziehenden Mütter, die sich angeblich auf den Leistungen aus Steuermitteln ausruhen, in der Region weiß und nicht schwarz sei. Aber wird das dem zugrundeliegenden Problem wirklich gerecht? Wie soll sich eine alleinerziehende Mutter eines oder mehrerer Kinder denn ohne die Hilfe der Solidargemeinschaft über Wasser halten, gleichgültig ob sie weiß oder schwarz ist?

Nicht jeder kann sich, wie es der Autor tat, nach einer vertrödelten Schulzeit, über den Weg des freiwilligen Einsatzes beim United States Marine Corps im Irak den Weg an die Eliteuniversität Yale und damit in einen gut bezahlten Job bahnen. In seiner Kritik an den sozial Zurückgebliebenen erinnert Vance verdächtig an den schwarzen, konservativen Präsidentschaftskandidaten Ben Carson oder den ebenfalls schwarzen und konservativen Bundesrichter Clarence Thomas, die infolge ihres Aufstiegs mit der eigenen Gemeinschaft gebrochen haben. So weit geht Vance nicht, dennoch bietet auch er keine echte Alternative zur gegenwärtigen Situation der weißen Unterklassen. Zu groß ist die Spannung zwischen individuellem Erfolgsrezept und strukturellen Defiziten.

Es wäre gleichwohl ungerecht, dem Autor dieses Versäumnis allzu negativ anzukreiden. Er will ja keine soziologische Analyse, sondern einen persönlich gehaltenen Erfahrungsbericht bieten. Dennoch hätte ihm eine Reflexion auf die eigene, auktoriale Position und ihre Grenzen gut zu Gesicht gestanden, um den Eindruck zu vermeiden, er suggeriere, die Hillbillies müssten sich nur selbst etwas mehr anstrengen und dann würde die Welt schon irgendwie besser werden. Dazu fehlt es in den betroffenen Regionen seit geraumer Zeit an moderner industrieller Produktion, an Investitionen, an Infrastruktur. Daran werden auch die blumigen Versprechen eines Donald Trump nichts ändern. Vance stellt sich an einem Punkt die Frage nach der Verlustgeschichte in einer möglichen Welt sozialen Aufstiegs: Was würde also eigentlich aus den positiven Traditionen der Iroschotten und ihrer überschaubaren Welt, wenn sie in den Fokus eines umfassenden Modernisierungsprogramms gerückt würden? Ist der Fortschritt wirklich wünschenswert? Oder löst er am Ende das auf, was er doch eigentlich bewahren und nur verbessern soll?

Offene Fragen sind ein Qualitätsmerkmal engagierter Bücher. Wer Amerika und seine Probleme ohne die aktuell allgegenwärtige Engführung auf Fragen der Rasse besser verstehen möchte, wer wissen will, wie Kultur und Klasse die Denkstile und Lebenswirklichkeiten armer weißer Amerikaner nachdrücklich prägen, der muss "Hillbilly Elegie" gelesen haben.

MICHAEL HOCHGESCHWENDER

J.D. Vance: "Hillbilly Elegie". Die Geschichte meiner Familie und einer

Gesellschaft in der Krise.

Aus dem Englischen

von Gregor Hens.

Ullstein Verlag, Berlin 2017. 250 S., geb., 22,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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