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Jeremy Scahill erzählt in dieser packenden investigativen Reportage, wie es dazu kam, dass Mord zu einem zentralen Instrument der U.S.-Sicherheitspolitik geworden ist, und welche Konsequenzen diese Entscheidung hat für unzählige Menschen in den unterschiedlichsten Ländern und für die Zukunft der amerikanischen Demokratie. In Afghanistan und Pakistan, Jemen, Somalia und anderen Ländern interviewte Scahill CIA-Agenten, Söldner und Spezialkräfte der US-Army. Er begab sich tief in das von Al-Qaida gehaltene Territorium im Jemen, traf von der CIA protegierte Warlords in Mogadischu und sprach mit…mehr

Produktbeschreibung
Jeremy Scahill erzählt in dieser packenden investigativen Reportage, wie es dazu kam, dass Mord zu einem zentralen Instrument der U.S.-Sicherheitspolitik geworden ist, und welche Konsequenzen diese Entscheidung hat für unzählige Menschen in den unterschiedlichsten Ländern und für die Zukunft der amerikanischen Demokratie. In Afghanistan und Pakistan, Jemen, Somalia und anderen Ländern interviewte Scahill CIA-Agenten, Söldner und Spezialkräfte der US-Army. Er begab sich tief in das von Al-Qaida gehaltene Territorium im Jemen, traf von der CIA protegierte Warlords in Mogadischu und sprach mit den zivilen Opfern der Einsätze amerikanischer Spezialkommandos und Drohnenattacken, die die Vereinigten Staaten lieber geheim halten wollen. In dieser bedrohlichen Geschichte von der Front der unerklärten Kriege dokumentiert Jeremy Scahill das neue Paradigma der amerikanischen Kriegsführung: Gekämpft wird überall, von Spezialkräften, die offiziell gar nicht existieren, aber weltweit unzählige
Einsätze durchführen, die nie ans Licht der Öffentlichkeit geraten. Scahill enthüllt das erschreckende Bild einer geheimen U.S.-Mordmaschinerie, die mächtiger geworden ist als jeder Präsident, der ins Weiße Haus einzieht. Und er zeigt, dass diese verdeckten amerikanischen Kriege, anstatt die USA und die Welt vor dem Terror zu schützen, dazu führen, dass der Terror wachsen und sich weiter ausbreiten wird.
  • Produktdetails
  • Verlag: Verlag Antje Kunstmann
  • Seitenzahl: 719
  • Erscheinungstermin: 9. Oktober 2013
  • Deutsch
  • Abmessung: 219mm x 149mm x 49mm
  • Gewicht: 915g
  • ISBN-13: 9783888978685
  • ISBN-10: 3888978688
  • Artikelnr.: 38081253
Autorenporträt
Jeremy Scahill arbeitet für Zeitschriften wie The Nation und ist Korrespondent der Radio- und Fernsehshow Democracy Now!. Als Reporter hat er aus dem Jugoslawienkrieg, Nigeria und dem Irak berichtet. Er ist Autor des internationalen Bestsellers Blackwater, in dem er als einer der Ersten über die berühmt-berüchtigte Söldnerfirma berichtete. Er lebt in Brooklyn, New York.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Haarsträubend erscheint dem Rezensenten Wilfried von Bredow, was der investigative Journalist Jeremy Scahill über die politischen und militärischen Kollateralschäden amerikanischer Geheimunternehmungen, sprich: kriegerischen Aktivitäten, der letzten zwölf Jahre berichtet. Somalia, Jemen, Afghanistan, Irak - der Autor untersucht anhand dieser Kommandos organisatorische und ideologische Veränderungen im Sicherheitsapparat der USA und ihre Konsequenzen. Die Bilanz ist überall gleich erschreckend, erklärt der Rezensent. Umso bemerkenswerter findet er, wenn der Autor sachlich informativ bleibt und sein Ton meist kühl. Bredows Hoffnung ist, dass der Band die überfällige Debatte über die Negativdynamik der Strategie der asymmetrischen Kriegsführung Amerikas in Gang bringt.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 08.10.2013
Die ganze Welt:
ein Schlachtfeld
Jeremy Scahill zeigt, wie die Regierungen
Bush und Obama ihre Macht missbraucht haben
VON FRANZISKA AUGSTEIN
Folter, die Bombardierung Unschuldiger, militärische Geheimeinsätze in befreundeten Ländern, die Ermordung von Alten, Frauen und Kindern mittels Drohnen, ungerechtfertigte Massenfestnahmen, illegale Abhörmaßnahmen gegen die eigene Bevölkerung, der Abbau ihrer Bürgerrechte und die Exekution eigener Bürger ohne ordentlichen Prozess: Die Regierungspolitik der Vereinigten Staaten hat eine Entwicklung genommen, von der auch Amerikaner entsetzt sind.
  Einer von ihnen ist der 38 Jahre alte, vielfach ausgezeichnete Journalist Jeremy Scahill, dessen berufliche Laufbahn in den 90er-Jahren damit begann, dass er unentgeltlich für den nichtkommerziellen Radiosender „Democracy Now!“ arbeitete. Seine Recherchen über die Söldner des paramilitärisch einsetzbaren Unternehmens Blackwater trugen 2007 entscheidend dazu bei, dass der US-Kongress eine Untersuchungskommission einberief. Die Liste der oben genannten Straftaten entstammt seinem neuen Buch „Schmutzige Kriege“.
  Im Besonderen dreht Scahills Buch sich darum, wo und wie Menschen auf Geheiß der US-Regierung von geheim arbeitenden militärischen Spezialeinheiten ohne ausreichende rechtliche Grundlage umgebracht werden. Der Autor hat vorzüglich recherchiert und viele Kontakte zu Leuten, die für die US-Regierung, für US-Geheimdienste und das Militär arbeiten oder gearbeitet haben. Außerdem hat er mit radikalen Islamisten und mit vielen muslimischen Opfern der US-Politik gesprochen. Sein Buch wirft die Frage auf, inwieweit man die USA noch einen funktionierenden Rechtsstaat nennen kann.
  Seit dem Zweiten Weltkrieg haben die USA ihre nationalen Interessen auf globaler Ebene oftmals nach der Strategie der robusten amerikanischen Comic-Helden der Nachkriegszeit verfolgt: Zuschlagen, triumphieren. Was die Folgen sind? Das spielte damals so wenig eine Rolle wie heute.
  Im Auftrag der Regierung, resümiert Scahill, organisierten geheime CIA-Kommandos in den 50er- und 60er-Jahren den Sturz von Regierungen „in Lateinamerika und im Nahen Osten“; sie unterstützten „Todesschwadronen in Mittelamerika“; Militärjuntas und Diktaturen leisteten sie Beistand; während des Vietnamkriegs wurden Laos und Kambodscha heimlich bombardiert. Alles das war aus Sicht der Regierenden gerechtfertigt. Schließlich befand man sich im Kalten Krieg. Nach Präsident Nixons Watergate-Affäre war es freilich genug. Die USA waren innen- und außenpolitisch desavouiert. Der republikanische Präsident Gerald Ford erließ 1976 ein Dekret, das, mit Scahills Worten, „den USA ausdrücklich die Durchführung ,politischer Attentate‘ untersagte“. Sein demokratischer Nachfolger Jimmy Carter verschärfte die Auflage.
  Fords Dekret gilt bis heute. Scahill erzählt, mit welchen Schlichen alle US-Regierungen von Reagan bis Clinton sich darum herummogelten, sofern sie ihre Aktivitäten nicht gleich am Kongress vorbei im Geheimen arrangieren ließen.
  Die US-Verfassung räumt dem Präsidenten viel Macht ein. Dass die Amtsträger ihre Befugnisse oftmals sehr weit auslegen und gern an der parlamentarischen Zustimmung vorbei arbeiten, ergibt sich aus dem System. Scahill zeigt nun aber, dass mit Antritt von Bush junior der „Machtmissbrauch durch die Regierung“ Methode bekommen habe: Seither sei „der Einsatz militärischer Eliteeinheiten, die sich allein dem Weißen Haus gegenüber zu verantworten haben“, üblich geworden. Nicht so sehr den wiedergeborenen Christen und erfolglosen Unternehmer George W. Bush, der 2000 zum Präsidenten gewählt wurde, sondern mehr noch seine neokonservative Entourage macht Scahill dafür verantwortlich – vorneweg den damaligen Vizepräsidenten Richard Cheney und den Verteidigungsminister Donald Rumsfeld.
  Beide hatten schon viel Regierungserfahrung. Unter Bush junior konnten sie endlich umsetzen, wenn auch teils in Konkurrenz zueinander, was ihnen zuvor verwehrt war: Cheney trachtete danach, so Scahill, „der Exekutive“, also dem Präsidenten und sich selbst, „immer mehr Macht zu verschaffen“. Schon zu Zeiten von Bush senior habe Cheney ein Manifest verfasst, in dem es hieß, die USA müssten eine Politik betreiben, die „potenzielle Konkurrenten“ davon abschrecke, „eine größere regionale oder globale Rolle auch nur anzustreben“.
  Rumsfeld für seinen Teil hatte, laut Scahill, bereits in den 90er-Jahren Pläne für Regimewechsel im arabischen Raum geheckt. Dann, zum Verteidigungsminister bestellt, erklärte er, der wahre „Feind“ der USA sei „die Bürokratie des Pentagon“, er wolle sein Ministerium „befreien“.
  Kaum dass Bush an der Regierung war, drangen seine Sous-Chefs darauf, Saddam Hussein zu stürzen. Die Frage war freilich, wie das gegenüber dem Kongress durchgesetzt werden könne. Ja, wie?
  Nach den Anschlägen am 11. September 2001 hieß es in den westlichen Medien pathetisch, nichts werde nun mehr sein wie zuvor. Scahill zeigt, dass es anders war: Unter dem schockierenden Eindruck der Attentate gab der Kongress der Regierung die Vollmacht umzusetzen, was die „Neocons“ längst vorgehabt hatten, und – so Scahill – „einen weltweiten grenzenlosen Krieg gegen einen staatenlosen Feind zu führen“: Bushs Krieg gegen den Terror. Die Folge: „So wie die Türme des World Trade Center in sich zusammenstürzten, kollabierte das System der Kontrolle und Prüfung verdeckter Tötungsaktionen, das im Laufe des vorangegangen Jahrzehnts sorgfältig aufgebaut worden war.“
  Nun, schreibt Scahill, „erklärte die Regierung Bush die gesamte Welt zum Schlachtfeld“. Cheney sagte, man müsse „sozusagen auf der dunklen Seite arbeiten“. Und: „Wir müssen uns in die unsichtbare Welt der Nachrichtendienste begeben.“ Was unter der „dunklen Seite“ zu verstehen ist, muss jeden schaudern machen, der dieses Buch liest.
  Die US-Regierung hatte sich auf den Sturz Saddam Husseins eingeschossen. Der Krieg, den sie dann entfesselte, band allzu viele ihrer Kräfte. Scahill erklärt, warum die Herrschenden in Washington sich nicht darum kümmerten, Afghanistan zu einem funktionierenden Staat zu machen. Da man die Welt als Schlachtfeld betrachtete, meinte man, Besseres zu tun zu haben. Im „Krieg gegen den Terror“, so fand man, waren auch solche Mittel recht, die mit den Gesetzen der USA nicht vereinbar sind.
  Bushs „Neocons“ sahen nun zu, alle Personen und Institutionen außen vor zu lassen, die als Korrektiv der Regierungspolitik wirken: Zuallererst den Kongress, dann aber auch den „Justitiar des Außenministeriums und andere Anwälte des Militärs und des Justizministeriums“. Zwei hochrangige Militärs im Pentagon, die Kriegserfahrung hatten – Colin Powell und James Wilkerson –, wurden, so Scahill, ins Außenministerium abgeschoben: Von nun an hätten in Rumsfelds Pentagon die Schreibtischtäter das Sagen gehabt.
  Der Ruf der CIA ist schlecht genug. Aber nach dem 11. September passten ihre Erkenntnisse, denen zufolge Saddam Hussein nicht mit al-Qaida zusammenarbeitete und keine Massenvernichtungswaffen besaß, der Regierung nicht in den Kram. Cheney drängelte so lange, bis die CIA endlich begriffen hatte, welche Art Bericht von ihr erwartet wurde.
  Das war indes noch nicht ausreichend. Die CIA muss sich gegenüber dem Außenministerium und dem Kongress verantworten. Rumsfeld habe aber militärische Operationen an ordentlicher Kontrolle vorbei ausführen lassen wollen, schreibt Scahill. Zu diesem Zweck wurde das „Joint Special Operations Command“, kurz JSOC, herangezogen. Die offizielle Beschreibung seiner Aufgaben klingt bürokratisch-unverständlich. „In Wahrheit“, so Scahill, sei es „die am stärksten abgeschottete geheime Einsatztruppe des amerikanischen Sicherheitsapparats“.
  Die Soldaten des JSOC kamen nun immer öfter zum Einsatz. So führten sie in Afghanistan Operationen aus, von denen nicht einmal die regulären US-Truppenleiter Kenntnis hatten (und die Bundeswehr schon gar nicht). Solche Einsätze beschreibt Scahill: Es waren Mordkommandos, die oftmals völlig Unschuldige trafen.
  Als 2003 die Folterungen im irakischen Gefängnis Abu Ghraib wenigstens zu Teilen bekannt wurden, behauptete die US-Regierung, es handele sich um Übergriffe Einzelner. Tatsächlich, schreibt Scahill, hätten die Leiter von Abu Ghraib sich „am Beispiel von Camp Nama, Guantanamo und Bagram in Afghanistan orientiert“ – alles Orte, wo das JSOC tätig war, alles Orte, wo systematisch gefoltert wurde. Im irakischen Camp Nama sei die Devise plakatiert gewesen, „wo kein Blut, da kein Vergehen“. Absichtlich herbeigeführte Knochenbrüche seien also genehmigt gewesen.
  Schätzungen von 2004 zufolge sollen 70 bis 90 Prozent aller Verhafteten im Irak irrtümlich eingesperrt worden sein. Für viele dieser Gefangenen war nach ihrer Freilassung tatsächlich nichts mehr wie zuvor. Gebrochene Menschen können nicht mehr leben, aber sie können hassen.
  Und der Irak ist nicht das einzige Land, wo die USA sich ihre Feinde, die Terroristen, selbst heranzüchteten. In Jemen gaben sie dem mittlerweile entmachteten Präsidenten Salih viel Geld dafür, dass sie Terroristen mit Drohnen töten durften. Salih, der als gerissen gilt, ließ deshalb Leute, die sich al-Qaida nannten, in seinem Land hochkommen: Das Geld der USA konnte er gut brauchen.
  In Somalia, schreibt Scahill, habe es früher nur „eine Handvoll“ radikaler Islamisten gegeben. Erst als die USA ihren „Krieg gegen den Terror“ auch auf Somalia ausweiteten, habe der Terrorismus dort Raum gefunden. Die USA entfesselten einen Stellvertreterkrieg: Äthiopische Truppen marschierten 2006 in Somalia ein.
  Barack Obama wurde auch deshalb gewählt, weil die Amerikaner des Kriegführens überdrüssig waren. Sein Wahlversprechen, das Gefängnis von Guantanamo zu schließen, scheiterte am Kongress, der das nötige Geld für die Überstellung der Gefangenen nicht bewilligte. Die Republikaner schalten Obama als „naiven Pazifisten“ (Scahill). Obamas Lösung: Weil seine Wähler keine Kriege mehr wollen, scheut er sie. Weil er aber als starker Präsident dastehen will, hat er das geheime Antiterror-Programm der Regierung Bush fast vollständig übernommen und ausgeweitet. Den „Krieg gegen den Terror“ nannte er „Krieg gegen al-Qaida und ihre Verbündeten“.
  Als moralischer Mensch will Obama, anders als Bush junior, die Einsätze von mordenden Drohnen selbst verantworten. Scahill schreibt, dass die Treffen, bei denen Obama über Tod und Leben entscheidet, stets am Dienstag stattfänden. Wer da getötet werden soll, weiß der Präsident oft nicht: Die USA sind dazu übergegangen, sogenannte „signature strikes“ auszuüben, bei denen die Identität des Opfers keine Rolle spielt. Es genüge, so Scahill, dass es sich um „Männer im Militärdienstalter“ handele, „die in einer bestimmten Region großen Versammlungen beiwohnten oder Kontakte mit anderen mutmaßlichen Militanten hätten“.
  Der Kampf gegen den Terror macht es möglich: Auch unter Obama ist die ganze Welt ein Schlachtfeld. Scahill beschließt sein erschütterndes Buch mit den Worten: „Es bleibt die quälende Frage, die sich alle Amerikaner stellen müssen: Wie soll ein solcher Krieg jemals enden?“
Jeremy Scahill : Schmutzige Kriege. Amerikas geheime Kommandoaktionen. Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Maria Zybak u.a. Kunstmann Verlag, 2013. 600 Seiten, 29,95 Euro.
Die Attentate vom 11. 9. 2001
erlaubten der US-Regierung,
längst Geplantes umzusetzen
Früher war es glaubhaft, wenn die USA für Freiheit und Demokratie in die Fanfaren bliesen.
Unser Bild entstammt dem einmalig schön präsentierten Band „Reklame. Frühe Werbung auf Plakaten“. Das Werk (Hrsg. Karl Lagerfeld und René Gronert, Steidl Verlag, 480 Euro) kommt in einer Holzkiste.
FOTO: STEIDL
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Besprechung von 03.02.2014
Risiken und Nebenwirkungen
Wie Amerikas Krieg gegen den Terrorismus auch unbändigen Hass hervorruft

Kommandounternehmen haben eine lange und geheimnisumwitterte kriegsgeschichtliche Tradition.

Nicht nur mit ihrer von rechtlichen und politischen Bedenklichkeit weitgehend freien und sich über den gesamten Globus erstreckenden Überwachung des Internets haben die Vereinigten Staaten Zorn und Fassungslosigkeit erweckt. Noch weitaus unilateral-imperialer ist ihr Auftreten als Kriegspartei im "globalen Krieg gegen den Terror". Ihre Soldaten - darunter mehr und mehr Special Forces - werden zu gezielten tödlichen Schlägen eingesetzt, wann und wo es der Führung in Washington opportun erscheint. Beides hängt eng zusammen, denn die Entscheidungen über die sogenannten chirurgisch präzisen Angriffe und gezielten Tötungen von Terroristen basieren meist auf Informationen, die sich aus den Überwachungspraktiken ergeben.

Geheime Kommandoaktionen haben eine lange kriegsgeschichtliche Tradition: Eine kleine Gruppe hervorragend ausgebildeter Soldaten führt weit hinter den feindlichen Linien spezielle Missionen aus, Sabotageakte, Attentate, Entführungen oder die Befreiung von Gefangenen. Solche Missionen umweht eine Aura des Geheimnisvollen, weshalb sie sich als Stoff für Romane und Filme großer Beliebtheit erfreuen. In der kriegerischen Alltagswirklichkeit ist für solche Romantisierung aber kein Platz. Dies um so weniger, seit sich mit dem Beginn des 21. Jahrhunderts neue Mischformen organisierter Gewalt durchgesetzt haben, die herkömmliche ("konventionelle") Kriege zwar nicht völlig obsolet gemacht, aber doch in den Hintergrund gerückt haben.

Ganz deutlich wurde dies spätestens mit den Kriegen in Afghanistan (seit Ende 2001) und im Irak (2003). Beide entwickelten sich allerdings nicht so, wie die Präsidenten Bush und Obama und ihre jeweiligen Mitstreiter und Berater in Washington es sich vorgestellt haben. "Mission accomplished" - daraus ist nichts geworden. Schlimmer noch: Die durchaus beachtlichen "konventionellen" Teilerfolge, also die Zerschlagung der Diktatur Saddam Husseins im Irak und der Taliban-Herrschaft in Afghanistan, haben die Dynamik der Gemengelage aus internen Konflikten, Staatsabschwächung, organisierter Kriminalität und internationalem Terrorismus erst richtig brandgefährlich gemacht. Außerdem verführten die zumeist von einer islamistisch-fundamentalistischen Ideologie-Basis operierenden Terrornetzwerke mit Hilfe der modernen sozialen Medien eine Reihe junger Männer aus westlichen Ländern dazu, sich zu radikalisieren und am Kampf gegen den Westen aktiv zu beteiligen. Die politischen Kollateralschäden wiegen inzwischen schwerer als die anfänglichen Siege in diesen beiden Kriegen.

Leider trifft das in ähnlichem Maß für die militärischen Kollateralschäden zu. Das wird in dem umfangreichen und detailreichen Buch von Jeremy Scahill auf schmerzliche Weise dokumentiert und illustriert. Der Autor steht in der Tradition des investigativen Journalismus und ist bereits mit einem Buch über die private Sicherheitsfirma Blackwater hervorgetreten, das ein internationaler Bestseller wurde. Jetzt beschreibt er in 50 Kapiteln Amerikas geheime Kommandounternehmen der vergangenen zwölf Jahre im Irak, Afghanistan, Somalia und im Jemen.

Dabei geht es ihm nicht nur um die Nachzeichnung des Ablaufs bestimmter Kommandounternehmungen wie beispielsweise der Tötung Usama Bin Ladins im pakistanischen Abottabad. Dreierlei interessiert ihn viel mehr: erstens die organisatorischen Veränderungen des amerikanischen Sicherheitssektors um die CIA und das immer wichtiger werdende "Joint Special Operations Command" (JSOC); zweitens die ideologischen, rechtlichen und technischen Entwicklungen, die zur Ausformulierung und Praktizierung von gezielten Tötungseinsätzen als Zentralelement der nationalen Sicherheitspolitik Amerikas geführt haben; und drittens die Konsequenzen dieser Form asymmetrischer Kriegsführung für direkt und indirekt Betroffene und die internationale Sicherheit.

Die Bilanz fällt auf allen drei Ebenen erschreckend aus. Die in der Bush-Administration vorangetriebenen organisatorischen Veränderungen des amerikanischen Sicherheitssektors - unter Präsident Obama wurden sie eher noch verstärkt - haben diesen an entscheidenden Stellen intransparent gemacht, so dass Kongress und Öffentlichkeit wichtige Kontrollmöglichkeiten eingebüßt haben. Die gezielten Tötungen mittels Drohnen und anderem Kriegsgerät beschränken sich nicht auf wenige Top-Terroristen, sondern wurden inzwischen für eine Vielzahl von nicht immer eindeutig identifizierten Verdächtigen angeordnet, darunter auch amerikanische Staatsbürger. Gezielt mögen diese Aktionen ja sein; sie treffen auch, aber oft genug die Falschen. Dafür finden sich bei Scahill viele Beispiele. Die Konsequenz solcher Vorkommnisse ist verheerend, denn sie produzieren genau das, was sie eigentlich ausmerzen wollen, unbändigen Hass auf Amerika und seine Verbündeten sowie die Bereitschaft zum Kampf mit allen terroristischen Mitteln.

Scahill ist Journalist und kein politisch-strategischer Denker oder Moralphilosoph. Er berichtet zumeist kühlen Tons und lässt seine zahlreichen Informanten und Gewährsleute zu Worte kommen. Nur manchmal vermag er seine Empörung nicht ganz zu bremsen. Man kann nur hoffen, dass seine oft haarsträubenden Berichte dazu beitragen, die dringend benötigte Debatte über die Negativdynamik einer unter rechtlichen und moralischen Gesichtspunkten fragwürdigen, unter politischen Gesichtspunkten katastrophal dysfunktionalen Strategie der asymmetrischen Kriegsführung Amerikas in Gang zu bringen. Wenn deren Kollateralschäden überhandnehmen, dann ist etwas grundlegend falsch.

WILFRIED VON BREDOW

Jeremy Scahill: Schmutzige Kriege. Amerikas geheime Kommandoaktionen. Verlag Antje Kunstmann, München 2013. 719 S., 29,95 [Euro].

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