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Der Zensor, dein Freund und Überwacher. Ein faszinierendes Stück Kulturgeschichte
Der Zensor als systemtreuer, ignoranter Bürokrat, der einem autoritären, repressiven Staat dient und der Literatur erheblichen Schaden zufügt - dies ist das gängige Bild. Dass es jedoch viel zu kurz greift, beweist Robert Darnton in seiner fesselnden, glänzend recherchierten Darstellung. Der renommierte US-Historiker zeigt, nach welchen Mechanismen die Kontrolle von Literatur funktioniert hat und wer die Menschen waren, die dahinter steckten.
Das vorrevolutionäre Frankreich, Indien zur Zeit der
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Produktbeschreibung
Der Zensor, dein Freund und Überwacher. Ein faszinierendes Stück Kulturgeschichte

Der Zensor als systemtreuer, ignoranter Bürokrat, der einem autoritären, repressiven Staat dient und der Literatur erheblichen Schaden zufügt - dies ist das gängige Bild. Dass es jedoch viel zu kurz greift, beweist Robert Darnton in seiner fesselnden, glänzend recherchierten Darstellung. Der renommierte US-Historiker zeigt, nach welchen Mechanismen die Kontrolle von Literatur funktioniert hat und wer die Menschen waren, die dahinter steckten.

Das vorrevolutionäre Frankreich, Indien zur Zeit der Kolonialherrschaft, das DDR-Regime - um sich dem Phänomen der Zensur zu nähern, blickt Robert Darnton auf unterschiedliche Zeiten und unterschiedliche Orte. Im Mittelpunkt seiner Studie steht die Person des Zensors, seine Arbeit, sein Selbstverständnis, seine Beziehung zu Autoren, Verlegern und Buchhändlern. Dass der Zensor dem Literaturbetrieb nicht notwendigerweise schaden wollte, sondern sich bei aller Staatstreue auch als sein Unterstützer begriff, ist nur eine der überraschenden Erkenntnisse. So entsteht auf Grundlage exklusiven Quellenmaterials ein ungewöhnliches, facettenreiches Stück Kulturgeschichte - von einem der renommiertesten Historiker unserer Zeit.
  • Produktdetails
  • Verlag: Siedler
  • Seitenzahl: 368
  • Erscheinungstermin: Februar 2016
  • Deutsch
  • Abmessung: 220mm x 145mm x 35mm
  • Gewicht: 600g
  • ISBN-13: 9783827500625
  • ISBN-10: 3827500621
  • Artikelnr.: 44123778
Autorenporträt
Darnton, Robert
Robert Darnton, geboren 1939, ist Professor für Geschichte an der Harvard University. Seine Forschungen widmen sich der Kultur-, Ideen- und Mediengeschichte, insbesondere im Frankreich des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Seine Bücher, etwa über "Mesmerismus" oder "Das große Katzenmassaker" gehören zu den Klassikern der Geschichtsschreibung und sind vielfach ausgezeichnet worden.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 12.03.2016

Zensoren sollte man nicht unterschätzen

Königlich, kolonial oder kommunistisch: Robert Darnton überprüft an drei Fällen, wie Buchproduktion unter staatlicher Aufsicht funktioniert.

Von Helmut Mayer

Unter den Bildern, die das Wort "Zensur" hervorruft, sind an vorderster Stelle wohl schwarze Balken in einem gedruckten Text. Auch der Umschlag der nun erschienenen deutschen Ausgabe von Robert Darntons "Censors at Work. How States Shaped Literature" - die englische Ausgabe kam vor zwei Jahren heraus - spielt mit diesem Motiv. An ihm war offenbar kaum vorbeizukommen, selbst bei einem Buch, das sich um den Nachweis bemüht, dass solche Löschungen durchaus nicht das Kerngeschäft von staatlicher Bücherzensur waren. Bei Darnton geht es darum, sich von der Auffassung zu verabschieden, Zensur sei ein einfacher Mechanismus der Unterdrückung: auf der einen Seite der Ausdruckswille von Autoren, auf der anderen Seite purer Zwang. Diese Vorstellung ist für Darnton viel zu einfach gestrickt.

Drei staatliche Zensurapparate nimmt der renommierte amerikanische Historiker etwas näher in den Blick. Der Bogen, den er mit ihnen schlägt, reicht vom achtzehnten bis fast ans Ende des zwanzigsten Jahrhunderts. Den Anfang macht, wenig überraschend, die königliche Zensur im Ancien Régime, dessen Bücherwesen, von der Produktion bis zur Rezeption, Darnton schon eine Reihe von exzellenten Studien gewidmet hat. Wobei diesmal nicht der Markt klandestiner Schriften und Raubdrucke im Mittelpunkt steht, den Darnton öfter untersuchte, sondern vor allem das offizielle Bücherwesen, oder anders formuliert: jene Bücher, die mit Approbation und königlichem Privileg erscheinen sollten.

Die entsprechende Zensurstelle war die Direction de la librairie, genauer eine ihrer beiden Abteilungen, die mit der Erteilung oder Verweigerung von Druckprivilegien - für das Buch, den Buchhändler und die vor allem steuerlich begünstigte Buchhändlergilde - befasst war. Da kommen nun die Zensoren ins Spiel, meist ehrenamtlich fungierende Gutachter, an welche die eingereichten Manuskripte vom Direktor der Librairie geschickt wurden. Wer nun glaubt, dass diese Gutachter lediglich nach Stellen fahndeten, die gegen Krone, Kirche oder einzelne hochgestellte Persönlichkeiten gingen, täuscht sich.

Die "gefährlichen" Bücher wurden ja ohnehin nicht vorgelegt, und die Ablehnungen fielen mit etwa zehn Prozent der Einreichungen bescheiden aus. Sie mussten noch nicht einmal bedeuten, dass das Buch gar nicht erschien; es konnte auch ohne Approbation durchgewinkt und geduldet werden, um nicht noch mehr Geld an Druckereien im nahen Ausland abfließen zu lassen, woher die klandestinen Veröffentlichungen und Raubdrucke ins Königreich kamen.

Die positive Approbation durch die Zensoren, welche das königliche Privileg nach sich zog, war dagegen nicht bloß eine Unbedenklichkeitserklärung, sondern eine Empfehlung, was Inhalt wie Form anbelangte. Wofür die Zensoren im Vorlauf oft auch konkrete Verbesserungen anregten, mitunter die Autoren berieten, also eine Art von Lektoratsarbeit erbrachten und lobende Einschätzungen schrieben (und im Ablehnungsfall sachliche wie stilistische Mängel monierten). Das privilège du roi war, verbindliche Standards für Papier und Druck "Made in France" eingeschlossen, ein Qualitätssiegel. Darnton ist ein Meister der aus Archiven gezogenen und pointiert erzählten Fallgeschichten. Um den Verdacht nicht aufkommen zu lassen, das von ihm gezeichnete Bild der Zensorenarbeit verharmlose den Zugriff des Staates, gibt er auch Beispiele der Polizeiarbeit gegen klandestine Schriften. Da tritt die Staatsmacht schon etwas grimmiger in Erscheinung.

Das zweite Beispiel führt Darnton von den Pariser Archiven zu jenen des britischen Indian Civil Service und in die zweite Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. Die britischen Kolonialherren in Indien mussten damals durch eine Reihe von Erhebungen erfahren, dass sie über ihre indischen Untertanen bedrohlich wenig wussten. Zu den ergriffenen Gegenmaßnahmen gehörte die Erhebung und Klassifizierung der schnell wachsenden lokalen Buchproduktion. Zensur war da gar nicht das Ziel, sondern Wissen - und auch das wuchs rasch und führte zu einem erstaunlichen Diskurs über indigene Literatur auf dem Höhepunkt des Imperialismus.

Zwar zeigte dieser ein paar blinde Flecken, die mit hochkulturellen Voreinstellungen zu tun hatten, aber im Ganzen wurde er von den britischen wie indischen Bibliothekaren mit beeindruckendem intellektuellem und literarischem Engagement geführt, wie Darnton zeigt. Bloß blieb es nicht dabei, denn mit dem immer deutlicher werdenden indischen Nationalismus floss dieses Wissen dann doch in Repressionsmaßnahmen gegen "aufrührerische" Literatur ein. Wobei die Kolonialherren darauf bedacht waren, diesen Verfolgungen die Form von Urteilen zu geben, die in ordentlichen Gerichtsverfahren gefällt wurden.

Kaum deshalb, weil die Inder über deren Zweck zu täuschen waren, diagnostiziert Darnton, sondern um vor sich selbst den Widerspruch zwischen liberalen Prinzipien, auf deren zivilisatorischen Stellenwert sie pochten, und imperialistischen Imperativen möglichst zu verbergen. Gerichtsverhandlungen, in denen es darum ging, ob eine Erzählung oder ein Gedicht Motive von Hindu-Mythen mit Hintersinn verwende, nämlich für Attacken auf die Briten, wurden dadurch tendenziell zu Debatten à la Literaturseminar zwischen Verteidigern und Anklägern - in denen der Richter dann dafür sorgte, dass vieldeutiger Sinn nicht das letzte Wort blieb, sondern Eindeutigkeit und erwartbare Gefängnisstrafen.

Darntons drittes Beispiel schließlich ist der Zensurapparat des kommunistischen Ostdeutschlands in den siebziger und achtziger Jahren (Honecker wurde 1971 Generalsekretär des ZK der SED). Auch hier stützt er sich auf eigene, gleich nach dem Fall der Mauer und in den frühen neunziger Jahren angestellte Nachforschungen. Mit den inzwischen erschienenen Studien zur DDR-Zensur, deren Autoren wesentlich mehr Zeit für die Sichtung der Quellen aufwenden konnten als der amerikanische Gast am Berliner Wissenschaftskolleg, konkurriert Darnton nicht. Aber er gibt eine gute Beschreibung, wie in der DDR Literatur geplant und auf Parteilinie gebracht wurde - im langen Instanzenweg von der Diskussion in den beaufsichtigten Verlagen, dann in der "Hauptverwaltung Verlage und Buchhandlung", die ihre Entscheidungen wiederum vor der Kulturabteilung des ZK zu verantworten hatte, und in letzter Instanz von Politbüro und Honecker.

Worauf Darnton hinauswill, ist auch hier: Zensur war kein einfacher Durchgriff auf Texte, sondern effektives Ergebnis eines Systems, das auf viele Instanzen und Akteure verteilt war. Effektiv war es, weil es dafür sorgte, dass der bedeutendste Teil der Zensurarbeit letztlich im Kopf des Autors stattfand, ob nun schon in den ersten Anläufen zum Text oder erst in den Verhandlungen über nahegelegte oder geforderte Änderungen.

Die Verlagslektoren und selbst die Mitarbeiter der "Hauptverwaltung" konnten sich dabei sogar als Ermöglicher guter, dabei linientreuer sozialistischer Literatur verstehen. Zumindest so lange, wie sie nicht die direkt gegenüber den Autoren angewendete Strategie von Zuckerbrot und Peitsche bedienten, die immer als Machtmittel im Hintergrund stand - und die Darnton auch mit gebührendem Nachdruck ins Bild holt.

Drei staatliche Regime also, um auf Literatur Einfluss zu nehmen. So verschieden, trotz vieler Parallelen, dass man sie gar nicht leicht unter einen Hut bringt. Aber diesen Hut namens "Zensur", unter den alles passt - abgesehen von der immer präsenten staatlichen Durchgriffsmacht -, möchte Darnton auch gar nicht finden. Sein Punkt ist, dass nicht auf der Hand liegt, wie Zensur arbeitet. Deshalb muss man sich ihre Regime näher ansehen. Die Auswahl seiner drei Beispielfälle mag man mehr oder minder aufschlussreich finden, lehrreich sind sie jedenfalls und führen dabei einmal mehr vor, dass Darnton nicht nur ein Mann der Archivfunde ist, sondern auch ein exzellenter Erzähler.

Robert Darnton: "Die Zensoren". Wie staatliche Kontrolle die Literatur beeinflusst hat. Vom vorrevolutionären Frankreich bis zur DDR.

Aus dem Englischen von Enrico Heinemann. Siedler Verlag, München 2016. 368 S., Abb., geb., 24,99 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Rezensent Oliver Pfohlmann lernt das haarsträubende Selbstverständnis von Zensoren in der DDR kennen, erfährt aber auch, dass Zensur nicht immer klandestin war. Was Selbstzensur ist, kann ihm Robert Darntons Buch ebenfalls vermitteln. Wenn der Autor drei Zensurapparate vergleichend untersucht, den der DDR, den im absolutistischen Frankreich und den in Britisch-Indien, erkennt Pfohlmann, wie literarisch versiert die Zensoren in der Regel waren, das Politbüro ausgenommen, meint er. Provokant erscheint ihm die Studie schon wegen dieser Erkenntnis, die aber laut Rezensent auf intensiven Recherchearbeiten in Archiven basiert. Ein weitere Erkenntnis der Arbeit scheint ihm zu sein, dass sie Kontrollmechanismen als sich geschichtlich wandelnde Phänomene erkennt, deren Beweggrund ethnografische Neugier, aber eben auch Unterdrückung sein kann. Wie erbarmungslos Zensur sein kann, erfährt Pfohlmann anhand von "glänzend erzählten" Fallbeispielen, etwa über Walter Janka oder eine Kammerzofe Ludwigs XV., die in der Bastille landete.

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 20.05.2016

Bitte bleiben Sie sachlich!
Robert Darntons brillante Fallstudien zur Geschichte der Zensur vom revolutionären Frankreich bis zur DDR
Seit im Netz immer öfter Kommentarfunktionen abgeschaltet werden (beispielsweise, wenn es um Flüchtlinge geht) oder Moderatoren reihenweise Löschungen mit dem Vermerk „Bleiben Sie sachlich“ vornehmen, ist wieder viel von „Zensur“ die Rede. Aber was genau ist Zensur? Staatliche Überwachung und Kontrolle von Presse und Literatur begleitet die neuzeitliche Großmacht Öffentlichkeit von Anfang an. Schrankenlose Freiheit der Druckerpresse hat es nirgendwo gegeben, selbst demokratische Rechtsstaaten setzen Grenzen, die heutzutage freilich kompliziert ausgehandelt und verfassungsrechtlich abgewogen werden müssen.
  Als der Professor und Publizist Lorenz Oken im Großherzogtum Weimar 1816 die soeben verfassungsrechtlich eingeführte Pressefreiheit zu dem Postulat erweiterte, künftig dürften auch Verleumdungen nur noch in dem Medium bekämpft werden, in dem sie vorgebracht wurden, nämlich im Druck, aber keinesfalls polizeilich, verursachte das Goethe buchstäblich schlaflose Nächte: Sehe man nicht, schrieb er in einem Gutachten an den Großherzog, dass damit das Prinzip der „Selbstrache“ in den Meinungsstreit eingeführt würde? Und so kam es dann auch nicht – kein Staat dieser Welt überlässt es prinzipiell allein einem Verleumdeten, sich Genugtuung gegen Lügen und Anschwärzungen zu verschaffen. Nun, im Netz herrschen noch weithin solche gesetzlosen Zustände, man arbeitet erst seit Kurzem daran, das zu ändern.
  Umso spannender, unterhaltender lesen sich die Fallstudien, die der amerikanische Buchhistoriker Robert Darnton zur Geschichte der Zensur vorgelegt hat. Darnton, ein Fachmann fürs französische 18. Jahrhundert, war 1989/90 Gast am Berliner Wissenschaftskolleg, und er nutzte die Chance der Zeitgenossenschaft – gleich nach dem Mauerfall stellte er sich bei der in Auflösung befindlichen „Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel“ der DDR vor und begann mit Interviews, die er kurz danach durch ausgiebige Archivstudien erweiterte. Darntons Bericht von der staatlichen Planung und Lenkung schöner Literatur vor allem in der späten DDR ist das ausführlichste Kapitel seiner dreigeteilten Untersuchung. Die anderen handeln von Frankreich vor der Revolution von 1789 und von der britischen Kolonialherrschaft in Indien um 1900.
  Diese beiden Kapitel beschreiben zwei grundsätzliche Möglichkeiten von „Zensur“ als literarisch-rechtlicher Praktik: Vorzensur und Nachzensur. Im Frankreich des Ancien Régime brauchten Bücher ein königliches Privileg – dafür wurden sie vorher genau geprüft, oft korrigiert, mit Verbesserungsvorschlägen gar lektoriert, konnten sich dann aber auch eines professionellen Gütesiegels erfreuen, das auch für eine grundsätzliche formale Qualität in Ausstattung und Stil bürgte.
  Die königlichen Zensoren stellt Darnton als kompetente, wohlwollende und liberale Fachleute dar, die eigentlich auf Seiten der Autoren standen. Diese amicale Atmosphäre wurde durch den Umstand begünstigt, dass von vornherein Verbotenes gar nicht auf ihre Schreibtische kam; und verboten war in Frankreich nicht in erster Linie die philosophische Literatur der Aufklärung, sondern pornografisches, religiös-ketzerisches, vor allem aber ein Schrifttum, das die herrschende Schicht, den König, seine Mätressen, die Minister anschwärzte. Das Leitgenre dieser verbotenen Untergrund-Literatur war der Schlüsselroman, der den Herrschenden sittliche Verfehlungen ankreidete, das Genre also, das in der berüchtigten Halsbandaffäre zur definitiven, heute unterschätzten, von Goethe aber mit wahrem Entsetzen aufgenommenen Diskreditierung der Monarchie führte.
  Das liberale England, das seit 1695 eine weitgehende Pressefreiheit besaß, verzichtete für die indische Literatur auf jede Form der Genehmigung; dafür wurde die autochthone Literatur zunächst in enormen Katalogen erfasst, zunehmend ausführlicher bewertet, um danach in Einzelfällen gerichtlich belangt zu werden – die exegetischen Gerichtsschaukämpfe um die märchenhaft-blumige, oft verschlüsselte indische Bildwelt lassen einen veritablen Clash der Kulturen aufscheinen.
  Die DDR erinnert mit ihrem verschachtelten System von Partei- und Staatsinstanzen an ein totalitär gewordenes, tendenziell paranoides Ancien Régime. Hier wurde Literatur in Jahresplänen komplett in staatliche Regie genommen, von der Konzeption bis zur Publikation. Stoffe, Erzählhaltungen, Figurenzeichnungen, aber auch Auflagenhöhen und Ausstattung wurden sorgfältig und bürokratisch verwaltet – es gab also nicht nur das Lektorat der Verlage, sondern danach ein mehrfach gestaffeltes Gutachterwesen mit Bearbeitungsmaßgaben und Verbesserungslisten, also ein staatsparteiliches Metalektorat. Darntons wichtigster Beispielfall ist der jahrelange, am Ende die gesamte Staatsspitze beschäftigende Kampf um Volker Brauns „Hinze-Kunze-Roman“, diese brillante, an Diderot geschulte Allegorie auf die Machtverhältnisse zwischen Partei und Gesellschaft. Ein großartiger, fast selbst literarischer Stoff, denn er wiederholt auf einer Metaebene den Gegenstand von Brauns Meisterwerk (was dort übrigens seine fiktionsironischen Spuren hinterließ).
  Dabei gilt Darntons Bewunderung nicht nur dem genialen, hartnäckigen Autor, der mit seinem Regime kämpfte wie Jakob mit dem Engel („Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn“), sondern auch Gutachtern, die selbstverständlich ihren Diderot im Kopf hatten, darüber hinaus aber auch kompetent aktuelle Exegesen des französischen Klassikers, etwa von Michel Butor, abrufen konnten. Doch verschweigt Darnton keineswegs die stalinistische Vorgeschichte und die gewaltsamen Begleitumstände der Zensur, die nie so heißen durfte, und auch nicht die ästhetische Bornierung, die bei allem einsetzte, was den Literaturfunktionären als verrätselt und „spätbürgerlich“ galt.
  Darntons Ansatz ist historistisch, er nennt ihn ethnologisch: Zensur ist keine Invariante des Verbots, sondern eine wandelbare, alle Seiten der literarischen Produktion erfassende „Praxis“. Und hier beginnen auch ein paar Einwände: Zu wenig thematisiert Darnton den entscheidenden Kontext der Tagespresse. Warum mussten französische Schmuddelromane ebenso scharf bekämpft werden wie die Verschlüsselungen und Anspielungen in der Belletristik der DDR? Weil die schöne Literatur vielfach Funktionen einer grundsätzlich untersagten Klartextpresse zu übernehmen hatte. Die Verhandlungspraxis um Belletristik und Lyrik erschließt sich umfassend erst in einem Kontext, in dem Informationen generell rationiert und gefiltert sind.
  Vor dem aktuellen Horizont von Entgrenzungen, geplanter oder spontaner Gefühlswellen und Hassstürme wirkt das wie eine Erinnerung an tankerhaft vormoderne Zeiten – Papier und Blei sind schwerfällige Medien im Vergleich zu den elektronischen Datenströmen. Doch auch hier gibt es kein Ende der Geschichte, die legalen und technischen Instrumente für neue Regelungen sind längst in Arbeit. Und längst gibt es ein neues Mittel, Argumente und Meinungen bedeutungslos zu machen: Man ertränkt sie in einem Meer von Beliebigkeit, wenn nicht gar von Lügen. So wird Zensur zur kleinen Münze für alle, sie geht über vom Staat auf die Gesellschaft.
GUSTAV SEIBT
Jahrelang dauerte der
Kampf um Volker Brauns
„Hinze-Kunze-Roman“
Seine Recherchen zur DDR begann Robert Darnton gleich 1989/90.
Foto: imago stock
Robert Darnton: Die Zensoren. Wie staatliche Kontrolle die Literatur beeinflusst hat. Vom vorrevolutionären Frankreich bis zur DDR. Aus dem Englischen von Enrico Heinemann. Siedler Verlag, München 2016. 368 Seiten, 24,90 Euro. E-Book:19,99 Euro.
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"Darnton (ist) nicht nur ein Mann der Archivfunde, sondern auch ein exzellenter Erzähler." Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.03.2016