Sehen wir uns noch? - Krynicki, Ryszard
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Ryszard Krynicki zählt zu den "wichtigsten lyrischen Stimmen" (Ilma Rakusa) aus Polen. Dieser Band versammelt eine breite Auswahl seines Schaffens, von den widerständigen politischen Gedichten bis zu den Haikus der letzten Jahre, in denen Krynicki die ganze Schönheit und Vergänglichkeit der Welt zu bündeln vermag. "Ein Pfauenauge? / Brüchige Schönheit, trauernd / die Flügel faltend." Krynickis Gedichte sind fast immer eine Reflexion der eigenen Machtlosigkeit gegenüber einer widersprüchlichen, oft rätselhaften Wirklichkeit. Doch dabei sind sie auch eine unmissverständliche Verteidigung der…mehr

Produktbeschreibung
Ryszard Krynicki zählt zu den "wichtigsten lyrischen Stimmen" (Ilma Rakusa) aus Polen. Dieser Band versammelt eine breite Auswahl seines Schaffens, von den widerständigen politischen Gedichten bis zu den Haikus der letzten Jahre, in denen Krynicki die ganze Schönheit und Vergänglichkeit der Welt zu bündeln vermag. "Ein Pfauenauge? / Brüchige Schönheit, trauernd / die Flügel faltend." Krynickis Gedichte sind fast immer eine Reflexion der eigenen Machtlosigkeit gegenüber einer widersprüchlichen, oft rätselhaften Wirklichkeit. Doch dabei sind sie auch eine unmissverständliche Verteidigung der Poesie. "Alles können wir verlieren, / alles kann man uns nehmen, // nur nicht das freie, / das namenlose Wort."
  • Produktdetails
  • Edition Lyrik Kabinett
  • Verlag: Hanser
  • Artikelnr. des Verlages: 505/25447
  • Seitenzahl: 168
  • Erscheinungstermin: 13. März 2017
  • Deutsch
  • Abmessung: 211mm x 146mm x 20mm
  • Gewicht: 346g
  • ISBN-13: 9783446254473
  • ISBN-10: 3446254471
  • Artikelnr.: 47023964
Autorenporträt
Karl Dedecius, 1921 in Lodz geboren, gilt als bedeutendster Mittler polnischer Literatur und Kultur in Deutschland. Als Übersetzer Hunderter Bücher, Autor zahlloser Reden und Aufsätze, Herausgeber der Polnischen Bibliothek, Gründer des Deutschen Poleninstituts in Darmstadt wurde er vielfach gewürdigt und ausgezeichnet, u.a. mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 1990 und dem Orden des Weißen Adlers 1999 in Polen. Karl Dedecius lebt in Frankfurt am Main.

Esther Kinsky, geboren 1956, hat Slawistik und Anglistik in Bonn und Toronto studiert. Sie arbeitet als Übersetzerin aus dem Polnischen, Englischen und Russischen. Ihr übersetzerisches Oeuvre umfasst u. a. Werke von Ida Fink, Hanna Krall, Ryszard Krysnicki, Aleksander Wat, Joseph O'Connor und Jane Smiley. Esther Kinksy lebt in Berlin. 2009 erhielt sie den Paul-Celan-Preis und 2011 den Karl-Dedecius-Preis. Im Jahr 2015 wurde sie mit dem Kranichsteiner Literaturpreis ausgezeichnet.
Rezensionen
Besprechung von 29.06.2017
Seine Sphinx ist eine Schnecke
Ein Auswahlband des polnischen Lyrikers und Übersetzers Ryszard Krynicki

Als in Polen Krieg und Besatzungsterror und die schlimmste Zeit des Kommunismus vergangen waren, kam es nach 1956 zu einer Art von Normalisierung der gesellschaftlichen Lage. "Kleine Stabilisierung" nannte man das; ihr entsprach in der Literatur der "kleine Realismus". Die Schriftsteller schmiegten sich der Wirklichkeit an, akzeptierten die Machtverhältnisse in der fortdauernden Diktatur, schraubten ihren Anspruch, die Welt zu interpretieren oder gar zu verändern, deutlich herunter.

Das konnte nicht gutgehen. Spätestens mit dem zornigen Manifest "Die nicht dargestellte Welt" (1974) der Dichter Julian Kornhauser und Adam Zagajewski wurde in der Literatur eine neue Zeitrechnung eingeläutet. Ryszard Krynicki fragte in jenen Jahren einen Dichter als fiktiven Gesprächspartner: "Aber unterscheidest du die Himmelsrichtungen, und wenn ja, / für welche sprichst du dich aus: verteidigst du die Würde, / oder erliegst du der Gewalt? / Oder scheint dir vielleicht, die Dichtung, / das sei der längste Urlaub des Lebens?"

Schon vor der Prosa hatte sich in der Lyrik eine neue Unruhe verbreitet. Der erste Schock für viele Intellektuelle ereignete sich 1968, als ein Stück von Adam Mickiewicz zensiert werden sollte, Studenten protestierten und die Machthaber als Antwort eine antisemitische Kampagne entfesselten. Darauf reagierten die Dichter: mit einer Hinwendung zur bisher "nicht dargestellten" Welt, mit der Suche nach einer neuen Ethik und einer glaubwürdigen Sprache. Manche schlossen sich wie Krynicki der entstehenden Opposition an oder gingen ins Exil.

Diese Lyriker werden inzwischen als "Neue Welle" oder als "Generation 68" bezeichnet. Ryszard Krynicki ist unter ihnen einer der wichtigsten. Von ihm ist bereits einiges in Deutschland erschienen. Nun schlägt ein neues Buch mit Gedichten, viele davon erstmals übersetzt, einen Bogen von 1969 bis fast in die Gegenwart.

Es ist ein facettenreicher Krynicki, der hier präsentiert wird. "Ich bestehe aus Zellen: / aber wie weit entfernt / von ihrer unmenschlichen Vollkommenheit." In dieser haikuartigen Kürze schrieb er gelegentlich schon in den siebziger Jahren; in jüngster Zeit immer öfter. In diesem Gedicht blitzt Selbstzweifel auf, aus anderen Versen spricht von der Geschichte genährte Angst vor der Zukunft. "Alles kann man uns nehmen", heißt es dort, Bücher, Bilder, Bernsteinketten, "nur nicht das freie, / das namenlose Wort, / auch wenn es uns nur durchrieselt."

Ein wichtiges Element in Krynickis Lyrik ist die Asche. Krieg und Nachkrieg, Asche der Kindheit. "Was für ein Glück", ist ein frühes Gedicht überschrieben: Zwei überlebende Juden treffen sich glücklich am Zentralbahnhof in Warschau, "der aufgebaut ist auf der Asche, den Atemzügen und dem Staub der Toten". Und sie tun das, was sie tun können: Sie erinnern sich. An Himmel und Landschaft, an Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und Mitleid, "an das Alpha und Omega des in der umgesiedelten Luft flach / begrabenen Rauchs". An verbrannte Bücher, alte und neue Verfolger und "die nur noch in unseren Herzen weiterlebenden Mädchen".

Krynicki wurde 1943 als Sohn von Zwangsarbeitern in einem Lager in Österreich geboren. Daran knüpft er im Gedicht "Geburtsurkunde" an ("als auf dem Transport Geborenem / fiel mir der Todesplatz zu"). Später landete die Familie in Gorzów (Landsberg an der Warthe), in einem Haus zuvor vertriebener Deutscher. Heute lebt Krynicki in Krakau, wo er mit sejner Frau Krystyna seit 1989 den Literaturverlag "a5" betreibt. Seine spärlichen späten Gedichte sind vielfach Notate von Reisen: in deutsche Großstädte oder auf den Spuren Kafkas, Celans und Pounds. Viele deutsche Dichter hat er übersetzt. Bertolt Brecht, einem von ihnen, schickt er hier süffisant die Frage hinterher, warum er sich denn im schlimmen Amerika jahrelang so wohl gefühlt habe.

Unter den Dichtern der Neuen Welle ging Krynicki früh den Weg der Verknappung, bis fast an die Grenze zur Stille. "Du bist mein einziges Vaterland, Schweigen, // in dem alle vergeblichen Worte / enthalten sind", heißt es in einem hier leider nicht vertretenen Gedicht. Schweigen, Weile, Langsamkeit - und die Schnecke. Schon vor drei Jahrzehnten zitierte Krynicki den Haiku-Dichter Kobayashi Issa: "Klettere, kleine Schnecke, / den Berg Fuji hinauf, / aber langsam." Seitdem verfolgt ihn dieses Tier, erscheint auf seinem Hochhausbalkon, erscheint ihm als Sphinx, als radikaler Widerspruch zur Unbehaustheit und Hektik unserer Zeit. Am Ende spricht er die Schnecke, "meine ältere Schwester", direkt an: "Beide wissen wir nicht, / wozu wir geschaffen wurden. / Beide notieren wir stumme Fragen, / jeder mit seiner intimsten Schrift: / mit Angstschweiß, Samen, Schleim."

GERHARD GNAUCK

Ryszard Krynicki: "Sehen wir uns noch?" Gedichte.

Aus dem Polnischen von Karl Dedecius u. a.

Carl Hanser Verlag, München 2017. 164 S., geb., 18,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 29.08.2017
Signale, die das Herz empfängt
Auszug aus der Welt der politischen Parolen: Die Gedichte des polnischen Autors, Übersetzers und Verlegers Ryszard Krynicki
Vielleicht ist die Zunge nicht mehr als ein wundes Stück Fleisch, das im Mund lebt. Manchmal gleicht sie auch einem entblößten Herzen, einer wehrlosen, nackten Schneide, dann wieder fühlt sie sich an wie ein „Knebel, der den Aufstand der Wörter / niederschlägt.“ Für den polnischen Dichter Ryszard Krynicki jedenfalls ist sie beides, ein „gezähmtes Tier / mit Menschenzähnen“ und zugleich jenes „Unmenschliche, das in uns wächst“. Schillernd ist sie, die Zunge, Königin der Dialektik, aber auch Hüterin der „wahren Lüge“, wie das Gedicht, das ihre widersprüchlichen Momente zur Sprache bringt.
Diese Arbeit am Gegensatz kann dauern. Neun Einzelbände hat Ryszard Krynicki bislang veröffentlicht, schlanke Ausbeute für ein Dichterdasein, das vor fast 50 Jahren mit einem Band begann, der den Begriff „Jagdtrieb“ im Titel trägt. Doch Krynicki dichtet nicht nur, er schreibt auch Essays, war Redakteur und leitet heute einen wichtigen polnischen Verlag für Lyrik. Vor allem aber übersetzt er neben dem eigenen Schreiben, wahlverwandte Stimmen wie Brecht, Celan oder Nelly Sachs. Dabei muss man sich den Dichter wie den Sprecher des Gedichts „Verfremdungseffekt“ vorstellen, immer darauf bedacht, „behutsam die Steinchen / der richtigen Aussprache im Mund zu wälzen.“
Bis jetzt kannte man Krynicki bei uns aus drei Sammelbänden, zwei davon hat der Übersetzer Karl Dedecius (1991) herausgegeben, den dritten die Schriftstellerin Esther Kinsky (2000). Nun hat Krynicki selbst einen Auswahlband zusammengestellt, der einen Teil der bisherigen Übersetzungen enthält, aber auch zu einem guten Drittel aus neueren Gedichten besteht, die Renate Schmidgall ins Deutsche übertragen hat.
Ein Dichter der Einzelheiten und der Erinnerung tritt dem Leser hier entgegen. Einer, der politische Parolen ins Leere laufen lässt und der mit jedem Vers für das Einzigartige des Lebens einsteht, immer in dem Bewusstsein, selber alles andere als vollkommen zu sein. Krynickis Blick gilt vor allem den unterdrückten und von der Gesellschaft ausgeschlossenen Menschen, es mag eine Kaspar-Hauser-Figur sein, ein Clochard in Paris oder ein „Flüchtling / aus irgendeinem Land im Bürgerkrieg“.
Selbst ein Kalb, das zum Schlachthof gebracht wird, findet den Weg ins Gedicht, ebenso die junge Meise, die der Kater dem Sprecher vor die Füße legt. Während das Herz Signale aus der Vergangenheit sendet und empfängt, gleicht das Hirn einer „ausgestorbenen Stadt in der fernen Zukunft“. So verknüpft Krynicki in seinen Gedichten die Zeiten und erinnert „schweigend an die toten, / ermordeten, namenlosen, spurlos verschollenen Dinge“.
Nicht von ungefähr ist das zwanzigste Jahrhundert für Krynicki das „verbrecherische Jahrhundert“. Seine Eltern wurden im Zweiten Weltkrieg als Zwangsarbeiter ins Lager Windberg im österreichischen St. Valentin gebracht, Krynicki selbst kam in diesem Lager 1943 zur Welt. Die „verwundete Kindheit“ schärfte von Beginn an das Bewusstsein für allzu einfache Redeweisen und Mechanismen der Repression. Früh schon wandte sich Krynicki in Polen der Solidarność-Bewegung zu und kritisierte gemeinsam mit seinen Dichterkollegen der „Neuen Welle“ das Regime. Immer drückender erschienen die Zustände bis zur Verhängung des Kriegsrechts zu Beginn der Achtzigerjahre – und immer platter die politischen Formeln.
Das Gedicht, hat Krynicki einmal erzählt, kann auf solche Verkürzungen nur mit einer Sprache antworten, die jeder Eindeutigkeit entgegenläuft, die mit Paradoxien und unterschiedlichen Schichten arbeitet. In den frühen Bänden sind die Gedichte oft nach Art von Listen gebaut. So gelingt es Krynicki, Stoffe aus verschiedenen Bereichen zusammenzubringen, ohne sie den Mustern der Logik oder dem Verhältnis von Ursache und Wirkung zu unterwerfen. Andernorts führt er eine Schreibweise fort, die er bei Wislawa Szymborska gefunden hat: die Kunst der bewussten Zurücknahme. Es können Fragen sein oder Wörter wie „übrigens“ oder „vielleicht“ – diese poetischen Widerhaken erlauben es Krynicki, seine Sätze über die Welt flugs ein wenig zu drehen.
Seltsam, dass er trotzdem bisweilen zur Pointe neigt: „Nicht aus Scham, / sondern um niemanden zu verletzten, / verberge ich manchmal mein Elend. So / tun wir es oft // mit der Wahrheit.“ Stärker als in solchen Zuspitzungen ist Krynicki, wenn er Aussagen gegeneinanderstellt und Begriffe aushebelt. Dann führt er seine Sätze tatsächlich „durchs Labyrinth der unterirdischen Bahnen“. Das Trio der Übersetzer hat in diesem Labyrinth immer wieder überraschende Ausgänge gefunden. Besonders schön sind die Übertragungen der Haiku-Sammlungen, die Renate Schmidgall angefertigt hat.
Schade nur, dass die polnischen Texte nicht auch im Band enthalten sind. Das lässt den Leser gerade bei jenen Gedichten rätseln, in denen Krynicki mit festen Formen arbeitet. Ein Stück wie „Niemandselegie“ etwa lebt von rhythmischen Brüchen und dem Spiel mit unsauberen Reimen. Doch wie soll man ohne Blick auf das Original entscheiden können, ob diese kleinen Verschiebungen der Fantasie des Dichters entsprungen sind oder dem Kopf des Übersetzers?
„Seid ohne Eile, Wörter, Regungen“, heißt es in einem Vers. Und ohne Eile folgt man auch den Gedichten, liest gemeinsam mit Ryszard Krynicki aus dem Feuer oder sieht ein kleines Eichhörnchen über die Straße laufen. Bei aller Skepsis durchzieht ein Glaube an die Kraft der Poesie diese Zeilen, wie man ihm nur selten begegnet. Gut vorstellbar, dass von Krynickis Versen weit mehr bleiben wird als nur Spuren von Asche oder die „kaum lesbaren Abdrücke / von Katzenpfoten“ auf dem Manuskript.
NICO BLEUTGE
Ryszard Krynicki: Sehen wir uns noch? Gedichte. Aus dem Polnischen von Karl Dedecius, Esther Kinsky und Renate Schmidgall. Mit einem Nachwort von Renate Schmidgall. Carl Hanser Verlag, München 2017. 164 Seiten, 18,50 Euro.
Früh wandte sich Krynicki
der Solidarność-Bewegung zu
und kritisierte das Regime
Ryszard Krynicki, 1943 als Kind von Zwangsarbeitern geboren, lebt
in Krakau.
Foto: imago/ZUMA Press
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"Bei aller Skepsis durchzieht ein Glaube an die Kraft der Poesie diese Zeilen, wie man ihm nur selten begegnet. Gut vorstellbar, dass von Krynickis Versen weit mehr bleiben wird als nur Spuren von Asche oder die 'kaum lesbaren Abdrücke / von Katzenpfoten' auf dem Manuskript." Nico Bleutge, Süddeutsche Zeitung, 29.08.17