18,00 €
versandkostenfrei*

inkl. MwSt.
Sofort lieferbar
0 °P sammeln
Produktbeschreibung
Inhaltsbeschreibung folgt
  • Produktdetails
  • Verlag: Hanser
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 168
  • Erscheinungstermin: Juni 2019
  • Deutsch
  • Abmessung: 216mm x 152mm x 17mm
  • Gewicht: 342g
  • ISBN-13: 9783446203662
  • ISBN-10: 3446203664
  • Artikelnr.: 11798811
Autorenporträt
Zagajewski, Adam§Adam Zagajewski, 1945 in Lemberg geboren, studierte Psychologie und Philosophie in Krakau, wo er auch heute lebt. Er lehrte regelmäßig an der University of Chicago. Adam Zagajewski ist Autor zahlreicher Lyrik- und Essaybände sowie mehrerer Romane und wurde für sein Werk vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Eichendorff-Literaturpreis (2014), dem Heinrich-Mann-Preis der Berliner Akademie der Künste (2015), dem Leopold Lucas-Preis (2016), dem Jean Améry-Preis für Essayistik (2016) und dem Prinzessin-von-Asturien-Preis in der Sparte Literatur (2017). Seit 2015 ist Adam Zagajewski Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Bei Hanser erschienen zuletzt Verteidigung der Leidenschaft (Essays, 2008), Unsichtbare Hand (Gedichte, 2012), Die kleine Ewigkeit der Kunst (Tagebuch ohne Datum, 2014) und Asymmetrie (Gedichte, 2017). 2021 erscheint Poesie für Anfänger (Essays) im Hanser Verlag.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 15.12.2003

In der Faust der Zeit
Adam Zagajewski besucht die Wiesen von Burgund
„Laß dich nicht täuschen von der Poesie / besser du liest sie nicht du hast sowieso keine Zeit / die Zeit hat dich sie hält dich in der Faust.” Um vor den Gefahren der Lektüre gewarnt zu sein, bedarf es der Lektüre: aus diesem Paradox speist sich die Lyrik des 1945, diesem Grenzjahr der europäischen Geschichte, geborenen Adam Zagajewski. Die Warnung der Poesie vor sich selber ist ironisch und ernst zugleich. Nur wer nicht merkte, wie sie sich in jenen drei Versen in ihr Gegenteil verkehrt: in eine Warnung vor der Unfähigkeit zu lyrischem Innehalten, könnte ihre Ironie verkennen. Aber die Warnung ist auch ernst, weil das Misstrauen, dem sie entspringt, ernst ist: „Ich habe der Matthäus-Passion gelauscht, / die Schmerz in Schönheit verwandelt. / Ich habe die Todesfuge von Celan gelesen, / die Schmerz in Schönheit verwandelt”, heißt es in einem anderen Gedicht. Auch Zagajewskis Lyrik verwandelt Schmerz in Schönheit, sonst wäre sie keine. Kunst ist nie unmittelbar, und was bloß unmittelbar ist, ist nicht Kunst.
Doch dieser Autor misstraut der Verwandlung des Schmerzes in Schönheit, und bewahrt das Bewusstsein ihrer Brüchigkeit. Nietzsches Wort „Nur Narr, nur Dichter” sitzt ihm im Nacken; er blickt sich um und sieht ihm, in einem Gedicht in der Mitte des Bandes, ins Auge. Am Grunde seines Argwohns gegen das eigene Tun liegen weniger ästhetische Skrupel als historische Erfahrung. Im Europa der saturierten Touristen vermag Zagajewski nicht an den Schatten der Verbrauchten und Ermordeten von Kolyma und Ravensbrück vorbeizusehen. Dieser große Europäer, den Kopf erhoben über alle Nationalismen, ist insofern ein Geistesverwandter W.G. Sebalds, des nur ein Jahr Älteren; dessen Andenken hat Zagajewski das vorletzte Stück des Bandes gewidmet.
Wie Sebald in seiner Prosa verzichtet Zagajewski in seinen Gedichten darauf, die eigene Wortmacht über den Gegenstand zu genießen, gibt sich diesem gegenüber auf. Nur so, welthaltig und gedankenvoll, vermag eine Elegie auf ein Radio jeglicher Banalität zu entgehen und ein zum Gedicht kristallisierter Essay über niederländische Malerei aller kunstpädagogischen Attitüde. Ein Buch ist entstanden, in dem kein überzähliges Wort, kein überflüssiges Komma steht. Für Zagajewskis Gedichte hat Karl Dedecius ein kraftvoll genaues Deutsch gefunden, das jeden Gedanken, es mit Übersetzungen zu tun zu haben, im selben Augenblick vergessen lässt; dass die Gedichte aber im Deutschen wie Originale leuchten, mag auch damit zu tun haben, dass sie wohl schon in des Autors Sprache nicht Einkleidungen eines Gehalts waren, sondern dieser selbst.
ANDREAS DORSCHEL
ADAM ZAGAJEWSKI: Die Wiesen von Burgund. Gedichte. Herausgegeben und aus dem Polnischen übersetzt von Karl Dedecius. Carl Hanser, München 2003. 168 Seiten, 15,90 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
…mehr

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 06.12.2003

Sendboten des Feuers mit blaubeerfarbenen Lippen
Von der wilden Freude der Form: In seinen Gedichten blickt Adam Zagajewski auf Europa, seine Geschichte und Kultur

Im Hochsommer 2000 endete ein selbstgewähltes Exil: Der Dichter Adam Zagajewski, der 1982 Polen verlassen hatte, um in Paris zu leben, kehrte in seine Heimat zurück. Nicht in die an Rußland verlorene Geburtsstadt Lemberg. Nicht nach Gleiwitz, wo er den größten Teil seiner Kindheit verbracht hatte. Sondern nach Krakau, in die Stadt seiner Studienzeit, die "Stadt der Einbildungskraft", wie er sie einmal genannt hat.

In Polen hat man Zagajewskis Weggang seinerzeit als "Flucht in die europäische Einsamkeit" kritisiert. Karl Dedecius, der dies in seinem Nachwort erwähnt, vergleicht Zagajewskis Rückkehr mit der "Heimkehr des Prokonsuls", wie sie ein berühmtes Gedicht Zbigniew Herberts einst, im Jahr 1961, imaginiert hat. Freilich haben sich die polnischen Verhältnisse so grundlegend und glücklich verändert, daß der Vergleich mit dem Römischen Imperium obsolet geworden ist. Die Rückkehr eines Dichters ist kein Politikum mehr. Im Fall Zagajewskis aber Anlaß für ein Resümee seines bisherigen Lebens, für eine umfassende Auswahl aus seinem lyrischen Werk.

Sie führt den Leser vom engagierten Poeten der sechziger Jahre zum "weltlichen Mystiker", wie ihn Derek Walcott genannt hat. Sie bringt vor allem aber eine ganze Reihe neuer Gedichte. Und zumindest ihr Titel "Die Wiesen von Burgund" läßt sich als Reverenz an das Gastland lesen, als Zeichen dafür, wie fruchtbar für den Dichter die europäische Einsamkeit, Paris vor allem, gewesen ist.

Zagajewskis Weg war weit und nicht ohne Umwege. Er führte in die Politik und mehr und mehr über sie hinaus. Eines der Gedichte, das ihn in Deutschland bekannt machte, ist "Niederlage" von 1982. Es beginnt: "Wirklich leben können wir nur in der Niederlage. / Die Freundschaften werden tiefer, / die Liebe erhebt ihr wachsames Haupt. / Sogar die Dinge werden rein." Es endet mit der Warnung: "Daß uns ja nicht / der Sieg überrascht."

Dabei war Zagajewskis Generation - die "Generation 68", wie sie sich nannte - nicht zur Niederlage angetreten. "Kommunikat" (Bekanntmachung) war 1972 der beinah plakative Titel von Zagajewskis erstem Gedichtband. Der Siebenundzwanzigjährige ging von der äsopischen Parabolik seiner Vorgänge zu einer nüchternen, oft ironischen Diktion über. Gegen einen monolithischen Kommunismus, der ihm als ein "Weltentwurf aus dem Schmierheft" erschien, schrieb er seine "Ode an die Vielheit", einen Preis der philosophischen Ironie.

Zagajewski nennt den Dichter den älteren Bruder des Philosophen. Doch kaum ein Dichter ist so von Philosophie fasziniert wie er. Niemand schreibt so genaue wie schöne Gedichte über Philosophen, etwa "Kierkegaard über Hegel", "Schopenhauer weint" oder "Gespräch über Friedrich Nietzsche". Adam Zagajewski ist ein denkender Dichter im genauesten Sinne des Wortes. Aber seine Poesie ist keine "Gedankenlyrik", die nach Bücherstaub riecht, sie gibt dem Gedanken den Duft und die Farbe der Wirklichkeit. Zagajewski beschwört das "Feuer Descartes', das Feuer Pascals", "das ewige Feuer Heraklits", aber auch den Jungen mit den schwarzen, von Blaubeeren beschmierten Lippen, der ein Sendbote dieses Feuers ist.

Zagajewski hat einen tiefen, fast kindlichen Respekt vor den geliebten "Meistern". Zu ihnen gehören auch Musiker und Dichter. Er weiß, ja besteht darauf, daß seine "Meister" nicht unfehlbar sind. Er weiß, daß alles, was er von ihnen erwartet, als seine eigene Antwort, seine eigene Produktivität kommen muß: "Meine Meister fragen mich um Rat (. . .) Ich höre ihre Stimme beben." Ihre Stimmen beben vor Erwartung, daß der Jüngere erfüllt, was sie von ihm erhoffen. So redet kein Epigone, keiner, der es sich in der Nachfolge bequem eingerichtet hat. Im Gegenteil: Zagajewski ist nirgendwo originärer als dort, wo er selbst aus den Stimmen der Meister spricht. Am schönsten vielleicht in seinem Gedicht über den späten Beethoven. Dort preist er "die Freude, die wilde / Freude der Form, die lachende Schwester des Todes". Das ist große, pathetische Gedanken-Musik. Das ist aber auch das Risiko des hohen Stils, zu dem sich Zagajewski kürzlich in einem Essay bekannt hat.

Die neueren Gedichte, vor allem jene, die Zagajewski nach "Mystik für Anfänger" (1997) geschrieben hat, nehmen den Ton deutlich zurück. Hier spricht ein Mann in den Fünfzigern, den im selbstgewählten Exil immer wieder die Tristesse überfällt, das Fremdsein in der Fremde. Der Dichter, der die langen Spaziergänge durch die Straßen von Paris liebt, ertappt sich dabei, wie er im Park Saint-Cloud "immer schneller" im Kreis geht. Oder sich wieder als armen Reisenden vor der Gare du Nord sieht. Dieser Mann in seinen späteren Jahren fürchtet das Verschwinden der Poesie und ermahnt sich: "Sprich gelassener; du bist nicht mehr jung". Trotzig - verräterisch trotzig - setzt er gegen die Versuchung zur Resignation noch einmal den großen poetischen Anspruch, den "Versuch, die verstümmelte Welt zu besingen".

Wir Leser, immer bereit, vom Leben und Lieben der Dichter zu hören, sind gern ein wenig herzlos gegen ihre Schreibprobleme. Wir wollen Leistung, Genuß. Zagajewski entschädigt uns völlig. Er ist nicht bloß ein weltläufiger Autor. Er ist - gerade in seinen neuen Gedichten - ein Meister der großen Tableaus, ein virtuoser Maler von Porträts und Reisebildern. Er nimmt anrührend und respektvoll "Abschied von Zbigniew Herbert" und schildert geradezu fromm, aber nicht ohne Ironie "Frankreichs Kirchen", "gastlicher als seine Herbergen und Gedichte". Ihm gelingt sogar der große Panoramablick. So in "Houston, sechs Uhr nachmittags" der Blick auf das schlafende Europa, auf seine Geschichte und Kultur, aber auf die Menschen: "In Krakau und in Paris waten meine Freunde / in demselben Fluß des Vergessens." Sollte etwas wie globale Poesie möglich sein, dann mit solchen Einsprengseln des Konkreten, mit dem Ton der Empathie.

Kein Zweifel aber auch, daß wir unserem Dichter besonders gern dort folgen, wo er sich an das Nächste, Intimste hält. Etwa an die Schilderung des "Square d'Orléans", eines stillen Platzes, wo Chopin einst wohnte. Da ist etwas von Trauermusik in den ruhig fallenden Zeilen. Vollkommen darf man eines der wenigen kurzen Gedichte nennen, das von einer nicht weiter benannten rätselvollen Figur spricht. "Sie steht auf der Bühne einsam", heißt es von ihr, "und hat kein Instrument." Und der Schluß lautet: "Nicht die Hände / und nicht die Brust singen. // Es singt, was schweigt." Könnte das die Poesie selbst sein? Wir erwarten keine Antwort, sind jenseits von Frage und Antwort, jenseits aller Allegorien. Der denkende Dichter hat sich ganz zurückgenommen in der Beschwörung der reinen Gestalt.

Adam Zagajewski: "Die Wiesen von Burgund". Ausgewählte Gedichte. Herausgegeben und aus dem Polnischen übersetzt von Karl Dedecius. Hanser Verlag, München 2003. 168 S., geb., 16,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
…mehr

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

"Rezensent Harald Hartung feiert den polnischen Dichter "gerade in seinen neueren Gedichten" als "Meister des großen Tableaus" und als virtuosen Maler von Porträts und Reisebildern. Besonders gern ist er Adam Zagajewski durch diese umfassende Auswahl aus seinem lyrischen Werk jedoch dorthin gefolgt, wo der Dichter "sich an das Nächste, Intimste" hält. In den "ruhig fallenden Zeilen" des Gedichts "Square d'Orleans" beispielsweise - "eines stillen Platzes, wo einst Chopin wohnte" - hört Hartung "etwas von Trauermusik". Insgesamt führt ihn diese Werkauswahl "vom engagierten Poeten der sechziger Jahre" zum "weltlichen Mystiker" späterer Zeiten. Bewunderung drückt Hartung besonders für das "Risiko des hohen Stils" aus, das Zagajewski mit einigen Gedichten eingegangen ist und unter denen der bewegte Rezensent sogar eines der schönsten des vorliegenden Bandes gefunden hat.

© Perlentaucher Medien GmbH"
"Ein mitreißender Einblick in das Schaffen eines großen zeitgenössischen Dichters."
Jan Wagner, Frankfurter Rundschau, 08.10.03

"Zur Musik pflegt der polnische Schriftsteller Adam Zagajewski eine besondere Beziehung. Für die Prosaisten seiner autobiografischen Schriften ist sie das wiederkehrende Ferment gegen jede Facon von Gewöhnlichkeit; für die Poeten zeigt sie eine Magie, die eng das Handwerk des Schreibens berührt."
Martin Meyer, Neue Zürcher Zeitung, 20.01.04