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Was zu Beginn des letzten Jahrhunderts mit den eigenwilligen Forschungen des jungen Doktor Freud begann, hat das Selbstverständnis des Menschen und seiner Kultur verändert wie kaum eine andere Theorie. Eli Zaretsky hat nun die erste wirklich umfassende Geschichte der Psychoanalyse geschrieben. Sie handelt nicht nur von den prominenten Protagonisten - von Freud und Adler bis zu Lacan - sondern versteht die psychoanalytische Bewegung als einen zentralen Akteur der Geschichte des 20. Jahrhunderts.…mehr

Produktbeschreibung
Was zu Beginn des letzten Jahrhunderts mit den eigenwilligen Forschungen des jungen Doktor Freud begann, hat das Selbstverständnis des Menschen und seiner Kultur verändert wie kaum eine andere Theorie. Eli Zaretsky hat nun die erste wirklich umfassende Geschichte der Psychoanalyse geschrieben. Sie handelt nicht nur von den prominenten Protagonisten - von Freud und Adler bis zu Lacan - sondern versteht die psychoanalytische Bewegung als einen zentralen Akteur der Geschichte des 20. Jahrhunderts.
  • Produktdetails
  • Verlag: Paul Zsolnay Verlag
  • Originaltitel: Secrets of the Soul
  • Artikelnr. des Verlages: 551/05372
  • Seitenzahl: 624
  • Erscheinungstermin: 4. März 2006
  • Deutsch
  • Abmessung: 220mm x 154mm x 42mm
  • Gewicht: 848g
  • ISBN-13: 9783552053724
  • ISBN-10: 3552053727
  • Artikelnr.: 20747287
Autorenporträt
Zaretsky, Eli§Eli Zaretsky promovierte 1978 an der Universität Maryland. Sein Buch Capitalism, the Family, and personal Life (Die Zukunft der Familie, dt. 1978) wurde bisher in 14 Sprachen übersetzt. Daneben publizierte er Aufsätze über Familiengeschichte, Psychoanalyse und moderne Kulturgeschichte. Zaretsky ist Professor der Geschichte an der New School University in New York City. 2006 ist sein Buch Freuds Jahrhundert. Die Geschichte der Psychoanalyse im Paul Zsolnay Verlag erschienen.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 25.03.2006

Wie das Selbstsein gelingt
Eli Zaretsky erzählt die Geschichte der Psychoanalyse
Das Mekka der Psychoanalyse ist die Berggasse 19. Dort stand die Couch. Und an ihr scheiden sich bis heute die Geister. Also kann man es etwa mit Vladimir Nabokov halten: Der hatte Sigmund Freud kurzerhand zu einem „subtilen Schamanen” erklärt. Nach dieser Lesart gehört die Psychoanalyse in die Ära des modernen Primitivismus. Als eine rituelle Praktik, die sich in die Moderne rettete, ist sie wissenschaftlich ohne Belang, doch immerhin als Kultform interessant, die von überlebten Mentalitäten zeugt. Folglich verdienen ihre Fürsprecher das milde Lächeln, mit dem wir Zeitgenossen bedenken, die magische Weltbilder bei vorgeblich klarem Verstand vertreten. Natürlich leben sie nicht mehr als Jäger und Sammler, jedoch als Mitglieder eines animistischen Stammes, der seine bizarren Gebräuche mit nicht minder bizarren Sexualtheorien rechtfertigt.
Oder man schließt sich Philip Roth an und verteidigt den Vater der Psychoanalyse als „unseren Sophokles”. Nach dieser Lesart schreibt Freud mythische Dramen wie das vom Vatermörder Ödipus fort, die selbst in der Moderne wahr bleiben, weil der Mythos eben immer Recht hat. Auch hier kommt die Psychoanalyse nicht als Therapie, schon gar nicht als empirische Wissenschaft in den Blick, vielmehr ist sie ein literarisches Projekt. Mit suggestiven Erzählungen verleiht sie Kräften und Konflikten eine Stimme, die sonst zum Schweigen verurteilt wären.
Eli Zaretsky, langjähriger Herausgeber der „Socialist Review” und mittlerweile Historiker an der New School in New York, beschreitet einen dritten Weg. Seine Darstellung der Psychoanalyse vermeidet Archaisierungen, leugnet nicht, dass Freud ein begnadeter Schriftsteller war, umgeht lästige Wahrheitsfragen und erzählt, in der Regel gut informiert, die Geschichte des Freudschen Unternehmens von seinen Anfängen bis zur Gegenwart, das heißt bis zu seinem unwiederbringlichen Ende in den siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts.
Die Kopenhagener Luft
Für Zaretsky ist die Psychoanalyse weder Dichtung noch gar Religion, sondern Ethik. Kühn und knapp wird sie als „die bedeutendste Theorie und Praxis des persönlichen Lebens” definiert. Was damit gemeint sein könnte, ist auch deshalb schwer zu verstehen, weil der deutschen Übersetzung von Zaretskys Definition jene Emphase fehlt, die im amerikanischen Original unüberhörbar anklingt. Offenkundig bezeichnet „a personal life” ja kein bloß persönliches Leben, im Sinne einer privaten, auf die Binnensphäre der Familie konzentrierten Existenz. Vielmehr wird ein Dasein ins Auge gefasst, das sich Konformismen verweigert, normierende Rollenerwartungen zurückweist und auf Eigenes aus ist. Es geht um eine Lebensführung, die Authentizität will und Eigentlichkeit prämiert. Jedenfalls drängen sich existentialphilosophische Assoziationen zumal dann auf, wenn Zaretsky die emanzipatorischen Potentiale der Psychoanalyse beschwört. Sein Freud mag Schüler von Brücke und Charcot gewesen sein, mag Medizin studiert, Physiologie getrieben und hysterische Anfälle in Paris beobachtet haben. Was ihn von den Ärzten seiner Zeit kategorisch unterscheidet, ist die Kopenhagener Luft, in der Freuds Werk atmet. Auch wenn Sören Kierkegaards Name nicht fällt, feiert Zaretskys Monographie Freud als einen Menschheitsbefreier, als den couragierten Advokaten einer Ethik gelingenden Selbstseins.
Noch bevor die Psychoanalyse eine Theorie der menschlichen Seele, das heißt Psychologie in strengerem Sinne ist, formuliert sie Zaretsky zufolge das Plädoyer für eine neue Lebensform. Dieser Aufruf war Freuds bahnbrechende Tat, der Vorstoß, dem die Psychoanalyse ihre kulturelle, mithin historische Bedeutung verdankt. Wo Es war, soll ein Ich werden, das sich in der Durcharbeitung seines „persönlichen” Unbewussten individualisiert.
Dass es konkurrierende Interpretationen der Freudschen Sache gegeben hat, unterschlägt Zaretsky nicht. Selbstverständlich erwähnt seine mal mehr, mal weniger zuverlässige Durchmusterung der psychoanalytischen Schulen auch diejenige Lacans. Namentlich dort wurde die Ich-Psychologie in all ihren Schattierungen harsch kritisiert. Doch abgesehen von anekdotischen Momentaufnahmen aus der Vita des französischen Analytikers, lässt Zaretskys Buch die argumentative Auseinandersetzung mit dessen Häresien vermissen. Überhaupt kommt Frankreichs „Rückkehr zu Freud” in Zaretskys Panorama zu kurz, was umso überraschender ist, als er eindrucksvolle Zahlen heranzieht, um die hegemoniale Stellung der Psychoanalyse gerade in der linksrheinischen Nachkriegskultur zu belegen. Der Bogen spannte sich von Sartre über Foucault bis Derrida. So entsteht der etwas irritierende Eindruck, die Psychoanalyse habe spätestens mit der Übersiedlung ihres Gründungsvaters nach London, also seit Ende der dreißiger Jahre, vornehmlich Englisch gesprochen.
Vielleicht steht auch deshalb für Zaretsky fest, dass die Psychoanalyse ein normatives Modell von Individuation verficht. Deren Ziel kann nicht mehr die moralische Autonomie eines Ich sein, das um seine Pflichten gegen andere weiß. Schließlich denkt und schreibt Freud nach Immanuel Kant. Sein Subjekt geht, so Zaretsky, nicht aus der Achtung vor dem Gesetz, sondern aus dem insistierenden Verlangen nach „persönlicher” Autonomie hervor. Folglich sind es nicht die in der Moral kodifizierten Erwartungen der anderen, die das gesellschaftliche und persönliche Sein der Individuen bestimmen, sondern die aus der Erkenntnis der eigenen Wunschnatur ermittelten Pflichten gegen sich selbst. Sekundärer Narzissmus first!
Wer die Psychoanalyse primär als eine Ethik der Selbstverwirklichung versteht, kann ihre Kultur- und Gesellschaftsgeschichte auf den Spuren von Max Weber erzählen, der den Geist des Kapitalismus in der protestantischen Ethik identifiziert hatte. Wie diese calvinistische Ethik als Handlungsmotivation für diejenigen funktioniert, die glauben, an ihren materiellen Erfolgen die Triftigkeit eines notorisch unzuverlässigen Erlösungsversprechens ablesen zu können, hatte Weber dargelegt. Jetzt meint Zaretsky mit der „Theorie und Praxis des persönlichen Lebens”, also in der psychoanalytischen Ethik, den „Kalvinismus der zweiten industriellen Revolution” ausgegraben zu haben. Und nur folgerichtig schert den Historiker der Wahrheitsgehalt der Psychoanalyse so wenig wie Weber seinerzeit die Wahrheit des christlichen Glaubens umgetrieben hatte.
Ihn interessiert die zur Ethik geschrumpfte psychoanalytische Doktrin ja nur insoweit, als sie Maximen bereitstellt, die voraussetzungsgemäß das Tun und Lassen spätkapitalistisch sozialisierter Individuen beeinflussen. Und wenn er, wie Zaretsky, zudem Wert darauf legt, ein neomarxistischer Historiker zu sein, interessieren solche Motivationslagen im Grunde nur als Überbauphänomene. Also bemüht sich der New Yorker Sozialwissenschaftler allen Ernstes, die Psychoanalyse als dasjenige handlungsorientierende Überzeugungssystem auszuweisen, das ein dynamisierter Kapitalismus brauchte, der im ersten Akt fordistisch auf Massenproduktion und Massenkonsum umstellt, um im zweiten Akt postfordistisch ganz auf Individualisierung zu setzen. Dieser Kapitalismus, so lautet die soziologische Generalthese, hat die Familie als „Produktionseinheit” zerstört. Er hat die ihrer sozialen Herkunftswelt beraubten Individuen in Biografien entlassen, die zu geschichtlich neuen Weisen der Identitätsbildung viel weniger einladen, als vielmehr nötigen. Zu Ende gedacht, ist Freuds Moralistik folglich nur die ideologische Vorwegnahme eines Lebensstils gewesen, der zunächst in marginalisierten Subkulturen aufblühte, im Laufe der siebziger und achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts aber zum gesellschaftlichen Gemeingut wurde. Tatsächlich behauptet Zaretsky, dass die Geschichte der Psychoanalyse zu diesem Zeitpunkt endet, weil sie ihre historische Mission verwirklicht hatte. Nun führen alle ein „persönliches” Leben - zumindest in der westlichen Zivilisation. Freud ist kein Wiedergänger eines antiken Tragödiendichters und auch kein Schamane gewesen, er war der Avon-Berater der Zweiten Moderne.
Selbstverständlich muss kein Leser Zaretskys Ehrgeiz folgen, Freud mit einem marxistisch gewendeten Weber zu soziologisieren. Tatsächlich ließe sich sein Buch gewinnbringend als eine informative Schulgeschichte vor allem der anglophonen Psychoanalyse lesen, hätte der deutsche Verlag den Text nicht mit geradezu atemberaubender Schlampigkeit verlegt: Wo nur Ernst Cassirer gemeint sein kann, ist von Bruno Cassirer, dem Verleger, die Rede, Luigi Pirandellos Stück „Sechs Personen suchen einen Autor” findet sich um einen Protagonisten erweitert, in „Sieben Personen auf der Suche nach einem Autor” verwandelt, und auch der Anmerkungsteil sorgt für Ärger, weil wichtige Fußnoten, die der Haupttext ankündigt, dort einfach nicht ausgewiesen werden. So ein bisschen Bildung, wissen wir seit Heine, ziert den ganzen Menschen, und eigentlich steht sie auch gelehrten Wälzern gut. MARTIN BAUER
ELI ZARETSKY: Freuds Jahrhundert. Eine Geschichte der Psychoanalyse. Aus dem Amerikanischen von Klaus Binder und Bernd Leineweber. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2006. 624 S., 39,90 Euro.
Hier wird nichts unter den Perserteppich gekehrt: Die Couch, auf der Sigmund Freuds Patienten lagen, im Freud-Museum in London-Hampstead.
Foto: S.M.
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Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 24.04.2006

Verlustmeldung in die Berggasse
Moderne psychodynamische Dramen: Sigmund Freuds Wirkung

Sigmund Freud wäre am 6. Mai einhundertfünfzig Jahre alt geworden. Aus den Geburtstagsbüchern ragen zwei heraus, die auf ganz unterschiedliche Weise daran festhalten, daß wir Freud nicht verloren geben sollen.

Zahlreiche Begriffe aus seinem Repertoire (wie "Verdrängung") sind uns heute selbstverständlich - und sind uns doch unangenehm, weil sie an einer längst dahingegangenen Zeit kleben wie tote Fliegen am Klebeband: Sigmund Freud wurde am 6. Mai 1856 in einem mährischen Städtchen geboren, kam 1860 mit der Familie nach Wien und hat dann große und überraschende Theorien über den Menschen (man denke nur an "Das Ich und das Es" und den dort geschilderten Kampf der menschlichen Urgewalten) und, damit nicht genug für den sehr strebsamen Bewohner der k. u. k. Monarchie, große und überraschende Theorien über die Menschheit aufgestellt (man denke nur an "Totem und Tabu" und die dort geschilderte Ermordung des Urhordenvaters durch die Urhordensöhne). Wie aber kriegt man nun heute wieder Schwung in den alten Freud?

Wer lange mit Ideen zugange gewesen ist, den mag irgendwann die Lust überkommen, den Ideen schöne Beine zu machen und sie in das Rad der Welt zu setzen und sie dort mit ihren schönen Beinen laufen zu lassen. Das sieht dann so aus, als würden die Ideen das Rad der Welt antreiben - als würden sie ihren Teil dazu beitragen, daß sich das Rad der Welt dreht. Eine Idee im Laufrad der Welt gewinnt an Macht, Bedeutung und an Ansehen - sie rotiert.

Der Kultur- und Wissenssoziologe Eli Zaretsky hat den alten bleichen Freud und dessen schwergewichtige Theorien in dieses Laufrad hineingestellt. Er beschreibt die Ideen Freuds und verfolgt vor begrifflichen und psychosozialen Panoramen deren Rezeption und Kritik durch Analytiker in Europa und vor allem in den Vereinigten Staaten - darunter Wilhelm Reich, Alfred Adler, Melanie Klein, Karen Horney, Heinz Kohut, Jacques Lacan und Herbert Marcuse. Wer nichts aus eigener Lektüre kennt, der kommt also mit diesem Buch ein gutes Stück voran - und sieht zum Beispiel: Die Achtundsechziger haben aus der Freudschen Theorie vor allem ein Pülverchen für ihre Kulturkritik gemacht. Sie waren weniger am einzelnen und seiner gefalteten Seele interessiert, sondern mehr an einer Kulturpolitik, die dem Individuum unter die Arme griff und ihm größere Gestaltungsmöglichkeiten für sein Leben versprach.

Mit dem Psychojargon haben die Rebellen die Wolken vom siebten Himmel vertreiben wollen. Damals, als man die Familie verachten lernte (die Frankfurter Schule erklärte, daß die bürgerliche Familie patriarchalisch gebaut sei, daß in ihrem Kreis die Autoritätshörigkeit geübt werde und daß sie auf diese Weise dem Führerprinzip zuarbeite) - damals, als man neue Lebensformen (Kommune, variantenreiche Paarbeziehungen) probte, hatte die Psychoanalyse das letzte Mal mit den Flügeln geflattert und einen kräftigen Aufwind erhalten.

Diese letzte Generation von Freud-Lesern landete mit ihren Vorstellungen, so Zaretsky, "ohne sich dessen gewahr zu werden, bei ebenden gruppenorientierten Theorien, die die Psychoanalyse verdrängten". (Psychoanalytiker Horst Eberhard Richter taucht mit seinen populären Büchern "Eltern, Kind und Neurose", 1969, und "Lernziel Solidarität", 1979, bei Zaretzky nicht auf.)

Zaretsky möchte die Psychoanalyse vor ihrem Untergang bewahren. Bewahrenswert ist ihm ein ganzes Bündel von Einsichten, die er an einer Stelle so schön locker zusammenstellt - als würde er einen Bund roter Tulpen in die Vase stellen, weshalb wir ihn zitieren möchten: "Dazu gehört, daß jeder einzelne eine innere Welt hat, die zu einem guten Teil nicht nur unbewußt, sondern auch unterdrückt ist; daß die Beziehungen zu anderen, besonders zu denjenigen, die man liebt, von Bildern und Wünschen durchdrungen sind, die aus jener unbewußten Welt stammen; daß, psychologisch gesehen, ein Mann oder eine Frau zu sein das Ergebnis eines einmaligen und heiklen Prozesses ist; daß niemand einfach das eine oder das andere Geschlecht ist oder hat; daß letztlich eine unüberbrückbare Kluft besteht zwischen dem innerpsychischen Leben des Individuums und den kulturellen Mythen und Archetypen, von denen es umgeben ist; daß, wenn vom einzigartigen Wert eines Individuums gesprochen wird, ebendas konkrete, besondere und kontingente Individuum gemeint ist und keine Abstraktion; daß Gesellschaft und Politik nicht nur von bewußten Interessen und erkannten Notwendigkeiten bewegt werden, sondern auch von unbewußten Motiven, Ängsten und unausgesprochenen Erinnerungen; und daß sogar große Nationen Traumata erleiden und abrupte Kurswechsel und Regressionen durchmachen können."

Auf den weichen Kissen solcher Weisheiten läßt sich dösen und träumen, möchte man meinen. Ob, wer hier vor der Kissenwelt scheut, Zutrauen in die Psychoanalyse faßt, wenn er sich dem opulenten Handbuch über Freud (gleichsam dem Strohsack in diesem Freud-Jahr) zuwendet, das Hans-Martin Lohmann und Joachim Pfeiffer herausgegeben haben? Hier stehen sorgfältig gearbeitete Artikel über Freuds Leben, Schriften und Wirkung akkurat nebeneinander wie die Bettchen der sieben Zwerge. Wer hier anfängt zu lesen, der rennt der Frage in die Arme: Lohnt sich die Lektüre von Freuds Werken (nehmen wir nur die "Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie") wirklich noch? Vielleicht ist es ja so: Wir blättern in Freuds Schriften rum - nicht etwa, weil er ein grandioser Schriftsteller ist, der einen immer fesseln kann, sondern weil wir längst D. W. Winnicott oder Gregory Bateson lesen - so wie ja kaum noch einer "Das Kapital" von Marx liest (wer redet heute vom "Proletariat"), aber viele "Empire" von Hardt und Negri mit sich tragen. Freud ist ein langer Schatten.

Zaretsky meint, daß die Psychoanalyse die Idee eines ganz persönlichen Lebens auf durchschlagende Weise in die moderne Welt gesetzt habe. Die Psychoanalyse habe die durch die industrielle Entwicklung aufgerissene Trennung zwischen Beruf und Familie, Privatem und Öffentlichem als Chance für den einzelnen gesehen, sie habe dem einzelnen deshalb aufmunternd auf die Schulter geklopft und ihn aufgefordert, ein individuelles Format zu gewinnen, endlich ein ganz persönliches Leben zu führen.

Die fette Weide, auf der die individuelle Façon rund werden konnte, war das von Freud groß herausgebrachte Unbewußte. Denn das Unbewußte war etwas ganz und gar Persönliches, es ließ sich nicht in etwas Dürres und Allgemeines, zum Beispiel in die wunschlose Vernunft der Aufklärung, zerbröseln. Das Freudsche Unbewußte garantierte jedem Ich, das einem beim Gang durch die Straßen entgegenkam oder einem im Café gegenübersaß, eine absolute, eine dunkle Subjektivität - die sich auf die absolute und dunkle Sexualität als kongenialen Partner, mit dem der Welt und ihren Konventionen Paroli zu bieten sei, verlassen konnte. Die offensiven Freudschen Träger des Unbewußten schauen grandios aus - wie beim Doderer die Menschen mit ihren Dämonen, die über die Donau ziehen. (In Doderers "Strudelhofstiege" findet sich auch ein kleines abendliches Gespräch unter jungen Männern über die Seelenlage und den persönlichen Stil.)

In der Konsumgesellschaft Jahrzehnte später war von dieser vor allem die Frauen und die Homosexuellen aus den sozialen Zwängen heraustreibenden Idee eines persönlichen Lebens nicht mehr übriggeblieben als eine alle Schichten erfassende Vorstellung vom Glück. Freud verschwand mit seinem Unbewußten, und Frank Sinatra kam - mit "My Way" auf den Lippen. Diesem allgemeinen Verlust an Individualität (heute sehen wir ja auf weiten Strecken nur noch mobile und motivierte Leistungsträger) entsprach eine begriffliche Erosion bei den Psychoanalytikern, die von der amerikanischen Ich-Psychologie bis zu den Theorien des Selbst reichte (jetzt ging es um "Anerkennung" statt um "Widerstand").

Zaretskys Geschichte der Freudschen Gedanken ist lesenswert, wenn auch streckenweise redundant - spannender als ein solides Handbuch ist sie allemal. Vergessen möchten wir über Zaretskys Geburtstagsbuch nicht Edith Kurzweils gelehrte Studie über "Freud und die Freudianer", die 1993 auf deutsch erschienen ist. Hier wird die Psychoanalyse nicht in das Laufrad der Welt gesteckt - um so vorsichtiger sind die Ausführungen zur Rezeption und der Wirkung der Freudschen Ideen auf die folgenden Generationen von Analytikern in unterschiedlichen Ländern. Edith Kurzweil widmet zum Beispiel Alexander Mitscherlich ein Kapitel - im Thesenpanorama Zaretskys taucht Mitscherlich, der in der Bundesrepublik die Stichwörter der "vaterlosen Gesellschaft" und der "Unfähigkeit zu trauern" prägte, nur einmal auf. Aber auch diese Stichwörter einer sozialpsychologisch gewendeten Psychoanalyse bleiben uns heute im Hals stecken. Freuds Jahrhundert liegt weit, weit hinter uns.

Wahrscheinlich ist es einfach so: Freud hat einen ganz anderen Menschenschlag gekannt. Man könnte sich ein Völkerkundemuseum vorstellen, in dem man neben Sälen für die Afrikaner, die Chinesen, die Japaner und die amerikanischen Indianer auch einen Saal für Menschen der vorletzten Jahrhundertwende findet, insbesondere für die Bewohner von Großstädten, für die Wiener zum Beispiel oder für die Berliner. Dann sieht man, daß diese Menschen von unserer menschlichen Gegenwart weit weggerückt sind, so wie von den Figuren aus den avancierten Romanen und Erzählungen und Dramen unserer Gegenwart ja auch die Figuren aus den avancierten Romanen und Erzählungen und Dramen jener Jahrzehnte weit weggerückt sind, auch wenn wir beim Lesen und Zuhören immer noch so tun, als seien sie bei uns.

Abgesehen von den theoretischen Zumutungen der Psychoanalyse, über die sich streiten läßt: Die Freudsche Theorie ist die Unterstellung, daß es eine Brücke in die nahe und ferne Vergangenheit gibt und immer geben wird. Das ist eine herzerwärmende Vorstellung, die mit landläufigen Erfahrungen über die kulturindustrielle Räumung der Seelen und die Zurichtung der Restinnerlichkeit kollidiert. An Freud zu erinnern, und sei es zu seinem einhundertfünfzigsten Geburtstag, bedeutet deswegen immer: eine Verlustmeldung aufzusetzen und mit hochachtungsvollen Grüßen in die Berggasse 19 in Wien zu schicken.

EBERHARD RATHGEB

Eli Zaretsky: "Freuds Jahrhundert". Die Geschichte der Psychoanalyse. Aus dem Amerikanischen von Klaus Binder und Bernd Leineweber. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2006. 622 S, geb., 34,50 [Euro].

Hans-Martin Lohmann und Joachim Pfeiffer (Hrsg.): "Freud. Handbuch". Leben - Werk - Wirkung. J. B. Metzler Verlag, Stuttgart, Weimar 2006. 452 S., geb., 64,95 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Kritisch betrachtet Martin Bauer diese Geschichte der Psychoanalyse, die der Historiker Eli Zaretsky vorgelegt hat. Dass der Autor die Psychoanalyse als Plädoyer für eine neue Lebensform versteht und Freud als "Menschheitsbefreier" und "couragierten Advokaten einer Ethik gelingenden Selbstseins" darstellt, erscheint ihm durchaus vertretbar. Bauer verschweigt nicht, dass Zaretsky auch konkurrierende Interpretationen der Sache Freuds zu Wort kommen lässt. Allerdings vermisst er eine argumentative Auseinandersetzung. Zudem kommt Frankreich als wichtiges Freud-Rezeptionsland seines Erachtens viel zu kurz. Doch damit hätte er leben können. Wirklich ärgerlich findet Bauer dagegen die "atemberaubende Schlampigkeit" des Textes, in dem es vor Ungenauigkeiten nur so wimmelt und in dem im Haupttext angekündigte Fußnoten im Anmerkungsteil dann einfach fehlen.

© Perlentaucher Medien GmbH
"Was ist unterm Strich von der Psychoaanalyse übrig geblieben, 150 Jahr nach Freuds Geburt? Zaretskys großartig geschriebenes Werk gibt keine endgültige Antwort. Wer aber zu einer Antwort finden will, kommt ohne dieses Buch nicht aus." Thomas Macho, Literaturen, 5/2006

"Zaretskys Geschichte der Freudschen Gedanken ist lesenwert, wenn auch streckenweise redundant - spannender als ein solides Handbuch ist sie allemal." Eberhard Rathgeb, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.04.2006

"Eine ... sehr instruktive und ins Innere des psychoanalytischen Denkens führende Auseinandersetzung." Dierk Wolters, Frankfurter Neue Presse, 27.04.06

"So sehen gelungene Sachbücher von heute aus, die das Zeug haben, morgen schon Standardwerke zu sein." Wolfgang Ritschl, ORF Hörfunk Kontext, 10.03.2006

Platz 1 der Empfehlungsliste Sachbuch der ZEIT, 23.03.2006
"Der amerikanische Historiker erzählt souverän, warum Freuds psychoanalytische Lehre weltweit ein ganzes Jahrhundert bewegt hat."

"Die Geschichte der Psychoanalyse einmal nicht als Zauberstück ihrer berühmtesten Vertreter, sondern als Ausdruck der Veränderungen der Moderne... Originell und umfassend". Buchjournal 1/2006

"Die hervorragende Aufarbeitung der Geschichte der Psychoanalyse durch Eli Zaretsky und deren Einstellung in den jeweiligen historischen Kontext liest sich ungemein fesselnd und ist unterhaltsame Wissensvermittlung und Aufklärung zugleich." André Hanke, ZeitPunkt, 4/2006

"...weit gespannt und gründlich recherchiert..." Ludger Lütkehaus, Neue Zürcher Zeitung, 20.04.2006

"Die angenehm einfache Sprache ... und die ausgezeichnete Übersetzung machen dieses Buch gut verständlich und lesenswert für alle, die sich für die Psychoanalyse und ihre internationale Geschichte interessieren, aber vor allem für die deutschsprachigen Psychoanalytiker selbst." Thea Bauriedl, Psychologie Heute, 05/2006

"...ein großer Wurf..." Lukas Wieselberg, Falter, 14.03.2006
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