Tagebuch 1939 - 1949 - Gide, André
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Produktdetails
  • Verlag: DVA
  • Seitenzahl: 709
  • Erscheinungstermin: November 1990
  • Deutsch
  • Abmessung: 214mm x 137mm x 42mm
  • Gewicht: 765g
  • ISBN-13: 9783421064646
  • ISBN-10: 3421064644
  • Artikelnr.: 03993714
Autorenporträt
André Gide (1869-1951) wurde in Paris geboren. Schon früh hatte er Kontakte zur französischen Avantgarde und schloss Freundschaft mit Mallarmé, Claudel, Valéry und Oscar Wilde. 1909 begründete er als Herausgeber die "Nouvelle Revue Française" mit und war jahrzehntelang einer der wichtigsten Literaten seiner Zeit. 1947 den erhielt er den Literaturnobelpreis. Zu seinen autobiographischen Schriften gehören u.a. "Tagebuch" (1889-1949) sowie "Stirb und werde" (1926). Seine bekanntesten erzählenden Werke sind "Der Immoralist" (1902), "Die Rückkehr des verlorenen Sohnes" (1907), "Die enge Pforte" (1909), "Die Pastoralsymphonie" (1919), "Die Falschmünzer" (1925) und "Die Schule der Frauen" (1929).
Rezensionen
Besprechung von 12.10.1999
Dionysos mit gefalteten Händen
Der lyrische Gide erstmals in einer angemessenen Ausgabe / Von Joseph Hanimann

Das Werk André Gides fügte sich nicht tektonisch nach einem Gesamtplan zusammen, sondern entstand als fortlaufende Schraffierung und Gegenschraffierung um eine zaudernde Mitte. Politisches Engagement und reines Kunststreben, Moralobsession und Traum von radikaler Amoralität, emphatischer Hedonismus und strenge Askese - in solchen Spannungsfeldern ist das jeweilige Folgewerk oft Gegenstück zum vorhergehenden geworden: nicht Widerspruch, Zurücknahme oder Aufhebung, sondern Gegenbeleuchtung, die im Kontrast allmählich Kontur aufscheinen lässt. Sie zeigt das Profil eines exemplarischen Intellektuellen, der Schöngeist mit Engagement, Egozentrik mit Weltsorge, Dichtung mit Gegenwahrheit versetzt.

Dieser elfte und vorletzte Band der Werkausgabe bietet die Gide'schen Flimmerkontraste in besonderer zeitlicher Verdichtung. Die als lyrische und szenische Dichtungen zusammengefassten Texte stammen fast alle aus demselben Jahrzehnt um die Jahrhundertwende. So bilden die 1892 erschienenen "Gedichte des André Walter" die ironisch schillernde Replik auf die elegisch trübe Spätromantik der "Hefte des André Walter" aus dem Band sieben. Die "Früchte der Erde" (1897) - der für das OEuvre Gides wichtigste Text in diesem vorletzten Band - entwickeln das Thema der genussfrohen Lebensbejahung am Ausgang der moralischen Krise, zu dem das um Entsagung ringende Bühnenwerk "Saul" dann die "Fortsetzung und Verneinung" darstellt, wie der Autor an Paul Valéry schrieb. Das 1900 publizierte Versdrama "König Kandaules" wiederum treibt die bis zur Lasterhaftigkeit großzügige Titelfigur schon bis ins Vorfeld eines spekulativen Kommunismus. Die mitten in der politischen Aktivität 1935 publizierten "Neuen Früchte der Erde" führen hingegen zurück zu einer vitalistisch geläuterten Gottesbetrachtung und Evangeliumsrezeption.

Die Überwindung des bohrenden Moralempfindens, des bürgerlichen Fin-de-Siècle-Ästhetizismus, der periodischen Schaffenskrisen hat bei Gide über die erste Nordafrika-Reise 1893, die Entdeckung des Exotismus, die Begegnung mit Oscar Wilde, die Erfahrung seiner Homosexualität, den Tod seiner Mutter und die komplizierte Heirat mit Madeleine bis ins vierte Lebensjahrzehnt und damit ins neue Jahrhundert hinein gedauert. Diese Periode, die in den Tagebüchern so penetrant nach stickig durchwachten Nächten und verschlafenen Nachmittagen riecht, schimmert in den Dichtungen in oft berauschender Farbigkeit, mitunter auch hart am Kitsch vielfältig auf.

Was in den "Gedichten des André Walter" noch als gegenstandsloses Warten im Dämmerlicht, als Kerzenschein, verschlossene Türen, niedrige Räume und an die Fensterscheibe gedrückte Stirnen schmachtet, erhellt sich in der Prosadichtung "Die Früchte der Erde" unter dem Eindruck der Afrika-Reisen zu leuchtender Bilderfülle. Der Abschied von der spätbürgerlich ermatteten Salonwelt eines Paul Bourget oder Anatole France und von den nationalen Verwurzelungsphantasien eines Maurice Barrès, dessen Roman "Les Déracinés" wie die "Nourritures terrestres" 1897 erschien, vollzieht sich aber keineswegs im Namen des losen literarischen Exotismus, wie ihn André Gides Freund Pierre Louys praktizierte. Die prophetisch vorgebrachte Lehre von Aufbruch, Amoralität, pantheistischer "Inbrunst", Nacktheit, reiner Leidenschaft, Identität von Gott und Glück war ein existentiell-ästhetisches Programm, das noch im Ersten Weltkrieg wie Nietzsches "Zarathustra" im Tornister mitgetragen wurde und mit seinem Sensualismus später auch die Surrealisten beflügelte.

Sinnenüppigkeit und Gedankenstrenge sind in den "Nourritures terrestres" entsprechend der kompositorischen Schraffierungskunst des Autors eng verwoben. So ist die Idee von einer "Wollust der Selbstzüchtigung", von Entsagung und Fasten als "Trunkenheit" alles andere als Masochismus: Sie fungiert als geistesdramaturgisches Mittel, den Appetit auf alle Nahrung der Erde so weit zu öffnen, dass ein reines Genießen ohne persönliche Gefühle und Gedanken möglich wird.

Ein Schreiben jenseits von Denken und Fühlen, eine Literatur der reinen Wahrnehmung, wo wie in der Litanei mit der bloßen Namensnennung schon alles gesagt wäre, ist das poetologische Grundprogramm dieses ersten Hauptwerks von André Gide. Die Motive von mediterranen Gärten und Städten, sonnengereiften Früchten, Quellen und Himmeln, Schiffsdecks, dann auch wieder regenschweren Erdfurchen und finsteren Herbergen treiben fern aller Reiseliteratur durcheinander. Diese subtilen Kontraste und Gegenkontraste sind dann allerdings in Hans Prinzhorns erster deutscher Übersetzung 1929 ideologisch entglitten. Im Vorwort des Bandes fasst der Herausgeber die unglückliche Übersetzungsgeschichte dieses Werks noch einmal zusammen, von Gides vergeblicher Hoffnung auf die Mitarbeit Rilkes über seine seltsame Faszination für den von Klages beeinflussten, den Text völkisch einfärbenden Prinzhorn bis zur eigenhändigen Umgestaltung des Texts durch den Autor. Für diese Werkedition sind die "Nourritures terrestres" von Hans Hinterhäuser erstmals dem Original angemessen übersetzt worden.

Dass bei einer auf zwölf Bände angelegten Werkedition die Bühnendichtungen nur einen halben Band ausmachen, deutet die Marginalität dieses Genres im OEuvre Gides bereits an. Mochte er - vorab in der ersten Lebenshälfte - ernsthafte Ambitionen auch für die Bühne haben, so blieben seine Stücke wirkungslos, abgesehen von einer Umarbeitung des Romans "Die Verliese des Vatikan" zur szenischen Farce. Nichts lag dem Naturell des Tagebuchschreibers, Erzählers und Intellektuellen Gide ferner als das dramatische Genre mit seiner dialogischen Spannungsdynamik. Die Theaterleute ließen es den Autor spüren, indem sie ihn allenfalls um seiner Prominenz willen aufführten. Umso wertvoller ist die Initiative des Herausgebers, einen Vortrag Gides über die "Entwicklung des Theaters" aus dem Jahr 1904 in den Band aufzunehmen. Die jeweils um einen zentralen Titelhelden - Philoktet, Saul, König Kandaules, Oedipus - gebauten Lesestücke Gides erhalten dadurch einen hilfreichen Auslegungsschlüssel.

Gides besondere Abneigung galt dem realistischen Theater, zu dem er auch den gern verspotteten Edmond Rostand zählte. Die Krise der zeitgenössischen Bühnenliteratur erklärte er aus einem akuten Mangel an starken Charakteren. Die - vorab christliche - Moral habe aus dem Olymp eine Wüste gemacht und alle Handlung im abgeschafften Gefälle zwischen Bühne und Saal realistisch nivelliert: Selbst die besten Figuren eines Ibsen seien nur noch heldenhafte Bankrotteure. Wirkliche Schauspielkunst beginnt für Gide mit der Frage: Wo ist die Maske, auf der Bühne oder unten im Saal? Aus der Feststellung, dass sie nur noch auf dem Gesicht einer moralisch verlogenen Zuschauerschaft sitze, entwickelt er sein Postulat: neue Distanz schaffen zwischen Szene und Saal, die Bühnenhelden vom Mantel der Sitten befreien. Entsprechend sind seine eigenen Stücke gebaut. König Saul und König Kandaules beherrschen dabei aber so sehr das Geschehen, dass die übrigen Figuren praktisch nur noch als Stichwortlieferanten vorkommen. Alles Konfliktpotential ist aus der Situation in die Hauptfigur hinein verlegt. Die Titelfiguren sind szenische Versuchsmarionetten des Autors für Themen, die ihn jeweils gerade beschäftigen. "Philoktet" trägt schon im Untertitel die Bezeichnung "Traktat von den drei Arten der Tugend". Saul irrt im Folgestück als verkümmerte Herrscherfigur durch eine Dramaturgie der Gerüchte und Geheimnisse dem siegreichen Emporkömmling David hinterher und verliert sich selbst, als hätte er André Gides "Nourritures terrestres" falsch gelesen.

Was diesen lyrischen und szenischen Betrachtungen eines Unpolitischen ihren besonderen Ton gibt, ist ihre Ironie. Sie dient nicht der Gedankenschärfung durch romantischen Witz, lässt auch keine symbolistischen Kunstwolken aufsteigen, sondern funktioniert als permanente Sinnverdampfung zwischen den Wortwörtlichkeitsgraden. Die schwülste Emphase kann jäh in Skurrilität umschlagen, so dass im Bedeutsamen Banales kondensiert und umgekehrt, wenn etwa in den "Neuen Früchten der Erde" die tanzende Jünglingsgemeinde am Wasser "mit großem Gelächter und Mallarmé rezitierend in die Flut" springt. Diese Kontrastwechsel sind in den Übersetzungen erhalten geblieben, mag auch der Tonfall des Feierlichen im Deutschen mitunter eine Note zu hoch geraten und dann über einer von Kommas geknickten Syntax plötzlich ins Stolpern geraten. Entscheidend bleibt, dass nach dem Autobiographen, dem Erzähler und dem Intellektuellen nun auch jener vorab junge lyrische Gide angemessen zugänglich wird: ein Zauderer, der, wie es an einer Stelle der "Nourritures terrestres" heißt, nach den reifen Früchten der Erde greift und die Hände noch gefaltet hat im Gebet.

André Gide: "Gesammelte Werke. Band 11: Lyrische und szenische Dichtungen". Herausgegeben von Raimund Theis und Peter Schnyder. Aus dem Französischen übersetzt von Ernst Robert Curtius, Hans Hinterhäuser, Rolf von Höne, Maria Schäfer-Rümelin, Gisela Schlientz und Raimund Theis. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, 1999. 496 S., geb., 78,- DM.

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