Lanzarote - Houellebecq, Michel
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"Eine Woche auf dieser Insel dürfte ganz erträglich sein." So die Einschätzung des Ich-Erzählers, der eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Autor Michel Houellebecq hat. Doch der Urlaub wird aufregender als erwartet: Auf Lanzarote begegnet er einem phlegmatischen Belgier und einem lesbischen deutschen Paar. Daneben lockt eine mysteriöse Sekte, die die Zukunft der Menschheit im All und in der Biotechnologie sucht ... Houellebecqs Sprache bleibt stets so trocken wie die Vulkaninsel, während er in seiner unnachahmlichen Mischung aus Lakonik, Provokation und Melancholie eine Geschichte der kleinen und…mehr

Produktbeschreibung
"Eine Woche auf dieser Insel dürfte ganz erträglich sein." So die Einschätzung des Ich-Erzählers, der eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Autor Michel Houellebecq hat. Doch der Urlaub wird aufregender als erwartet: Auf Lanzarote begegnet er einem phlegmatischen Belgier und einem lesbischen deutschen Paar. Daneben lockt eine mysteriöse Sekte, die die Zukunft der Menschheit im All und in der Biotechnologie sucht ... Houellebecqs Sprache bleibt stets so trocken wie die Vulkaninsel, während er in seiner unnachahmlichen Mischung aus Lakonik, Provokation und Melancholie eine Geschichte der kleinen und großen Verführungen erzählt und dabei kein pikantes Detail verschweigt.
  • Produktdetails
  • DuMont Taschenbücher Nr.6354
  • Verlag: Dumont Buchverlag
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 80
  • Erscheinungstermin: 16. März 2016
  • Deutsch
  • Abmessung: 188mm x 123mm x 15mm
  • Gewicht: 108g
  • ISBN-13: 9783832163549
  • ISBN-10: 3832163549
  • Artikelnr.: 42752789
Autorenporträt
Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq (eigentlich Michel Thomas; * 26. Februar 1956 oder 1958 auf Réunion) lebt heute in Irland und auf Lanzarote. Houellebecq lehrt an der European Graduate School in Saas-Fee und gilt in Frankreich zurzeit als der meistgelesene, aber auch umstrittenste Autor seiner Generation.
Er begann in den 1980er-Jahren mit Gedichten, die 1991 und 1992 gesammelt in den Bänden Rester vivant und La Poursuite du bonheur erschienen (Suche nach Glück, 2000). In seinem frühen Essay H. P. Lovecraft, contre le monde, contre la vie, 1991 (Gegen die Welt, gegen das Leben, 2002), setzte er sich mit Leben und Werk des amerikanischen Kultautors der fantastischen Literatur, H.P. Lovecraft, auseinander.
Aber erst mit seinen Romanen Extension du domaine de la lutte 1994 (Ausweitung der Kampfzone, 2000) und vor allem Les Particules élémentaires, 1998 (Elementarteilchen, 2001), die beide verfilmt wurden, erreichte er nationale und internationale Bekanntheit. Der dritte Roman, Plateforme, 2001 (Plattform) und der vierte, La Possibilité d'une île, 2005 (Die Möglichkeit einer Insel) waren gleich bei ihrem Erscheinen Erfolge. Sie wurden mit den Literaturpreisen Prix Novembre bzw. Prix interallié ausgezeichnet und noch im Erscheinungsjahr in mehrere Sprachen, darunter auch ins Deutsche, übersetzt.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

"So richtig begeistert klingt das nicht, wenn Eberhard Rathgeb über diese Erzählung schreibt, sie weise alle Stichworte auf, an denen das öffentliche Interesse sich flackernd entzünde. Im Gegenteil, da schwingt eine ziemliche Portion Häme mit. Besonders als er diese Stichworte dann auch noch aufzählt: Samenspende, Biotechnologie, Klonen, Skandal in Belgien, Kindesmissbrauch. Hätte Houellebecqs Erzählung ein Register, spottet Rathgeb, könnte man auf einen Blick sehen, dass dies eine kleine "chronique scandaleuse" sein möchte. Aber natürlich will auch dieser Kritiker dem "traurigen Chronisten" Houellebecq mit den "trüben Dinosaurieraugen" seinen Tribut zollen: der französische Erfolgsschriftsteller habe von der fernen Insel auch Fotografien gemacht, der Erzählung beigefügt und das Ganze dadurch zu einem "besonderen Bändchen" gemacht.

© Perlentaucher Medien GmbH"

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 08.01.2001

Expedition Robinsonclub
Michel Houellebecq ist auf die kanarischen Inseln geflogen, hat ein paar Fotos und ein paar Notizen gemacht – heraus kam die bösartige Fotonovelle „Lanzarote”
Es war an einem dieser Tage, als es sehr kalt war in Paris und sich ein paar schwitzende Journalisten zwischen halbtoten Zimmerpflanzen in einen eigenartigen, überheizten Konferenzraum drängelten. Dort saß ein blasser, kettenrauchender Michel Houellebecq mit frisch gefärbten Haaren und gab missmutige Antworten: Nein, er habe nicht vor, weiter in Frankreich zu leben. Nein, er werde nach den „Elementarteilchen” erst mal keinen Roman mehr schreiben. Ob die „Elementarteilchen” so etwas wie ein Abschied von der Welt seien, fragte eine Frau mit schriller Stimme. Von was für einer Welt reden sie denn nur, murrte Houellebecq und schaute die Frau so traurig an, als sei er fassungslos über die Dummheit der Frage. Ein paar Wochen später, im Frühjahr 1999, war er dann fort, verschwunden, so, wie auch die Figur Michel am Ende seines Jahrhundertromans „Die Elementarteilchen” untertaucht. Houellebecq erschien nicht zu Interviews, wurde nicht gesehen, auch bei Flammarion wusste keiner, wo er war. Houellebecq: verschwunden. Wohin? Wissen wir nicht.
Aber Houellebecq war nicht verschwunden. Saß nur in dem hässlichen kleinen Haus, das er sich in Irland gekauft hatte. Trank viel. Schrieb ein Drehbuch für einen Softpornofilm, der auf Canal Plus ausgestrahlt wird, nahm eine CD auf, flog nach Lanzarote, machte ein paar Fotos und ein paar Notizen, aus denen das seltsamste Reisebuch der letzten Jahre entstand: Das zweibändige Werk „Lanzarote”.
In einem Band sind rund 80 von Houellebecq angefertigte Landschaftsaufnahmen zu besichtigen, der andere enthält eine Erzählung, die sich zunächst liest wie die Persiflage auf einen Houellebecq-Roman. Alles kommt vor, was schon in den „Elementarteilchen” und in „Ausweitung der Kampfzone” Thema war: Die existenzielle Einsamkeit, die Zumutungen des Fremden, die Verwüstungen der modernen Amüsiergesellschaft und die kurzen Freuden des Sex.
Unter der Lava liegt der Tand
„Am 14. Dezember 1999 wurde mir mitten am Nachmittag auf einmal klar, dass mein Weihnachtsfest wahrscheinlich ein Reinfall sein würde – wie üblich. Ich bog rechts in die Avenue Félix Faure und betrat das erstbeste Reisebüro”. Ob er in den Sénégal möchte, will die junge Reisekauffrau wissen: „Ja, warum nicht Sénégal? Ich hatte mir sagen lassen, dass die Weißen in Westafrika immer noch sehr gut angesehen waren. Man brauchte nur in einer Diskothek aufkreuzen und konnte sofort eine Tusse in einen Bungalow abschleppen . . . ich verstand nicht, warum ich an diese Dinge dachte; ich hatte sowieso keine Lust zu vögeln. ,Ich habe keine Lust zu vögeln‘, sagte ich. Das Mädchen blickte erstaunt auf; kein Wunder, ich hatte mehrere Etappen meiner Gedankenkette übersprungen. ”
So beginnt die traurigste Reisegeschichte der neueren Literatur. Da lässt sich einer beraten, weil er das Gedröhne der Fernseh-Talkshows über Sex und andere Intimitäten satt hat, weil er weg will, ohne zu wissen wohin, Hauptsache weg, was ihn nach Baudelaire, dem großen Fluchtpunkt aller ambitionierten französischen Reisephantasien, ja eigentlich erst zum echten Reisenden macht. Schließlich fliegt er nach Lanzarote – aber statt dort luxe, calme et volupté in einem künstlichen Paradies zu finden, sieht Houellebecqs prosaischer Notreisender nur erstarrte Lava, ein paar idiotische Touristen und zwei bisexuelle deutsche Lesben, mit denen er sich am Strand vergnügt. Es gibt kein richtiges Leben im falschen Urlaubsressort.
„Lanzarote” ist die böse Satire auf eine schwüle Reise- und Fernwehliteratur, in der das Fremde stets die folkloristische Kulisse süßer Exotismen ist. Wo der zivilisationsmüde Pauschaltourist Salz auf seiner und anderer Haut schmecken will, findet er bei Houellebecq nur die gleichen Zumutungen, vor denen er daheim floh. Am Nebentisch frisst ein riesiger Hooligan kaltes Fleisch, und überall begegnet er einem „suspekten Völkchen angelsächsischer Rentner, flankiert von gespenstergleichen norwegischen Touristen (deren einziger Daeinszweck darin zu bestehen scheint, die Legende zu bestätigen, es gebe Leute, ,die haben da im Januar gebadet‘). ” Was anderen als batikbunte Girlande ihres xenophilen Selbstverständnisses dient, ist Houellebecqs Erzähler ein Greuel: Zum Kamelreiten, das viele Touristen als Höhepunkt ihrer Begegnung mit afrikanischer Kultur betrachten, bemerkt er: „Von allen Tieren der Schöpfung ist das Kamel unbestreitbar eines der aggressivsten und heimtückischsten. In Marokko werden Touristen, die diesen Tieren die Schnauze streicheln möchten, häufig mehrere Finger abgebissen. ,Ich habe der Dame gesagt, sie soll aufpassen‘, klagt dann der heuchlerische Kameltreiber. ,Kamel nicht gut. . .‘ Die Finger sind trotzdem ab und tatsächlich verschluckt”.
Auch ein Papagei, der „aus runden Augen wütend die Welt betrachtet”, findet keine Gnade vor Houellebecqs Reisehypochonder: „Tatsächlich, es war der Papagei, der jetzt mit wachsender Erregung immer wieder ,Eierkopp‘ kreischte. Ich hasse Vögel, die mich meist gründlich zurückhassen . . . Egal, er sollte besser nicht so angeben. Ich hatte schon welchen für weniger den Hals umgedreht. ”
Das Fremde ist immer das Böse: Wohin andere ihre Träume vom multikulturellen Leben projizieren, sieht Houellebecqs lakonischer Reisender nur Zumutungen. Dass die demokratisierte Globetrotterei des modernen Massentouristen im besten Falle sexsüchtiger Freizeitkolonialismus ist, führt Houellebecqs seltsamer Held dann an den Deutschen Lesben Pam und Barbara vor, mit denen er ausgiebigen Sex an einsamen Stränden hat.
Unter dem Laster liegt der Strand
Das Irritierende an Houellebecqs neuem Buch ist, dass er die trostlosen Urlaubsfreuden nicht nur persifliert und aus der Distanz seziert, sondern sich – wie ein guter Schauspieler – in seine Figuren so hineinsteigert, dass man nicht mehr weiß, was die schlechte Sprache und der trübe Wahnsinn der Figur ist und was jener des Autors. In großen Teilen liest sich „Lanzarote” wie das Drehbuch zu einem entnervenden Softporno – und Houellebecqs Held spricht dabei so wie Michel Houellebecq selbst bei den Vorbereitungen zu seinem erotischen Film auf Canal Plus: „Ich berührte ihre Brüste. Sie fassten sich so rund und glatt an, dass ich lange die Augen schloss. Pam stieß niedliche kleine Schreie aus, wie man sie von einer Maus erwarten würde. Plötzlich rötete sich ihre Brust, und sie machte sich mit einem ekstatischen Grunzen frei. . . ” Und so weiter, siebzig Seiten lang.
Trotzdem beschert das Ganze dem Lanzarote-Reisenden von Michel Houellebecq keine dauerhaft gute Laune; bald stören wieder dumme Menschen und böse Tiere. Schlechter dran als er ist nur die verlorene Kreatur, das absolute Opfer, das ein fester Bestandteil jeder Erzählung von Houellebecq ist; in den „Elementarteilchen” war es der schüchterne, dicke, liebessüchtige Lehrer Bruno, der in Feriencamps und bei Minderjährigen sein zweifelhaftes Glück suchte; in „Lanzarote” ist es Rudi, ein einsamer belgischer Polizist und Kinderschänder, der sich einer Sekte anschließt, welche Außerirdische anbetet und in der Biotechnologie ihr Heil sucht.
Nie war Houellebecqs Blick auf die Verwüstungen der freien Marktwirtschaft und ihrer Reisekultur so frustriert und trübe wie in diesem kleinen Band; über große Strecken liest sich das Buch wie eine ausgeleierte Kopie früherer Werke, weswegen es von der Kritik schon als überflüssiger Nachklapp zu seinen früheren Romanen verrissen wurde. Man kann es so sehen: Natürlich ist Lanzarote nicht mit der jakobinischen Wut der „Ausweitung der Kampfzone” geschrieben, und gegen die „Elementarteilchen” verblasst ohnehin ein Großteil der Gegenwartsliteratur.
Nur: „Lanzarote” ist eben keine Erzählung, die für sich steht, sondern eine Textbeigabe zu einem Fotoband voller kunstgewerblicher, volkshochschulschöner Naturaufnahmen. Vielleicht müsste man „Lanzarote” auf der Bühne inszenieren, um seine Sprengkraft zu erleben: Die Touristenbilder, die eine erhabene Naturschönheit festhalten wollen – und parallel dazu das Protokoll der traurigen Vergnügungen, die in Wirklichkeit vor dieser Kulisse stattfanden. Es ist die demokratisierte und deswegen vollkommen entzauberte Romantik des Urlaubsfotos, die man auf diesen Bildern sieht, die kodakchromegewordene Sehnsucht nach unberührter Schönheit, nach der Weite des Meeres und dem Trost der Felsen. Diese Ästhetik des Erhabenen, Grundlage aller romantischer Empfindung, prallt nun auf die leiernde Beschreibung der faden Strandspiele dreier Touristen.
Houellebecq zeigt eine Welt, in der es nur noch die Hoffnung auf kleine, momentane Genüsse gibt, die einen über die Sinnlosigkeit des großen Ganzen hinwegtrösten – und damit laufen die dreckige kleine Geschichte und die elegischen Bilder an einem geheimen Punkt dann doch zusammen: Dort, wo der Reisende einen Moment der Schönheit sucht und doch nur einen faden Abzug der Bilder findet, die er längst in seinem Kopf hatte. Das ferne Abenteuer ist da immer nur das verzerrte Bild heimlicher Ängste und Wünsche; auch in der Ferne bleibt der Reisende, der sich nach unendlichen Genüssen sehnt, gefangen in seinem miesen kleinen Leben – und nichts ist so gesehen deprimierender als Houellebecqs Motto, das wie die Inschrift an Dantes Höllentor über der Erzählung prangt: „Die Welt ist von mittlerer Größe. ”
NIKLAS MAAK
MICHEL HOUELLEBECQ: Lanzarote. Dumont, 2 Bände, 80 Fotos, 49,90 Mark
Bösartige Papageien und riesige fleischfressende Hooligans machen Houellebecqs Helden den Aufenthalt auf Lanzarote zur Hölle – was bleibt, sind wüste Phantasien und erstarrte Lavawüsten. Hier ein Bild des Meisters.
Foto: Michel Houellebecq
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Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 21.10.2000

Kein Himmel auf Erden
Trübe Aussichten: Michel Houellebecqs Erzählung "Lanzarote"

Man wird ihn einen traurigen Chronisten nennen dürfen, einen Chronisten aus Not und einen Chronisten der Not. Michel Houellebecq wäre wahrscheinlich ein ganz glücklicher Mensch geworden, wenn er irgendwo auf dieser durch Hochhäuser verstellten Welt ein romantisches Nest für seine einsame wunde Seele gefunden hätte. Das hat er aber nicht, und weil er alle romantischen Hoffnungen darauf in einer Umgebung fahrenlassen mußte, in der man sich, auch wenn man ein Nomade ist, in vier Wänden einrichten muß, um zu überleben, zahlt er es dieser grauen Welt heim.

Das ist die Rache des Enttäuschten. Der schreckliche und schöne Schein der Zivilisation flackert in den westlichen Großstädten und straft alle, die hineinsehen, mit Blindheit. Das durchschnittliche Leben verläppert sich zwischen trügerischem Genuß und fataler Lust: Michel Houellebecq aber würde lieber allen romantischen blauen Blumen dieser Welt ein Loblied singen, wenn es noch einen Platz in der Gosse der Triebe und den ausgetretenen Wegen der dumpfen Interessen für sie gäbe. Den aber gibt es ein für allemal nicht mehr.

Daß einer von diesem schwarzen Ausblick einmal Urlaub machen möchte, daß er wegwill und ihn auch noch die Angst vor einem todtraurigen Weihnachtsfest, selbstverständlich mutterseelenallein unterm nicht geschmückten Baum dahingebracht, in die Ferne hinausstachelt - das liegt auf der Hand aller Alleinlebenden, die nichts so sehr fürchten, als traditionelle Familienfeste einsam zu verheulen und zu versaufen, während die anderen im Kreis fröhlich bechern und jubeln. "Lanzarote" heißt die neue Erzählung des französischen Erfolgsschriftstellers, der von der fernen Insel auch Fotografien machte und mitbrachte - zu einem besonderen Bändchen zusammengestellt und der Erzählung beigegeben. Wohin sollte man schon über Weihnachten fliegen, wenn man nur über ein durchschnittliches Gehalt verfügt, das einem keine großen Sprünge zwischendurch erlaubt?

Lanzarote gehört zu den beliebten touristischen Zielen. Ein Tourist ist nicht nur der Held in dieser Erzählung, sondern auch Michel Houellebecq selbst in dieser maroden und kaputten Welt. Touristischen Zielen entsprechen touristische erdballumspannende Vorstellungen. Dem Tourismus als Welthaltung kommen die Vorurteile dieser neuen Kolonialisten entgegen: Der in fremden Ländern getrübte Blick unterscheidet blitzlichtschnell zwischen "dem" Norweger, "dem" Franzosen und "dem" Engländer. Der Nationalismus der Vorurteile ist die Kehrseite des Imperialismus, den der schlappentragende Tourist begründet.

Die festtägliche Weltläufigkeit geht Hand in Hand mit der gedanklichen Provinzialität der "Weihnachtsmänner" und "Weihnachtsfrauen", die sich auch auf Lanzarote von ihresgleichen mit ihresgleichen beschenken lassen möchten. Houellebecqs Held richtet sich auf einen einigermaßen erträglichen Aufenthalt auf einer Insel ein, die ihre Fangarme um die tumben Touristen schlägt. Er lernt zwei deutsche Frauen kennen und einen belgischen Polizisten.

Es kommt, wie es kommen mußte - das ist Houellebecqs Rache an der Welt: Der Held liegt in den Armen der beiden Deutschen, mal am Strand, mal im Bett, und die beiden Frauen, die sich im Grunde selbst genug sind, möchten den Franzosen gerne zu einer Zeugung ohne Vaterschaft überreden. Im Sex mit den beiden Lesben schimmert dem Helden ein wenig der Himmel der Erlösung von allen Übeln dieser Welt durch. Der Belgier aber steht daneben und schweigt linkisch. In Lanzarote tritt der von Frau und Kind verlassene Angehörige einer Nation, die durch Skandale mächtig ins Gerede gekommen ist, schließlich einer Sekte bei, die, auf gutem Fuß mit den neuesten Erkenntnissen der Biotechnologie, hausieren geht und ihren Mitgliedern verspricht, aus entnommenen Hautproben ihnen das ewige Leben zu schenken. Auch das Gedächtnis soll "eingefroren" und der nichtsahnenden Nachwelt überliefert werden.

Dem belgischen Polizisten könnte auch die fernste Zukunft nicht mehr entkommen, wenn die Sekte nicht wegen Kindsmißbrauchs angeklagt würde. Die Medien umschwärmen die Nachrichten aus dem Pfuhl der Gegenwart. Der in die französische Großstadt zurückgekehrte Held nimmt's zur Kenntnis und liebäugelt mit dem Gedanken, demnächst doch noch einmal die Wohnung zu wechseln, näher an der Nationalversammlung sein Zelt aufzuschlagen, da die Dealer im Vormarsch sind und sein Viertel schon in Besitz nehmen.

Michel Houellebecqs Erzählung weist alle Stichworte auf, an denen sich das öffentliche Interesse flackernd entzündet: Samenspende, Biotechnologie, Klonen, Skandal in Belgien, Kindsmißbrauch. Hätte seine Erzählung ein Register, man könnte auf einen Blick hier sehen, daß Houellebecqs Rachezug gegen den Sumpf der Gegenwart, der nicht mit Furor geführt, sondern mit den traurigen Augen eines geschlagenen und verlassenen Kindes betrachtet wird, eine kleine chronique scandaleuse sein möchte. Man braucht, in den trüben Dinosaurieraugen Houellebecqs, nur noch die Länge einer Erzählung, die Größe eines Taschenspiegels für diese vermurkste Welt.

EBERHARD RATHGEB.

Michel Houellebecq: "Lanzarote". Erzählung. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. DuMont Verlag, Köln 2000. Textband: 77 S., br., Fotoband: 80 S., Abb., br.. zusammen 49,90 DM.

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