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Wie kein anderer erzählt der bekannte Autor Léon Werth in seinem erschütternd aufrichtigen Bericht '33 Tage' darüber, was es bedeutet, auf der Flucht zu sein. Sein enger Freund Antoine de Saint-Exupéry, der ihm den 'Kleinen Prinzen' widmete, schrieb ein Vorwort zu diesem einzigartigen Zeitdokument. Dies wurde erst kürzlich wiederentdeckt und ergänzt nun erstmals Léon Werths Buch. Peter Stamm hat es übersetzt und zudem ein Nachwort geschrieben. Nachdem 1940 die deutschen Truppen in Frankreich eingefallen sind, fliehen Tausende Einwohner aus Paris. Unter ihnen auch Léon Werth und seine Frau. Sie…mehr

Produktbeschreibung
Wie kein anderer erzählt der bekannte Autor Léon Werth in seinem erschütternd aufrichtigen Bericht '33 Tage' darüber, was es bedeutet, auf der Flucht zu sein. Sein enger Freund Antoine de Saint-Exupéry, der ihm den 'Kleinen Prinzen' widmete, schrieb ein Vorwort zu diesem einzigartigen Zeitdokument. Dies wurde erst kürzlich wiederentdeckt und ergänzt nun erstmals Léon Werths Buch. Peter Stamm hat es übersetzt und zudem ein Nachwort geschrieben.
Nachdem 1940 die deutschen Truppen in Frankreich eingefallen sind, fliehen Tausende Einwohner aus Paris. Unter ihnen auch Léon Werth und seine Frau. Sie hoffen, sich in unbesetztes Gebiet retten zu können. Aus einer geplanten achtstündigen Fahrt werden 33 Tage inmitten eines gewaltigen Exodus. Eine zutiefst beeindruckende Betrachtung darüber, was in Zeiten von Krisen wahre Humanität ausmacht.
"Ein großes Buch."
Antoine de saint-Exupéry
  • Produktdetails
  • Verlag: S. Fischer
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 206
  • Erscheinungstermin: März 2016
  • Deutsch
  • Abmessung: 213mm x 134mm x 20mm
  • Gewicht: 314g
  • ISBN-13: 9783100025067
  • ISBN-10: 3100025067
  • Artikelnr.: 43998310
Autorenporträt
Werth, Léon
Léon Werth (1878-1955) war ein französischer Schriftsteller und Kunstkritiker. Er war Pazifist, Linker, Kritiker Stalins und Antikolonialist. Sein Roman 'Das weiße Zimmer' wurde 1913 für den Prix Goncourt vorgeschlagen. 1914 zog er als Soldat in den Ersten Weltkrieg. Seine Erlebnisse fasste er in der kriegskritischen Erzählung 'Clavel Soldat' zusammen, die einen Skandal auslöste. 1931 machte er die Bekanntschaft von Antoine de Saint-Exupéry, woraus sich eine große Freundschaft entwickelte. Saint-Exupéry widmete ihm sein bekanntestes Werk, 'Der Kleine Prinz'. Das Manuskript zu seiner Erzählung '33 Tage', die 2016 bei S. Fischer erstmals auf Deutsch erschien, war bis 1992 verschollen. Sein Tagebuch 'Als die Zeit stillstand', 2017 endlich ins Deutsche übersetzt, ist sein literarisches Vermächtnis.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Martin Oehlen macht dieser fünfzig Jahre lang verschollene, erstmals 1992 in Frankreich erschienene und jetzt in deutscher Neuausgabe vorliegende Text von Léon Werth neugierig auf den Fortgang nach der hier geschilderten Flucht vor den Deutschen aus Paris. In diesem Teil seiner Schilderung bietet ihm der Autor einen hautnahen Bericht von den Leiden der Flucht, von Chaos und Hunger und Angst. Die Beklemmung und der Irrsinn werden für Oehlen selbst dann noch greifbar, wenn der Autor nur die Fakten aufschreibt. Das Vorwort von Antoine de Saint-Exupéry und das Nachwort von Peter Stamm scheinen Oehlen erwähnenswert.Martin Oehlen macht dieser fünfzig Jahre lang verschollene, erstmals 1992 in Frankreich erschienene und jetzt in deutscher Neuausgabe vorliegende Text von Léon Werth neugierig auf den Fortgang nach der hier geschilderten Flucht vor den Deutschen aus Paris. In diesem Teil seiner Schilderung bietet ihm der Autor einen hautnahen Bericht von den Leiden der Flucht, von Chaos und Hunger und Angst. Die Beklemmung und der Irrsinn werden für Oehlen selbst dann noch greifbar, wenn der Autor nur die Fakten aufschreibt. Das Vorwort von Antoine de Saint-Exupéry und das Nachwort von Peter Stamm scheinen Oehlen erwähnenswert.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 01.04.2016
Verhaltenslehre der Flucht
Wieder da: Léon Werths großer Bericht über den französischen Exodus von 1940. Mit dem Vorwort von Antoine de Saint-Exupéry
Der syrische Exodus verstört die seit Langem so friedensgewohnten Europäer, anders kann es nicht sein. Aber wie oft bei scheinbar neuen historischen Erfahrungen helfen die Beispiele der Geschichte. Europa hat selbst viele Fluchtwellen erlebt, und nicht ohne Grund erinnern sich viele Deutsche an die Vertreibungen der Jahre 1945 bis 1947, als etwa 12 Millionen Menschen aus den Ländern Osteuropas und des Balkans ins besetzte Deutschland gelangten. Die Bevölkerung Bayerns erhöhte sich innerhalb von zwei Jahren um mehr als ein Viertel, in Schleswig-Holstein verdoppelte sie sich gar. Die Willkommenskultur war so gemischt, dass einige Historiker vermuten, ohne die Anwesenheit von Besatzungsmächten wäre es nicht unblutig abgegangen.
  Was hierzulande wenige wissen: Ähnliche Erfahrungen machte Frankreich zu Beginn des Zweiten Weltkriegs. Nach der Niederlage gegen die Deutschen begaben sich im Juni 1940 mehrere Millionen Menschen – die Zahlen schwanken zwischen sechs und zehn Millionen – aus Nordfrankreich, Belgien, den Niederlanden, vor allem auch aus Paris auf die Flucht, um in den Süden des Landes, nach Möglichkeit hinter die Loire, auszuweichen.
  Einen Tag nach der französischen Regierung machte sich am 11. Juni der Schriftsteller Léon Werth mit seiner Frau Suzanne in seinem Bugatti des Baujahrs 1929 auf den Weg, um sein Ferienhaus in Saint-Amour im Jura zu erreichen – unter normalen Umständen die Fahrt eines Tages. Werth (1878 bis 1955) ist ein heute etwas verblasster Name aus der Zwischenkriegszeit, den doch viele kennen, weil ihm „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry gewidmet ist – die beiden verband eine liebevolle Freundschaft. Werths in Frankreich heute bekanntestes Buch ist ein Tagebuch über die Jahre des Vichy-Regimes und des Zweiten Weltkriegs – ein kühl reflektiertes Buch, das deutsche Leser leider nicht neben Ernst Jüngers „Strahlungen“ legen können, weil es nie übersetzt wurde.
  Immerhin kam 1992 ein diesem Tagebuch vorgeschalteter Bericht auf Deutsch heraus, der die Flucht des Ehepaars Werth beschreibt. Aus der erwarteten Ein-Tages-Reise war eine Irrfahrt von 33 Tagen geworden, die dem Protokoll dann auch den Titel gaben. Das Manuskript hatte Saint-Exupéry noch im Krieg nach Amerika vermittelt, allein die Publikation kam nicht zustande, sodass Werths schmales, dichtes Buch erst 1948 herauskam, noch ohne das erst jüngst entdeckte Vorwort von „Saint-Ex“, das nun auch der deutschen Neuausgabe erstmals vorgeschaltet wurde.
  Ein Buch mit Schicksal also und ein bedeutendes Buch. Werth schrieb unmittelbar im Anschluss an die Erlebnisse, nachdem er den rettenden Hafen im Jura erreicht hatte. Sein Bericht hat die Direktheit eines Tagebuchs, doch zugleich schon die Reflektiertheit des Rückblicks. Den ungeheuren Vorgang, wenn eine ganze Gesellschaft sich auf die Landstraße begibt und dann dort wochenlang stecken bleibt, am Wegrand kampiert, die Dörfer überfällt und auskauft, wenn ein zuvor stilles, dünn besiedeltes Gebiet sich mit Trecks und Karren, mit liegen gebliebenen Autos, verendenden Pferden, mit Leichen und Unrat bedeckt, beschreibt er unpathetisch, immer aus der Nahsicht, ohne umfassendes Wissen, gar Überblick zu simulieren.
  Es ist eine Flucht im eigenen Land, ohne Smartphones, doch mit Gerüchten, widersprüchlichen Radiomeldungen, unter dem Dröhnen deutscher Stukas. Sie schossen auch auf die zivilen Flüchtenden, obwohl Frankreich zunächst geschont werden sollte, denn natürlich flohen auch große Teile der geschlagenen französischen Armee in den Süden. Das riesige Verkehrschaos entstand auch daraus, weil die Hauptstraßen diesen Armeegruppen vorbehalten wurden, während die Karren, Laster, Fahrräder und Bugattis der Pariser auf die Feldwege und Nebenstraßen gelenkt wurden.
  Wie immer bei guter Kriegsliteratur entsteht bei Werth eine Verhaltenslehre des Ausnahmezustands – die Reaktionen von Hilfsbereitschaft, Egoismus, Abwehr, Stolz, Defätismus beschreibt der sorgsam unparteiische Beobachter von Fall zu Fall und ohne nationale Voreingenommenheit. Denn Werth und seine Frau müssen eine Zeit lang in einem von Deutschen besetzten Dorf ausharren und kommen dabei in täglichen Kontakt mit den neuen Herren des eigenen Lands. Es sind grotesk-lustige Seiten, die davon handeln. Die jungen Deutschen haben eine erstaunliche Neigung, sich möglichst oft nackt zu zeigen – es ist Hochsommer – und die Zeit nach dem Sieg mit unschuldiger Spaßbrutalität wie eine vorweggenommene Reisewelle zu genießen: Die nationalsozialistische Körperkultur zeigt ihre ersten Wirkungen. Konditoreien rauben sie aus, um die Schokoladen dann sogleich an Kinder zu verteilen – der Deutsche ist gern Gemütsmensch und kinderlieb. Die Sondermeldungen von Siegen freuen ihn dermaßen, dass er sein Glück unbedingt auch radebrechend mit seinen neuen besetzten Freunden teilen will – dass diese vielleicht andere Gefühle hegen könnten, kommt ihm gar nicht in den Sinn.
  Nicht weniger scharf nimmt Werth, der im Ersten Weltkrieg gekämpft hatte und Pazifist geworden war, den oft fehlenden seelischen Widerstandsgeist, ja eine peinliche Würdelosigkeit seiner Landsleute ins Visier – er beobachtet wie zur selben Zeit Marc Bloch und Jean-Paul Sartre eine Bereitschaft, den Siegern auch moralisch recht zu geben, die von der tiefen Erschöpfung Frankreichs durch den nur knappen Sieg von 1918 zeugt. Wie oft in solchen Momenten sucht man Sündenböcke und glaubt der Propaganda. Hier gibt sie den Engländern die Schuld am Krieg. Werths Buch ist auch ein Traktat über Illusionen und Würde in Zeiten der Niederlage. Sein Patriotismus ist kein abstrakter Bombast, sondern Freude an Menschen, die in solchen Situationen ihre Menschlichkeit bewahren – es gibt ein paar Seiten über das französische Landleben und die schlichte Politesse einfacher Bauern, die klassischen Rang beanspruchen können.
  Das von Tobias Scheffel ausgezeichnet übersetzte Buch hat ein warmherziges Nachwort von Peter Stamm, aber leider keinerlei Kommentar, nicht einmal eine Landkarte. Dabei wäre sie hier nötig gewesen, denn die oft winzigen Gehöfte und Dörfer, die Werth nennt, lassen sich selbst mit Google-Maps nur mit Mühe auffinden. Und wie leicht es war, das autoritäre Regime von Vichy einzurichten, begreift man erst, wenn man weiß, dass die gelegentlich erwähnte „Verfassung von 1875“ eigentlich nur aus einem einzigen Zusatz, den Staatspräsidenten betreffend, bestand. Frankreich konnte, als es unter Pétain den Deutschen zu Willen war, mühelos auf das spätnapoleonische Staatsmodell zurückgreifen.
GUSTAV SEIBT
Auch die jungen Soldaten 1940
zeigen: Der Deutsche ist gern
Gemütsmensch und kinderlieb
Léon Werth: 33 Tage. Ein Bericht. Aus dem Französischen von Tobias Scheffel. Mit einem Vorwort von Antoine de Saint-Exupéry und einem Nachwort von Peter Stamm. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2016. 207 Seiten, 19,99 Euro. E-Book 18,99 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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ein Bericht, der in seiner spröden Sachlichkeit etwas Poetisches entfaltet und ebenso eindringlich wie mitreißend ist. Maike Albath Deutschlandradio Kultur 20160614
Besprechung von 05.07.2016
Was es bedeutet, von Gerüchten leben zu müssen
Lohnende Neuausgabe: Léon Werths Bericht von der Massenflucht in den französischen Süden im Sommer des Jahres 1940

"L'exode", der Exodus, so hieß die Massenflucht in den französischen Süden im Mai und Juni 1940. Zwischen sechs und zehn Millionen Menschen, so die Schätzungen, waren damals auf Frankreichs Straßen unterwegs. Den Beginn machten Belgier, Niederländer und Luxemburger, die nach Frankreich flohen. Mit dem deutschen Angriff auf Frankreich, der die Schlachtpläne des französischen Generalstabs zu Makulatur machte, schlossen sich die Franzosen an, Soldaten wie Zivilisten. Allein drei Millionen Pariser sollen damals ihre Stadt verlassen haben.

Von den Fährnissen dieses Exodus, der Tausende das Leben kostete - die Deutschen nahmen die Trecks immer wieder unter Beschuss - und Hunderttausende Pariser in Gegenden Frankreichs verschlug, die sie kaum oder gar nicht kannten, gibt es viele Berichte. Einer von ihnen ist nun wieder aufgelegt worden, nachdem er schon 1996 einmal auf Deutsch erschienen war, vier Jahre nach der französischen Originalausgabe, mit der damals in Frankreich eine kleine Wiederentdeckung seines Autors Léon Werth einsetzte.

Léon Werth, Journalist und Romancier - auch enger Freund von Antoine de Saint-Exupéry, der ihm den "Kleinen Prinzen" widmete - verfasste seinen Bericht über die vier Wochen, die er und seine Frau brauchten, um schließlich doch noch ihr Ferienhaus im Jura zu erreichen, gleich nach seiner Ankunft dort. Im Oktober übergab er das Typoskript Saint-Exupéry, der einen amerikanischen Verleger fand und ein Vorwort für die Buchausgabe schrieb, die dann doch nicht zustande kam; es brauchte schließlich noch fünfzig Jahre und einen glücklicherweise erhalten gebliebenen Durchschlag des Typoskripts. Und weil sich auch Saint-Exupérys geplantes Vorwort vor zwei Jahren noch fand, steht es jetzt, so wie von den beiden Freunden einst geplant, der neuen deutschen Ausgabe voran.

Werth, damals bereits sechzig Jahre alt, bleibt in seinen Schilderungen der vierwöchigen Irrfahrt nahe an den Ereignissen. Seine Erinnerungen sind frisch, und es geht ihm gerade darum, sie nicht mit dem langsam sich klärenden Bild der objektiven Verhältnisse abzugleichen. Das werden erst die Aufzeichnungen tun, die er Ende Juli beginnt und bis zur Befreiung von Paris fortführt und die 1946 als stattlicher Band unter dem Titel "Deposition" erscheinen.

Was er gesehen hat und welche Reaktionen es in ihm auslöste, heißt es einmal, das wolle er auf diesen Seiten erzählen. Keine nachträgliche Rekonstruktion des militärischen Debakels Frankreichs ist anvisiert, sondern vielmehr ein Bericht, der gerade erkennen lässt, was es bedeutet, von Vermutungen und Gerüchten leben zu müssen. Werth notiert diese Gerüchte, die sich entlang der Trecks ausbreiten, sich vermischen, von den neuesten Nachrichten überholt werden, unter denen sogar zutreffende sein können. Kurz nach der Abfahrt von Paris im eigenen Bugatti ist es zum Beispiel die Nachricht, dass Stalin Deutschland den Krieg erklärt hat: Wunschdenken, das sich Ausdruck verschafft.

Werth und seine Frau verlassen Paris am Vormittag des 11. Juni. Da stehen die Deutschen etwa zwanzig Kilometer vor der Hauptstadt, und das französische Militär weiß längst, dass die Stadt nicht ernsthaft zu verteidigen ist. Aber statt den Bürgern reinen Wein einzuschenken, hatten die offiziellen Verlautbarungen und die zensierte Presse fast bis zuletzt auf markige Widerstandsparolen und Schauerberichte von den deutschen Eroberern gesetzt. Bis die Pariser am späten Abend des 10. Juni hören, dass die Regierung Paris verlässt; und erst am 12. Juni, einen Tag vor dem Einmarsch der Deutschen, wird Paris zur offenen, also kampflos dem Gegner überlassenen Stadt erklärt. Die Schlacht, die viele fürchteten, findet nicht statt.

Es ist bezeichnend, dass Werth diesen Hintergrund gar nicht notiert. Nicht einmal die Verlautbarung der abziehenden Regierung am Vortag seines eigenen Aufbruchs hält er fest. Es wäre schon zu viel der objektiven nacherzählbaren Geschichte, die ihn hier nicht interessiert. So wie er auch später nur im Vorbeigehen den Rundfunkbericht von der Unterzeichnung des Waffenstillstands am 22. Juni in Compiègne erwähnen wird.

Dafür aber achtet Werth auf Szenen, Wortwechsel, das Leben der bunt zusammengewürfelten Menge, macht Beobachtungen an Leuten und an sich selbst. Die Leute, das sind zuerst die Frauen, Männer und Familien auf den Straßen, im Auto wie er, mit allen möglichen Karren, auf Fahrrädern oder zu Fuß; aber auch französische Unterkunftgeber ganz unterschiedlicher Art und schließlich die Soldaten, mit dem Fortgang der Ereignisse immer mehr die deutschen, mit denen als Siegern es sich zu arrangieren gilt.

Manchen seiner Umgebung fällt das ziemlich leicht, wie etwa der Gutsbesitzerin, die die Besatzer mit Champagner begrüßt. Der Patriot Werth konstatiert es mit Unbehagen, aber Entrüstung steht nicht auf seiner Agenda, so eindeutig sind die Verhältnisse nicht.

Er bemerkt es an sich selbst, wenn es um die Justierung der Haltung gegenüber deutschen Soldaten geht. Dabei ist er auf der einen Seite zu klug, um aus seinen Beobachtungen ihres Auftretens kurzweg Elemente einer nationalen Typologie zu machen. Aber ganz lassen kann es ein Autor wie er begreiflicherweise auch nicht, Eigenheiten des Gegners zu sondieren. Dass er die Sprache der Besatzer nicht versteht, deren Hang zu kurzen Hosen und nackten Oberkörpern er insbesondere auffällig findet, kommt ihm da sogar eher entgegen. Einmal schweifen seine Gedanken zurück nach Weimar vor 1914, wohin ihn Harry Graf Kessler eingeladen hatte, zur damals aus nächster Nähe erlebten Nietzsche-Verehrung und Bewunderung französischer Maler und Schriftsteller im kultivierten Kreis. Aber eine einfache Verbindungslinie zu ziehen von damals ins Jahr 1940, zu den deutschen Offizieren an der Loire, das vermeidet er.

Es war eine gute Idee, das ausgegrabene Vorwort von Antoine de Saint-Exupéry als Anlass für eine neue Ausgabe zu nutzen. Sie präsentiert einen Autor, der es verdient, nicht bloß als Begleitfigur seines berühmten Schriftsteller- und Fliegerfreunds wahrgenommen zu werden.

HELMUT MAYER

Léon Werth: "33 Tage". Ein Bericht. Vorwort von Antoine de Saint-Exupéry, Nachwort von Peter Stamm.

Aus dem Französischen von Tobias Scheffel. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2016. 207 S., geb., 19,99 [Euro].

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Ein Buch mit Schicksal […] und ein bedeutendes Buch.