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In einem wortgewaltigen Werk erzählt der französische Philosoph Michel Onfray die Geschichte der jüdisch-christlichen Kultur und prophezeit ihren Untergang. Onfray schildert Aufstieg und Blüte, dann die Infragestellung des christlichen Weltbildes seit der Aufklärung und schließlich den Verfall in unseren Tagen, der einhergehe mit Nihilismus und Fanatismus, wie wir sie in unseren Gesellschaften erlebten. Den Angriffen mörderischer Ideologien wie der des radikalen Islamismus setze die liberale westliche Welt nichts entgegen. Und obgleich bekennender Atheist, erkennt Onfray die große Leistung der…mehr

Produktbeschreibung
In einem wortgewaltigen Werk erzählt der französische Philosoph Michel Onfray die Geschichte der jüdisch-christlichen Kultur und prophezeit ihren Untergang. Onfray schildert Aufstieg und Blüte, dann die Infragestellung des christlichen Weltbildes seit der Aufklärung und schließlich den Verfall in unseren Tagen, der einhergehe mit Nihilismus und Fanatismus, wie wir sie in unseren Gesellschaften erlebten. Den Angriffen mörderischer Ideologien wie der des radikalen Islamismus setze die liberale westliche Welt nichts entgegen. Und obgleich bekennender Atheist, erkennt Onfray die große Leistung der bedrohten jüdisch-christlichen Kultur: den Respekt für das menschliche Individuum.
  • Produktdetails
  • Verlag: Pantheon
  • Originaltitel: Décadence
  • Seitenzahl: 700
  • Erscheinungstermin: 1. April 2019
  • Deutsch
  • Abmessung: 200mm x 125mm x 50mm
  • Gewicht: 637g
  • ISBN-13: 9783570554050
  • ISBN-10: 3570554058
  • Artikelnr.: 54465805
Autorenporträt
Onfray, Michel
Der Philosoph Michel Onfray, geboren 1959 in Argentan/Frankreich, gründete 2002 in Caen die »Université Populaire«, eine Art Volksuniversität, zu der jedermann Zutritt hat. Jährlich besuchen Tausende Zuhörer seine Vorlesungen. Mit seiner Absage an alle Religionen und dem Plädoyer für ein freies, vernunftbestimmtes Leben entfachte er eine leidenschaftlich und kontrovers geführte Debatte. Er verfasste mehr als 50 Bücher, die in über 25 Ländern übersetzt wurden, unter anderem »Traité d'athéologie« (Dt: »Wir brauchen keinen Gott«) und eine mehrbändige Gegen-Geschichte der Philosophie.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 15.05.2018

Panikmache ist auch ein Geschäftsmodell
Michel Onfray reitet als Apokalyptiker von Golgotha ins Silicon Valley und singt das Lied vom Krieg der Kulturen

Das Alles von Heute, das fällt, das verfällt", da war sich Nietzsches Zarathustra 1884 sicher, und er zeigte sich wenig empathisch: "Was fällt, das soll man auch noch stossen!" Nun geht das Abendland aber schon sehr lange unter, spätestens seit der Reformation, allerspätestens seit Oswald Spengler. Allerallerspätestens seit Samuel Huntingtons Ausrufung des Krieges der Kulturen. Trotzdem ist es immer noch da und immer noch verdächtig mächtig. Das animiert Zarathustras Erben freilich nur dazu, noch kräftiger zu stoßen.

Ein besonders ungestümer Totenglockenläuter ist der französische Intellektuelle Michel Onfray, ein ehemaliger Philosophielehrer und stilistisch nicht untalentierter Polemiker, der einst eine ganze Volksuniversität gegen den Siegeszug des Front National etabliert hat, heute jedoch in einem Dauerfeuer aus Büchern, Artikeln, Radiosendungen und Web-Streams Positionen vertritt, die denen des ehemaligen Gegners sehr nahekommen.

Mit "Niedergang" legt der Vielschreiber, der bereits mehr als fünfzig Bücher im Namen eines harten philosophischen Materialismus verfasst hat, jetzt eine Art vorläufige Summe seines Denkens vor, eine gewaltig dröhnende Abrechnung des bekennenden Atheisten mit dem jüdisch-christlichen Westen, ein siebenhundertseitiges Stoßgebet, um dieser todgeweihten Zivilisation den jetzt aber wirklich letzten Schubser zu geben. Dabei verheddert sich Onfray in den eigenen Propositionen. Vor allem aber stolpert er nach vielen hundert Seiten mal frech und amüsant, mal windig und schief rekapitulierter Geistesgeschichte in einen stumpf islamophoben Stammtisch-Populismus inklusive EU-Bashing, der leider als Motor des ganzen Projekts gesehen werden muss. Nur so erklärt sich der Furor, mit dem dieser Krawallphilosoph zweitausend Jahre Denktradition auf ein schlichtes Entropie-Modell hinbiegt: Zunahme des Nihilismus bis zum Wärmetod unserer Kultur.

Onfray wählt das ganz große Besteck. In der Vorrede wird ein altbekanntes Axiom gesetzt, das als "jähe Erkenntnis" über den Philosophen gekommen sei: "dass der Untergang das Gesetz alles Seienden ist". Jede Geschichte ist also notwendig Verfallsgeschichte, und zwar in einem kosmischen Sinn: Seit dem Urknall strebe das Sein dem Nichtsein entgegen. Dieses Sein wiederum bestehe aus einander ablösenden Kulturen, die ihre Kraft stets aus der Religion schöpften. Alle Kulturen, da ist Onfray mit Spenglers morphologischem Ansatz einverstanden, durchliefen die Stadien Aufblühen, Höhepunkt, Niedergang, Tod. Die im späten Niedergangsstadium angelangte Zivilisation des Judäo-Christentums stehe nun kurz vor der Ersetzung durch jene des Islams. In Onfrays deterministischem Weltbild ist das eine nicht zu betrauernde Notwendigkeit: "Es bleibt uns nur, möglichst elegant unterzugehen." Und doch ist dieser aufdringliche Fatalismus natürlich eine Spielart des Alarmismus.

Neben dem allen Kulturen einwohnenden Ende und dem großen kosmischen Tod, weil irgendwann die Sonne erlischt (oder zuvor schon unsere Ressourcen), macht der Autor im Nachwort - und nun endgültig sein Dekadenzmodell im Geiste Edward Gibbons zerschreddernd - eine dritte Form des Untergangs ausfindig, die technologische, die nun wiederum aus dem ruinierten Westen stammt, dem Silicon Valley, aber alle Zivilisationen betrifft: der Tod des Menschen durch Verschaltung mit intelligenten Maschinen. "Der Transhumanismus existiert schon heute", heißt es. Scheint uns diese Gefahr also nicht noch näher zu sein als die säbelrasselnden und bettenbiegenden - ähnlich wie bei Thilo Sarrazin werden nämlich die "höheren Geburtenraten" der muslimischen Europäer beschworen - Krieger des Kalifen? Fällt der blutige Untergang aus, weil wir uns zuvor virtualisieren?

Auch im Kleinen springen die Widersprüche ins Auge. So gibt sich Onfray zunächst alle Mühe, Jesus als "Nichtkörper" und "Fiktion" der als Geschichtsquellen wertlosen Evangelien zu entlarven, um später im Text der aggressiven Kirche "Verrat" an Jesus und seiner Lehre vorzuhalten. Zudem beruht für den Autor der Erfolg der christlichen Zivilisation genau auf dieser Brutalität, wie der abschließende Part ex negativo vor Augen führen will: ein friedliebendes, relativistisches Christentum habe keine Kraft mehr, den Gegnern zu widerstehen.

Trotzdem werden die zahlreichen Exzesse im Namen der Kirche von den frühen Heidenpogromen über Kreuzzugs-, Inquisitions- und Missionierungsmassaker mit Empörung und Lust an der blutigen Anekdote ausgebreitet, während Franz von Assisi wie ein heimlicher Held erscheint. Konsistent ist das alles nicht.

In Siebenmeilenstiefeln eilt Onfray von den Römern bis in unsere Gegenwart, immer auf den Spuren des von Konstantin dem Großen ins Recht gesetzten "totalitären christlichen Staats", der erst in der Renaissance allmählich hinterfragt worden sei. Auch das: wenig überraschend. Der flott geschriebene Text verarbeitet viel kanonisches Wissen und zitiert zahllose, nicht immer seriöse Quellen. Manche Kapitel gehen kaum über Wikipedia-Einträge hinaus (inklusive der Fehler, wenn etwa die fiktive Synode von Köln im Jahre 346 als Faktum behandelt wird), andere bieten interessante Seitenblicke, so beispielsweise auf den wenig bekannten Radikalaufklärer Jean Meslier, einen Landpfarrer, der im achtzehnten Jahrhundert den atheistischen Kommunismus erdachte.

Mitunter wird es billig. So führt der Anti-Freudianer Onfray die mit Paulus zum Dogma erhobene Leib- und Sinnenfeindlichkeit der Kirche ferndiagnostisch auf eine "Impotenz durch erektile Dysfunktion" des Urtheologen zurück. Ab dem siebten Jahrhundert, das ist der dramatische Bogen dieser Erzählung, lauert ein Potenzmonster auf seine Chance, den Westen zu übernehmen: der wesenhaft kriegerische Islam.

Im Fortgang der Erschöpfungsgeschichte des Abendlands ist unappetitlich von "Entartung" die Rede. Reformation und Französische Revolution hätten ebenso zur Auflösung der christlichen Zivilisation beigetragen wie der angebliche Nihilismus der Moderne. Gegenstandslose Kunst hält Onfray für ein untrügliches Verfallszeichen. Mit Hasstiraden überzieht er die Achtundsechziger-Bewegung, für ihn nicht viel mehr als die Selbstermächtigung ungebildeter Pädophiler. Der französische Strukturalismus ist für den Autor purer Relativismus im Namen der Märkte, Michel Foucault ein Hohepriester der Islamisierung. Es belustigt, wie ein derart ressentimentgeladener Kulturkritikrundumschlag der Aufklärung vorwerfen kann, das Ressentiment zum Prinzip gemacht zu haben. Selbstredend bekommt auch der Journalismus sein Fett weg: als Fake-News-Propaganda, die schon früh der Hinrichtung eines Unschuldigen zuarbeitete, König Ludwig XVI.

Hier unkt also zuletzt einfach ein populistischer Provokateur, der sich gern als Pendant Michel Houellebecqs inszeniert, gegen die seiner Meinung nach "vorherrschende, neomarxistische Geschichtsschreibung". Das Ziel sind tatsächlich platte, Panik schürende Sie-Wir-Oppositionen im Hinblick auf muslimische Flüchtlinge in Europa: "Wir sind erschöpft, sie erfreuen sich bester Gesundheit" und "Wir haben die Vergangenheit, sie haben die Zukunft". Das ist ein geradezu jämmerliches Resultat dieses Ritts nach Golgatha und zurück. So geht in dem polemischen, eklektischen, unwissenschaftlichen Buch, das man auf jene Formel bringen kann, mit der der Autor ein Jahrtausend Patristik bedenkt - "so viel Intelligenz, verschwendet an so viele Torheiten" -, schließlich nur eines unter: der Intellektuelle Michel Onfray.

OLIVER JUNGEN

Michel Onfray: "Niedergang". Aufstieg und Fall der abendländischen Kultur von Jesus bis Bin Laden. Aus dem Französischen von Stephanie Singh und Enrico Heinemann. Knaus Verlag, München 2018. 702 S., geb., 28,- [Euro].

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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 16.07.2018

LITERATUR
Der Abstieg Gottes auf die triviale Erde
Mit der Impotenz des Paulus begann der Niedergang: Der französische Philosoph Michel Onfray konstruiert nach einem bekannten Schema
„Aufstieg und Fall der abendländischen Kultur“. Der Geschichtswissenschaft zeigt er dabei die kalte Schulter souveräner Ignoranz
VON FRIEDRICH WILHELM GRAF
In einem autobiografischen Text hat Micheal Onfray davon berichtet, als junger Schüler in einem von Salesianern geleiteten Internat den „Terror der Pädophilie“ erlitten zu haben. Die Traumata von Kindheit und Jugend hat der 1959 in der Normandie geborene französische Philosoph in zahlreichen Büchern zur Kritik des christlichen Theismus zu bearbeiten versucht. Nun bündelt der erfolgreiche Autor einer lesenswerten „Gegengeschichte“ der abendländischen Philosophie seine Fundamentalkritik der Gegenwart in einer ebenso pathetischen wie widersprüchlichen Geschichtserzählung über den definitiven Niedergang der westlichen Kultur.
Alle Kulturen seien durch die Stadien von Aufgang, Höhepunkt, Niedergang und Tod bestimmt. Im religiösen Glauben sieht Onfray das Kraftzentrum jeder Kultur. „Ist die Religion im Aufstieg begriffen, erblüht auch die Kultur. Ist sie im Niedergang, verfällt auch die Kultur und geht am Ende sogar unter.“ Onfray will zeigen, dass die kulturelle Prägekraft des Christlichen seit Renaissance und Reformation zunehmend geschwunden und nun mit Beginn des neuen Jahrtausends „das Endstadium“ des Niedergangs erreicht sei. Das europäische Christentum sei leichenstarr, der von ihm begründeten Kultur könne man demnächst die Totenmaske abnehmen.
Der einstige Trotzkist und entschiedene Kritiker der Europäischen Union erhebt den Anspruch, die Krankheiten unserer Kultur so nüchtern wie ein Arzt zu diagnostizieren. Dies ist jedoch nicht der Fall. Seine bisweilen wirren Beschreibungen alter theologischer Debatten sind von massiven Werturteilen geprägt. Den Aufstieg des Christentums zur Staatsreligion des Römischen Reiches vermag er nicht zu erklären. Denn er weiß gar nicht, ob der jüdische Wanderprediger Jesus von Nazareth überhaupt gelebt hat. Mehrfach bezeichnet der bekennende Atheist die neutestamentlichen Geschichten von Jesu Leben und Lehre als bloße „Fiktionen“ und spricht davon, dass es Jesus „physisch nie gab“. Auch hätten die Kreuzigung und „alle anderen Ereignisse der christlichen Mythologie“ „so nie stattgefunden“. Doch ist in späteren Passagen des Buches plötzlich davon die Rede, „die Kirche“ habe Jesu Botschaft „verraten“. Das ist eine wundersame Argumentation. Hat Jesus nur in der Einbildung seiner Jünger gelebt, kann er nicht gelehrt haben. Und der Satz „kein Christ war Zeuge der Kreuzigung“ ist einfach Unsinn, denn die Anhänger des Juden aus Nazareth, der eine Glaubensreform predigte – seine historische Existenz einmal vorausgesetzt – verstanden sich gewiss noch nicht als Christen. Die einschlägige Literatur zur komplexen Entstehungsgeschichte der beiden „Schwesterreligionen“ (Peter Schäfer) Christentum und rabbinisches Judentum kennt Onfray nicht. Dies erlaubt es ihm, die Grenzen des Wissenkönnens immer wieder durch fantastische Spekulation zu überspringen. So teilt er etwa mit, dass Paulus nicht homosexuell war, aber an „Impotenz durch erektile Dysfunktion“ litt. Weshalb die Paulus zugeschriebenen Briefe seriösere Geschichtsquellen sein sollen als andere Texte des Neuen Testaments, insbesondere die Evangelien, sagt er nicht. Doch macht er die mangelnde Virilität des Apostels für die Leibfeindlichkeit des Christentums verantwortlich.
Seriöser Geschichtswissenschaft begegnet Onfray mit souveräner Ignoranz. Sein Versuch, die zweitausendjährige Geschichte der europäischen Christentümer „von Jesus bis Bin Laden“ im simplen Schema von Aufstieg und Verfall zu erzählen, führt unumgänglich zu Verallgemeinerungen. Immer weiß er, dem Zweifel und Skepsis fremd sind, es ganz genau und viel besser als die anderen. Die Geschichte der christlichen Kirchen schreibt er weithin als Gewaltgeschichte. Schon Konstantin habe einen christlich-totalitären Staat begründet, Mord, Rache und Strafe als Heilswege ins Paradies gepriesen. Auch Bernhard von Clairvaux habe die Ermordung von Heiden als heilige Tat gefeiert. Das Morden im Namen der Nächstenliebe stellt für Onfray die entscheidende Konstante in der Gesichte des Christentums dar.
So kann er einen großen Bogen von Konstantin zu Hitler schlagen. Im Autor von „Mein Kampf“ sieht er einen „katholischen Deisten“, der „sein antisemitisches Projekt gemeinsam mit der katholischen Kirche verwirklichen“ wollte. Pius XII. wirft Onfray „Kollaboration“ mit den faschistischen Regimen vor. Überhaupt begreift er die europäischen Faschismen „als christliche Reaktion“ auf den revolutionären Geist des Bolschewismus: „Das Christentum ist gestorben, weil es die Faschisten für sein Überleben nutzen wollte.“
Scharf kritisiert Onfray den christlichen Antisemitismus, greift aber selber auf antijüdische Stereotype zurück. Moderne gegenstandslose Kunst sei spezifisch jüdisch, und in der „kleinen, jüdisch geprägten New Yorker Szene aus reichen Käufern, mächtigen Galeristen, mondänen Journalisten“ und Mäzenen werde mit dem kapitalgetriebenen Kult des Abstrakten das Ende des Christlichen gefeiert. Mit der gedankenlosen Rede vom „judäo-christlichen Westen“ unterschlägt Onfray nur die Tatsache, dass Juden immer wieder von Christen gehasst und verfolgt wurden.
Witzig ist seine Deutung des Zweiten Vatikanischen Konzils. Als „Mai 1968 der Christen“ habe es dem zeitgenössischen „Relativismus“ den Weg bereitet und in der Liturgiereform die „Zerstörung des Heiligen“ betrieben. Wie ein konservativer Rechtskatholik beklagt Onfray das „Massaker an der Transzendenz“ und den „Abstieg Gottes auf die triviale Erde“. Mit dem Konzil habe die Kirche ihren eigenen Untergang beschleunigt. Allein Benedikt XVI., den Onfray für seine Regensburger Rede lobt, habe dem zu widerstehen versucht. Dessen Formel von der „Diktatur des Relativismus“ macht Onfray sich leicht modifiziert zu eigen. Die 1968 begonnene „dritte Phase der Entchristianisierung Europas“ habe mit dem Prinzip der Gleichberechtigung nur in eine „egalitaristische Diktatur“ geführt.
Außer „Negation“ und „Dekonstruktion“ hätten die Achtundsechziger nichts zu bieten gehabt. Auch hätten sie sexuelle Gewalt gegen Kinder gutgeheißen. Onfrays emotionale Kritik der französischen Linksintellektuellen richtet sich insbesondere gegen Roland Barthes und Michel Foucault. Im Strukturalismus sieht er lediglich die Vollendung der Entchristianisierung, seien hier doch „der Liberalismus“, „die Märkte“, „das Geld“ und überhaupt „der Konsum“ als neue, postchristliche Gottheiten inthronisiert worden. Seine Kritik der „liberalen Ideologie“ richtet sich insbesondere gegen das „Maastricht-Europa“, in dem nur die „Religion des Geldes und der Tanz um das Goldene Kalb“ herrschten.
2002 hatte Onfray in Caen eine Freie Volksuniversität gegründet, die mit ihrem philosophischen Lehrprogramm auch den Front National bekämpfen sollte. Inzwischen macht sich der Linksnietzscheaner viele Vorstellungen seiner politischen Gegner von einst zu eigen. Die knapp 700 Seiten europäischer Religions- und Geistesgeschichte laufen auf eine islamophobe Beschwörung der drohenden Überfremdung Europas hinaus, die das Differenzierungsniveau von Stammtischgeschwätz unterbietet. Zeugungsstarke junge Kampfmuslime hätten ihren Heiligen Krieg in Europas Betten getragen und würden mit ihrem Glauben an Macht und Körperstärke über die in jeder Hinsicht erschöpften Christen der alten Welt siegen: „Wir haben den Nihilismus, sie haben die Inbrunst.“ Die aus muslimischen Ländern eingewanderten „neuen Europäer kompensieren mit ihren höheren Geburtenraten die niedrige Fortpflanzungsrate der postchristlichen Europäer, die inzwischen alle der individualistischen Konsumreligion anhängen“.
Dieses Krisenszenario, für das Onfray sich auf Oswald Spengler und Samuel Huntingtons „Clash of Civilizations“ stützt, verknüpft er mit dramatischen Warnungen vor dem Siegeszug des Transhumanismus. In einer entterritorialisierten Globalkultur werde das Gehirn mit der Festplatte so verbunden, dass einige auserwählte Posthumane die breiten Massen versklavten. Onfray sieht das alles als unausweichlich an und verkündet mit der ihm eigenen Gewissheit: „Das Schiff sinkt. Uns bleibt nur möglichst elegant unterzugehen.“ Von solcher Eleganz ist in seiner Assoziationsprosa nichts zu erkennen. Statt prägnanter Begriffe bietet Onfray nur Klischees.
Ein großer Bogen wird hier von
Konstantin zum „katholischen
Deisten“ Adolf Hitler geschlagen
Zeugunsstarke junge Muslime
sieht Onfrya den Heiligen Krieg
in die Betten Europas tragen
Michel Onfray bei einem Fotoshooting in Charleroi, Belgien im Oktober 2015.
Foto: imago/PanoramiC
Michel Onfray: Niedergang. Aufstieg und Fall der abendländischen Kultur – von Jesus bis Bin Laden. Aus dem Französischen von Stephanie Singh und Enrico Heinemann. Albrecht Knaus Verlag, München 2017.
702 Seiten, 28 Euro.
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