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Spanien hat nach Kambodscha die weltweit meisten anonymen Massengräber. Sie stammen aus der Zeit des Bürgerkrieges von 1936 bis 1939, aus dem die Franco-Diktatur hervorging. Doch deren Verbrechen sind bis heute nicht aufgeklärt. Spaniens Demokratie wurde nahtlos auf dem Fundament des alten Terrorsystems aufgebaut. Alle Gerichtsurteile aus der Zeit der Diktatur gelten bis heute. Inzwischen fordern Organisationen der Zivilgesellschaft eine Aufarbeitung der Vergangenheit - während sich die extreme Rechte in der neuen VOX-Partei sammelt und Franco glorifiziert. Der Historiker und Spanienkenner…mehr

Produktbeschreibung
Spanien hat nach Kambodscha die weltweit meisten anonymen Massengräber. Sie stammen aus der Zeit des Bürgerkrieges von 1936 bis 1939, aus dem die Franco-Diktatur hervorging. Doch deren Verbrechen sind bis heute nicht aufgeklärt. Spaniens Demokratie wurde nahtlos auf dem Fundament des alten Terrorsystems aufgebaut. Alle Gerichtsurteile aus der Zeit der Diktatur gelten bis heute. Inzwischen fordern Organisationen der Zivilgesellschaft eine Aufarbeitung der Vergangenheit - während sich die extreme Rechte in der neuen VOX-Partei sammelt und Franco glorifiziert.
Der Historiker und Spanienkenner Hannes Bahrmann erzählt anschaulich die dramatische Geschichte vom Franco-Putsch 1936 über den Tod des Diktators 1975 bis heute. Und er zeigt, wie sehr die unbewältigte Vergangenheit die demokratische Gegenwart belastet.
  • Produktdetails
  • Verlag: Ch. Links Verlag
  • Artikelnr. des Verlages: 9077
  • Seitenzahl: 288
  • Erscheinungstermin: 4. März 2020
  • Deutsch
  • Abmessung: 207mm x 128mm x 25mm
  • Gewicht: 350g
  • ISBN-13: 9783962890773
  • ISBN-10: 3962890777
  • Artikelnr.: 58331629
Autorenporträt
Bahrmann, Hannes§Jahrgang 1952, Studium der Geschichte und Lateinamerikawissenschaften in Rostock; danach Journalist bei Rundfunk, Zeitungen und Nachrichtenagenturen; Autor zahlreicher Sachbücher zur Geschichte Mittelamerikas und der DDR-Politik, darunter »6 mal Mittelamerika«, Berlin 1985; »Piraten der Karibik«, Berlin 1989; »Chronik der Wende«, Berlin 1994/1999 und »Am Ziel vorbei. Die deutsche Einheit - eine Zwischenbilanz« (gemeinsam mit Christoph Links), zuletzt erschienen drei Bücher zu den gescheiterten Revolutionen in Kuba (2016), Nicaragua (2017) und Venezuela (2018).
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 15.06.2020

Spanische
Stümper
Hannes Bahrmann urteilt hart
über die Zeit nach Franco
Der Diktator Francisco Franco ist seit bald einem halben Jahrhundert tot, doch wenn man Hannes Bahrmann glaubt, ist der „Alte“ noch ziemlich lebendig. Der Autor kundiger und kritischer Werke über Lateinamerika, etwa über die gescheiterte Revolution in Venezuela, spürt in seinem neuen Buch „Francos langem Schatten“ im modernen Spanien nach. Zum Beweis für dessen Existenz führt Bahrmann an: Hunderte Gesetze aus der Franco-Zeit, die noch in Kraft seien; eine konservative Elite, die während der Diktatur zu Macht und Geld gekommen sei und die Geschicke des Landes weiter lenke; ein „Pakt des Schweigens“, der verhindert habe, dass die Verbrechen von 40 Jahren Diktatur aufgearbeitet worden wären.
Zur Untermauerung lässt Bahrmann im Kurzdurchlauf mehr als hundert Jahre spanische Geschichte Revue passieren, erfreulich in dieser Kompaktheit, denn außerhalb der Standardwerke von Walther Bernecker oder Carlos Collado Seidel gibt es diesseits des wissenschaftlichen Betriebes auf dem deutschen Markt kaum etwas zu dem Thema. So spannt sich der Bogen vom traumatischen endgültigen Zusammenbruch des spanischen Weltreiches durch den Verlust Kubas 1898 über den Versuch des Wiederaufstiegs durch den blutigen Feldzug in Marokko bis hin zum Bürgerkrieg 1936 bis 1939, den Franco mit Hitlers Hilfe gewann – um danach das Kunststück zu vollbringen, als faschistischer Diktator fast volle 40 Jahre lang mit Billigung der Westmächte weiterregieren zu können.
In Marokko begann auch die Karriere des späteren generalísimo. Als Kolonialoffizier habe Franco sich trotz Kleinwuchs und Fistelstimme mit Pingeligkeit und Angstfreiheit durchgesetzt, schreibt Bahrmann: „Auf dem Pferd blieb er noch hochaufgerichtet, wenn die Kugeln um ihn herumflogen.“ Ob diese Anekdote verbürgt ist, ist allerdings die Frage. Es fehlen durchwegs die Quellenverweise in dem Buch, und das auch bei sehr viel steileren Behauptungen, wie etwa der, dass „die faschistische Hymne in Spanien der beliebteste Titel auf Spotify“ sei oder dass das Land die meisten Massengräber nach Kambodscha habe. Das ist in Zeiten von Fake News eine fast nicht mehr hinnehmbare Schwäche in einem so stark wertenden Buch, dass ja auch den Anspruch zu erheben scheint, eine ernsthafte historische Abhandlung zu sein.
Ebenso steil der Versuch, den gesamten Übergang zur Demokratie als historischen Pfusch und ihre Protagonisten als Stümper zu verdammen – vom König bis zum Kommunisten Santiago Carrillo. Diese Pauschalität wird dem enormen Spannungsfeld nicht gerecht, in dem die Diktatur sich zwischen 1975 und 1978 quasi selbst abschaffte durch seine „Helden der Demontage“, wie der Schriftsteller Javier Cercas die Politikergeneration der transición mal genannt hat. Spanien hätte mit seiner Vergangenheit brechen müssen, fordert hingegen Bahrmann. Was dann geschehen wäre? „Die Institutionen der Diktatur wären verboten worden; man hätte die Schuldigen zur Verantwortung gezogen und ihr Eigentum beschlagnahmt“, scheibt der Autor.
Das aber ist dann doch leicht gesagt aus der historischen Überheblichkeit heraus; Genauso gut hätte man – überspitzt gesagt – verlangen können, Spanien hätte sich 1975 besser selbst abgeschafft. Denn der Franquismus war „keine Militärjunta“, wie der frühere El-País-Chef Juan Luis Cebrián mal gesagt hat, sondern eben „das halbe Spanien“. Und wer hätten die Richter über die Vergangenheit sein sollen? Wer wären die aufrechten Antifranquisten gewesen, die die Bahrmannschen Ansprüche hätten erfüllen können? Wenn man dem galligen Urteil des Schriftstellers und verbürgten Antifranquisten Manuel Vázquez Montalbán glauben kann, dann waren echte Antifranquisten nicht sehr zahlreich in der Franco-Zeit. Sie hätten, so hat der legendäre Spötter aus Barcelona mal gesagt, „alle zusammen leicht in einen einzigen Omnibus gepasst“.
SEBASTIAN SCHOEPP
Dauerdiktator: Francisco Franco regierte Spanien von 1939 bis 1975. Er hat noch immer viele Fans.
Foto: Scherl/SZ Photo
Hannes Bahrmann:
Francos langer Schatten. Diktatur und Demokratie in Spanien. Ch. Links Verlag, Berlin 2020. 288 Seiten,
20 Euro.
E-Book: 12,99 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Hans-Christian Rößler empfiehlt Hannes Bahrmanns Buch als handliches Vademecum und solide Überblicksarbeit zur Zeit zwischen dem spanischen Bürgerkrieg und der zweiten Amtszeit von Pedro Sanchez. Neues bietet Bahrmann allerdings nicht, räumt Rößler ein, wenn er mit dem Bürgerkrieg beginnt und die älteren Verwerfungen in der spanischen Geschichte, die laut Rezensent bis heute wirken, ausklammert. Für Rößler ein Mangel, bleiben so doch Verbindungen zur Korruption, sozialen Spaltung und Armeeinterventionen von heute unterbelichtet. In gewisser Weise entspricht das den Verhältnissen, denn bis heute tut sich Spanien schwer mit seiner Vergangenheit, so Rößler.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 11.08.2020

Schattenseiten des sanften Übergangs
Spanien steht zum Teil immer noch im Bann der Franco-Diktatur

Die Frage ist spannend. Was wäre mit Spanien geschehen, wenn sich das Land nach dem Tod des Diktators Francisco Franco zu einem Bruch mit der Vergangenheit entschlossen hätte? Stattdessen sorgte die "Transición" für einen sanften Übergang von der Diktatur zur Demokratie, ohne dass den Opfern Gerechtigkeit widerfuhr. Hannes Bahrmann bleibt leider die Antwort auf die Frage schuldig, die er gleich zu Anfang stellt; nur gegen Ende beschreibt er in wenigen Kapiteln, wie sehr die unbewältigte Vergangenheit die spanische Gegenwart belastet - in einem Land, in dem sich nach seiner Ansicht seit 1975 nicht viel geändert hat, wie schon der Titel deutlich macht. "Francos langer Schatten" heißt das Buch, dessen Titelseite plakativ einen Spanier zeigt, der, gehüllt in eine Nationalflagge aus der Zeit der Diktatur, vor dem riesigen Kreuz des monumentalen "Tals der Gefallenen" seinen rechten Arm zum Gruß ausstreckt. Der Klappentext versucht Aufmerksamkeit für ein Land zu erregen, das "nach Kambodscha die weltweit meisten anonymen Massengräber hat".

Herausgekommen ist aber kein Buch über das spanische Ringen mit seiner jüngsten Vergangenheit, sondern ein handliches Taschenbuch mit einem straffen und soliden Überblick über die Zeit vom spanischen Bürgerkrieg bis zur Wiederwahl des Sozialisten Pedro Sánchez. Mit wirklichen Neuigkeiten wartet der frühere Journalist Hannes Bahrmann dabei nicht auf, der zuvor Bücher über Mittelamerika, Drogen und das Ende der DDR geschrieben hat. Interessante Akzente setzt er, indem er auf deutsche Aspekte aufmerksam macht, wie die Rolle der SPD beim Aufbau der neuen sozialistischen PSOE-Partei und die Beziehungen spanischer Gewerkschafter in die DDR und die BRD.

Der Autor ist nicht der Erste, der die spanische Geschichte mit dem Bürgerkrieg (1936 bis 1939) beginnen lässt. Für die Zeit von der arabischen Eroberung der Iberischen Halbinsel bis zu Francos Beförderung zum jüngsten General Europas genügt ihm ein kurzes Kapitel. Für die viel älteren Schatten, die auf der spanischen Gegenwart lasten, ist kein Platz. Dabei reichen Korruption, soziale Spaltung sowie die notorischen politischen Interventionen der Armee viel weiter zurück. Nach Ansicht des britischen Historikers Paul Preston, eines der besten Kenner des Landes, sind die Spanier schon viel länger "Ein verratenes Volk" - so hat er sein jüngstes Buch genannt. Das heutige Spanien lässt sich nicht durch Franco erklären, auch wenn er wie ein Untoter überall auftaucht. Bahrmann erwähnt die spanische Nationalbiographie der "Königlichen Akademie der Geschichte". Die gedruckte Ausgabe aus dem Jahr 2011 würdigt Franco als "Generalísimo" und "Staatschef", der ein "intelligenter und gemäßigter" Mann gewesen sei. Verfasser des Eintrags war der Mediävist Luis Suárez, Patronatsmitglied der Francisco-Franco-Stiftung und Vorsitzender der ultrarechten "Bruderschaft des Tals der Gefallenen". Bahrmann übergeht jedoch den danach einsetzenden Sturm der Entrüstung, der eine Korrektur in der folgenden digitalen Ausgabe zur Folge hatte, die ihn unmissverständlich "Staatschef und Diktator" nennt.

Nicht nur dieses Beispiel zeigt, wie schwer sich Spanien immer noch tut, sich dieser Vergangenheit zu stellen - seit fast 45 Jahren: Um eine gewaltlose Transición möglich zu machen, wurde nach dem Tod des Diktators alles vermieden, was zu einer Auflehnung von dessen Anhängern und besonders unter den Streitkräften gegen die Demokratie hätte führen können. Für Bahrmann wiegt jedoch schwerer, dass die "spanische Demokratie immer noch auf dem Fundament der faschistischen Diktatur steht". Als Beschreibung der Ausgangslage mag das zutreffen, aber nicht als Erklärung für die gegenwärtige politische Lage. Spanien ist nicht unter dem Bann Francos stehengeblieben. Der Aufstieg der rechtspopulistischen Vox-Partei zur drittstärksten Kraft im spanischen Parlament lässt sich nicht nur damit erklären, dass die "Vergangenheit wieder auflebt".

Die Parteienlandschaft war in den vergangenen Jahren lebendig und überraschend. Vor Vox sorgten die linksalternative Podemos-Partei und die rechtsliberale Ciudadanos-Partei dafür, dass die beiden großen Parteien keine eigenen Mehrheiten mehr erhielten. Seit Jahresbeginn regiert in Madrid zum ersten Mal eine Koalition, die die Sozialisten mit Podemos gebildet haben. Vox verdankt den eigenen Aufstieg nicht den Ewiggestrigen, sondern vor allem der Eskalation des Katalonien-Konflikts: zuerst das Unabhängigkeitsreferendum 2017 und dann der Prozess gegen zwölf führende Separatisten mit dem Urteil im vergangenen Herbst. Die gewaltsamen Proteste nach dem Urteil brachten Vox bei der Wahl im November viele Stimmen. Nach Ansicht vieler Vox-Wähler haben die regierenden Parteien im Streit mit den katalanischen Separatisten versagt. Während der sozialistische Ministerpräsident Pedro Sánchez im Wahlkampf hoffte, die Wähler würden die von den Sozialisten betriebene Umbettung des Diktators im vergangenen Oktober honorieren, konnte die Vox mit der Empörung über die Exhumierung offenbar noch mehr Wähler für sich mobilisieren. Aber danach verwandelte sich sein neues Grab nicht in eine "Pilgerstätte der Rechtsradikalen", wie es Bahrmann befürchtet.

Um Franco ist es schnell wieder still geworden, während die neue Linkskoalition plant, härter gegen die Verherrlichung der Franco-Vergangenheit vorzugehen. Sie will die Francisco-Franco-Stiftung sowie alle Organisationen schließen, die "Hass verbreiten und die Diktatur verteidigen"; zudem sollen die Massengräber geöffnet, die Franco-Opfer würdig bestattet werden. All diese Pläne hat seit März die Corona-Pandemie in den Hintergrund gedrängt, die Spanien so hart wie wenige andere Länder getroffen hat. Das Coronavirus scheint auch den Rechtspopulisten - zunächst - die Stimme verschlagen zu haben. Obwohl Vox im Mai einen ersten Großprotest organisierte, beginnen die Wähler laut Umfragen, wieder zur konservativen Volkspartei (PP) zurückzukehren.

HANS-CHRISTIAN RÖßLER

Hannes Bahrmann: Francos langer Schatten. Diktatur und Demokratie in Spanien. Ch. Links Verlag, Berlin 2020. 288 S., 20,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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