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Yu Hua ist einer der bedeutendsten Schriftsteller Chinas. Seine Bücher haben sich in China Millionen Mal verkauft. Dass sein neues Buch 'China in zehn Wörtern' von den Chinesen verboten wurde, liegt weniger an seiner Kritik am heutigen China als an den Parallelen, die er zwischen der Kulturrevolution und dem neuen kapitalistischen System zieht. Wie zu Zeiten Mao Zedongs, sieht Yu auch heute Unmenschlichkeit und Gewalt. Der Großteil der chinesischen Gesellschaft profitiert nicht vom Wohlstand, sondern wird auf brutale Weise an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Die persönlichen Essays lassen…mehr

Produktbeschreibung
Yu Hua ist einer der bedeutendsten Schriftsteller Chinas. Seine Bücher haben sich in China Millionen Mal verkauft. Dass sein neues Buch 'China in zehn Wörtern' von den Chinesen verboten wurde, liegt weniger an seiner Kritik am heutigen China als an den Parallelen, die er zwischen der Kulturrevolution und dem neuen kapitalistischen System zieht. Wie zu Zeiten Mao Zedongs, sieht Yu auch heute Unmenschlichkeit und Gewalt. Der Großteil der chinesischen Gesellschaft profitiert nicht vom Wohlstand, sondern wird auf brutale Weise an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Die persönlichen Essays lassen aber auch Yus Verbundenheit zu seinem Heimatland erkennen. 'China in zehn Wörtern' wirft einen ganz anderen, einen neuen Blick auf ein Land, von dem noch viel zu erwarten ist.
  • Produktdetails
  • Verlag: S. Fischer
  • Seitenzahl: 335
  • 2012
  • Ausstattung/Bilder: 2012. 336 S. 210 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 211mm x 136mm x 30mm
  • Gewicht: 445g
  • ISBN-13: 9783100958075
  • ISBN-10: 3100958071
  • Artikelnr.: 35684127
Autorenporträt
Yu Hua, geb. 1960 in der ostchinesischen Provinz Zhejiang, hat fünf Jahre als Zahnarzt praktiziert, bevor er Schriftsteller wurde. 'China in zehn Wörtern' durfte in China nicht erscheinen, in Frankreich und den USA erhielt das Buch hymnische Kritiken. Yu Hua lebt in Peking.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Geschrieben für ein ausländisches Publikum (hier, wie der Rezensent festhält, in meisterhafter Übertragung ins Deutsche), bieten die zehn im Band enthaltenen Essays dem Rezensenten den Ausdruck einer zutiefst chinesischen Erfahrung, die Abwesenheit politischer Abstraktion, die laut Mark Siemons allerdings keinesfalls mit Harmlosigkeit zu verwechseln ist. So viel zur Sprache in Yu Huas hier versammelten, oft genug absurd traurigen Texten. Den Blick von unten lassen sie den Rezensenten nachvollziehen, den Blick auf eine Gesellschaft im Aufwind, die schon wieder auf der Kippe zum Abstieg steht, wie Siemons es umschreibt. Bestechend durch Lakonik und Sinn fürs Groteske im Detail, nehmen die Miniaturen ihn mit zu den Anfängen des chinesischen Kapitalismus, der stets auch die Revolution bedeutet, wie Siemons herausfindet.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 23.10.2012
Die Geschichte Chinas –
ganz neu gelesen
Yu Huas faszinierende Theorie der „Gebirgsdörfer“
Einer der engsten Weggefährten Mao Zedongs, der frühere Staatspräsident der Volksrepublik China Liu Shaoqi, wurde zum berühmtesten Opfer der Kulturrevolution. 1967 warf man ihn nach vielen Demütigungen ins Gefängnis, dort starb er zwei Jahre später. Auf dem kurzen Weg von der Haftanstalt zum Krematorium, so berichtet ein Zeuge, war sein Leichnam nur von einem grauen Leichentuch bedeckt, an den ein kleiner Zettel mit den Personalien des Toten geheftet war. In der Rubrik „Beruf“ stand: „Arbeitsloser“.
  Der 1960 in Hangzhou geborene Autor Yu Hua hat diese makabre Anekdote in einem seiner Essays festgehalten, die er jetzt unter dem Titel „China in zehn Wörtern“ veröffentlichte. Kenner der chinesischen Literatur haben Yu Hua spätestens seit seinem fulminanten Roman „Brüder“ (2009) in ihr Herz geschlossen, der Chronik von zwei unterschiedlichen Karrieren im China der Wende zum Sozialismus. Sein neuestes Werk greift diese Themen in einer exemplarischen Mischung von politischen und kulturhistorischen Analysen auf, die aber, wie es einem brillanten Schriftsteller taugt, nie den Zauberkreis des zu Erzählenden verlassen. Selber Erlebtes, aus zeitgenössischen Quellen Zusammengetragenes und klug aus diesen Materialien Gefolgertes formen das zu Buch einer Laterna Magica der Durchleuchtung moderner chinesischer Verhältnisse. Das Buch ist der spannendste Blick auf China seit vielen Jahren; Ulrich Kautz hat es vorbildlich übersetzt.
  Seine zentrale These spricht Yu Hua am deutlichsten im neunten Kapitel aus, das den anregend verwirrenden Titel „Gebirgsdorf“ trägt. Die beiden Zeichen für dieses Wort standen früher für einen befestigten Weiler, dessen Bewohner sich ihre eigenen Gesetze schufen. Spielte die Szene am Meer, könnte man von einem Piratendorf reden. Der Pirat eignet sich bekanntlich Dinge an, die er selber nicht hergestellt hat. Es kann dabei um materielle oder um ideelle Güter gehen, heute sind die Verfahren zur Herstellung dieser Güter längst wichtiger geworden als das Produkt.
  Hinlänglich bekannt ist dieses Problem seit mehr als zwei Jahrzehnten. Jeder Turnschuh-, Handtelefon- oder Lokomotivenfabrikant kann davon seine eigene Geschichte erzählen, wobei längst die Zahl der im chinesischen Inland gerichtsnotorisch gewordenen Fälle die aus dem Ausland erbeuteten Patente überstiegen hat. Was als Kampf der Schwachen gegen die Überlegenen begonnen hat, ist, so schreibt Yu Hua, längst zu einer kulturellen Selbstverständlichkeit geworden: Die in China am meisten kopierten Großbauten sind das Einlasstor zur Verbotenen Stadt in Peking und das Weiße Haus in Washington. Erfolgreiche Bordellbesitzer organisieren ihre Betriebe nach den Kaderprinzipien der Kommunistischen Partei. Zum Unterhaltungsprogramm einer Hochzeits-, manchmal auch einer Trauergesellschaft gehört oft auch ein besonders begabter Nachahmer des verstorbenen Mao Zedong, der originalgetreu die Worte zur Gründung der Volksrepublik spricht. Die Politik des chinesischen Gebirgsdorfs wurde zu einer so vielfältig verwendbaren wie allumfassenden Schablone gesamtgesellschaftlichen Handelns im Aufbegehren gegen „die Macht“, aber auch für deren Usurpation.
  Eine der Ursachen für diese Entwicklung sieht Yu Hua in jener Periode, die seine Kindheit und Jugend geprägt hat, die Große Proletarische Kulturrevolution (1966-1976), in der Mao gleich zu Beginn seine Gefolgsleuten aufrief: „Bombardiert die Hauptquartiere.“ Gemeint waren zunächst die „Hauptquartiere“ der Partei, bald darauf auch alle ökonomischen und akademischen Zentren. In den späten 20er Jahren hatte Mao mit der klassischen Strategie der Kommunistischen Internationale gebrochen, als er die Losung ausgab: Nicht das Proletariat in den industriellen Zentren spielt die entscheidende Rolle, die Städte sind von den Dörfern aus zu erobern. Vier Jahrzehnte später, während der Kulturrevolution ging es wieder darum, Heerscharen von Davids (die Rotgardisten) gegen ausgesuchte Goliaths (die Bonzen der Partei, die Machthaber des Wissens) zu mobilisieren. Und noch einmal zwanzig Jahre später, in den Zeiten der wirtschaftlichen Prosperität, so Yu Hua, sind aus den Dörfern, die früher die Städte angreifen sollten, neue wirtschaftliche und politische Kampfeinheiten geworden.
  Heute treten an die Stelle der „Gebirgsdörfer“ die zu allem entschlossenen Brückenköpfe des Piratenwesens. Sie mögen politische oder ökonomische Ziele haben, operieren innerhalb oder außerhalb der Partei – entscheidend ist es, dort anzugreifen, wo Regeln jederzeit „umgedreht“ werden können. Die Taktiken des radikalen Sozialismus bewähren sich auch im entwickelten Kapitalismus prächtig. So sind aus den früheren Dörfern veritable Festungen mit mehr oder weniger windigen Produktnamen geworden.
  Was Yu Hua hier vorschlägt, ist nichts weniger als eine aufregend neue Lesart der Geschichte Chinas nach der Wendung des Landes zum Turbokapitalismus. Bislang galt als ausgemacht, dass seit den 80er Jahren die neuen Götter des Konsums an die Stelle politischer Kampfziele getreten seien, ja dass das Politische gleichsam achselzuckend den Organen der Partei überlassen worden wäre. Nichts da, behauptet Yu Hua und überschüttet den Leser aus einem Füllhorn hinreißend geschilderter Details: Die Schlangengeister leben noch und haben sich nur neue Rollen ausgesucht. Man borgt sie sich eben vom scheinbar überlegenen Gegner. Wie weiland Mao Zedong, als er von den politischen Kritikern des Landes die Form der Wandzeitung kopierte, um seinen Feind Liu Shaoqi anzugreifen.
  Und damit zurück zur eingangs erzählten, tristen Anekdote über den so schmählich aus dem Leben geschiedenen früheren Staatspräsidenten Liu Shaoqi. Ein der Selbstdarstellung nach sozialistisches Land wie China kennt naturgemäß den Begriff „Arbeitslose“ nicht. Menschen, die in jene Rubrik fallen, werden in den Statistiken unter der frommen Bezeichnung „eine Arbeit Erwartende“ geführt. Zu erwarten ist immer alles.
TILMAN SPENGLER
  
Yu Hua: China in zehn Wörtern. Eine Einführung. Aus dem Chinesischen von Ulrich Kautz. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2012. 336 Seiten, 19,99 Euro.
  
Nach Einschätzung der gegenwärtigen Parteiführung der KP Chinas ist unser Autor, der Schriftsteller Tilman Spengler , „ein nicht guter Freund Chinas“. Der Autor sieht das anders.
Heute tritt an die Stelle der
„Gebirgsdörfer“ das entschlossene
ökonomische Piratenwesen
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Besprechung von 09.01.2013
Die Codewörter muss man kennen

Wie sich Kapitalismus und Maoismus doch gegenseitig erhellen: Yu Hua führt chinesische Lebenskunst in zehn pointierten Essays mit viel Sinn für skurrile Details vor Augen.

So ein Buch hat es über Chinas Aufstieg noch nicht gegeben. Denn die individuellen Aufstiegsgeschichten, die der Schriftsteller Yu Hua in seinem neuesten Werk erzählt, um sein Land zu erklären, sind so komisch, traurig und absurd, dass sie stets schon auf der Kippe zum Abstieg stehen, den sie meist dann auch tatsächlich noch vollziehen. "China in zehn Wörtern" heißt das Buch, und das klingt erst einmal nach einer typischen China-Expertise, die aus der Vogelperspektive ihr Wissen ausbreitet. Doch in Wirklichkeit stecken in den zehn Essays lauter literarische Miniaturen, die eher von schräg unten her auf die Welt gucken - nur dass ihr Stoff nicht erfunden ist, sondern dem Leben des Autors und seiner Landsleute entstammt.

Zum Beispiel dem Leben jenes unscheinbaren, etwas ängstlichen Mannes aus Yus Heimatstadt, über den sich die Kinder lustig machten, als die Kulturrevolution hereinbrach und ihm eine einmalige Chance eröffnete. Alle Leute, schreibt Yu Hua, wollten damals Teil irgendeiner Rebellenorganisation werden, doch keine wollte den harmlosen Mann aufnehmen. Da ließ er sich ein Siegel schneiden und gründete selbst eine "Die Mao-Tse-tung-Ideologie ist unbesiegbar!"-Agitpropgruppe, die nur ihn als Mitglied hatte. Mit seinem Siegel, einer Trillerpfeife und einer Ausgabe des kleinen roten Buchs mit Mao-Zitaten ausgerüstet, lief er durch die Straßen der kleinen Stadt und hielt wahllos Passanten an, denen er mit lauter Stimme befahl: "Seite 23 aufschlagen! Wir lesen jetzt gemeinsam ein Wort des Vorsitzenden Mao!"

Sich einer solchen Aufforderung zu widersetzen, wäre in der damaligen Konstellation riskant gewesen, und so stieg der bis dahin unauffällige Mann innerhalb kurzer Zeit zum obersten aller Rebellen der kleinen Stadt auf. Überall, wo seine Trillerpfeife erscholl, versammelten sich die Menschen, um im Chor Mao-Zitate zu rezitieren und danach noch väterlich zum fleißigen Selbststudium daheim ermahnt zu werden. Dank seines Siegels war er zudem in der Lage, Empfehlungsschreiben auszustellen, mit denen man inmitten des damaligen Stillstands aller Behörden, Betriebe und Schulen kostenlos über Land reisen konnte. So war er nicht nur gefürchtet, sondern populär - obwohl er doch, wie Yu Hua ein Sprichwort zitiert, bloß ein Fuchs war, der sich die Macht des Tigers zunutze machte. Sein Ruhm dauerte so lange, bis ihm beim Besuch einer öffentlichen Toilette das Siegel in die Jauchegrube fiel und ein Rotgardist ihn lauthals als Konterrevolutionär beschimpfte, der die Mao-Tsetung-Ideologie ins Klo schmeiße.

Obwohl der Rotgardist auf die Sache später nicht zurückkam, war der Mann gebrochen. Immer noch hielt er Passanten mit seiner Trillerpfeife an, doch jetzt drängte er ihnen seine von Selbstohrfeigen begleitete Anklage auf: "Tausendmal habe ich den Tod verdient! Hab die Mao-Tse-tung-Ideologie ins Klo fallen lassen!" - eine Selbstkritik, die die Passanten nach Lage der Dinge mit einer mindestens so scharfen Kritik an ihm quittieren mussten, um ihre revolutionäre Reinheit unter Beweis zu stellen. Schließlich verstummte der Mann und verschwand in der Versenkung der Erinnerung der kleinen Stadt.

Die mit Lakonik und viel Sinn für die grotesken Details erzählte Anekdote ist nicht bloß eine Kuriosität aus einer vergangenen Ära. Die Pointe von Yu Huas Aufsteiger-Galerie ist, dass er die chinesische Gegenwart für nicht weniger extrem als die Zeit der Kulturrevolution hält, was ihre Bodenlosigkeit betrifft und ihre Fähigkeit, mit zielsicher benutzten Anmaßungen und Fiktionen das Unterste zuoberst zu kehren. Beide Konstellationen erlaubten es Menschen, die nichts zu verlieren haben, alles auf eine Karte zu setzen und aus dem Nichts ein Traumschloss nach dem nächsten zu errichten. Wobei es selbstredend nicht auf Authentizität ankommt, sondern auf den Blick für die günstige Gelegenheit, die ihnen die Geschichte eröffnet. So wie der Außenseiter aus der Provinz über Nacht nach oben kam, in dem er kurzerhand Maos Demagogie für sich usurpierte, bringt auch die Epoche der sozialistischen Marktwirtschaft ein Heer von lebensklugen Habenichtsen hervor, die aus der geringsten Lücke im System ein Vermögen machen.

Der Autor erzählt eine Geschichte aus den Anfängen des chinesischen Kapitalismus, als das Staatsfernsehen die wertvollen fünf Sekunden Werbezeit vor den täglichen Abendnachrichten meistbietend versteigerte. Ein Privatunternehmer, der es bislang nur zu einem bescheidenen Vermögen gebracht hatte, witterte da die Chance, ganz groß herauszukommen. Er reiste nach Peking und erwarb die Werbezeit für den sagenhaften Preis von achtzig Millionen Yuan (fast zehn Millionen Euro). Zurück in seiner Heimatstadt, unterrichtete er die Kreisparteileitung darüber, dass er für die gesamte Stadt den Titel "Auktionskönig" erworben habe, er selbst aber nur über wenig Geld verfüge: "Was nun? Wenn Sie mich unterstützen, so hat unsere kleine Stadt einen landesweit berühmten Unternehmer hervorgebracht; falls nicht, den größten Betrüger im ganzen Land. Sie können es sich ja überlegen." Er hatte die Renommiersucht der örtlichen Funktionäre richtig eingeschätzt und wurde für seinen Bluff tatsächlich belohnt.

Doch nicht die Hochstapelei selbst ist der springende Punkt in Yu Huas hintergründigem Sittenbild, sondern eine Art permanente Revolution, in der sich die herkömmlichen Unterscheidungskriterien zusehends auflösen und deren Eckpunkte das gegenwärtige Alltagschinesisch durch drei Begriffe kennzeichnet, in denen mehr steckt, als man ihnen von außen ansieht: Graswurzeln, Gebirgsdorf, Schaukeln. Mit "Graswurzeln" (caogen) sind in Yu Huas Lesart kleine Leute ohne Protektion gemeint, denen es dank ihrer zielstrebigen, eigenständigen und unorthodoxen Denkweise manchmal gelingt, groß zu werden, und sei es mit Müllsammeln oder dem Blutverkauf an Krankenhäuser.

Mit "Gebirgsdorf" (Shanzhai), früher ein Wort für Zonen außerhalb der Behördenreichweite, werden heute Kopien von Markenprodukten bezeichnet, die ihren Nachahmungscharakter nicht verstecken, sondern stolz, bisweilen ironisch, ausstellen. Über die Schattenwirtschaft hinaus ist daraus mittlerweile ein alle möglichen Lebensbereiche erfassender kultureller Code geworden, der sich gegen Interpretationsmonopole jeglicher Art wendet. Als besonders markantes Beispiel berichtet der Autor von einem florierenden Bordell in Südchina, dessen Management sich die Organisationsstruktur der Kommunistischen Partei gegeben hatte und auch regelmäßig "Bestarbeiterinnen" auszeichnete.

"Schaukeln" (huyou) schließlich ist durch seine Lautähnlichkeit mit einem Begriff für Verleiten, Verführen, Manipulieren zu einem Modewort geworden, mit dem der systematische Täuschungscharakter vieler Aktionen von Behörden, Unternehmen und Privatpersonen bezeichnet wird. Auch hier erhellen sich maoistische und kapitalistische Ära gegenseitig. Schon beim "Großen Sprung" Ende der fünfziger Jahre, der in einer verheerenden Hungersnot endete, hieß es: "Das Feld bringt so viel, wie der Mensch von ihm will!"

Die Gebräuchlichkeit dieser subversiven Begriffe ist schon von sich aus interessant. Sie mildern die zynische Härte des Gemeinten ab, indem sie sie augenzwinkernd verkleiden, doch zugleich machen sie sie dadurch überhaupt erst benennbar. Ähnlich scheint es sich auch bei Yu Hua selbst zu verhalten, der in Romanen wie "Der Mann, der sein Blut verkaufte" oder "Brüder" schon eine Menge ausgesucht bizarre Karrieren geschildert hatte. In "China in zehn Wörtern" gibt er auch Bruchstücke seiner eigenen Autobiographie preis, insbesondere den Schlüsselmoment jener von Albträumen durchschüttelten Nacht, die ihn von den drastischen Gewaltszenen, durch die er in den achtziger Jahren in China berühmt wurde, abbrachte.

Er war in einer Umgebung groß geworden, in der Tod und Gewalt alltäglich waren: neben der Leichenhalle des Krankenhauses, in dem sein Vater als Chirurg arbeitete, und in einer Zeit, als nicht nur politische Denunziationen, sondern auch Exekutionen öffentlich zelebriert wurden. Die Leute strömten auf dem Sportplatz der Schule zur Urteilsverkündung zusammen und rannten danach zur Küste, um die Vollstreckung mitzuerleben. Diese Kindheitserinnerungen kehrten jetzt mit unüberbietbarer Präzision - "das kleine Löchlein am Hinterkopf des Delinquenten und die klaffende Wunde an seiner Stirn" - in der Nacht wieder, nun aber mit dem Autor als hinzurichtendem Protagonisten. Er fühlte sich einem Nervenzusammenbruch nahe und entschloss sich, auf eine direkte Darstellung von Gewaltexzessen künftig zu verzichten.

So kann man den typischen Yu-Hua-Ton, den Ulrich Kautz wieder einmal meisterhaft ins Deutsche übersetzt hat, die bodennahe, oft humoristische Zuspitzung grotesker Situationen, als eine Art Sublimierung verstehen: Auf seinem Grund ist noch der namenlose Schrecken spürbar, von dem er ausgeht. Dazu gehört auch die Niederschlagung der Demokratiebewegung vom 4. Juni 1989, an die er sich im ersten Essay zum Begriff "Volk" erinnert. Ebenso wenig wie bei der mit Codewörtern operierenden Alltagssprache darf man bei Yu Huas Sprache die Leutseligkeit, die Abwesenheit politischer Abstraktionen, mit Harmlosigkeit verwechseln. Dieses Buch mag sich in erster Linie an ein ausländisches Publikum wenden, aber es ist eine sehr chinesische Erfahrung, die es zum Ausdruck bringt.

MARK SIEMONS

Yu Hua: "China in zehn Wörtern". Eine Einführung.

Aus dem Chinesischen von Ulrich Kautz. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2012. 336 S., geb., 19,99 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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