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Geschichten aus der Nacht. Clemens Meyer ist ein Meister der Kurzgeschichte. Ein Lokführer, der die Nachtfahrten liebt, bis ein lachender Mann auf den Schienen steht. Ein Wachmann, der seine Runden um das Ausländerwohnheim dreht und sich in die Frau hinter dem Zaun verliebt. Ein Imbissbudenbesitzer, der am Hochhausfenster steht und auf die leuchtenden Trabanten der Nacht schaut. Souverän, rauschhaft und traumwandlerisch sicher erzählt Clemens Meyer von verlorenen Schlachten und überwältigenden Wünschen. Es sind Geschichten aus unserer Zeit, so zerrissen wie unser Leben, so düster wie die Welt, so schön wie die schönsten Hoffnungen.…mehr

Produktbeschreibung
Geschichten aus der Nacht. Clemens Meyer ist ein Meister der Kurzgeschichte.
Ein Lokführer, der die Nachtfahrten liebt, bis ein lachender Mann auf den Schienen steht. Ein Wachmann, der seine Runden um das Ausländerwohnheim dreht und sich in die Frau hinter dem Zaun verliebt. Ein Imbissbudenbesitzer, der am Hochhausfenster steht und auf die leuchtenden Trabanten der Nacht schaut. Souverän, rauschhaft und traumwandlerisch sicher erzählt Clemens Meyer von verlorenen Schlachten und überwältigenden Wünschen. Es sind Geschichten aus unserer Zeit, so zerrissen wie unser Leben, so düster wie die Welt, so schön wie die schönsten Hoffnungen.
  • Produktdetails
  • Verlag: S. Fischer
  • Artikelnr. des Verlages: .23982
  • 3. Aufl.
  • Seitenzahl: 269
  • Erscheinungstermin: 16. März 2017
  • Deutsch
  • Abmessung: 211mm x 134mm x 27mm
  • Gewicht: 363g
  • ISBN-13: 9783103972641
  • ISBN-10: 3103972644
  • Artikelnr.: 46831406
Autorenporträt
Meyer, Clemens
Clemens Meyer, geboren 1977 in Halle / Saale, lebt in Leipzig. 2006 erschien sein Debütroman 'Als wir träumten', es folgten 'Die Nacht, die Lichter. Stories' (2008), 'Gewalten. Ein Tagebuch' (2010), der Roman 'Im Stein' (2013) sowie die Frankfurter Poetikvorlesungen 'Der Untergang der Äkschn GmbH' (2016). Für sein Werk erhielt Clemens Meyer zahlreiche Preise, darunter den Preis der Leipziger Buchmesse. 'Im Stein' stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis, wurde mit dem Bremer Literaturpreis ausgezeichnet und für den Man Booker International Prize 2017 nominiert. 'Als wir träumten' wurde für das Kino verfilmt sowie 'In den Gängen' nach einer Erzählung von Clemens Meyer, beide Filme liefen im Wettbewerb der Berlinale. Im Frühjahr 2017 erschienen die Erzählungen 'Die stillen Trabanten'. Literaturpreise:Premio Salerno Libro d'Europa 2017 Finalist Premio Gregor von Rezzori 2017 Longlist Man Booker International Prize 2017 Mainzer Stadtschreiber 2016 Bremer Literaturpreis 2013 Shortlist Deutscher Buchpreis 2013 Stahl-Literaturpreis, 2010 TAGEWERK-Stipendium der Guntram und Irene Rinke-Stiftung, 2009 Preis der Leipziger Buchmesse, 2008 Clemens-Brentano-Preis der Stadt Heidelberg, 2007 Märkisches Stipendium für Literatur, 2007 Förderpreis zum Lessing-Preis des Freistaates Sachsen, 2007 Mara-Cassens-Preis, 2006 Rheingau-Literatur-Preis, 2006 Einladung zum Ingeborg Bachmann-Wettbewerb, 2006 Nominierung zum Preis der Leipziger Buchmesse, 2006 2. Platz MDR-Literaturwettbewerb, 2003 Literatur-Stipendium des Sächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst, 2002 1. Platz MDR-Literaturwettbewerb, 2001
Rezensionen
Besprechung von 20.03.2017
Herbstzeitlose
In seinem neuen Erzählband „Die stillen Trabanten“ inspiziert Clemens Meyer
die Vorstädte der Gegenwart und die Hinterlassenschaften der untergegangenen DDR
VON JÖRG MAGENAU
Seit seinem Debütroman „Als wir träumten“ aus dem Jahr 2006 über Jugendliche im Leipzig der Nachwendezeit gilt Clemens Meyer als der harte Hund unter den jüngeren Autoren. Und er gilt als Realist unter den Erzählern, der sich den Randbezirken der Gesellschaft zuwendet. Beides ist nicht ganz falsch, doch zu jedem harten Hund gehört eine zarte Seele, und zu Meyers Realismus gehört eine feine Sensibilität für mythologische Motive, die tiefer und wahrer sind als die Oberfläche der sogenannten Wirklichkeit.
Das lässt sich auch an seinen neuen Geschichten „Die stillen Trabanten“ ablesen, die – im Unterschied zu den noch als „Stories“ bezeichneten kürzeren Texten in „Die Nacht, die Lichter“ von 2008 – nun nahezu klassisch als „Erzählungen“ firmieren. Also etwas weniger Hemingway und etwas mehr Wolfgang Hilbig? Weniger Dos Passos und dafür mehr Jörg Fauser? Nein. Clemens Meyer hat seinen eigenen, nächtlichen Ton, jenseits all seiner literarischen Vorbilder von Céline bis Hubert Fichte.
„Die stillen Trabanten“ zeigen einmal mehr, welche Bandbreite an Ausdrucksmöglichkeiten ihm auf begrenztem Raum zur Verfügung steht. Wieder einmal ist der deutsche Osten und vor allem Leipzig als Handlungsort erkennbar, und da sind es vorwiegend Durchgangsstationen wie der Bahnhof, ein Ausländerwohnheim oder ein Treppenhaus im Plattenbau und traurige Orte wie ein Hinterhof, ein verlassenes Fabrikgelände oder eine Tankstelle am Stadtrand. Doch einige Geschichten führen auch in entferntere Orte und vor allem immer wieder in die Vergangenheit. Alte Männer treten auf und erzählen von früher: So der Strandbahnfahrer in einem Bad an der Ostsee, der jeden Abend auf einer Bank sitzt und übers Wasser schaut, wo früher Land war und die Gleise der Bahn. In diesem versunkenen Gelände wurzeln seine Träume und seine Erinnerungen an ein russisches Mädchen, in das er sich während des Krieges verliebte. Fast immer erzählt Meyer aus der Perspektive des Verlusts, der Vergeblichkeit und des Vergangenen. Das gibt den Texten ihren melancholischen, sehnsuchtsvollen Ton.
„Was ist schon gegenwärtig? Nichts“, sagt deshalb der Ich-Erzähler in der Titelgeschichte. „Gegenwärtigkeit ist ein völlig falscher Begriff, wir befinden uns immer wieder woanders.“ Die Realität, die Meyer erschafft, ist durchlässig für Träume, Wünsche, Fantasien, und manchmal verwirklicht sich die Liebe in diesem imaginären Raum, weil es der einzige ist, den die Wirklichkeit ihr bietet. Meyer erzählt diskontinuierlich, in Sprüngen zwischen den verschiedenen Ebenen. Man muss deshalb aufmerksam lesen, um nicht in die Spalten zwischen den Übergängen zu stürzen.
So ist es auch in der Titelgeschichte, in der sich ein Imbissbudenbesitzer jede Nacht im Treppenhaus im 19. Stock des Hochhauses mit einer jungen Nachbarin trifft, um mit ihr am Fenster zu rauchen. Sie ist mit einem Muslim verheiratet, zum Islam konvertiert und trägt ein Kopftuch. Er, keineswegs religiös gestimmt, besucht dennoch ihre Moschee, um besser zu begreifen, was sie daran fasziniert. Die nächtlichen Begegnungen sind scheu und diskret, die Form wird gewahrt, und doch ist ohne viele Worte spürbar, wie viel sich die beiden bedeuten. „Wie es eben manchmal so ist“, sagt der Erzähler zu seinem abwesenden Freund, mit dem er sich in Gedanken unterhält. Die „stillen Trabanten“ sind nicht nur die Lichter der Trabantenstadt in der Nacht, es sind auch Meyers Figuren, die sich umkreisen auf ihren Lebensbahnen und dabei immer den Abstand wahren und einsam bleiben.
Der Band ist in drei mal drei Geschichten aufgeteilt, die jeweils prologartig durch ein kurzes, szenenartiges Stück strukturiert werden. Das erste davon begleitet ein paar Arbeiter an einem heißen Sommertag, die mit Motorsensen das Gras entlang der Schnellstraße mähen. In einem Wäldchen treffen sie auf eine Flüchtlingsfamilie, die sich um ein totes Kind lagert. Offenbar hat der Junge Herbstzeitlose gegessen und ist an ihrem Gift gestorben. Ein Krankenwagen kommt, die Arbeiter kehren zu ihren Brachflächen zurück und, so heißt es dann im letzten Satz, „arbeiteten schweigend, bis es Abend wurde“. Die kleine Szene enthält alles, was Meyer immer wieder gekonnt ausspielt: In einem einzigen, mythologisch lesbaren Bild ist die europäische Gegenwart aufgehoben mit der ganzen Empathie und der ganzen Gleichgültig unserer Zeit, die ja beide nahtlos nebeneinander bestehen können.
Eine Geschichte handelt von Pferderennen, einer großen Leidenschaft des Pferdebesitzers Clemens Meyer. Da erzählt er von einem alten Jockey und seinem letzten großen Traum, ein Rennen auf einem zugefrorenen See in St. Moritz zu gewinnen. Der Schimmel im Schnee, dessen Konturen kaum zu erkennen sind, die Hufe auf dem vibrierenden Eis werden zum Traumbild des Todes. Auch der Lokführer, der mit seinem Güterwagen eine Strecke an der ehemaligen innerdeutschen Grenze befährt, wo plötzlich ein lachender Mann auf den Gleisen steht, ist ein Todesbote. Der Selbstmörder lässt ihm keine Ruhe, er will wissen, um wen es sich gehandelt hat, und geht der Sache nach.
In einer anderen Geschichte lernt eine Waggonreinigerin im Leipziger Bahnhof eine Friseuse kennen. Die beiden sitzen nach ihrer Schicht in der Bar der Bahnhofskneipe. Da entsteht auch so eine scheue Freundschaft, die nur so lange oder vielmehr so kurz dauert, wie das Leben die beiden in der Nähe hält. Auch der uniformierte Wachmann, der mit seinem Hund nachts im Ausländerwohnheim patrouilliert und sich in eine junge Frau verliebt, die am Zaun steht, wird zu einer klassischen Meyer-Geschichte, wenn die beiden in einem Saal auf Glasscherben tanzen.
Eine Überraschung ist die letzte und längste Erzählung. Sie spielt unter deutschen Emigranten in Moskau während des Zweiten Weltkrieges. Hauptfigur ist der Arbeiterschriftsteller Willi Bredel, der in einem Störtebeker-Roman aus dem Freibeuter einen Vorkämpfer des Proletariats machen will. Johannes R. Becher lungert als Morphinist herum, der als Denunziant gefürchtete Alfred Kurella hat einen Auftritt als Stotterer. Die Angst, verhaftet und deportiert zu werden, ist greifbar. Wenn man weiß, dass Kurella erster Direktor des Leipziger Instituts für Literatur wurde, das „Johannes-R.-Becher-Institut“ hieß, dann liefert Meyer, der dort von 1998 bis 2003 studierte, mit dieser historischen Skizze sozusagen die eigene literarische Vorgeschichte. Ohne die DDR gäbe es weder die nächtlichen Verlorenheiten und ostdeutschen Randgebiete, über die er schreibt, noch das Literaturinstitut, das heute wie damals prägende Stimmen der Gegenwartsliteratur hervorbringt. Meyer zeigt auch in diesen atmosphärisch dichten Erzählungen, dass er zu diesen prägenden Stimmen gehört.
Clemens Meyer: Die stillen Trabanten. Erzählungen. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2017. 270 Seiten, 20 Euro. E-Book 16,99 Euro.
Und dann tanzen der
Wachmann und die junge Frau
in einem Saal auf Glasscherben
Stillgelegter Trabant auf einem Acker bei Leipzig, 1992.
Foto: Regina Schmeken
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Besprechung von 30.03.2017
Drei Meter weiter liegt eine fremde Welt

Ein Erzähler, wie wir keinen anderen haben: Clemens Meyer nimmt in seinem neuen Buch "Stille Trabanten" die alten Themen wieder auf, setzt dabei aber neue Akzente. Es zieht Hoffnung ein.

Die Erzählzeit von Clemens Meyer ist die Nacht, und auch sein neues Dutzend Erzählungen besteht zu einem großen Teil aus Nocturnes, elegisch schönen Gängen durch die Dämmerung ins Dunkle und mit etwas Glück am nächsten Morgen auch wieder hinaus. Dieses Glück ist den Meyerschen Protagonisten jetzt häufiger beschieden, es sind nicht mehr samt und sonders auf Dauer gebrochene Gestalten, die auch im psychologischen Sinne die Nachtseite repräsentieren, aber eine düstere Komponente haben doch alle diese menschenfreundlichen, weil im emphatischen Sinne mitleidenden Geschichten.

Man hat Meyer, einem der bekanntesten und vielseitigst aktiven Schriftsteller unseres Landes, seit seinem Debüt mit dem Roman "Als wir träumten" (2006) oft den Vorwurf des Sozialkitschs gemacht. So mögen Leute sprechen, die der Welt, die Meyer interessiert, derart fernstehen, dass sie die Genauigkeit seiner Figuren- und Ortsprofile gar nicht bemerken können. Schauplatz des ganzen Werks, also seiner beiden großen Romane - 2013 erschien "Im Stein" - und der vorherigen zwei Bände mit kleiner Prosa, "Die Nacht, die Lichter" (2008) und "Gewalten" (2010), ist mit bemerkenswerter Konsequenz seine Heimat, vor allem Leipzig, aber auch Halle, die Geburtsstadt. Die "Stillen Trabanten", die der neuen Erzählungssammlung den Titel geben, sind die Vielgeschosser der Plattenbausiedlungen von Halle-Neustadt oder Leipzig-Grünau. Und die Menschen, von denen Meyer erzählt, sind jene, die man in diesen beiden Städten treffen kann, wenn man sich nur um ein Winziges von den touristisch oder kulturell ausgetretenen Pfaden entfernt - und seien es nur die drei Meter, die die Eingangstür zur Bierbar "Gleis 8" im Leipziger Hauptbahnhof von der Treppe hinab zur Eingangshalle West und dann zur Innenstadt trennt. Diese Bar, rundum verglast, doch den Vorbeieilenden keinen Blick wert, ist einer von Meyers liebsten Handlungsorten. Die schönste der neuen Geschichten hat dort ihren Platz.

"Späte Ankunft" heißt sie, und sie bringt zwei alleinstehende Frauen zusammen, die sich mit ihren Jobs mehr schlecht als recht über Wasser halten. Christa arbeitet bei der Bahnreinigung und ist zu den Zeiten, wenn die Züge ihre letzte Tagesfahrt hinter sich haben, auf dem ruhig gewordenen Gleisgelände des großen Bahnhofs tätig. Nach Beendigung ihrer Schicht trifft sie in der Bierbar Birgitt, die gleich jenseits der Treppe zur Eingangshalle im Frisiersalon schafft - auch der eines jener Meyerschen Aquarien, aus denen die Insassen viel sehnsuchtsvoller hinausschauen als andere Menschen hinein. Als sich die beiden Frauen, die Freundinnen werden, zum ersten Mal begegnen, entfaltet sich ein Dialog, der Präzision und Bildhaftigkeit von Meyers Prosa auf zwei kurze Sätze bringt: ",Sie haben mal geraucht?', fragte die Frau mit dem dunklen Haar, das wie Lack glänzte, und goss sich etwas Sekt nach. ,Nein, mein Mann hat geraucht', sagte sie, ,und manchmal fehlt mir das.'"

Markant waren schon immer die Lichtakzente bei Meyers Beschreibungen. Sie sind sichere Anzeichen für beginnende Faszination, so wie die Aufmerksamkeit eines Flaneurs - und Meyer ist viel mehr literarischer Erbe dieser Großstadtchronisten als des immer wieder als Vorbild beschworenen Hemingways, mit dem ihn weder thematisch noch stilistisch viel verbindet - gebannt wird durch eine plötzlich aufblitzende Reflexion, einen verirrten Sonnenstrahl. Diesmal aber nutzt Meyer solche Leuchtphänomene auch für erzwungene Aufbrüche aus selbstgewählter Isolation: In einer Geschichte geht ein einsamer Mann - alle Meyer-Protagonisten sind einsam - nach einem Einbruch in seine Wohnung nach draußen. "Er lief durch die Straße, die parallel zu den Gleisanlagen verlief, unterhalb der großen Brücke, an der er vorhin gestanden hatte, und er hatte das Gefühl, aus jedem Imbiss, aus jeder Spielothek, aus jeder Kneipe, aus jedem erleuchteten Schaufenster würde ein Blitzlicht ihn blenden, würde ihn jemand fotografieren." Diese empfundenen Übergriffe treiben ihn einer alten verwirrten Frau in die Arme, die eine Figur aus "Als wir träumten" zitiert, doch diesmal geht es nicht darum, sie auszunehmen, sondern um wechselseitigen Trost. Meyer ist gnädiger geworden. Und noch besser.

Was schon alle seine Bücher ausgezeichnet hat, ist deren Rhythmisierung. In "Stille Trabanten" geht nun jeweils drei längeren Erzählungen eine Miniatur voraus, betitelt mit "Eins", "Zwei" und "Drei". Es sind Impressionen, die wie Ausgangspunkte von Romanen wirken: Ein totes Kind wird im Wald gefunden, ein krebskranker Vater noch einmal durch seine Stadt gefahren, in einem ehemaligen Chemierevier mutieren Menschen zu Wölfen. Das sind übrigens sämtlich Taggeschichten, doch sie lassen das Dunkel, auf das Meyer hinschreibt, schon ahnen. Aber er muss es nicht mehr erzählen, seine Kunst liegt im Andeuten; Weiterdenken zum Nocturne können und sollen wir selbst.

Das verbindet ihn tatsächlich mit der amerikanischen Short-Story-Tradition, aber viel eher mit Poe oder auch T. C. Boyle, um zwei extreme Pole zu nennen. Vom Ersteren hat Meyer das Gespür für Melancholie, vom Letzteren das für subtilen Witz - so etwa, wenn ein junger Mann eine junge Muslima anschwärmt und ihr auf die Frage nach Osten als vorgeschriebene Gebetsrichtung eine Antwort gibt, die sich beim Überdenken als immer weiter vom gewünschten Ziel entfernt erweist: "eigentlich Richtung Norden, mehr so Nordwesten, denn die große Straße, an der mein Imbiss lag, führte Richtung Norden aus der Stadt heraus, und auch der Gang in unserem Hochhaus, in dem wir uns trafen, wies Richtung Nordwesten, mehr noch Westen als die Straße, und hinterm Stadtpark, an dem ich mich orientierte, lagen die Trabanten, erhob sich die Neubausiedlung, die Hochhäuser am Rande der Stadt, hinter denen die Sonne unterging. Abendland." Das ist im pathetischen Ton dieser traurigen Liebesgeschichte ein wunderbar komischer Zug. Und gleichzeitig in einem einzigen Wort Begründung für das Scheitern dieser Faszination.

Ein Mittel beherrscht Meyer wie kein anderer Erzähler: den Zeitbruch innerhalb kleinster Einheiten, bisweilen gar eines Satzes. Das ist nicht neu, im Roman "Im Stein" wurde es schon vorgeführt, doch hier findet auf knappstem Raum ein so virtuoses Spiel mit den Erzählebenen statt, dass höchst genaue Lektüre erforderlich ist, um die Abfolge des Geschehens zu rekonstruieren. Sonst wähnt man geradlinige Handlungen, obwohl es sich tatsächlich um doppelbödige und trügerische Erzählungen handelt, die, wie im Falle von "Glasscherben im Objekt 95" auf nicht einmal dreißig Seiten mehr als zwanzig Jahre überbrücken. In "Späte Ankunft" sind es binnen eines Absatzes nur ein paar Tage, fast unmerkbar, doch dazwischen liegt alles, was Leben ausmacht: der Beginn einer Freundschaft.

ANDREAS PLATTHAUS

Clemens Meyer: "Die stillen Trabanten". Erzählungen.

Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2017. 270 S., geb., 20,- [Euro].

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Wie kein anderer Schriftsteller seiner Generation verwandelte […] Meyer […] die Umbrüche in Ostdeutschland in große Literatur.