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Krieg und Frieden in Kiew: Michail Bulgakows erster, autobiografisch gefärbter Roman.
Dezember 1918: In Russland herrscht Bürgerkrieg. Die Truppen des kaiserlichen Deutschland haben weite Teile der Ukraine besetzt. Kiew wird zum Sammelbecken für die "Weißen": Bankiers, Adlige, Halbweltdamen auf der Flucht vor der "roten Gefahr".…mehr

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Produktbeschreibung
Krieg und Frieden in Kiew: Michail Bulgakows erster, autobiografisch gefärbter Roman.

Dezember 1918: In Russland herrscht Bürgerkrieg. Die Truppen des kaiserlichen Deutschland haben weite Teile der Ukraine besetzt. Kiew wird zum Sammelbecken für die "Weißen": Bankiers, Adlige, Halbweltdamen auf der Flucht vor der "roten Gefahr".


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  • Produktdetails
  • Verlag: Random House ebook
  • Seitenzahl: 432
  • Erscheinungstermin: 31. Oktober 2012
  • Deutsch
  • ISBN-13: 9783641099367
  • Artikelnr.: 37211801
Autorenporträt
Michail Bulgakow wurde am 15. Mai 1891 in Kiew geboren und starb am 10. März 1940 in Moskau. Nach einem Medizinstudium arbeitete er zunächst als Landarzt und zog dann nach Moskau, um sich ganz der Literatur zu widmen. Er gilt als einer der größten russischen Satiriker und hatte zeitlebens unter der stalinistischen Zensur zu leiden. Seine zahlreichen Dramen durften nicht aufgeführt werden, seine bedeutendsten Prosawerke konnten erst nach seinem Tod veröffentlicht werden. Seine Werke liegen im Luchterhand Literaturverlag in der Übersetzung von Thomas und Renate Reschke vor.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 09.06.2020

NEUE TASCHENBÜCHER
Die große Stadt führt ein seltsames, fast
widernatürliches Leben
Der Weltkrieg ist vorbei, schon steht der Bürgerkrieg vor der Tür. Es ist 1918 und in Kiew scheint es, als wolle die Welt nicht zur Ruhe kommen. Im Westen ziehen sich die deutschen Truppen zurück, aus dem Osten branden nach der Oktoberrevolution die Bolschwiken an. Die Geschwister der Familie Turbin, Jelena, Nikolka und der junge Arzt Alexei, finden im gemeinsamen Elternhaus wieder zusammen. In der vertrauten Heimat geraten sie zwischen die Fronten, als die Stadt zum Kampfplatz der Roten Armee und der Anhänger des untergegangenen Zarenreichs, der Weißen Garde wird.
Dieser frühe, teilweise autobiografische Roman Michail Bulgakows wurde zum mehrfachen Problem für den Autor. Im Original erschien er 1924/25 fragmentarisch in der Zeitschrift Russland, die nach nur fünf Ausgaben eingestellt wurde. Eine Bearbeitung für das Theater in Moskau musste umgeschrieben werden, die Weiße Garde kam den Sowjets zu gut weg. Die Unterstellung antibolschewistischer Darstellungen verfolgte den Satiriker Bulgakow sein ganzes Leben und verhinderte die Veröffentlichung vieler anderer seiner Werke.
Bulgakows Texte setzten sich trotz dieser Hindernisse durch. „Die weiße Garde“, in der neuen, sehr kenntnisreichen Übersetzung von Alexander Nitzberg, ist voller Witze, Zitate, Einfälle, Anspielungen und Beobachtungen, aufgereiht wie ein Mosaik oder montiert wie in einem Kunstfilm. Stadt, Artikel, Gedankenstrom und die Kommentare von Passanten verschmelzen zu einem einzigen Text, wenn Alexei im Laufen die Zeitung lesend durch Kiew eilt. Nach einer durchzechten Nacht scheinen auch die folgenden Kapitel wie betrunken die Weltliteratur von Dostojewski bis Cervantes zu zitieren und wild neu zu arrangieren. Dem zu folgen, hilft der ausführliche Kommentar. „Und jetzt, im Winter 1918, führte die Große Stadt ein seltsames, fast schon widernatürliches Leben, welches sich, jedenfalls höchstwahrscheinlich, im zwanzigsten Jahrhundert nicht wiederholen wird.“ Ähnliches möchte man über diesen Roman sagen. NICOLAS FREUND
Michail Bulgakow: Die weiße Garde.
Aus dem Russischen von
Alexander Nitzberg. dtv, München 2020.
544 Seiten, 14, 90 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Nitzberg hat Bulgakows ersten Roman neu übersetzt und ihm seine wilde, raue, bilderreiche, exaltierte Sprache gelassen. Ulrich Rüdenauer Badische Zeitung
Knallendes
Klangerlebnis

Alexander Nitzberg übersetzt
Michail Bulgakows „weiße Garde“

Die Lage der Ukraine, speziell in Kiew, ist im Jahr 1918 unübersichtlich: Bolschewisten auf der einen Seite, Aristokraten und Großgrundbesitzer auf der anderen. Der Schriftsteller Michail Bulgakow beobachtet in kurzer Zeit vierzehn Machtwechsel. Er selbst arbeitet als Lazarettarzt für die Weißgardisten und beginnt Anfang der Zwanzigerjahre, als wolle er das politisch-militärische Chaos auf dem eigenen Schreibtisch nachbilden, zeitgleich an einem Theaterstück und einem Roman zu arbeiten. Beide haben zwar die drei Geschwister Turbin zu Helden, inhaltlich aber weichen sie stark voneinander ab.

Undurchschaubarer noch als die Machtkämpfe in Kiew und die Bezüge zwischen dem Stück „Tage des Turbin“ und dem Roman „Die weiße Garde“ aber ist die Veröffentlichungsgeschichte des Letzteren: Teilweise in einer Zeitschrift erstveröffentlicht, die vor Ende des Abdrucks eingestellt werden musste, erschien „Die weiße Garde“ in Buchform in nicht autorisierten Fassungen in Berlin und Riga. Schließlich war Bulgakow Ende der Zwanziger zu sehr mit anderen Projekten und mit den politischen Anfeindungen der sowjetischen Presse beschäftigt, um sich weiter mit den Rechtefragen herumzuschlagen oder gar so etwas wie eine Fassung letzter Hand herzustellen.

Zudem war der spätere Autor von „Meister und Margarita“ alles andere als ein Perfektionist. Seinen Mentor Jurij Sljosin kritisierte er, wie Alexander Nitzberg im Nachwort zu seiner Neuübersetzung der „Weißen Garde“ schreibt, für dessen zu schöne Sprache. Mit Bezug auf Puschkin sang Bulgakow das Loblied der Fehlerhaftigkeit. Nur was rau war und uneben, erschien dem durch den Krieg und seinen Arztberuf mit der Mangelhaftigkeit des Daseins Vertrauten, wahrhaftig.

Das stellt den Übersetzer vor immense Probleme: Wann ist ein Fehler gewollt, wann ist er dem Umstand geschuldet, dass der Text nur in zweifelhaften Aushaben vorliegt? Dass es keine Reinschrift des Manuskripts gibt? Larrisa Robiné entschied sich in ihrer Erstübersetzung des Romans Anfang der Sechziger dafür, der Lesbarkeit den Vorzug zu geben. Sie passte die Grammatik an, kürzte allzu lange Sätze, milderte die Bildsprache ab. Alexander Nitzberg nun interpretiert die sprachliche Unordnung als Ausdruck des politischen Durcheinanders. Er betrachtet diesen frühen Bulgakow als einen Expressionisten, für den der Krieg eben auch die Ästhetik bestimmt. Ein Beispiel: „Myschlajewski lief bei der unverdienten Kränkung rot an, warf sich in die Brust und verließ sporenklirrend das Wohnzimmer. Im Eßzimmer trat er an die hochmütige, goldblonde Jelena heran.“ So heißt es, leicht nachvollziehbar, bei Robiné. Nitzberg nun interpretiert die Stelle wie folgt: „Myschlajewski wurde braun im Gesicht von der unverdienten Kränkung, blähte die Brust und patschte mit den Sporen aus dem Wohnzimmer heraus. Im Speisezimmer näherte er sich der rötlichen würdevollen Jelena.“

Hier sieht man schon, ohne das russische Original heranziehen zu müssen, dass Nitzberg eine viel eigenwilligere Bildsprache gelten lässt. Schon die Farbgebung ist ganz auf Irritation angelegt: Braunes Gesicht statt rotes Gesicht beim Mann, und statt der erwartbar goldblonden Jelena-Helena, die Robiné zu sehen meint, ist die Schwester der Brüder Turbin in der jüngeren Version eher rötlich – ob an Haaren, Antlitz oder gar durch ihre Kleidung, wer weiß.

Häufig aber ist Nitzberg auch knapper und präziser. So ist bei Robiné wenig später von „Kärtchen“ die Rede, auf denen „Madame Anjou, Damenhüte“ steht. Das sind natürlich, wie Nitzberg weiß, keine Kärtchen, sondern Schachteln, Hutschachteln eben. Sie liegen im Zimmer eines Obersts herum, in dem, laut Robiné, ein Chaos herrscht, „wie bei der Erschaffung der Welt“. Für Nitzberg ist es knackig „das Ur-Chaos“.

Gewiss hat die Übersetzung von Larissa Robiné ihre Verdienste, und sie ist in der Tat das, was man „gut lesbar“ nennt. Aber Alexander Nitzbergs Version dürfte nicht nur näher am Original liegen, sie entfaltet einen eigenwilligeren Reiz. Zudem hat Nitzberg den Vorteil, sich auf über fünfzig Jahre Forschung und die eigene Erfahrung als Übersetzer von „Meister und Margarita“, „Das hündische Herz“ und „Die verfluchten Eier“ stützen zu können. Sein Nachwort ist deshalb nicht nur sehr informativ, auch der Anmerkungsapparat liest sich zuweilen wie ein eigener kleiner Roman.

Man muss das Ungeschlachte dieses Romans freilich auch auf der erzählerischen Ebene zu schätzen wissen. Es gibt keine klare Handlung. Wie Blöcke reihen sich die Szenen aneinander. Wild flattern die Dialoge hin und her, zuweilen äußerst lautmalerisch. Wie der Krieg ist auch Bulgakows Prosa ein Klangerlebnis. Donnernd, surrend, knallend, piepend. Und so wirkt „Die weiße Garde“ nach fast hundert Jahren noch sehr frisch, so frisch wie lange nicht.

TOBIAS LEHMKUHL

Michail Bulgakow: Die weiße Garde. Übersetzt von Alexander Nitzberg. Galiani Verlag, Berlin 2018. 544 Seiten, 30 Euro.

Statt Lesbarkeit: Der
eigenwillige Reiz eines großen
Durcheinanders

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