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Die Jahre 1987 bis 1989. Maarten Koning ist in Frührente und versucht, seine Tage mit kleinen Arbeiten im Haus, ausgedehnten Spaziergängen mit seiner Frau Nicolien und Fahrradtouren durch die Weiten der niederländischen Landschaft zu füllen. Das Büro lässt ihn trotzdem nicht los: Vor seiner Pensionierung hatte er darum gebeten, noch eine Weile den Schreibtisch im Dachkämmerchen benutzen zu dürfen - um Projekte abzuschließen, wie er den Kollegen erzählt, in Wahrheit jedoch eher, um den Entzug von Wichtelmännchen und Mittwinterhörnern etwas weniger kalt zu halten. Doch die Atmosphäre im Büro hat…mehr

Produktbeschreibung
Die Jahre 1987 bis 1989. Maarten Koning ist in Frührente und versucht, seine Tage mit kleinen Arbeiten im Haus, ausgedehnten Spaziergängen mit seiner Frau Nicolien und Fahrradtouren durch die Weiten der niederländischen Landschaft zu füllen. Das Büro lässt ihn trotzdem nicht los: Vor seiner Pensionierung hatte er darum gebeten, noch eine Weile den Schreibtisch im Dachkämmerchen benutzen zu dürfen - um Projekte abzuschließen, wie er den Kollegen erzählt, in Wahrheit jedoch eher, um den Entzug von Wichtelmännchen und Mittwinterhörnern etwas weniger kalt zu halten. Doch die Atmosphäre im Büro hat sich nach dem Weggang Maartens geändert. Unbehagen beschleicht ihn, als er mit ansehen muss, wie ein neuer Abteilungsleiter das zerstört, was er aufgebaut hat. Die meisten seiner ehemaligen Mitarbeiter folgen klaglos, wenn nicht gar begeistert, dem neuen Kurs. Maarten spürt eine zunehmende Feindseligkeit seiner ehemaligen Abteilung ihm gegenüber. Als er eines Morgens erscheint, um sich an seinen Schreibtisch zu setzen, muss er eine erschütternde Entdeckung machen.
  • Produktdetails
  • Das Büro 7
  • Verlag: Verbrecher Verlag
  • Originaltitel: Het Bureau 7
  • Seitenzahl: 252
  • Erscheinungstermin: 16. Oktober 2017
  • Deutsch
  • Abmessung: 203mm x 141mm x 24mm
  • Gewicht: 370g
  • ISBN-13: 9783957320124
  • ISBN-10: 3957320127
  • Artikelnr.: 40889589
Autorenporträt
Gerd Busse, geb. 1959, ist Erziehungswissenschaftler, Politologe und Niederlandist. Heute arbeitet Busse als Projektentwickler und -berater in deutsch-niederländischen Bildungsprojekten und ist seit vielen Jahren als Publizist und Übersetzer tätig. Er lebt in Dortmund.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 26.10.2017

Arbeitswelt vor den Zeiten der Effizienz

Und Prosa nach dem Bildersturm: Zum Abschluss der deutschen Übersetzung des ebenso gewaltigen wie gelungenen Romanzyklus "Das Büro" des niederländischen Schriftstellers J. J. Voskuil.

Nach sieben Bänden und rund 5200 Romanseiten hält der Leser den Schlüssel in Händen, dessen es bedarf, um "Das Büro", den niederländischen Kultroman über Maarten Koning, den wissenschaftlichen Beamten am Amsterdamer "Institut zur Erforschung niederländischer Volkskultur", in Gänze zu begreifen. So hat es der Autor, der 2008 verstorbene J. J. Voskuil, der zwischen 1957 und 1987 selbst Mitarbeiter des besagten real existierenden Instituts war, in einem seiner seltenen auf Deutsch vorliegenden Interviews formuliert. Denn ganz am Ende des letzten Bandes hat der mittlerweile seit zwei Jahren pensionierte Maarten einen Traum. Er träumt, dass er aus seinem eigenen Grab noch einmal nach oben sieht - und die Menschen nicht mehr erkennt, die sich dort gerade entfernen. Dieser Traum, so Voskuil, der offen einräumte, dass sämtliche Begebenheiten des "Büros" auf eigenen Erfahrungen beruhen und er Autoren, die Dinge erfinden, nicht ausstehen konnte, habe ihn dazu veranlasst, mit dem Schreiben des Romans zu beginnen. Um zu verstehen, wie es im Leben dazu kommen kann, dass dreißig Jahre alles verhältnismäßig gut funktioniert und sich dann innerhalb kürzester Zeit in Nichts auflöst.

Dieses Nichts ist es, was Maarten im finalen Band von "Das Büro" schmerzlich erfährt. Als binnen weniger Monate die vermeintlichen Früchte seiner jahrzehntelangen Arbeit als Abteilungsleiter "Volkskultur" von seinem Nachfolger zunichtegemacht werden, seine einstigen Mitarbeiter sich von ihm abwenden und er den kleinen Schreibtisch im Institut, der ihm bei seiner Verabschiedung noch großzügig zuerkannt worden war, wieder räumen muss.

Aus dieser existentiellen Erfahrung, die unzähligen Werktätigen auf der ganzen Welt bestens vertraut sein dürfte, hat Voskuil ein grandioses literarisches Großprojekt entwickelt, das sich in den Niederlanden mit ihren siebzehn Millionen Einwohnern seit seinem Erscheinen 1996 mehr als 500 000 Mal verkauft hat. Fanclubs wurden gegründet - nicht selten Bürogemeinschaften -, Theaterstücke entstanden, und wie bei "Harry Potter" versammelten sich Menschentrauben morgens vor den Buchhandlungen, wenn die Veröffentlichung eines weiteren Bandes anstand. Die vormaligen Kollegen im echten Büro am Amsterdamer Stadtrand scheinen sich nach anfänglicher Verärgerung auch wieder beruhigt zu haben; mittlerweile werden dort Führungen angeboten, bei denen die Mitarbeiter Namensschilder ihrer Roman-Alter-Egos am Revers tragen.

Ganz so ausufernd ist der Hype hierzulande zwar nicht. Doch war das Interesse an dem Buch von Anfang an erfreulich groß, wie Jörg Sundermeier, Leiter des Berliner Verbrecher Verlags, in dem die deutsche Ausgabe seit 2014 erscheint, zu berichten weiß. Das ist nicht zuletzt der grandiosen Übersetzung von Gerd Busse zu verdanken. Ihm ist es gelungen, sowohl die außerordentliche Schlichtheit des Voskuilschen Stils - der einmal mit der schönen Wendung "Prosa nach dem Bildersturm" umschrieben wurde - ins Deutsche zu transportieren als auch das Gespür des Autors für die zeitliche Gebundenheit der Sprache zu vermitteln. Seit dem Jahr 2000, also lange bevor ein deutscher Verleger überhaupt in Sicht war, hat sich Busse mit der Übersetzung des Buchs beschäftigt, teils noch im Austausch mit Voskuil selbst, der ihm die oftmals sehr speziellen Eigenarten und Sprachbesonderheiten der handelnden Personen nahebrachte.

Voskuils Werk ist aber sehr viel mehr als "nur" ein Büroroman oder ein Buch über das Leben eines einzelnen Mannes, der sich mit den zahllosen kleinen und großen Ärgernissen und Sonderbarkeiten des Berufsalltags herumschlagen muss und dabei peu à peu seine einstigen Ideale aus den Augen verliert (für einen nachhaltigen Schock bei Maarten sorgt, als ihm ein Mitarbeiter vorwirft, einen Führungsstil wie Nixon zu pflegen). Es ist auch eine wunderbare Persiflage auf den geisteswissenschaftlichen Betrieb sowie allem voran eine feinsinnige literarische Chronik des kulturellen und gesellschaftlichen Wandels in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, vordergründig in den Niederlanden, tatsächlich aber auch darüber hinaus, weswegen das Buch auch bei einer deutschen Leserschaft verfängt.

In ihrem Alltag haben es sich Maarten und sein Team aus ebenso phlegmatischen wie hypochondrischen Kulturforschern recht bequem eingerichtet, sieht man einmal von den unter Kollegen üblichen kleineren Intrigen und Eifersüchteleien ab. Man verfolgt langfristig angelegte Forschungsprojekte wie die Erstellung eines sagenumwobenen "europäischen Atlas der Volkskulturen" und spürt vermeintlichen Kulturgrenzen nach, die letztlich aber so gut wie nie gefunden werden. Über die Ergebnisse dieser Untersuchungen wird einmal jährlich im Kreise der europäischen Kollegen berichtet, in Stockholm, Oslo oder Bonn. Läuft eine Finanzierung aus, wird kurzerhand ein neues Forschungsvorhaben ersonnen. Vom Umgang mit der Nachgeburt des Pferdes über den Glauben an das Wichtelmännchen bis hin zur Verbreitung des Weihnachtsbaums - kein Thema scheint zu abwegig, als dass es nicht von den Amsterdamer Ethnologen auf Kosten der Steuerzahler ergründet werden müsste.

Das freilich ändert sich. Spätestens von den siebziger Jahren an wird der Wind rauher. Ölkrise und Rezession erfassen das Land, und die Politik sucht nach Wegen, die klammen öffentlichen Kassen zu entlasten. Parallel sorgen neue Methoden des Projektmanagements, der Selbstevaluation und der Output-Messung für nachhaltige Irritation. Das Büro soll auf Effizienz getrimmt werden, ein Trend, dem sich Maarten und sein Team zwar mit Kräften (und einigem Geschick) widersetzen, aber nicht gänzlich entziehen können. Das Herausarbeiten des sukzessiven Wandels über die Jahre und Jahrzehnte, mit Blick auf die einzelnen Personen und Institutionen, aber auch auf die Sprache und Umgangsformen der Protagonisten, ist charakteristisch für den Roman.

Das unterscheidet Voskuil von anderen manischen Ego-Romanciers unserer Zeit wie dem Norweger Karl Ove Knausgård, dessen "Min Kamp"-Projekt weltweit für Aufsehen gesorgt hat und bisweilen - zu Unrecht - mit dem Voskuilschen "Büro" verglichen wurde. Denn wo Knausgård auf radikale Subjektivität und scheinbar grenzenlose Selbstentblößung setzt, tritt Voskuil diskret hinter seine Figuren zurück und bettet sie ein in den Kontext ihrer Zeit. Das Resultat ist nicht wie bei Knausgård Selbstbespiegelung, sondern ein oftmals liebevolles, bisweilen aber auch bitterböses literarisches Genrebild, das den Vergleich mit den großen Gesellschaftsromanen des neunzehnten Jahrhunderts nicht zu scheuen braucht.

Mit dem nun erschienenen siebten Band ist die deutsche Übersetzung der "Büro"-Serie komplett. Was eine auch hierzulande größer werdende Leserschaft vor die bange Frage stellt, was um alles in der Welt man nun, da der Roman beendet ist, als Nächstes lesen soll. Voskuil selbst wusste darauf eine probate Antwort. Sein Rat lautete, den Roman mit dem Wissen des letzten Bandes einfach noch einmal von vorne zu beginnen. Wer das auf Anhieb nicht möchte, dem sei die Martin-Schlosser-Reihe von Gerhard Henschel ans Herz gelegt, aus der kürzlich ebenfalls der siebte Band erschienen ist (F.A.Z. vom 29. April). Sie kommt dem Voskuilschen Epos am nächsten.

FLORIAN KEISINGER

J. J. Voskuil: "Das Büro". Band 7: Der Tod des Maarten Koning.

Aus dem Niederländischen von Gerd Busse. Verbrecher Verlag, Berlin 2017. 252 S., geb., 24,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 05.01.2018

Sensationell
ereignislos
Endlich vollständig: Der Romanzyklus „Das Büro“
des niederländischen Schriftstellers J. J. Voskuil
VON MATTHIAS KNIEP
Der niederländische Autor J. J. Voskuil ist ein Erzähler ohne Fantasie. Drachen über Westeros aufsteigen zu lassen oder eine scheibenförmige Welt zu erfinden, die auf vier Elefantenrücken balanciert, wäre ihm abwegig erschienen. Voskuil konnte und wollte sich nichts ausdenken. Zugleich wusste er, dass der reine Stoff der Wirklichkeit allenfalls dann zu haben ist, wenn er mit den Mitteln der Fiktion gestreckt wird. Es ist ein eigentümliches Mischungsverhältnis, ein Diffundieren des einen in das andere. Man schlüpfe in ein erfundenes Gewand und komme bei wirklichen Ärmeln heraus, so beschrieb einmal Heimito von Doderer dieses Verfahren; noch so einer, der sich nichts ausdenken mochte.
Voskuils Romanzyklus „Das Büro“, der nun in sieben Bänden mit insgesamt mehr als fünftausend Seiten vollständig im Verbrecher Verlag vorliegt, erzählt vom Berufsalltag in einer Amsterdamer Forschungseinrichtung für Volkskunde: dem A. P. Beerta-Institut. Das reale Vorbild für dieses „Büro“ ist das renommierte Meertens Instituut, an dem Voskuil selbst beschäftigt war. Voskuils Alter Ego, Maarten Koning, arbeitet in der Abteilung für Volkskultur. Später wird er dieser Abteilung vorstehen und sie, wie eine Mitarbeiterin das bei seiner Verabschiedung in die Frührente ausdrückt, nach dem Muster eines Haydn-Trios aufbauen.
Dreißig Jahre, die Zeit zwischen 1957 und 1987, verbringt er dort. Tag für Tag begleiten wir ihn ins Büro, schieben das Namensschild ein- und später wieder aus, folgen ihm durch die verwinkelten Gänge des Gebäudes, durch das Musikarchiv und den Karteisystemraum, werden Zeugen von institutsinternen Rangeleien um Mittelzuweisungen und spähen durch den Lichtschacht in eines der gegenüberliegenden Nachbarbüros. Man beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Brotkonsum und Gruppenbewusstsein, mit Jahresfeiern und Brummtöpfen oder dem Unterschied zwischen bemalten und angestrichenen Möbeln. Wann immer die Frage nach dem Sinn des Ganzen gestellt wird, schaut man auf Maarten Koning.
Er, der sonst der Erste ist, wenn es darum geht, seinen Forschungsauftrag für überflüssig zu erklären („wenn mein Institut aufgelöst wird, würde kein Schwein es merken“), ist gleichzeitig derjenige unter den Mitarbeitern, der im Bedarfsfall die griffigste Definition bei der Hand hat. Es gehe in seinem Fach, erklärt er allen, die es hören wollen, um den Kulturwandel in der Zeit und die Kulturausbreitung im Raum. Dieser Maarten Kooning bereichert die moderne Literatur, die Hilfsbuchhalter, Zollaufseher, Textilreisende und sogar Spekulanten an der Kaffeebörse kennt, um den Phänotyp eines wissenschaftlichen Beamten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Martin Walser beschreibt in seinem Aufsatz „Warum brauchen Romanhelden Berufe?“ die Arbeit als den „fundamentalen Ausdruck dessen, was den Roman veranlasst hat, worauf der Roman reagiert“. Er dürfte seine Freude haben an diesem emsigen Volkskundler. Mehr Beruf war nie im Roman. Unter den Werktätigen der Weltliteratur ist Koning König.
Wir sind es gewohnt, das Ereignis in einer Erzählung, dasjenige, was Handlung überhaupt erst in Gang setzt, vom Ausnahmefall her zu denken, als etwas Singuläres, als Moment der Überschreitung. Voskuil macht es umgekehrt: Seine minutiöse Beschreibung des Alltags geht vom Regelfall aus, von der Wiederholung des Immergleichen. Darin besteht die Radikalität seines Romans und die Zumutung für den Leser. Das Nicht-Ereignis muss Ereignis werden. Aber kann das tatsächlich gut gehen, Tausende Seiten angefüllt mit nichts als dem Grau-in-Grau einer monotonen Büroexistenz? Literatur als Inventarisierung einer in sich geschlossenen Welt, die zum Quellort einer tristen Fachsprache wird mit ihren Hängeregistraturen, Schriftgutbehältern und magnetischen Büroklammerspendern?
Es kann, denn Voskuils Stil, der nicht viel Aufhebens von sich macht, der schmucklos und effizient zugleich ist, der keine Metaphern, keine Similes kennt, hat in den Alltagsbeschreibungen mehr Grauschattierungen zu bieten als der Farbfächer von Farrow & Ball. Manchmal ist die Abwesenheit eines erkennbaren Stils eben doch der ganz große Stil. Nun hätte das Institut für Volkskunde natürlich genauso gut ein Finanzamt sein können oder ein Jobcenter. Da Voskuil aber nun einmal nach dem Leben malt, durfte es nichts anderes sein. Das Büro ist bei ihm ohnehin nur eine Kulisse, wenn auch eine gut ausgeleuchtete.
In erster Linie ist der Roman die groß angelegte Versuchsanordnung zu einer Selbsterkundung. Voskuil lässt Maarten Kooning, diesen Aufstiegsverweigerer und halbherzigen Saboteur des eigenen Fachs, zurückschauen und fragen: Wie ist es gewesen, und wie ist es so gekommen? Da „Das Büro“ aber das Gegenteil eines Bildungsromans ist, wird sein Held auch nicht zielgerichtet durch die Etappen seines Schicksals bewegt. Niemals erreicht er ein Plateau, von dem aus sich die Lage sicher einschätzen ließe.
Im Mittelpunkt der Büroszenen, die Koning meist ratlos und unglücklich zurücklassen, steht der erzwungene Kontakt zu den Kollegen und die Peinlichkeit, die der Umgang mit Menschen, die man sich im eigentlichen Sinne nicht aussuchen konnte, mit sich bringt. Das Personal von „Das Büro“ umfasst weit mehr als hundert Figuren. In einer diskreten Choreografie werden diese durch die Räume des Instituts geschleust, wobei sich Voskuil als glänzender Porträtist zeigt, der eine größere Verwandtschaft mit dem Menschensammler John Aubrey aufweist als mit dem Chronisten Marcel Proust. Voskuil versteht es, in wenigen Sätzen eine Figur durch das Herausgreifen nur einer Eigenart, die sie von da an leitmotivisch begleitet, als tatsächliches Gegenüber zu etablieren. Da ist die drollige Gutgelauntheit der Dokumentarin Joop Schenk oder die rotierende Pupille von Mark Grosz, einem Mitarbeiter des Allgemeinen Dienstes. Da ist die stets raue Stimme von Rie Veld, einer Beamtin aus dem Volksmusikarchiv, oder das explosive Lachen von Gert Wiggelaar, einem Kollegen aus der Abteilung für Volkskultur. Ein weiteres Mittel der Charakterisierung besteht in der Art und Weise, wie die Rede der Figuren gestaltet wird.
„Das Büro" ist zum überwiegenden Teil ein Dialogroman, und Voskuil, der ein absolutes Gehör besitzt für die Sprachmanierismen seines Personals, steht nicht zurück hinter den zwei Meistern dieses Genres: Ivy Compton-Burnett und William Gaddis. Die manchmal absurde Komik der Flurfunk-Dialoge quer durch die Abteilungen veranlasste die deutsche Kritik anfangs dazu, Voskuil in die Nähe von Loriot zu rücken. Man wollte in ihm partout einen Humoristen sehen und verkannte, dass ein Autor, der Humor hat, nicht dasselbe ist. Ein zweiter wichtiger Schauplatz des Romans ist das Zuhause von Maarten Koning. Hier begegnen wir dessen Frau Nicolien, hier wird der Büroroman zum Eheroman. Voskuil ist nicht Edward Albee, und niemand in Amsterdam hat Angst vor Virginia Woolf, trotzdem verläuft die Ehe der Konings nicht gerade harmonisch. Nicolien hadert mit dem protestantischen Arbeitsethos ihres Mannes und erinnert ihn unablässig an das, was man einander einstmals versprach, bevor das Büro die Zweisamkeit störte. Für sie ist seine berufliche Karriere der Verrat an einem gemeinsamen linken Ideal. In Nicoliens Strenge liegt aber auch eine große Reinheit, und die wenigen epiphanischen Momente des Glücks und der Rührung – ja, denn auch die gibt es – erlebt Maarten mit ihr.
Während Maarten sein eigenes Ich erkundet, wird das Ich seiner Schwiegermutter von einer Demenz zersetzt. Die degenerative Auflösung einer Persönlichkeit und die Auswirkungen auf die Familie sind kaum jemals besser beschrieben worden. Der sechste Band „Abgang“ ist dann auch das schwärzeste Buch innerhalb des Zyklus’. Alles ist auf Abschied gestimmt. Die Schwiegermutter stirbt, und im Körper von Frans Veen, einem ehemaligen Kollegen, streut der Krebs. Die schmerzhaft genaue Beschreibung seines Sterbens ist der dunkle Höhepunkt des Romans.
Auch Anton P. Beerta, Maartens Mentor, der ihn in den Fünfzigerjahren für das Büro angeworben hatte, stirbt in diesem sechsten Band, an den langwierigen Folgen eines Schlaganfalls. Mit Beerta, einer Figur, die eine ironische Großzügigkeit anderen Menschen und sich selbst gegenüber besitzt, vollbringt Voskuil das, was in der Literatur meistens misslingt: das Porträt eines Exzentrikers. Da Voskuil alle Übertreibungen meidet, kann aus Beerta eine liebenswerte Figur werden, die nichts gemein hat mit jenen eigenbrötlerischen Privatgelehrten, die uns etwa in den Romanen eines Wilhelm Raabe begegnen.
Der kurze, abschließende Band „Der Tod des Maarten Koning“ bildet die Coda des Zyklus. Der Tod im Titel, so viel sei verraten, ist ein Tod im Traum. Maarten geht in den Vorruhestand. Seine größte berufliche Leistung ist die Reformierung eines Faches, an dessen Seriosität er immer ein wenig zweifelte. Der Volkskunde hat er den Glauben an die Kontinuität eines „Volkscharakters“ endgültig ausgetrieben. Bei seiner Verabschiedung prophezeit ihm ein Kollege, dass er ein Buch schreiben wird, das den Titel „Das Büro“ trägt.
Zuletzt die Frage: Gibt es eine Ersatzdroge für alle Voskuil-Leser? Die gibt es allerdings. Sie heißt Voskuil. Der Autor, der 2008 starb, ist nicht der Mann des einen Buches. Er hinterließ ein umfangreiches Werk mit Romanen, deren Held immer ein gewisser Maarten Koning ist. Es bleibt zu hoffen, dass sein großartiger Übersetzer Gerd Busse bereits am Schreibtisch sitzt.
J.J. Voskuil: Das Büro 7: Der Tod des Maarten Koning. Aus dem Niederländischen von Gerd Busse. Verbrecher Verlag, Berlin 2017. 256 S., 24 Euro.
Eine Welt aus Hängeregistern,
Schriftgutbehältern
und Büroklammerspendern
Dieses Buch kennt mehr
Schattierungen von Grau als
der feinste Farbfächer
Die minutiöse Beschreibung des Alltags geht vom Regelfall aus, von der
Wiederholung des Immergleichen. Darin besteht die Radikalität der Romane von
J.J. Voskuil: Das Meertens-Institut in Amsterdam.
Foto: Meertens-Institut
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