Mein Leben in Deutschland vor und nach 1933 / Der Anti-Nazi: Handbuch im Kampf gegen die NSDAP - Gyßling, Walter

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Besprechung von 07.11.2002
Gyßlings Fundgrube
Das Buch "Der Anti-Nazi" brachte es auf 180000 Exemplare

Walter Gyßling: Mein Leben in Deutschland vor und nach 1933 und Der Anti-Nazi: Handbuch im Kampf gegen die NSDAP. Herausgegeben und eingeleitet von Leonidas E. Hill. Donat Verlag, Bremen 2002. 504 Seiten, 25,40 [Euro].

Weit verbreitet ist die Auffassung, daß der Machtwille der Nationalsozialisten bis 1933 von den meisten Juden unterschätzt worden sei. Gebannt durch Traditionen und verharrend in der Illusion einer deutsch-jüdischen Symbiose, hätten viele die drohenden Gefahren einer nationalsozialistischen Herrschaft überdies verkannt, weil sie deren Lebensdauer als gering einschätzten. Die These vom weitgehend passiven deutschen Judentum wird widerlegt durch die Erinnerungen von Walter Gyßling und dessen "Handbuch im Kampf gegen die NSDAP". Leonidas E. Hill hat sie herausgegeben und mit einer gut lesbaren Einleitung versehen.

Wer war Walter Gyßling? Obschon die Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin unter den Verfolgten des "Dritten Reiches" auch Gyßling aufführt, ist sein publizistischer Abwehrkampf gegen den Nationalsozialismus außerhalb der Forschung nur wenig bekannt. 1903 als einziger Sohn einer großbürgerlichen Unternehmer- und Offiziersfamilie in München geboren, trat er 1917 in das bayerische Kadettenkorps ein. Die Bekanntschaft mit dem Soziologen Müller-Lyer und dessen pazifistisch-freigeistigem Kreis, zu dem auch der Historiker Ludwig Quidde gehörte, entfremdete ihn jedoch schon bald dem nationalliberalen Milieu seiner Familie. Begeistert begrüßte er das Ende des Weltkriegs und die Revolution in München. Mit seinem Jugendfreund George Hallgarten, dem späteren Historiker, organisierte er die Ortsgruppen des "Kartells Republikanischer Studenten", um den völkisch-nationalistischen Tendenzen an den Universitäten entgegenzutreten. Dabei lernte er einen "unangenehm aggressiven Kommilitonen" kennen, "der für seine nationalsozialistische Alltagspolitik mit Gewalt nach einer pseudowissenschaftlichen Unterlage suchte": Rudolf Heß, Hitlers Adjutanten und späteren "Stellvertreter".

Das Studium der Rechtswissenschaften und Nationalökonomie mußte Gyßling 1923 aufgeben, da die Inflation das Vermögen seiner Eltern zunichte gemacht hatte. Er wurde Mitarbeiter der Münchener "Allgemeinen Zeitung", in der er einen "leidenschaftlichen Kampf gegen die politischen Schiebungen im Hitlerprozeß" führte, und verfaßte "Studien über die Psychologie der nationalsozialistischen Bewegung", die ihn mit dem "Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" in Verbindung brachten.

Im Auftrag des C.V. fuhr Gyßling in die regionalen Hochburgen der Nationalsozialisten, um deren soziale und ökonomische Basis zu analysieren und die Ursachen für die zunehmenden Wahlerfolge der NSDAP zu ermitteln. Er beobachtete die Redner und Propagandafeldzüge der NSDAP, wertete die auf seinen Erkundungsreisen gesammelten Materialien aus, erstellte Wähleranalysen und machte Vorschläge zur Bekämpfung der Nationalsozialisten. Gyßlings Erinnerungen legen Zeugnis ab vom Attentismus und der mangelnden Bereitschaft des Polizei- und Justizapparats, gegen nationalsozialistische Gewaltverbrechen vorzugehen. In vielen Kleinstädten konnten die Nationalsozialisten schon vor 1933 ihre Terrorherrschaft errichten, jüdische Geschäfte boykottieren, politische Gegner mißhandeln und ungestraft gegen behördliche Anordnungen verstoßen. So kam es zum Beispiel bereits 1930 in Mecklenburg zu schweren antisemitischen Ausschreitungen, die die dort lebenden Juden zwangen, ihre Heimat zu verlassen.

Die Erfahrungsberichte und Materialsammlungen flossen in ein Archiv, das Gyßling im Auftrag des "Centralvereins" unter dem Tarnnamen "Büro Wilhelmstraße" errichtete und sukzessive ausbaute mit dem Ziel, die Sozialstruktur, Ideologie und Agitationsformen der NS-Bewegung zu erforschen. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse dienten zugleich als Grundlage für die Entwicklung einer antinationalsozialistischen Propaganda und zur Erprobung neuer Kampfmethoden gegenüber den Nationalsozialisten. Neben den großen Tageszeitungen wurden die periodischen Publikationen der NSDAP ebenso ausgewertet wie Literatur nationalsozialistischer Provenienz. Weitere Informationen gingen dem Archiv aus den regionalen Organisationen des "Centralvereins" und seinen Agenten zu, die Kundgebungen der NSDAP observierten und die dort gehaltenen Reden stenographisch protokollierten.

Anfang 1933 umfaßte das Archiv mehr als 800 Dossiers mit über 500 000 Stichworten. Auf dieser Materialbasis brachte Gyßling den "Anti-Nazi" heraus, der bis 1933 eine Gesamtauflage von 180 000 Exemplaren erzielte. Im Februar 1933, unmittelbar nach Hitlers Machtübernahme, wurde das "Büro Wilhelmstraße" vom "Centralverein" geschlossen und das Archiv nach Bayern verlagert, wo es in einer Papierfabrik der Vernichtung anheimfiel. Um der drohenden Verfolgung zu entgehen, floh Gyßling in die Schweiz, von wo er sich als Journalist für die "Basler Nachrichten" und die "National-Zeitung" weiterhin kritisch mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzte. Gyßling blieb Republikaner und Pazifist. 1974 war er Initiator des "Humanistischen Manifests", das die wichtigsten Positionen der Freidenker-Vereinigung vertrat.

Im Oktober 1980 ist Walter Gyßling in Zürich verstorben - weitgehend unbemerkt von der deutschen Öffentlichkeit. Seine Erinnerungen und der "Anti-Nazi" sind eine wahre Fundgrube nicht nur für Historiker und Journalisten, sondern auch für alle zeitgeschichtlich interessierten Leser, die wesentliche Gründe für den Aufstieg der NSDAP und den Untergang der Weimarer Republik erfahren wollen.

HANS-JÜRGEN DÖSCHER

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Besprechung von 21.08.2003
Hitler aus der Nähe
Walter Gyßlings „Anti-Nazi” in einer Neuauflage
Wussten die Deutschen, was sie taten, als sie die Nationalsozialisten zu ihrer Regierung machten? Sie hätten es zumindest wissen können. 1932 erschien – in vierter Auflage seit 1930 – „Der Anti-Nazi”, der jedem, der lesen konnte, die Politik der Nazis erklärte. Das Büchlein war als praktischer Ratgeber „im Kampf gegen die NSDAP” gedacht, als Vademecum jedes Demokraten, auf der Straße, am Stammtisch und in der Saalschlacht zu gebrauchen. Es sollte den Verteidigern der Republik argumentatives Rüstzeug geben, damit sie die Nazis als Scharlatane entlarven konnten.
Um zu zeigen, wie planlos und opportunistisch das Programm der NSDAP zusammengeschustert war, genügte es bereits, die Absichtserklärungen der Nazi-Führer zu einzelnen Politikfeldern im O-Ton gegeneinander zu halten. Ein Beispiel: Südtirol, wo einige hunderttausend Volksdeutsche fern des Reiches unter italienischem Joch darbten. Das Programm der NSDAP: „Wir verzichten auf keinen Deutschen in Sudetendeutschland, in Südtirol, in Polen, in der Völkerbundskolonie Österreich.” Am 30. März 1927 erklärte Hitler, der den Duce bewunderte: „Was hat man gegen Italien? Südtirol! Damit beginnen sofort alle Spießer lebendig zu werden. Wer hat die Stirne, für 170 000 Deutsche in Südtirol vielleicht 300 000 Deutsche auf dem Schlachtfeld zu opfern.”
Der Widerspruch zwischen Wort und Tat ist bei Politikern nichts Neues. Bei der NSDAP hatte er System. Eins der Hauptziele, das sich die Nazis aufs Panier geschrieben hatten, war die Bekämpfung der „Futterkrippenwirtschaft”, soll heißen der Vergabe von Stellen nach Parteibuch. Für den „Anti-Nazi” war es indes ein Leichtes, zahllose Fälle zusammenzutragen, wo die NSDAP, sobald sie irgendwo im Stadtrat saß, genau das tat. So werden die wahren Ziele der Nazis aufgedeckt. Der „Anti-Nazi” tut das bissig, ironisch und zuweilen mit Ausflügen ins Groteske, etwa wenn der „Münchner Rassehygieniker Geheimrat Prof. Dr. von Gruber, Präsident der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, der selbst Mitglied des Alldeutschen Verbandes und somit gewiss ein unverdächtiger Zeuge ist”, zitiert wird: „Zum ersten Male sah ich Hitler in der Nähe. Gesicht und Kopf schlechte Rasse, Mischling.”
Hinter dem „Anti-Nazi” stand der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, der in Berlin eine versteckte Propagandastelle, das „Büro Wilhelmstraße”, unterhielt. Dort wirkte der nichtjüdische Pazifist, Sozialdemokrat und Freidenker Walter Gyßling. Die Neuausgabe, die auch eine autobiographische Schrift Gyßlings enthält, gehört nicht nur in jede Antifa-Bibliothek.
cjos
WALTER GYSSLING: „Mein Leben in Deutschland vor und nach 1933” und „Der Anti-Nazi. Ein Handbuch im Kampf gegen die NSDAP”. Hrsg. von Leonidas E. Hill. Donat Verlag, Bremen 2003. 504 Seiten, 25,40 Euro.
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Als "einfühlsames Porträt" Walter Gysslings (1903-1980), eines heute fast vergessenen Pioniers im Kampf gegen den aufkommenden Nationalsozialismus, würdigt der A.C. zeichnende Rezensent dieses Buch. Wie der Rezensent ausführt, warnte Gyssling, ein engagierter Humanist und streitbarer Geist, schon 1930 mit seinem "Handbuch im Kampf gegen die NSDAP" vor den Nazis. Dem Herausgeber Leonidas E. Hill ist es nach Ansicht des Rezensenten gelungen, "das Bild Gysslings treffend einzufangen". "Verdienstvoll" findet er insbesondere die erneute Publikation von Gysslings Schriften aus der Weimarer Zeit. "Heute wenden sich diese Frühschriften vor allem an eine jüngere Generation", erklärt der Rezensent abschließend, "die gegenüber den Versuchen neuer Totalitarismen hellhörig gemacht und davor gewarnt werden soll."

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