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Norbert Gstrein auf der Höhe seiner Kunst Auf dem Bahnhof in einer Provinzstadt wird eine Bombe gefunden. Ein Lehrer glaubt auf einem Fahndungsfoto seinen Lieblingsschüler Daniel zu erkennen, der sich nach einer Israel-Reise in religiöse und politische Phantastereien verrennt. Ist Daniel dem amerikanischen Endzeitprediger verfallen, der eines Tages in ihrem Ort aufgetaucht war und dann nach Jerusalem ging? Oder hat ein gemeinsamer Sommer den Jungen auf Abwege geführt, als der Lehrer und Daniel ganze Tage außerhalb der Zeit verbrachten?…mehr

Produktbeschreibung
Norbert Gstrein auf der Höhe seiner Kunst Auf dem Bahnhof in einer Provinzstadt wird eine Bombe gefunden. Ein Lehrer glaubt auf einem Fahndungsfoto seinen Lieblingsschüler Daniel zu erkennen, der sich nach einer Israel-Reise in religiöse und politische Phantastereien verrennt. Ist Daniel dem amerikanischen Endzeitprediger verfallen, der eines Tages in ihrem Ort aufgetaucht war und dann nach Jerusalem ging? Oder hat ein gemeinsamer Sommer den Jungen auf Abwege geführt, als der Lehrer und Daniel ganze Tage außerhalb der Zeit verbrachten?
  • Produktdetails
  • dtv Taschenbücher
  • Verlag: DTV
  • Seitenzahl: 350
  • Erscheinungstermin: 1. Mai 2015
  • Deutsch
  • Abmessung: 190mm x 121mm x 22mm
  • Gewicht: 296g
  • ISBN-13: 9783423144049
  • ISBN-10: 3423144041
  • Artikelnr.: 41771370
Autorenporträt
Norbert Gstrein, geboren 1961, lebt zur Zeit in Hamburg. Er veröffentlichte u.a. die Erzählungen ›Andertags‹, ›Einer‹, den Bericht ›Der Kommerzialrat‹, die Novelle ›O2‹, die Romane ›Das Register‹ sowie ›Das Handwerk des Tötens‹ und gemeinsam mit Jorge Semprun die Reden ›Was war und was ist‹. Eng verbunden mit dem Roman ›Die englischen Jahre‹ ist sein Buch ›Selbstportrait mit einer Toten‹. Er erhielt unter anderem den Berliner Literaturpreis, den Alfred-Döblin-Preis, den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung und den Uwe-Johnson-Preis.
Rezensionen
"Norbert Gstrein erzählt bezwingend von den großen Entscheidungen am Anfang eines Lebens und dem bleibenden Fluchtpunkt der Kindheit." Bernd Kielmann, Buch-Magazin Juni 2015

Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Rezensentin Marie Schmidt kann sich gut vorstellten, welchen Grundprinzipien Norbert Gstrein mit seinem Roman "Eine Ahnung vom Anfang" folgt: die Sprache hat ihre Grenzen, wobei sie nicht nur ausschließt, sondern auch zuweilen ihre eigenen Gegenstände erst erschafft, die sprachliche Deutung der Wirklichkeit ist also ebenso begrenzt, wie die Lebensentwürfe, die wir an sie koppeln, fasst Schmidt zusammen. Abgehandelt wird dieses Programm aus der Perspektive eines Lehrers, der befürchtet, ein ehemaliger Schüler könnte die Bombenattrappe gelegt haben, die am Bahnhof entdeckt wurde, so Schmidt. Das Ergebnis wirkt auf die Rezensentin - bei allem Respekt für die feine Konstruktion, wie die sie betont - ein wenig ostentativ und eitel.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 09.08.2013
Der Fluss und die Wüste
In seinem neuen Roman „Eine Ahnung vom Anfang“ erzählt der österreichische Autor Norbert Gstrein
von den Irrwegen religiöser Sehnsucht in einer Todes- und Nachkriegslandschaft
VON JOSEPH HANIMANN
Zwei der vier Kapitelüberschriften in diesem Buch weisen zeitlich und räumlich weit weg: „Damals im Sommer“, „Draußen am Fluss“. Distanzen durchziehen den ganzen Roman, Distanz zu sich selbst, zu den Nächststehenden, zur Welt, wie sie ist. Auch in jenem Sommer damals draußen am Fluss ist der Erzähler, ein etwas vereinsamter Lehrer, der seine freien Tage in einer alten Mühle außerhalb der Stadt verbringt, seinem plötzlich bei ihm aufkreuzenden Lieblingsschüler Daniel nicht wirklich nahegekommen.
  Unfreiwillig erinnert er sich an die nun schon zehn Jahre zurückliegenden Momente von Komplizenschaft im Fremdbleiben, an die Gespräche über Bücher, das Herumalbern und die Anflüge von Erotik ohne wahre Begierde – lauter Erinnerungen, die ihm jetzt auch nicht weiterhelfen in seiner Unschlüssigkeit. In der Zeitung hat er nämlich ein Foto gesehen vom mutmaßlichen Täter, der im Bahnhof der Stadt eine – fiktive – Bombe gelegt hat mit den beigefügten Worten „Kehret um! Erste und letzte Warnung!“, und ihm scheint, im Bild jenen Daniel wiederzuerkennen, mit dem er auch nach jenem Sommer wiederholt Kontakt gepflegt hatte. Ist das bloß seine Phantasie oder entspricht es der Wirklichkeit?
  Der Österreicher Norbert Gstrein ist nicht der Autor, der von einer solchen Ausgangssituation aus Hypothesespuren legt und Erwartungsbögen spannt. Alles Faktische wird bei ihm vielmehr auf der Stelle zerzaust und die erzählten Ereignisabläufe verwickeln sich in ein Gestrüpp aus Gegenwart und Vergangenheit, in dem auch die Frage der Realität sich verfängt. In jeder Handlungsfaser flimmert Gewesenes, Erinnertes, Phantasiertes. Unweit der Mühle war im Sommer 1944 ein brennender amerikanischer Bomber notgelandet, unter den Augen der mit ihren Klassenkameraden herbeigeeilten Mutter des Erzählers. In der Nähe befindet sich auch die Höhle, in welcher der Bruder des Erzählers sich umgebracht hat.
  Das Erscheinen Daniels auf dem Moped an diesem Ort ist zugleich Wiederkehr und Erlösung dieses vom Erzähler mit Sprachtabu belegten Ereignisses. Das Erscheinen eines aus Amerika angereisten Reverends in der Gegend, angeblich der Sohn des
damals notgelandeten Bomberpiloten, bringt wiederum eine Spur religiösen Jenseitsschleim in die Geschichte, an der sich die Figur Daniels sofort festklebt.
  Denn auch dieser Früh- und Hochbegabte ist anfällig für Bekehrungs- und Erlösungsphantasien, vor allem nach einer Reise ins Heilige Land. Was bei seinem Lehrer schlichte Ungeduld war gegenüber seinen Schülern und deren Weg von der Auflehnung in die Angepasstheit als nützliche Glieder der Gesellschaft, übersetzt der Lieblingsschüler in religiöse Entsagungs- und Absolutheitsromantik. „Sie mögen mich nicht“, sagte er zu Beginn offen zu seinem Lehrer – damit könne er leben, doch „vielleicht sagen Sie mir einfach, was ich lesen soll“.
  Damit ist der Stachel gesetzt. Der Lehrer fasst in den Bücherbestand seines verstorbenen Bruders: Walker Percy, F. Scott Fitzgerald, Paul Bowles, Thoreaus „Walden“. „Die Gerechten“ von Albert Camus fürs Schülertheater schlägt Daniel von sich aus vor. Norbert Gstrein macht daraus aber nicht einfach einen Lehrer-Schüler- und einen Bildungsroman. Seine Figuren härten sich nicht in der gegenseitigen Auseinandersetzung, sondern verknoten sich unablässig ineinander zum Suchbild nach dem verschütteten Anfang, wo am Flussufer noch alles möglich und nichts tatsächlich war.
  Daniel liebte dort ein Mädchen, wurde in einer etwas mysteriösen Nacht aber vom amerikanischen Reverend auf die Seite der Erleuchtung gezogen. Er schreibt flammende Texte über den alttestamentlichen Gott, der sein Volk zum Völkermord an den Kanaanitern auffordere, schreibt auch einen Roman über seinen Sommer am Fluss, in dem der Erzähler sich selber sehr verfremdet wiedererkennt. Es sei manchmal gerade die Sehnsucht nach Unschuld und Reinheit, die einen dazu bringe, Schuld auf sich zu nehmen, sagte der Lehrer zu seinen Schülern – und dieser Satz schlägt in der Gestalt Daniels auf ihn selber zurück.
  Gstrein versteht es, aus der plätschernden Szene zwischen Wasser und Hängematte zum gespenstisch wirkenden Bild der immerfort Federball spielenden Töchter des Reverends zu wechseln und von dort weiter zur stenografisch gerafften Ereignisskizze des ungeraden Erzählverlaufs. Dieses lose wirkende, wenn auch streng komponierte Muster ermöglicht ihm Themenvielfalt und Deutungsreichtum. Es birgt aber die Gefahr des narrativen Durchhängens. Diesem Roman fehlt die innere Spannung durchs Disparate. Manche Figuren, wie die Serviererin Agata im Café Bruckner, wo der einsame Erzähler zu Abend isst, oder selbst der Schuldirektor, bei dem er öfter im Büro sitzt, wirken unausgeschöpft.
  Die zwei Jahre, die er nach dem Tod seines Bruders in Istanbul verbrachte, sind im Roman geschenkt. Seine gelegentlich eingestreuten Ansichten über die Demokratie, die Gesellschaft oder über den Nahostkonflikt mit Jesus von Nazareth als erstem Palästinenserführer, der etwas erreicht hat, wirken wie aus dem Notizheft des Autors in den Roman gerutscht. Was zwischen Schuld und Unschuld einer politisch-religiösen Inbrunst hätte aufglühen können, glimmt hier vor sich her.
  Irgendwann werde er vielleicht einsehen, dass es Dinge gibt, für die er nicht verantwortlich sei und die vielleicht nicht einmal etwas mit ihm zu tun hätten, sagt am Romanende die Frau zum Erzähler, durch die eine ganz unerwartete Wende in die Geschichte kommt. Doch auch dieser Satz leuchtet nicht mehr, zu viel Nebensächlichkeitsasche liegt schon herum.
Norbert Gstrein: Eine Ahnung vom Anfang. Roman. Carl Hanser Verlag, München 2013. 351 Seiten, 21,90 Euro.
An der Bombe stand: „Kehret um!
Erste und letzte Warnung!“
„Vielleicht sagen Sie mir
einfach, was ich lesen soll.“
Hatte der junge Daniel in Norbert Gstreins Roman ein Erweckungserlebnis? Die Leute am Fluss jedenfalls nennen ihn „Jesus“, amerikanisch ausgesprochen.
FOTO: DDP
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Besprechung von 05.10.2013
Der Roman über die Gefährlichkeit von empfehlenswerten Romanen

Norbert Gstrein entfaltet in "Eine Ahnung vom Anfang" ein hochvirtuoses Spiel der Erinnerungen, Zeitebenen und Schuldgefühle.

Von Ernst Osterkamp

Trostlos zerstörte Idyllen bilden seit dem neunzehnten Jahrhundert eine Spezialität der deutschsprachigen Literatur. Eine andere ihrer Spezialitäten ist der Sonderling, an dessen Außenseiterexistenz sich der Zustand einer Gesellschaft besonders gut ablesen lässt. Am Ende von Norbert Gstreins neuem Roman sitzt der Erzähler, der Gymnasiallehrer Anton, in seiner zerfallenen und nur notdürftig restaurierten Mühle - auch sie ein Vorzugsort der vormodernen deutschen Literatur - und ist sich sicher, dass ihn jeder, der ihn dort sitzen sieht, für einen "Kauz" und "Sonderling" halten muss.

Dass sein idyllischer Rückzugsort ein Gelände von besonderer Trostlosigkeit markiert, bezeugen bereits die familiären Gründe, die ihn zum Kauf und zur Erhaltung der Mühle veranlasst haben: "Vom Haus ist es nur ein längerer Spaziergang bis zu der Stelle, an der mein Großvater noch vor meiner Geburt, von einem Motorrad erfasst, zu Tode kam, weiter unten am Fluss, durch die Schlucht bei Niedrigwasser erreichbar, befindet sich die Höhle, in der Robert, mein Bruder, seinem Leben ein Ende gesetzt hat, und obwohl niemand genau weiß, wo es gewesen sein mag, muss irgendwo hier mein Onkel ins Wasser gegangen sein." Das ist ein bisschen viel, und so ist es denn kein Wunder, dass bei solcher Bindung an eine tödliche Familiengeschichte den Erzähler die Frage nach seiner persönlichen Schuld und Verantwortung auch in seinem Refugium, wo er im Grunde nur den Anstrengungen des Lehrerdaseins entfliehen will, nicht zur Ruhe kommen lässt.

Die Art freilich, in der Norbert Gstrein die Konventionen der Antiidylle und der Sonderlingserzählung in seinem in den Tiroler Bergen spielenden Roman aufgreift und variiert, verleiht ihnen eine verblüffende Modernität. Dies gelingt ihm durch die erzählerische Kombination von zwei Sonderlingsbiographien aus unterschiedlichen Generationen und durch die Konzentration auf einen Problemgehalt von besonderer Aktualität: die Frage nach den lebensgeschichtlichen Konsequenzen und den zerstörerischen Wirkungen religiöser Selbstüberhöhungen, Erlösungssehnsüchte und Absolutheitsansprüche in einer säkularen Welt.

Es hat in der Stadt, in der Anton unterrichtet, eine Bombendrohung gegeben, und er glaubt nun, in dem von einer Überwachungskamera aufgenommenen Bild des vermutlichen Täters seinen früheren Schüler Daniel zu erkennen. Mit Daniel, der bald nach seiner vor zehn Jahren absolvierten Matura die Stadt verließ, hat ihn lange eine intensive Beziehung verbunden, die weit über den Aufgabenkreis eines passionierten Lehrers hinausging. Sie begann damit, dass der hochbegabte Schüler eines Tages den Lehrer in einer Mischung aus Aggression und Schüchternheit mit der Feststellung "Sie mögen mich nicht" aus dessen Distanz zu locken versucht und ihn dann bittet: "Vielleicht sagen Sie mir einfach, was ich lesen soll." Tatsächlich ist dies auch ein kluger Roman über Risiken und Nebenwirkungen des Lesens.

Anton gibt Daniel von nun an immer wieder Bücher, und der liest sie sorgfältig. Es sind sehr gute Bücher; der Erzähler nennt seinen Lesern nach und nach viele Titel, und keiner von uns würde Bedenken tragen, diese auch unseren Freunden oder Kindern zu empfehlen. Das Problem im Roman ist nur, dass es genau die Bücher sind, die Anton lange zuvor auch seinem jüngeren Bruder Robert zur Lektüre empfohlen hatte, und der hat sich nach seiner Rückkehr von einem Jahr als Austauschschüler in den Vereinigten Staaten in einer merkwürdig sakralisierenden Inszenierung erschossen. Anton sucht dafür die Schuld bei sich.

Umso merkwürdiger und auch für ihn selbst unerklärlich ist es, dass Anton in einer Art von psychologischer Übersprunghandlung die gleichen intellektuellen Prägungen, die er auf seinen Bruder ausgeübt hat, auf seinen Schüler Daniel überträgt. Ein seelisch hochkomplexes Beziehungsdreieck entfaltet sich: Während der vaterlos aufgewachsene Daniel in Anton einen Vater sucht, macht dieser ihn unbewusst zu einem Wiedergänger seines Bruders. Kein Wunder also, dass er zehn Jahre später, als die Möglichkeit aufscheint, sein Schüler sei in den Terrorismus abgeglitten, wiederum die Verantwortung bei sich zu suchen gezwungen ist.

In einer komplexen Verschränkung der Zeitebenen, in der der Leser aber mühelos die Übersicht behält, lässt Gstrein den Erzähler sich an den Sommer vor zehn Jahren erinnern, den er mit Daniel und dessen Freund Christoph auf der Mühle verbracht hat. Die drei lesen, schwimmen, tändeln, reparieren gemeinsam das Haus, und da die erotischen Wünsche eines jeden von ihnen derzeit ins Leere laufen, legen sie sich auch wohl einmal die Hand auf die Schulter oder auf die Brust, was von neugierigen Wanderern auf vorhersehbare Weise kommentiert wird. Das alles wird von Gstrein mit einer hohen Kunst atmosphärischer Verdichtung und mit seelischer Behutsamkeit erzählt: als irisierendes Beziehungsgeflecht, in dem Ansprüche und Erwartungen, die die Personen miteinander verbinden, offen und unausgesprochen bleiben.

Daniel wird dann nach dem Sommer am Fluss immer wieder die Nähe seines früheren Lehrers suchen, so dass Anton die Stadien seiner wachsenden inneren Unzugänglichkeit und irrlichternden religiösen Ansprüche vor Augen hat. Aber ist Daniel tatsächlich der potentielle Bombenleger, für den die Öffentlichkeit ihn nun hält, wie sie in Anton, der sich mit seinem Gestus überlegener Intellektualität und eines desillusionierten Nonkonformismus längst in seinem Kollegium isoliert hat, den geistigen Brandstifter vermutet, der ihn zu seinem Irrweg motiviert hat? Antons im Unterricht vorgetragene These jedenfalls, "es sei manchmal gerade die Sehnsucht nach Unschuld und Reinheit, die einen dazu bringe, Schuld auf sich zu nehmen", erfüllt sich in diesem Roman nicht. Am Ende, als doch noch eine Bombe hochgeht, ist alles ganz anders; niemand, "der wusste, in welchem Land wir lebten", kann von dem Profil des Täters überrascht sein.

Der Roman erzählt, wie Anton sich Daniel und das, was ihn umtreibt, begreiflich zu machen versucht: in bildintensiven und psychologisch sensiblen Erinnerungen an den gemeinsamen Sommer und an die späteren komplizierten Begegnungen und dann wiederum in Gesprächen mit weiteren Beteiligten. Im Zuge von Antons Nachdenken über Daniel und seiner Spurensuche löst sich dessen Gestalt vor seinem inneren Auge immer mehr auf, wobei ihn "dieses buchstäbliche Verschwimmen der Geschichte im trüb Religiösen, dieses Verdampfen und Vernebeln in müden Weihrauchschwaden" besonders bedrückt. Es gehört zu den besonderen Vorzügen von Gstreins Erzählen, dass es sich dem Willen zur Eindeutigkeit widersetzt und den Figuren schon deshalb ihr Geheimnis lässt, weil sie sich selbst ein Rätsel bleiben.

Aber die große Kunst dieses beeindruckend lebensklugen Romans besteht nicht allein darin, dass er eine Figur durch die Suche nach ihr zum Verschwinden bringt, sondern mehr noch darin, dass er den Erzähler auf dieser vergeblichen Suche nach einem anderen sich selbst finden lässt. Dieser von diffusen Schuldgefühlen gequälte und vergangenheitsfixierte, beziehungsgestörte und hochmütig sich von seiner Umgebung isolierende Einzelgänger bricht, indem er seine Geschichte mit Daniel erzählt, am Ende die seelische Verschlossenheit und Isolation, die ihn jede andere Figur des Romans nur schemenhaft wahrnehmen lässt, auf so überraschend schöne Weise auf, dass hiervon an dieser Stelle nichts verraten werden darf.

Norbert Gstrein: "Eine Ahnung vom Anfang". Roman.

Carl Hanser Verlag, München 2013. 351 S., geb., 21,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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"Die Geschichte ... vereint in glücklicher Weise die klassischen Gstreinschen Themen von Provinz und Welt, Heimat und Exil, Traumatisierung und Befreiung, Unschuld und Selbstüberhebung." Andreas Breitenstein, Neue Zürcher Zeitung, 30.07.13

"Den Sog der Aulandschaft, das schmerzhaft Intensive, das Flirrende und scheinbar Zeitlose der sommerlichen Nächte beschwört Gstrein mit meisterlicher Eindringlichkeit." Daniela Strigl, Der Standard, 26.07.13

"Eine großartige Erzählung über das, was ein Leben ausmacht."
Andreas Wirthensohn, Wiener Zeitung, 09.08.2013

"Gstrein ist ein großer Roman über die geistige Verführung, Ideologieanfälligkeit und die Brüchigkeit von Erinnerungen gelungen." Christoph Schröder, die tageszeitung, 10.08.13

"'Eine Ahnung vom Anfang' geht auch um das Erinnern und das Vergessen als wichtige Elemente, um sich selbst zu erkennen oder sich auch dahinter zu verstecken. Ein packender Roman." Margarete von Schwarzkopf, Norddeutscher Rundfunk, Bücherwelt, 3.09.2013"'Eine Ahnung von Anfang' ist möglicherweise das Beste, was Gstrein je geschrieben hat. ... Seine Sprache schwingt sich hier in langen Satzbögen voran - melodisch, rythmisch, elegant." Christoph Schröder, Kulturspiegel, 30.09.13

"Dieser Roman ist sprachlich elegant, stofflich aufregend, inhaltlich wichtig." Oswald Burger, Südkurier, 11.12.13

"Wieder bewundern wir den Autor, wie er uns durchs Komplizierteste und Unsicherste zum Einfachen und Wahren führt. Simone Dattenberger, Münchner Merkur, 28./29.12.13

"Norbert Gstrein entfaltet in Eine Ahnung vom Anfang ein hochvirtuoses Spiel der Erinnerungen, Zeitebenen und Schuldgefühle." Ernst Osterkamp, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.10.13

"Aber die große Kunst dieses beeindruckend lebensklugen Romans besteht nicht allein darin, dass er eine Figur durch die Suche nach ihr zum Verschwinden bringt, sondern mehr noch darin, dass er den Erzähler auf dieser vergeblichen Suche nach einem anderen sich selbst finden lässt." Ernst Osterkamp, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.10.13

"Ein hochvirtuoses Spiel der Erinnerungen, Zeitebenen und Schuldgefühle." Ernst Osterkamp, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.10.13
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