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Wenn Antizionismus und Antisemitismus aufeinandertreffen: Die DDR als inoffizieller Kriegsgegner Israels.
Der US-amerikanische Historiker Jeffrey Herf untersucht das weite Spektrum der Feindseligkeiten seitens der DDR und der westdeutschen radikalen Linken gegenüber Israel: von Propaganda über Waffenlieferungen an arabische Staaten, die sich mit Israel im Kriegszustand befanden, bis hin zum demonstrativen Schulterschluss mit terroristischen Organisationen. Der untersuchte Zeitraum reicht vom Jahr 1967 bis 1989 und umfasst den Sechstage-Krieg (1967), den Jom-Kippur-Krieg und den…mehr

Produktbeschreibung
Wenn Antizionismus und Antisemitismus aufeinandertreffen: Die DDR als inoffizieller Kriegsgegner Israels.

Der US-amerikanische Historiker Jeffrey Herf untersucht das weite Spektrum der Feindseligkeiten seitens der DDR und der westdeutschen radikalen Linken gegenüber Israel: von Propaganda über Waffenlieferungen an arabische Staaten, die sich mit Israel im Kriegszustand befanden, bis hin zum demonstrativen Schulterschluss mit terroristischen Organisationen. Der untersuchte Zeitraum reicht vom Jahr 1967 bis 1989 und umfasst den Sechstage-Krieg (1967), den Jom-Kippur-Krieg und den Libanon-Krieg (1982) sowie die terroristischen Anschläge der PLO und anderer Organisationen.
Herf leistet in seiner überfälligen Studie zweierlei: Er liefert neue Erkenntnisse über das Ausmaß der Kooperation der westdeutschen radikalen Linken mit terroristischen Organisationen, vor allem aber kann er überzeugend belegen, dass die DDR, und andere Ostblockstaaten, einen weit größeren Einfluss auf den Nahostkonflikt genommen hat, als bislang angenommen.
  • Produktdetails
  • Verlag: Wallstein
  • Seitenzahl: 518
  • Erscheinungstermin: Oktober 2019
  • Deutsch
  • Abmessung: 228mm x 146mm x 41mm
  • Gewicht: 848g
  • ISBN-13: 9783835334847
  • ISBN-10: 3835334840
  • Artikelnr.: 56526169
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 12.10.2019

Besorgniserregendes Kapitel deutscher Geschichte

Jeffrey Herf geht dem unerklärten Krieg der DDR und der westdeutschen Linksextremisten gegen Israel nach

Von Rainer Hermann

Über Jahrzehnte lieferte die DDR Waffen an die arabischen Staaten, die jene in ihren Kriegen gegen Israel einsetzten. Als palästinensische Terrororganisationen Anschläge gegen Israel verübten, schloss die DDR mit ihnen Bündnisse. Als einziges Land im Ostblock unterhielt sie nie diplomatische Beziehungen mit Israel. Ihre Diplomaten hießen aber auf der Weltbühne die Kriege und den Terror gegen Israel gut.

Der ostdeutsche Staat verhielt sich feindselig gegenüber Israel, die westdeutschen Linksradikalen taten es nicht weniger. Die Feindseligkeit gegenüber Israel wurde nach 1967 definierendes Merkmal des westdeutschen Linksextremismus.

Die DDR und die westdeutschen Linksextremisten standen an der Seite radikaler Staaten wie Ägypten, Syrien und dem Irak. Sie stellten das Existenzrecht Israels in Frage und führten einen nicht erklärten Krieg gegen Israel, den sie als zweiten Krieg gegen den "Antifaschismus" verklärten. Bei den Palästinensern und den arabischen Staaten schürte diese militärische und politische Unterstützung die Hoffnung, Israel könne militärisch besiegt werden. Sein Ende fand dieser Krieg mit der Wiedervereinigung Deutschlands und dem Zerfall der Sowjetunion. Die wichtigsten Waffenlieferanten existierten nicht mehr, eine militärische Lösung war nun ausgeschlossen und die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) zu Verhandlungen bereit.

"Die Sowjetunion, die DDR und die westdeutschen linksradikalen Gruppen tragen aber eine schwere Verantwortung im Nahost-Konflikt, weil sie einer Kompromisslösung zwischen Israel und seinen Gegnern im Weg standen", schreibt der Historiker Jeffrey Herf in seiner Monographie: "Unerklärte Kriege gegen Israel. Die DDR und die westdeutsche Linke, 1967-1989". Ihre Hinterlassenschaft lastet schwer. Denn "das DDR-Regime und die radikalen Linken haben ein toxisches ideologisches Gebräu hinterlassen. Ihre verzerrten Darstellungen Israels, der massive Einsatz von Terror und die Rechtfertigung desselben werfen einen verheerenden Schatten auf die Politik und die politische Kultur des Nahen Ostens, Deutschlands und der ganzen Welt."

Herf, der an der Universität Maryland lehrt und sich auf die Geschichte Europas im 20. Jahrhundert spezialisiert hat, legt die erste umfassende Darstellung der Geschichte der Feindseligkeiten des ostdeutschen Staats und der westdeutschen Linksradikalen gegenüber Israel in den Jahren von 1967 bis 1989 vor. Ausgewertet hat er bislang unveröffentlichte Akten des SED-Politbüros, der DDR-Ministerien für Äuswärtige Angelegenheiten und Verteidigung sowie der Staatssicherheit. Ferner stützt er sich auf Akten der Bonner Regierung, der Vereinten Nationen und auf Veröffentlichungen der westdeutschen Linksradikalen wie der palästinensischen Organisationen in Deutschland.

Erst die Öffnung der ostdeutschen Archive hat die Dokumentation eines beträchtlichen Teils dessen ermöglicht, was das DDR-Regime verheimlicht hatte. So begann es 1965 mit der Lieferung von Waffen. Schon bald betrachteten die palästinensischen Terrorgruppen und die arabischen Staaten die DDR als bereitwilligen Waffenlieferanten. Als Geste der Solidarität lieferte das Ost-Berliner Regime kostenlos MiG-Jagdflugzeuge, Kalaschnikow-Sturmgewehre und Waffen aller Art.

Für die DDR spielte die feindselige Haltung gegenüber Israel eine Schlüsselrolle, um aus der internationalen Isolierung auszubrechen. Kambodscha war 1969 das erste Land außerhalb des Ostblocks, das mit Ost-Berlin diplomatische Beziehungen aufnahm. Noch im selben Jahr folgten aber der Irak und andere arabische Staaten. Für sie waren die Waffenlieferungen eine Voraussetzung für die diplomatische Anerkennung. Als erstes Ostblockland gewährte die DDR der PLO eine politische Vertretung, sie forderte ein Rückkehrrecht für die Palästinenser, und nach der Aufnahme beider deutscher Staaten in die Vereinten Nationen im Jahr 1973 setzte sie dort ihren Krieg gegen Israel und für die PLO politisch fort.

Auf Initiative der DDR und anderer Ostblockstaaten verurteilten die Vereinten Nationen 1975 in einer Resolution, die 1991 wiederaufgehoben wurde, den Zionismus als Rassismus. Die DDR und ihre Verbündeten kodierten den Kampf gegen Israel (in Verdrehung der Bedeutung des Begriffs) als antifaschistisch. Damit setzten sie Israel und NS-Deutschland gleich. Das Motiv "Israel als Nazi" habe in der DDR wie bei den westdeutschen Linksextremisten eine wichtige Rolle gespielt, um Deutschlands "Judenkomplex" zu überwinden, so Herf.

Die DDR nahm mit den Ressourcen eines Staats deutlich größeren Einfluss auf den Gang der Geschichte Im Nahen Osten als die westdeutschen Extremisten. Sichtbarer waren aber die Terrorakte Letzterer. Zu einer Abkehr von Israel kam es in der westdeutschen Linken von Juni bis September 1967. Aus den jüdischen NS-Opfern wurden "zionistische und israelische Aggressoren". Als Auslöser identifiziert Herf die Erschießung von Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 in Berlin und dann den Sechstagekrieg, der vom 5. bis 10. Juni 1967 dauerte.

Von da an standen der antiimperialistische Kampf und die Begeisterung für die Revolutionen in der Dritten Welt im Vordergrund. Als palästinensische Terroristen im September 1972 bei den Olympischen Spielen in München israelische Athleten töteten, feierte Ulrike Meinhof von der Rote Armee Fraktion das als eine großartige revolutionäre Tat, als antiimperialistisch und antifaschistisch.

Auch die Politik der Bonner Republik veränderte sich. Ein unrühmliches Kapitel sei gewesen, als sich die Regierung Brandt im Jom-Kippur-Krieg von 1973, in dem die DDR Waffen gegen Israel geliefert habe, für neutral erklärt habe, obwohl die Existenz Israels auf dem Spiel gestanden habe, schreibt Herf.

Herf zeichnet zwei Terroraktionen nach, die die enge Zusammenarbeit deutscher und palästinensischer Terrorgruppen belegen. So entführte im Oktober 1977 die palästinensische PFLP das Lufthansa-Flugzeug "Landshut" nach Mogadischu, um den Druck der RAF, die den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer entführt hatte und inhaftierte RAF-Terroristen freipressen wollte, auf die Bundesregierung zu erhöhen. Bereits im Juli 1976 entführten je zwei Palästinenser und zwei Mitglieder der deutschen Revolutionären Zellen ein Flugzeug der Air France nach Entebbe. Dort trennten die Deutschen die jüdischen von den nichtjüdischen Passagieren und richteten als erste Deutsche seit der NS-Diktatur ihre Gewehre auf Juden. Das DDR-Regime wie westdeutsche Extremisten waren im Kalten Krieg an Gewalt gegen Juden beteiligt. Herf zählt diese Ereignisse zu den "besorgniserregendsten Kapiteln der deutschen Geschichte nach 1945".

Jeffrey Herf: "Unerklärte Kriege gegen Israel". Die DDR und die westdeutsche Linke 1967-1989.

Wallstein Verlag, Göttingen 2019. 560 S., 39,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 25.11.2019

Arafats
Komplizen
Jeffrey Herf erklärt die antizionistische und
antisemitische Agitation der DDR und BRD-Linker
VON LUDGER HEID
Der amerikanische Historiker Jeffrey Herf lebte 1978/79 in Frankfurt am Main, um für seine Dissertation zu recherchieren. Dort hörte er von zwei Mitgliedern der Frankfurter linken Szene, die an der Entführung eines Flugzeugs der Air France auf dem Weg von Tel Aviv nach Paris durch palästinensische und deutsche Terroristen teilgenommen hatten. Das Besondere an diesem Terrorakt im Juli 1976 auf dem Flughafen von Entebbe in Uganda war gewesen, dass deutsche Linksterroristen mit vorgehaltenen Maschinenpistolen jüdische Passagiere von den anderen trennten. Die übrigen Geiseln wurden freigelassen. Als ein Holocaustüberlebender dem an der Aktion beteiligten Wilfried Böse dabei seine am Unterarm eintätowierte KZ-Nummer zeigte, erwiderte dieser auf den darin implizierten Vorwurf, er sei kein Nazi, sondern Idealist, sein Ziel sei es, den unterdrückten Palästinensern zu helfen.
Erstmals seit den Selektionen an der Rampe von Auschwitz hatten Deutsche Juden nach den Kriterien der Nürnberger Rassegesetze wieder stigmatisiert. Seit dem Sechs-Tage-Krieg im Juni 1967 hatte sich die radikale Linke gegen Israel gewandt und begonnen, mit palästinensischen Organisationen zusammen zu arbeiteten und sich militärisch ausbilden zu lassen. Herfs Urteil klingt absolut: In keinem anderen Land habe der „antiisraelische Eifer“ eine so „erstaunliche Flucht vor der Last einer nationalen Vergangenheit“ mit sich gebracht wie in Deutschland.
1978 nahmen Anschläge in Deutschland immer stärkere Ausmaße an. „Legitime“ Angriffsziele waren laut Herf dabei auch jüdische Einrichtungen: Altenheime, Kindergärten, Synagogen. In rabulistischer Verdrehung deklarierten die „Revolutionären Zellen“ ihre Ziele: „Kampf gegen Zionismus ist der entschiedenste Kampf gegen jeglichen Antisemitismus“. So war das Töten von Juden in der BRD ein Mittel, Antisemitismus zu bekämpfen, schreibt Herf.
Warum handelten westdeutsche Extremisten wie Vernichtungsantisemiten? Und warum ließen ostdeutsche Kommunisten, die gegen die Nazis gekämpft hatten und ihre antifaschistische Tradition hoch hielten, den Feinden Israels Unterstützung zukommen und feierten Jassir Arafat auf den Titelseiten ihrer staatlich kontrollierten Presse? Das sind Fragen, mit denen sich Herf fortan beschäftigte.
Der Staatsapparat im Osten und die radikalen Linken im Westen, vereinigt in einer unheiligen Allianz und nicht gebunden an einen moralischen Kompass, erhoben für sich den Anspruch, ihr Antagonismus zu Israel sei eine Form des Antirassismus und sogar des Antifaschismus. Was die DDR betraf, so war das ideologische Fundament in den stalinistischen „antikosmopolitischen Säuberungen“ Anfang der 1950er Jahren in der Sowjetunion und Osteuropa gelegt worden. Die vormals für eine kurze Zeit geübte Unterstützung für den werdenden Staat Israel war obsolet geworden und der Begriff „Zionismus“ wurde fortan zu einem Schmähwort im kommunistischen Diskurs.
Die nach 1945 aus dem Exil zurückgekehrten deutschen Kommunisten waren überzeugt, dass sie selbst, nicht die Juden, die eigentlichen Opfer von NS-Verfolgung gewesen seien. Sie empörten sich über die Ansprüche der jüdischen „Opfer“, ihr Leid auf die gleiche Stufe wie das der kommunistischen „Widerstandskämpfer“ stellen zu wollen. Doch kein „so dichter ideologischer Nebel“, so Herf, konnte die schlichte Tatsache verschleiern, dass sich Deutsche wieder einmal daran beteiligten, Juden Gewalt anzutun. Die politischen Entscheidungsträger in der DDR schlossen zu einer Zeit Bündnisse mit palästinensischen Terrororganisationen, als diese Anschläge gegen Israel verübten.
Der propagierte Antizionismus ging mit einem Wiederaufleben antisemitischer Verschwörungstheorien einher. Dieser Punkt bringt Herf dazu, die Frage aufzuwerfen, ob das ostdeutsche Regime womöglich die „zweite antisemitische Diktatur im Deutschland des 20. Jahrhunderts“ war, ob Teile der westdeutschen radikalen Linken eine antisemitische Bewegung waren und gerade deshalb Anhänger fanden, weil der Hass auf Israel in Deutschland eine „vertraute Tonart“ anschlug. Die DDR ließ keine Gelegenheit aus, Israel propagandistisch zu denunzieren, zu dämonisieren und zu delegitimieren. Herf fördert Archivquellen ans Licht, die belegen, wie umfangreich Ostberlin radikale Feinde Israels mit „Solidaritätsgütern“ unterstützte. Das Ausmaß und die Details dieser eliminatorischen Komplizenschaft waren bislang nicht bekannt.
Die DDR war das einzige Mitglied des Warschauer Paktes, das nie diplomatische Beziehungen zum Staat Israel unterhielt, gleichwohl der erste Staat in Europa, der die PLO formell anerkannte. Das Politbüro instruierte während des Sechs-Tage-Krieges im Jahr 1967 den Direktor des Nationalrats der Nationalen Front, Albert Norden – Sohn des in Theresienstadt ermordeten Rabbiners Joseph Norden – „Stellungnahmen von jüdischen Bürgern der DDR zu veröffentlichen, in denen sie ihre Empörung über die Israel-Aggression und das Komplott Israel-Washington-Bonn zum Ausdruck bringen“ sollten. Doch damit stieß Norden auf Granit: Mehrere prominente ostdeutsche jüdische Autoren, wie etwa der Schriftsteller Arnold Zweig, weigerten sich rundheraus, eine solche Erklärung zu unterschreiben.
Staatsratsvorsitzender Walter Ulbricht wurde nicht müde, Israel mit NS-Deutschland zu vergleichen. Er schwadronierte, wenn er auf Israel zu sprechen kam, ganz in der Diktion der NS-Propaganda, vom „Protektorat Sinai“ oder vom „Generalgouvernement Jordanien“. Die Assoziation Israels mit Nazi-Deutschland blieb ein ständig wiederholtes Muster des linken Antizionismus. Die archivalischen Belege verschiedener DDR-Institutionen lassen keinen Zweifel daran, dass der Arbeiter- und Bauernstaat einen nicht erklärten Krieg gegen den Judenstaat führte. Aus diesen Quellen schöpft Herf in seiner fulminanten Untersuchung.
Seit der Aufnahme in die UN 1973 spielte die DDR in ihrer antiisraelischen Haltung eine aktive Rolle und nutzte die Vollversammlung, um die Forderungen der PLO zu vertreten. Während die BRD und die USA sich hier häufig in der Minderheit wiederfanden, schlug sich die DDR konsequent auf die Seite der großen antiisraelischen Mehrheit.
Als die westdeutsche Linke 1967 Elemente des linken Antiimperialismus übernahm, ordnete sie Israel ebenfalls auf der „falschen“ Seite ein, als einen Staat, der in ihren Augen verantwortlich war für die weltweiten Spannungen zwischen einem bösen Imperialismus und einer tugendhaften, ausgebeuteten „Dritten Welt“. Dieter Kunzelmann, ein prominenter Linker aus West-Berlin, drängte 1969 seine Genossen, den „Judenkomplex“ zu überwinden, der das linke revolutionäre Denken und Handeln behindere. Und im November 1972 bejubelte Ulrike Meinhof den Anschlag des „Schwarzen September“ auf israelische Athleten bei den Olympischen Spielen in München als großartige revolutionäre Tat mit den Worten, Israel selbst habe seine Sportler „verheizt wie die Nazis die Juden – Brennmaterial für die imperialistische Ausrottungspolitik“. Es gab einen westdeutschen linksradikalen Antisemitismus, der offen den Mord an Juden guthieß.
Es scheint so, als hätten die Kommunisten im Osten Deutschlands das Wesen und die Ursprünge des Judenhasses nie wirklich begriffen. Ihre lange Feindseligkeit gegenüber Israel steckte voller Klischees und Stereotype über die Boshaftigkeit des jüdischen Staates – allesamt vertraute antisemitische Topoi. Indem die Linken die Bundesrepublik wegen ihrer „philosemitischen“ Staatsräson schmähten, war ihre Verurteilung des Zionismus eine Form, die Last der Geschichte zu kompensieren.
In der kurzlebigen Geschichte der Volkskammer von April bis 2. Oktober 1990 verabschiedeten die Abgeordneten am 12. April 1990 ohne Gegenstimme bei 21 Enthaltungen eine Resolution, in der „um Verzeihung“ für die „Heuchelei und Feindseligkeit der offiziellen DDR-Politik“ gegenüber dem Staat Israel und „für die Verfolgung und Entwürdigung jüdischer Mitbürger auch nach 1945 in unserem Lande“ gebeten wurde. Und am 22. Juli 1990 distanzierten sich die Abgeordneten in einer weiteren Resolution von der „hierzulande praktizierten antiisraelischen und antizionistischen Politik“ sowie von der UN-Resolution 3379 unter Hinweis auf die darin festgestellte Gleichsetzung von Zionismus und Rassismus.
2011 begann Herf mit der Arbeit an seinem Buch, das 2016 in New York erschien. Jetzt liegt es endlich auch auf Deutsch vor. Es ist ein Buch über antiisraelische Emotionen in Gesamtdeutschland. Herf entlarvt die Übertragung einer antizionistischen Ideologie auf eine antisemitische Haltung mit dem Ziel, Juden Schaden zuzufügen und den Staat Israel mit Waffengewalt zu zerstören.
Ludger Heid ist Neuzeithistoriker. Er lebt in Duisburg.
Ostberlin unterstützte
radikale Feinde Israels
mit „Solidaritätsgütern“
Erst 1990 bat die Volkskammer
um Verzeihung für „Heuchelei
und Feindseligkeit“ der DDR
Gern gesehener Gast: PLO-Chef Jassir Arafat (Mitte) besucht 1974 in einem Ferienlager in Frankfurt/Oder palästinensische Kinder, die in einem internationalen kommunistischen Kinderdorf Ferien machen.
Foto: dpa
Jeffrey Herf:
Unerklärte Kriege gegen Israel. Die DDR und die westdeutsche radikale Linke 1967-1989.
Aus dem Englischen
übersetzt von Norbert Juraschitz. Wallstein-
Verlag, Göttingen 2019. 518 Seiten, 39 Euro.
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