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Ein Familienschicksal zwischen Krebserkrankung und Stand-up-Comedy. Ein Gärtner mit großen künstlerischen Visionen. Eine junge Frau, die einer bekannten Pornodarstellerin wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Ein ungebetener Gast, der in die eigene Vergangenheit einbricht.Adrian Tomines Erzählungen über die Last der Liebe und ihrer Abwesenheit, über Ambitionen und die Angst vor dem Leben, über Identität und Verlust zeigen ihn auf der Höhe seines Könnens: unberechenbar, schwarzhumorig und tief bewegend.Zu den erklärten Bewunderern der lakonischen, subtil gezeichneten Comicerzählungen von Adrian…mehr

Produktbeschreibung
Ein Familienschicksal zwischen Krebserkrankung und Stand-up-Comedy. Ein Gärtner mit großen künstlerischen Visionen. Eine junge Frau, die einer bekannten Pornodarstellerin wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Ein ungebetener Gast, der in die eigene Vergangenheit einbricht.Adrian Tomines Erzählungen über die Last der Liebe und ihrer Abwesenheit, über Ambitionen und die Angst vor dem Leben, über Identität und Verlust zeigen ihn auf der Höhe seines Könnens: unberechenbar, schwarzhumorig und tief bewegend.Zu den erklärten Bewunderern der lakonischen, subtil gezeichneten Comicerzählungen von Adrian Tomine zählen seit Langem Autoren wie Jonathan Lethem oder Nick Hornby. Spätestens mit "Eindringlinge" gilt Adrian Tomine selbst als wichtige Stimme der amerikanischen Gegenwartsliteratur.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 03.04.2016

Die nächste Blamage wird die beste!
Und der nächste Kuss bedeutet was. Oder? Adrian Tomine hat ein weises Comic-Buch gemacht, über Liebe zu sich und anderen

Die meisten Bücher erscheinen zum falschen Zeitpunkt. Das Problem ist entweder, dass der Autor noch nicht so weit ist, oder, dass die Welt noch nicht so weit beziehungsweise schon weiter ist. Manchmal kommt auch beides zusammen, dann erscheinen Bücher, die es bloß gibt, weil ein Journalist mal einen sogenannten pfiffigen Artikel geschrieben hat und daraufhin einen Anruf von einer Literaturagentin bekam, die vorschlug, ein pfiffiges Buch über die Sache zu machen. Heraus kommt zuverlässig ein schlaffer Text, der irgendeiner Debatte hinterhertrödelt. Ist bloß der Autor noch nicht so weit, fühlt sich aber so, schreibt er was Anstrengendes über Liebe. Spielt die Welt nicht mit, kann der Autor noch so toll sein, wie zum Beispiel alle Autoren von Standardwerken über die Piratenpartei bestätigen werden. Hier geht es aber nun um ein Buch, das zum exakt richtigen Zeitpunkt kommt, und zwar in jeder Hinsicht.

Es ist ein Band mit sechs Comic-Erzählungen des Amerikaners Adrian Tomine. Er heißt "Eindringlinge", nach einer der Geschichten darin, aber genauso gut könnte er den extrem modernen Titel des Buches tragen, an dem der Held in Helmut Dietls visionärer Serie "Der ganz normale Wahnsinn" arbeitet, nämlich: "Woran es liegt, dass der Einzelne sich nicht wohlfühlt, obwohl es uns allen so gut geht". Das klingt heute natürlich erst mal so, als würden darin Hashtag-Themen aufgearbeitet: Leute bereuen, Mutter zu sein, keine Mutter zu sein, Mutter mit Glutenallergie zu sein, Mutter ohne Glutenallergie zu sein und so weiter.

Aber um so etwas geht es bei Tomine nicht, dafür ist er zu klug und auch zu wenig interessiert an Trashdebatten. Bei ihm geht es um Männer und Frauen und wie sie es jemals miteinander aushalten sollen. Darüber wird seit Menschengedenken nicht wenig geschrieben, aber Tomines Buch kommt deswegen jetzt gerade richtig, weil es von der Liebe in Zeiten der gegenwärtigen Megathemen Alleinsein, Feminismus, Zukunftsangst und Irgendwasmitdrogen so erzählt, dass man endlich mal etwas versteht.

Das beweist gleich die erste Geschichte, "Hortiskulptur". Ein Gärtner, verheiratet, eine Tochter, erfindet eine neue Kunstform: eine Mischung aus Gartenbau und Bildhauerei, seltsame Röhrenfiguren, durch die lebendige Pflanzen wachsen. Vollkommen bescheuert also und brutal hässlich dazu. Aber der Gärtner ist überzeugt davon, dass die Welt auf seine Erfindung gewartet hat. Auf einer Party erzählt er Freunden davon; die spotten, er baue ja dann also so etwas Ähnliches wie Kresse-Igel. Seine Frau sagt, sie finde die Sachen wunderschön. Aber gleich hinterher sagt sie, er brauche ja nicht gleich das Gärtnern aufzugeben. Sicher ist sicher. Schon nach drei Seiten weiß man, dass es hier um alles geht: um die Hoffnung des süßen, dickbäuchigen, fleißigen, von Ruhm bloß träumenden Vorortgärtners auf echten Ruhm. Und um die Frage, ob seine Frau es aushält, dass ihr Mann jetzt nachts im Bett davon träumt, von Skulptur-Groupies in kurzen Röcken gejagt zu werden, während er in Wirklichkeit kein einziges der blöden Kunstwerke verkauft.

Das ist auch deswegen so eine schöne Geschichte über Liebe und Arbeit, weil sie nicht von radikal urbanen Dreißigjährigen handelt und trotzdem auch für sie geschrieben ist. Adrian Tomine macht hier etwas anders als sonst. Bisher waren seine Protagonisten eben diese Boys und Girls, wie sie in Brooklyn rumlaufen, wo er auch selbst lebt: In seiner Graphic Novel "Halbe Wahrheiten" weiß ein melancholischer Kinobetreiber nicht, was er will, es schwankt zwischen Sex mit deutlich jüngeren Frauen und der Beziehung zu seiner Freundin, der er dann, als es schon ziemlich übel aussieht, auch noch nach New York hinterherreist, wo erwartungsgemäß alles noch schlimmer wird. Davor, in dem Band "Sommerblond", ging es um ähnliche Leute. Aber jetzt, wo Adrian Tomine 41 ist, verheiratet und Vater von zwei Töchtern, ist das anders. Vor einiger Zeit sagte er in einem Interview, das Windelnwechseln und Auf-Spielplätzen-Rumhängen habe ihm halt ausgetrieben, immer der coole Typ sein zu wollen. In den neuen Geschichten holt er von irgendwoher die Power, von den unterschiedlichsten Menschen zu erzählen, ohne dass die ausgedacht oder reinkopiert wirken.

Der Gärtner zum Beispiel wird im Laufe der Geschichte ziemlich alt. Jahre vergehen, während er für seine Pflanzenskulpturen kämpft. Am Ende hat er schon so eine Stelle auf dem Kopf, wo die Haare ganz dünn und in Altherrenmanier traurig zum sogenannten Comb-over arrangiert sind. In einer anderen Erzählung begegnet ein abgefuckt aussehender Dealer in einer Selbsthilfegruppe einer Frau, die eine Menge Entscheidungen bereut. Woanders geht es um ein Mädchen, das Stand-up-Comedian werden will. Die Welt hat sich gegen es verschworen, denn es stottert nun mal, und der Vater sagt gleich nein zum Comedian-Wunsch, denn: "Ich habe was gegen Blamagen." Aber das Mädchen riskiert die Blamage, denn aufzugeben, ohne es wenigstens versucht zu haben, wäre ja die größte Blamage überhaupt. Das sind alles kurze Geschichten, der Band hat insgesamt nur 120 Seiten. Aber keine ist banal.

Das ist übrigens auch ein Beweis dafür, dass Literatur oft gerade dann gut wird, wenn der Autor sich gedanklich mal aus seiner eigenen Lebenswelt herauswühlt. Manchmal, nicht immer natürlich, ist die Phantasie eines Menschen interessanter als sein Wurstsalat. Von Adrian Tomine ist dieser Tage noch ein anderes Buch auf Deutsch erschienen. Ein sogenanntes Memoir, was jetzt wohl die Form ist, die trendet und damit das "Erzählende Sachbuch" ablöst. Das Büchlein heißt "Szenen einer drohenden Heirat" und ist schon fünf Jahre alt; bloß hatte es bisher niemand ins Deutsche übersetzt. Wäre auch nicht nötig gewesen, muss man leider sagen. Tomine hatte das Ganze ursprünglich als Geschenk für seine Hochzeitsgäste gedacht: ein schlichter, kleiner Schwarzweiß-Comic. Toll für die Hochzeitsgäste. Nicht so toll für die Nichthochzeitsgäste, es passiert einfach gar nichts, wenn man jetzt dieses Buch liest, weder im Buch noch in einem selbst.

Man erfährt bloß, dass Adrian Tomine und seine Frau sympathische Leute sind, die ihre Hochzeitsvorbereitungen aufregend finden. Das ist so langweilig, wie anderen Leuten beim Brunchen zuzuschauen. Ja, ja, denen schmeckt es, tolle Etagere auch, aber was nützt einem das! Die kleinen Szenen handeln davon, wie Tomine und seine Frau über die Gästeliste diskutieren oder wie sie sich Locations anschauen. Beispielsweise besichtigen sie ein besonders affiges Loft, er sagt zu ihr: "Stell dir vor, du tanzt hier drin herum, schlürfst Champagner und isst albernes Catering." Sie: "Eher stürze ich mich aus dem Fenster." Dann entscheiden sie sich lieber doch für die Feier im Park. So geht es die ganze Zeit.

In "Eindringlinge" sagt der Gärtner wunderschöne Dinge, die sich auch nur so ein Gärtner, wie er es ist, ausdenken kann. Einmal, als ihn Zweifel überfallen, beschwichtigt er sich: "Vielleicht wollte ich zu viel auf einmal. Wenn ich etwas von den Pflanzen gelernt habe, dann, dass man klein anfangen muss." Später, in einer Vollmondnacht, steht er vor seinem Haus und räsoniert: "Noch der schlechteste Künstler ist weit edler als der beste Kritiker. Es ist des Künstlers Pflicht, die Nörgler zu ignorieren und zu überdauern." Er ballt die Faust. "Ein wahrer Künstler lässt sich niemals beirren . . ." Und dann hat der Gärtner eine alles verändernde Einsicht. Eine von der Art, wie man sie heute vielen Menschen wünscht, eine untwitterbare, unfacebookbare, unsnapchatbare Grundsatzerkenntnis.

Man muss Tomines Erzählungen aber nicht mal lesen. Wer dafür zu frühlingsmüde ist, kann mit dem Buch auch bloß unter einem blühenden Apfelbaum sitzen und sich die Bilder anschauen. Mit denen ist Tomine als Meister der Ligne claire bekannt geworden, vor allem mit seinen Coverillustrationen für den "New Yorker". Ein Cover zum Beispiel gibt es, das erzählt eine ganze Liebesgeschichte in einem Bild. Auf den ersten Blick sieht man da bloß einen Mann und eine Frau auf einem Bett, ihr Blick geht auf ein großes Fenster. Draußen fällt Schnee. Das Bild heißt "Perfect Storm".

In "Eindringlinge" gibt es eine Geschichte, da sieht jedes Panel so gut aus wie so ein Cover. Es sind nur siebzehn Bilder, die von einem Flug erzählen. Und zwar so, dass die Leute, die da unterwegs sind und um die es geht, überhaupt nicht zu sehen sind. Es gibt bloß eine Offstimme, die in kleinen Buchstaben in die Bilder hineinerzählt. Und da sieht man zum Beispiel das Stofftier des Kindes, das in diesem Flugzeug von Japan nach Kalifornien reist, einen Plüschkater mit schwarzem Pelz und Hütchen auf dem Kopf, und das Besondere an dem Kater sind die Nylonschnurrhaare, die total krummgedrückt sind vom vielen Kuscheln und Lieben. Auf einmal weiß man ganz schön viel über dieses Kind, das man noch nie gesehen hat und niemals sehen wird.

Die Geschichte ist 2013 in Tomines Magazin "Optic Nerve" erschienen, wie die anderen in dem Band auch. Die Gärtner-Geschichte ist von 2011, sie ist ganz anders gemacht, bis auf ein paar wenige Seiten in Schwarzweiß, fast so wie alte Zeitungsstrips. Es gibt auch eine Erzählung über ein Mädchen, das entdeckt, dass es einem Pornostar unglaublich ähnlich sieht. Was ihr geschieht, ist eine ziemlich ungewöhnliche Antwort auf die Frage, wie Männer und Frauen es jemals miteinander aushalten sollen, zumal wenn beide Internetzugang haben, was die Sache, wie man inzwischen weiß, gleichzeitig erschwert und erleichtert. Keiner weiß, was in Zukunft noch so auf Männer und Frauen zukommt, und ebendeshalb ist für dieses Buch kein besserer Zeitpunkt denkbar als genau jetzt.

Friederike Haupt

Adrian Tomine: "Eindringlinge", Reprodukt, 120 Seiten, 24 Euro; "Szenen einer drohenden Heirat", Suhrkamp, 56 Seiten, 9,95 Euro

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Der Aufstieg des Comics zur ernst genommenen Literatur hängt eng mit der Graphic Novel zusammen, weiß Thomas von Steinaecker, jenen Comic-Wälzern im Buchformat. Dabei schien die Fähigkeit zur Kürze und Dichte ein wenig abhanden gekommen zu sein, erklärt der Rezensent, der deshalb um so begeisterter von Adrian Tomines Comic-Kurzgeschichten in "Eindringlinge" ist, die ihm in ihren besten Momenten "Komplexität auf engstem Raum" bieten. Sechs Erzählungen finden sich darin, verrät von Steinaecker. Und obwohl der Rezensent sie allesamt gelungen findet, hat er doch einen klaren Favoriten: "Kaltes Wasser" erzählt die Geschichte eines stotternden Mädchens, das Stand-Up-Komikerin werden möchte, an deren Ende, zwischen zwei Panels, die krebskranke Mutter stirbt, wodurch sich die komplette Ordnung der Geschichte verschiebt, erklärt von Steinaecker begeistert.

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 15.04.2016

Lob der Lücke
„Eindringlinge“ von Adrian Tomine zeigt, was in Comics heute möglich ist – und dass ein schmaler weißer Streifen manchmal reicht, emotionale Tiefe zu erzeugen
Dick ist in. Zumindest in der Literatur, wo der beträchtliche Umfang nicht weniger Neuerscheinungen zum viel diskutierten Phänomen geworden ist. Erstaunlich ist ja nicht nur die Beharrlichkeit, mit der Autoren plötzlich die magische Marke von 1000 Seiten anpeilen, sondern auch, dass offenbar mehr und mehr Leser genau das wollen: den Wälzer. Aber eigentlich gehorcht dieser Trend einer sehr simplen Logik. Schwere Romane suggerieren buchstäblich Gewichtigkeit. Vor allem aber stellt sich bei der Lektüre in einer Epoche der Beschleunigung etwas ein, das im Alltag selten geworden ist: die Erfahrung von Dauer.
  Im Comic gilt der Satz „size matters“ schon seit Jahrzehnten, verdankt sich doch hier der bescheidene Boom zum größten Teil dem Begriff der Graphic Novel. „Heftchen“, mit denen Comics einst abwertend gleichgesetzt wurden, verwandelten sich nun in „richtige“ Bücher. Die Entwicklung, die dadurch in Gang gesetzt wurde, brachte nicht nur Gutes mit sich. Denn in Vergessenheit geriet darüber, dass die neunte Kunst vor allem eine der Kürze ist. In den ersten Zeitungsstrips standen den Zeichnern lediglich vier Bilder zur Verfügung. Um aber als Comic-Autor heute wahrgenommen zu werden, gehört es dazu, eine Graphic Novel vorzulegen.
  Vor diesem Hintergrund liest sich die Karriere Adrian Tomines mustergültig: Nach drei Bänden mit „Stories“, darunter sein internationaler Durchbruch „Sommerblond“, galt er geradezu als Personifikation dessen, was den neuen, ernsthaften Comic-Künstler ausmacht. Die Stücke erzählten im Stil einer klassischen amerikanischen Kurzgeschichte lakonisch und realistisch von teenage angst und Einsamkeit. Der Vergleich mit großen US-Realisten wie Raymond Carver war da schnell bei der Hand. Außerdem konnte Tomine einfach verflucht gut zeichnen. Seine an Daniel Clowes geschulten melancholischen urbanen Landschaften und die Jugendlichen darin sahen hinreißend cool aus, auch wenn es sich bei ihnen durchweg um ziemliche Unsympathen handelte. 2007 folgte, was zu erwarten war: eine Graphic Novel. Doch was auf kurzer Strecke so gut funktioniert hatte, wurde in „Halbe Wahrheiten“ zum Problem. So stylisch die schwarz-weißen Panels auch aussahen, so unterentwickelt blieb die Story. Nach einem nur halbwegs witzigen „Memoire“ über seine Hochzeitsvorbereitungen schien Tomine eines jener Talente geworden zu sein, die am Ende doch nicht ganz das erfüllen konnten, was man sich von ihnen erhofft hatte.
  Tomines neuester Band „Eindringlinge“ erscheint da wie ein Befreiungsschlag. Obwohl jede der sechs „Erzählungen“ stilistisch andere Wege geht, wirkt das nicht wie ein Ausprobieren, sondern wie der souveräne Neubeginn eines Künstlers, der sich nun seiner Mittel ganz sicher geworden ist: Mal wird im Stil eines Zeitungscomics erzählt, mal ohne Sprechblasen, mal klassisch in Tomines bekanntem klaren, realistischen Strich, den er zum ersten Mal dezent koloriert hat. Freilich begegnen einem hier immer noch dieselben Loser, die man aus seinen früheren Werken kennt; nur sind sie – wie ihr Autor – älter geworden und haben feste Beziehungen, was sie allerdings nicht unbedingt zufriedener oder gar weiser gemacht hat.
  Etwa die Hauptfigur in „Eine kurze Geschichte der ‚Hortiskulptur’ genannten Kunstform“, ein dicklicher Gärtner, der mehr erreichen will im Leben, als Hecken zu schneiden. Bedauerlicherweise wird aber durch seine hässlichen Pflanzenskulpturen sein mangelndes Talent für alle nur zu deutlich, außer für ihn selbst, so dass er durch seinen übersteigerten Ehrgeiz sogar das aufs Spiel setzt, was eigentlich sein größter Schatz ist, seine intakte Familie. Oder jenes Mädchen in „Amber Sweet“, das sich fragt, warum es im College von den Jungs immer so merkwürdig angeschaut wird, bis es herausfindet, dass es eine Doppelgängerin hat, eine Pornodarstellerin. Kein Wunder, dass es von da an bei Beziehungen eine gewisse Paranoia entwickelt.
  Tatsächlich schafft es Tomine bei aller stilistischen und erzählerischen Brillanz nur in zwei Geschichten, sein altbekanntes Personal aus egozentrischen Losern, bei denen einen oft das ungute Gefühl beschleicht, sie würden vorgeführt, gänzlich hinter sich zu lassen. „Übersetzt aus dem Japanischen“ ist eine Übung in Komplexität auf engstem Raum. Auf acht Seiten sehen wir wortlose Ansichten einer Reise von Japan nach Kalifornien; erst der Begleittext in Form eines Briefes macht klar, worum es sich handelt: Eine japanische Mutter besucht nach einer Beziehungskrise mit ihrer kleinen Tochter deren amerikanischen Vater und erzählt ihr viele Jahre später davon. Wunderbar, wie sich hier Bild und Text auf eine neue, selten so gesehene Art und Weise ergänzen, etwa wenn die Ich-Erzählerin von einem anderen Leben mit einem der Fluggäste träumt und wir dabei nur das Flugzeug von außen sehen. Alles hier ist buchstäblich „in der Luft“.
  Den Höhepunkt der Sammlung stellt aber „Kaltes Wasser“ dar. Auf 22 Seiten träumt eine von Komplexen belastete 14-Jährige, die noch dazu stottert, ausgerechnet von einer Karriere als Stand-up-Comedian. So unbeholfen ihr Vater darauf reagiert, so einfühlsam geht ihre Mutter mit der vorprogrammierten Katastrophe um. Und ebenso unbarmherzig wie das Leben selbst läuft währenddessen die Sequenz der Bilder ab, fast immer briefmarkengroß und mit stets der ähnlichen klaustrophobischen Nahansicht einer Figur – bis dann plötzlich ein Panel fehlt. Nur langsam realisieren wir: Die Mutter, die zuvor ihr Haar verlor, ist an Krebs gestorben; und plötzlich zeigt sich die gesamte Handlung und das seltsam verzweifelte Verhalten der Figuren in neuem Licht. Wenn am Ende Vater und Tochter zueinanderfinden, gelingt Tomine, recht untypisch für ihn, ein versöhnliches Ende, das tief bewegt. Nicht zufällig bezeichnete kein anderer als Chris Ware diese Geschichte als einen der Höhepunkte der neunten Kunst.
  So zeigt „Eindringlinge“ auf geradezu beispielhafte Weise, was in Comics heute möglich ist – und dass es für die Lektüreerfahrung von Dauer und in diesem Fall auch emotionaler Tiefe manchmal nicht mehr als eines schmalen weißen Streifens bedarf. Die Lücke zwischen zwei Bildern.
THOMAS VON STEINAECKER
  
Adrian Tomine: Eindringlinge. Aus dem Englischen von Björn Laser. Reprodukt Verlag, Berlin 2016. 120 Seiten, 24 Euro.
Unbarmherzig wie das Leben selbst läuft in der Erzählung „Kaltes Wasser“ die Sequenz der Bilder ab.
Foto: Reprodukt
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