Aufzeichnungen aus Jerusalem - Delisle, Guy
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Bereits 2005 begleitete Guy Delisle seine Frau, die für die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen arbeitet, nach Birma. Zwei Jahre später folgt ein einjähriger Aufenthalt der inzwischen vierköpfigen Familie in Israel. Zwischen Haushalt, Kinderpflege und dem Versuch, ein neues Projekt in Angriff zu nehmen, erkundet der Zeichner Jerusalem und kommt ganz allmählich hinter die Geheimnisse der Heiligen Stadt.In gewohnt lakonisch-humorvoller Manier beobachtet Guy Delisle den Alltag in Jerusalem und zeichnet so ein sehr persönliches Bild eines Landes, das wie kein zweites von jahrzehntelangen blutigen Konflikten geprägt ist.…mehr

Produktbeschreibung
Bereits 2005 begleitete Guy Delisle seine Frau, die für die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen arbeitet, nach Birma. Zwei Jahre später folgt ein einjähriger Aufenthalt der inzwischen vierköpfigen Familie in Israel. Zwischen Haushalt, Kinderpflege und dem Versuch, ein neues Projekt in Angriff zu nehmen, erkundet der Zeichner Jerusalem und kommt ganz allmählich hinter die Geheimnisse der Heiligen Stadt.In gewohnt lakonisch-humorvoller Manier beobachtet Guy Delisle den Alltag in Jerusalem und zeichnet so ein sehr persönliches Bild eines Landes, das wie kein zweites von jahrzehntelangen blutigen Konflikten geprägt ist.
  • Produktdetails
  • Verlag: Reprodukt
  • Seitenzahl: 336
  • Erscheinungstermin: März 2012
  • Deutsch
  • Abmessung: 244mm x 164mm x 44mm
  • Gewicht: 1008g
  • ISBN-13: 9783943143041
  • ISBN-10: 394314304X
  • Artikelnr.: 34625796
Autorenporträt
Guy Delisle, geboren 1966 in Québec, Kanada, lebt seit Anfang der 90er-Jahre im französischen Montpellier. Nach dem Kunststudium arbeitete er mehrere Jahre in Animationsstudios rund um den Globus, bevor er sich dem Comic widmete. Mit "Shenzhen", "Pjöngjang" und "Aufzeichnungen aus Birma" hat er bereits drei Reiseberichte vorgelegt, in denen er seine Aufenthalte in Asien schildert.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Drei Comic-Reportagen hat Thomas von Steinaecker sich angesehen, ein Genre, das stark im Trend liegt und der klassischen Reportage mitunter überlegen ist, wie er anmerkt. Guy Delisles hat zur Darstellung des palästinensisch-israelischen Konflikts das auf den ersten Blick "paradoxe " Stilmittel des Cartoons gewählt, das sich aber für den Rezensenten als absolut stimmig herausstellt. Die humorvolle Herangehensweise erstickt schon im Keim jegliches Pathos oder allzu parteiliche Sichtweisen, meint Steinaecker, der in den komischen eben auch die kritischen Möglichkeiten dieser Reportage gegeben sieht. Delisle berichtet aus der unaufgeregten Sicht eines Hausmannes, der mit seinen beiden Kindern seine Frau nach Ostjerusalem begleitet, die dort für die Ärzte ohne Grenzen arbeitet, erklärt der Rezensent. Damit hat er vor allem einen Blick für die absurden Alltagsbegebenheiten, aus denen sich aufschlussreiche Erkenntnisse für die politische Lage ergeben, so Steinaecker anerkennend. Wenn ihm auch auffällt, dass der Zeichner sich nicht völlig dem "Horror" des wütenden Konflikts ausliefert. Und wenn er auch etwas zu intensiv die Entlarvung von religiösen Fanatikern genießt, insgesamt hat Steinaecker diese Comic-Reportage sehr beeindruckt und findet sie zurecht mit einem Preis in Angoulême ausgezeichnet.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 13.03.2012
Das Leben
ist ein Cartoon
Wenn der Comic zur Polit-Reportage wird:
Guy Delisle, Maximilien Le Roy und
das Trio Emmanuel Guibert, Alain Keler
und Frédéric Lemercier machen vor, wie
das geht Von Thomas von Steinaecker
Was die Darstellung der Wirklichkeit angeht, scheinen Film und Fotografie gegenüber dem Comic unschlagbar im Vorteil zu sein, handelt es sich bei Comics doch um Karikaturen, um die Verzerrung der Verhältnisse also. Natürlich ist genau das ein Trugschluss. Eine vermeintliche Schwäche wird hier zum Trumpf. Denn wo die klassischen Medien der Dokumentation einigen Aufwand betreiben müssen, damit man ihnen gerade nicht auf den Leim geht und das Abgebildete für die Wahrheit hält statt für lediglich eine Perspektive unter vielen, ist bei jedem Comic vom ersten Bild an klar: Die Realität ist eine Konstruktion.
Diese Ausgangssituation, die viel dramaturgisches und formales Potential in sich birgt, mag einer der Gründe für den erstaunlichen Boom der Genres des Authentischen im Comic sein. Seit einigen Jahren sind es Autobiographien und Biographien, die den Markt dominieren. Und es ist insbesondere die gezeichnete Reportage, in der die Neunte Kunst einen weiteren Vorteil gegenüber anderen Medien ausspielen kann: Sie wird unterschätzt. Das ermöglicht es Zeichnern, selbst dort noch mit dem Stift in der Hand Eindrücke festzuhalten, wo keine Kameras mehr zugelassen sind. Dafür, diese neue Art des Journalismus als Erster genutzt und populär gemacht zu haben, ist dem maltesisch-amerikanischen Künstler Joe Sacco ein Platz in der Comicgeschichte sicher. Während der ersten Intifada hielt er sich in besetzten palästinensischen Gebieten auf und veröffentlichte 1996 seine Erlebnisse in dem Comic „Palästina“ – eine kleine Sensation, die bis heute nichts von ihrer Kraft eingebüßt hat.
Doch wenn sich damals das Nischen-Medium Comic sinnigerweise Randregionen widmete, die viele buchstäblich nicht auf dem Schirm hatten, so hat sich inzwischen die Lage entscheidend geändert. Die auf allen Kanälen stetig anschwellende Flut der Bilder macht es schwieriger denn je, visuell Subtiles und doch Einprägsames zu produzieren – gerade auch im Comic, der ja schon länger im Begriff ist, durch seine anspruchsvollen Arbeiten den klassischen Buchmarkt zu erobern. Drei gezeichnete Reportagen zeigen nun nicht nur die erstaunliche Bandbreite von Möglichkeiten, die der Neunten Kunst bei der Berichterstattung vor Ort zur Verfügung stehen, sondern auch die Probleme, die damit einhergehen.
Als vor einigen Jahren „Der Fotograf“ erschien, war klar, dass man es hier mit einem in jeder Hinsicht innovativen Comic zu tun hatte: In einer faszinierenden Mischung aus tiefenscharfen Schwarz-Weiß-Fotos und flächig kolorierten Zeichnungen erzählte der Fotograf Didier Lefèvre zusammen mit den Zeichnern Emmanuel Guibert und Frédéric Lemercier von seinen Erlebnissen bei den „Ärzten ohne Grenzen“ im Afghanistan der 1980er Jahre. Mit „Reisen zu den Roma“, der dasselbe Verfahren nutzt, liegt nun sozusagen die Fortsetzung dieses Projekts vor. Wieder mit dabei sind Guibert und Lemercier; nur die Hauptrolle des Fotografen wurde nach dem frühen Tod Lefèvres von seinem Kollegen, dem Franzosen Alain Keler, übernommen. Zwischen 1999 und 2008 hat er zahlreiche Roma-Lager in Kosovo, in Tschechien, Italien und Frankreich besucht. Und was er da mitten in Europa und am Ende sogar vor der eigenen Haustür findet, ist ebenso erschütternd wie empörend. In Belgrad führt eine Sozialarbeiterin Keler zu einer Müllkippe unter einer Autobahnbrücke, wo über 50 Roma-Familien hausen; im tschechischen Litvinov hält der entsetzte Fotograf einen Neonaziaufmarsch fest, der einem Stadtrat eine Petition zur Ausweisung der Roma überreicht; und ausgerechnet in Paris wird dieses Begehren in die Tat umgesetzt: Trotz zahlreicher Proteste aus dem Ausland ordnet Sarkozy die Abschiebung von Hunderten Roma an.
Ohne Zweifel ist Kelers, Guiberts und Lemerciers Unternehmen höchst ehrenwert und wichtig. Trotzdem bleibt das Buch hinter der künstlerischen Qualität und dem Informationsgehalt der „Fotografen“-Bände zurück. Es mag daran liegen, dass Keler die richtigen Mittelsmänner fehlen oder sich die Roma gegenüber Fremden aus Prinzip extrem verschlossen geben – in den kurzen Episoden taucht man nie wirklich in ihre Welt ein. Welche Strukturen liegen ihren Lagern zugrunde? Was sind die Konflikte, die der Zwangsräumung ihrer Baracken in Paris vorausgingen? Darauf erhält man kaum Antworten. Stattdessen moralisiert Keler, indem er Offensichtliches verbalisiert. Ein einziges Mal wagt er eine Provokation und stellt Fotos seiner im KZ ermordeten Großeltern neben jene einer Roma-Familie, die Opfer eines Neonazi-Anschlags wurden. Ansonsten bleiben die Bilder und Zeichnungen von melancholischen und im nächsten Moment überschwänglich feiernden Roma hart an der Grenze zum Kitsch. Vielleicht haben die Autoren diese Mängel selbst bemerkt, denn ein Drittel des Buches machen das Vor- und Nachwort Kelers sowie Anmerkungen aus, in die alle Informationen gepackt wurden, die der Reportage fehlen.
Obwohl stilistisch völlig anders, hat auch der Comic „Die Mauer. Bericht aus Palästina“ des jungen Franzosen Maximilien Le Roy mit ähnlichen Problemen zu kämpfen. Sehr poetisch wird hier ausschließlich aus der Ich-Perspektive des 22-jährigen Palästinensers Mahmoud erzählt. In einem Flüchtlingslager im Westjordanland arbeitet er kurz vor der israelischen „Operation Gegossenes Blei“ 2008 im kleinen Lebensmittelladen seiner Eltern und vertreibt sich die Langeweile mit Zeichnen und Liebeleien. Die meiste Zeit jedoch reflektiert er über die Lage seines Landes, und inwiefern diese den Terrorismus rechtfertigt. In der eindrücklichsten Passage des Buches, die sich an Picassos „Guernica“ anlehnt, erfahren wir von dem Trauma, das Mahmouds Leben bestimmt. Er hatte sich von dem Geld, das er in Israel verdiente, einen kleinen Bauernhof gekauft. Eines Tages wurde er von israelischen Soldaten zu einem vermeintlich harmlosen Behördengang abgeholt; als er zurückkam, hatte man sein Haus zerstört und sein Vieh niedergemetzelt. Kurz darauf wurde an derselben Stelle eine israelische Siedlung gebaut.
Durch die Ich-Perspektive teilt sich Mahmouds ausweglose Lage direkter und damit erschütternder mit als jede einzelne Geschichte in „Reisen zu den Roma“. Das hat auch mit den meisterhaften Kohlezeichnungen Le Roys zu tun, die, detailarm, aber realistisch, überwiegend in kühlem Grün gehalten sind, was Mahmouds eingestreute grelle Skizzen von Träumen und Erinnerungen umso surrealer wirken lässt. Allerdings kann die ansprechende Ästhetik des Bandes nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Plot arg dünn geraten ist. Wie bei Keler, Guibert und Lemercier wird auch hier massenweise Stoff durch längere Anhänge nachgeliefert. Auf die gezeichnete Geschichte folgen ein Fotoalbum Mahmouds, eine stimmungsvolle Fotoreportage vom Leben entlang der über 700 Kilometer langen israelischen Sperranlagen sowie ein Interview mit dem Chefredakteur von Le Monde diplomatique über die öffentliche Wahrnehmung des Palästina-Konflikts in jüngster Zeit. Eher hat man es hier also mit einer Materialsammlung zu tun als allein mit einem Comic.
Einen völlig anderen und auf den ersten Blick paradoxen Weg geht der Kanadier Guy Delisle. Auch er schreibt über Israel und Palästina zur Zeit der „Operation Gegossenes Blei“; aber er tut dies mit den Mitteln des Cartoons. Überraschenderweise wirkt sein Humor niemals fehl am Platz, ja, er verhindert sogar von vornherein jede Art von falschem Pathos und Parteilichkeit. Dabei beziehen Delisles „Aufzeichnungen aus Jerusalem“ ihr in gleichem Maße komödiantisches wie auch kritisches Potential aus einer simplen Ausgangssituation: Im Unterschied zu Keler oder Sacco ist Delisle nicht der typische Reporter, der sich selbst mit einem gewissen Kitzel in Extremsituationen und damit Gefahr begäbe; stattdessen gerät er wie bereits in seinen vorangegangenen Büchern eher zufällig in eine weitere Krisenregion dieser Welt, nach Ostjerusalem, wohin er als Hausmann seine Frau, die für „Ärzte ohne Grenzen“ arbeitet, zusammen mit den beiden kleinen Kindern für ein Jahr begleitet. Schnell schälen sich aus den unforcierten Alltagsbeobachtungen erhellende Aussagen über die politische Lage heraus, etwa wenn Delisle bei einem gemütlichen Zoobesuch einem israelischen Familienvater mit Kinderwagen und umgehängtem Maschinengewehr begegnet. Der reduzierte Cartoonstil wird zur absolut angemessenen, ja vor allem logischen Form, um die Sinnlosigkeit der Separationsvorschriften und die daraus folgenden Absurditäten des Lebens in Israel anschaulich zu machen. So kaufen im Supermarkt einer israelischen Siedlung wegen des guten Angebots auch Palästinenser ein, wie umgekehrt ultra-orthodoxe Siedler selbstverständlich ihre Autos in palästinensischen Werkstätten reparieren lassen – weil es dort günstiger ist als anderswo.
Mag sein, dass Delisle letztlich vor dem blanken Horror des palästinensischen und israelischen Terrors zurückschreckt, den Sacco und Le Roy beschreiben, und dass er es etwas zu sehr auskostet, religiösen Fanatikern den falschen Heiligenschein herunterzureißen. Am Ende wirken aber Bilder wie jenes des winzigen Hubschraubers, in dem der Papst über Jerusalem kreist, wesentlich subtiler als das deprimierende Schicksal Mahmouds in „Die Mauer“. Völlig zu Recht hat Delisle dafür dieses Jahr in Angoulême den Preis für das beste Album erhalten.
Der Comicstil wird zur absolut
logischen Form, um die
Absurditäten aufzuzeigen
Guy Delisle
Aufzeichnungen aus Jerusalem
Comic. Aus dem Französischen von Martin Budde. Reprodukt, Berlin 2012. 336 Seiten, 29 Euro.
Maximilien Le Roy
Die Mauer
Comic. Aus dem Französischen von David Basler. Edition Moderne,
Zürich 2012. 104 Seiten, 19,80 Euro.
Emmanuel Guibert / Alain Keler / Frédéric Lemercier
Reisen zu den Roma
Comic. Aus dem Französischen von Wolfgang Bortlik. Edition Moderne, Zürich 2012. 88 Seiten, 25 Euro.
Mahmoud lebt in einem Flüchtlingslager im Westjordanland und vertreibt sich die Zeit mit Zeichnen und Liebeleien. Die Beengtheit seines Lebens lässt seine Träume besonders grell leuchten: Ausschnitt aus Maximilien Le Roys „Die Mauer“. Abb.: Le Roy/Edition Moderne
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