Große Fuge - Braun, Volker
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»Was haben Sie 2020 gemacht?« In dem Jahr, in dem die Welt »bewegt ist, miteinmal, stillezustehn«. Als die Straßen »entmenscht« sind, die Stadt ruhiggestellt ist und »die Logik der Rettung« lautet: »Nicht vor Publikum, nicht in dieser Saison«. Während »Wetterwandel« und »Weltenaufruhr« andernorts weitertoben: Im Anthropozän findet der Mekong sein Delta nicht mehr, fressen sich Brände in den trockenen Wald, herrscht ein »Krieg der Landschaften«. Und inmitten all dessen wir - der so moderne, aber doch vergängliche Mensch, der »Mensch der Katastrophe«, zu allem fähig, im Guten wie im Schlechten,…mehr

Produktbeschreibung
»Was haben Sie 2020 gemacht?« In dem Jahr, in dem die Welt »bewegt ist, miteinmal, stillezustehn«. Als die Straßen »entmenscht« sind, die Stadt ruhiggestellt ist und »die Logik der Rettung« lautet: »Nicht vor Publikum, nicht in dieser Saison«. Während »Wetterwandel« und »Weltenaufruhr« andernorts weitertoben: Im Anthropozän findet der Mekong sein Delta nicht mehr, fressen sich Brände in den trockenen Wald, herrscht ein »Krieg der Landschaften«. Und inmitten all dessen wir - der so moderne, aber doch vergängliche Mensch, der »Mensch der Katastrophe«, zu allem fähig, im Guten wie im Schlechten, stets menschlich.
Die neuen Gedichte von Volker Braun vermessen eine Welt, einen Alltag im Wandel. Immer politisch, immer sozial zeigt sich der Mensch in diesem Dazwischen. Und kann sich - trotz allen Fortschritts - die Natur am Ende doch nicht unterwerfen. Aber im ewigen Werden und Vergehen liegt auch ein gewisser Trost.
  • Produktdetails
  • Verlag: Suhrkamp / Suhrkamp Verlag
  • Seitenzahl: 53
  • Erscheinungstermin: 10. Mai 2021
  • Deutsch
  • Abmessung: 238mm x 144mm x 15mm
  • Gewicht: 158g
  • ISBN-13: 9783518430217
  • ISBN-10: 3518430211
  • Artikelnr.: 60994596
Autorenporträt
Braun, Volker§Volker Braun, 1939 in Dresden geboren, arbeitete in einer Druckerei in Dresden, als Tiefbauarbeiter im Kombinat Schwarze Pumpe und absolvierte einen Facharbeiterlehrgang im Tagebau Burghammer. Nach seinem anschließenden Philosophiestudium in Leipzig wurde er Dramaturg am Berliner Ensemble. 1983 wurde Volker Braun Mitglied der Akademie der Künste der DDR, 1993 der (gesamtdeutschen) Akademie der Künste in Berlin. 1996 erfolgte die Aufnahme in die Sächsische Akademie der Künste und in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung. Im Wintersemester 1999/2000 erhielt er die Brüder-Grimm-Professur an der Universität Kassel. Von 2006 bis 2010 war Volker Braun Direktor der Sektion Literatur der Akademie der Künste. Er erhielt zahlreiche Preise, u.a. den Georg-Büchner-Preis im Jahr 2000. Volker Braun lebt heute in Berlin.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur Dlf Kultur-Rezension

Hymnisch bespricht Rezensent Michael Braun diesen Band mit Corona-Gedichten von Volker Braun. Dabei handelt es sich keineswegs um "Quarantänelyrik", versichert der Kritiker, der Brauns neuen Gedichtband in einem Atemzug mit Dante und Ezra Pound nennt. Wie jene nehme auch Braun eine "globale Perspektive" ein, fährt der Rezensent fort, der vor allem die Wucht und Schärfe bewundert, mit der der Dichter den Zustand einer während der Pandemie "zutiefst verstörten Gesellschaft" in Worte fasse. Statt "wohlfeiler Meinungsfreude" findet der Kritiker hier eine erstaunliche Stilsicherheit, mit der Braun das Corona-Thema zwischen Mythologie und Marxismus banne und in die Zeitgeschichte einordne.

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 12.06.2021

Das Naheliegende birgt das Geheimnis
Wenn das Unbewusste keine Bilder mehr liefert: Volker Brauns neue Gedichte sind durchsetzt von pandemischer Not
Das Coronavirus ist mehr als bloß ein Krankheitserreger. Es dringt in alle Gesellschaftsbereiche ein, indem es das Sozialverhalten verändert. Es ist nicht nur ein biologisches Problem für den Körper, sondern wirkt genauso infektiös auf die Psyche, auf Träume, Bewusstsein und Unbewusstes. Also verbreitet sich das Virus auch im Grenzbereich zwischen Schlaf und Wachen, wo die „Große Fuge“, der neue Gedichtband von Volker Braun angesiedelt ist. „Seit langem träume ich nicht“, bekennt der Büchnerpreisträger in einer Art prosaischem Prolog, und liefert auch gleich die Diagnose dazu: „kein Homeoffice im Schlaf“.
Nur ein Wachtraum stellt sich ein, der „von einer Sache, die nicht in der Welt ist“ handelt. Doch dagegen steht „eine Welt, die nicht meine Sache ist“. In diesem dialektischen Spannungsfeld zwischen Hoffnung und Verzweiflung, Utopie und Untergang bewegt sich Brauns virale Lyrik, die das eigene „Schmerzgedächtnis“ durchforscht, mit Dante den „Sechsten Kreis“ der Hölle durchmisst und erkennt, dass die virusinduzierte Berührungslosigkeit sich bestens mit der „Me Too“-Ästhetik verbindet. Vorsicht und Abstand sind in jeder Hinsicht geboten, sodass Braun sarkastisch kommentiert: „also das Abendland geht ohne Abschied / Ein Winkewinke, das wars.“
In diese Erfahrung von Körperlosigkeit und Kulturzerfall fügt sich die Erinnerung an eine flüchtige Liebe, an einen zarten Kuss, aus dem nichts folgte, ein aufgeknöpftes Kleid, zitternde Nüstern, Hals, Wange, Mund, das „angstlos“ gezeigte „nackte Gesicht“ in „normalen Zeiten“. Denn wie wäre das heute, mit Mundschutz, ohne Zunge und Zähne, der Kuss nur gehaucht und „mit vorsichtshalber geschlossenen Augen“? Kein Wunder, dass das Unbewusste keine Bilder mehr liefert und die Gedichte durchsetzt sind von pandemischer Not. Doch mit der Philosophin Donna Haraway und ihrer Cyborg- und Transgender-Forschung hält Braun auch hier dagegen und spricht in die Zukunft hinein: „Warum sollte der Körper an der Haut enden oder nur aufnehmen, was in Haut genäht ist?“ Wenn sich das Geschlecht schon „mit einem Sprechakt ändern“ lässt, was hält den Menschen dann fest in seinem verletzlichen Leib?
Das erste Gedicht des Bandes ist mit „Nach unserer Zeit“ überschrieben. Da treibt eine weiße Yacht mit gebrochenem Mast, bewegungsunfähig, irgendwo bei den Philippinen im Ozean. An Bord die Leiche eines Mannes, zusammengesackt wie dreckiger Sand. Dieses Geisterschiff ist Brauns Menetekel, Bildnis der Menschheit „in ihrem Fahrzeug nach ihrer Zeit“, und so ist es nur konsequent, wenn das letzte Gedicht dann „Geisterstunde“ heißt.
Da besuchen die lebenden Dichter – Hensel, Teschke, Tragelehn, Gröschner – ihre toten Kollegen auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin – Zweig, Müller, Hacks, Hilbig, Brecht, Seghers, – und lassen sie, indem sie deren Verse zitieren, lebendig werden. Die Toten brauchen die Lebenden, weil sie keine Zungen, keine Eingeweide und kein Gedächtnis haben. Doch währenddessen verwandeln sich die Lebenden in Gespenster, unter deren Schritten der Kies knirscht.
Brauns Gedichte sind Werkstücke aus dem Steinbruch der Traditionen, Collagen aus Material von Hölderlin, Kleist, Müller oder Meinhof, „Tonkrieger“ aus der Töpferwerkstatt, wie ein Kapitel des schmalen Bandes heißt. Braun inszeniert das Material „als Gespräch mit sich selbst“, sichtbar zum Beispiel in dem Gedicht „K wie Kertész“, das Zitate aus Imre Kertész’ Tagebuch „Letzte Einkehr“ mit Erinnerungen an eine persönliche Begegnung verknüpft. Der Dichter Volker Braun ist ein Arbeiter in der Wörterwerkstatt und lässt sich dabei zusehen, wie er an seine Gegenständen formt und schleift. Dabei schreckt er auch vor Kalauern nicht zurück, wenn aus der Katharsis in Corona-Zeiten die Katarrhsis wird und aus dem als „Eisern Union“ firmierenden Berliner Fußballverein „Bleiern Union“. Doch so bleiern die Zeit und die Zustände auch sein mögen, versucht Braun dem „beinahe heillosen Stillstand“ in der „wie ein Pestpatient ruhiggestellten Stadt“ doch etwas Gutes abzugewinnen. Wenn die Straßen „entmenscht“ und „von der Krätze der Kunden befreit“ sind, dann ist schon das aus kapitalismuskritischer Perspektive durchaus begrüßenswert. Rudolf Bahro, der in dem Gedicht „Der Aussätzige“ als Geist ohne Mundschutz, doch mit Meditationskissen ausgerüstet, erscheint, könnte dafür der Kronzeuge sein. Seine Rettung ist das Nichtstun. Nur Entschleunigung bis hin zum Stillstand lässt hoffen.
Zwei Mal kommt in Brauns großer Fuge das Wort „mitleidenschaftlich“ vor. Da argumentiert er „gemeinsüchtig“ mit Marx, appelliert an das „Menschenmögliche“, was auch immer das ist. „Die Hoffnung lag im Weg wie eine Falle“, hat Volker Braun in der Nachwendezeit im Rückblick auf den Sozialismus gedichtet, als „sein Land“, die DDR, in den Westen ging. Mittlerweile hat sich die Perspektive umgekehrt. Der Blick geht nicht zurück, sondern nach vorn. Da aber gilt es, gegen den Untergang und das „Winkewinke“, mit dem sich das Abendland verabschiedet, einen Rest Hoffnung und Aufbruch zu verteidigen. So ist die „Große Fuge“ letztlich wohl ein hoffnungsvoller Zyklus.
JÖRG MAGENAU
Was hält den Menschen
eigentlich in seinem
verletzlichen Körper?
Volker Braun:
Große Fuge.
Suhrkamp Verlag,
Berlin 2021.
56 Seiten, 16 Euro.

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