Ulbrichts Scheitern - Kubina, Michael
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Hatte SED-Chef Walter Ulbricht tatsächlich nicht "die Absicht, eine Mauer zu errichten"? Michael Kubina interpretiert deutsche und russische Quellen aus ihrem historischen Kontext heraus und kommt mit diesem neuen Ansatz zu dem Schluss, dass Ulbricht und die SED-Führung die "Republikflucht" zunächst nicht als sonderlich bedrohlich wahrnahmen, sondern in den Flüchtlingen vor allem "Klassenfeinde" sahen, auf die verzichtet werden konnte. Von der perspektivischen Überlegenheit des Sozialismus waren sie ohnehin fest überzeugt. Erst als die Abwanderung ein bedrohliches Ausmaß annahm, entschied…mehr

Produktbeschreibung
Hatte SED-Chef Walter Ulbricht tatsächlich nicht "die Absicht, eine Mauer zu errichten"? Michael Kubina interpretiert deutsche und russische Quellen aus ihrem historischen Kontext heraus und kommt mit diesem neuen Ansatz zu dem Schluss, dass Ulbricht und die SED-Führung die "Republikflucht" zunächst nicht als sonderlich bedrohlich wahrnahmen, sondern in den Flüchtlingen vor allem "Klassenfeinde" sahen, auf die verzichtet werden konnte. Von der perspektivischen Überlegenheit des Sozialismus waren sie ohnehin fest überzeugt. Erst als die Abwanderung ein bedrohliches Ausmaß annahm, entschied Chruschtschow, das Fluchtproblem durch die Schließung der Sektorengrenze in Berlin zu lösen. In zweifacher Hinsicht war Ulbricht gescheitert: Das für 1961 angekündigte "Überholen" Westdeutschlands war nichts als Illusion, und West-Berlin wurde als "Pfahl im Fleisch der DDR" konserviert.
  • Produktdetails
  • Beiträge zur Geschichte von Mauer und Flucht
  • Verlag: Ch. Links Verlag
  • Seitenzahl: 520
  • Erscheinungstermin: 5. November 2013
  • Deutsch
  • Abmessung: 212mm x 158mm x 46mm
  • Gewicht: 855g
  • ISBN-13: 9783861537465
  • ISBN-10: 386153746X
  • Artikelnr.: 38152093
Autorenporträt
Kubina, Michael
Jahrgang 1958, Studium der Theologie in Ost-Berlin sowie der Ost- und Südosteuropäischen Geschichte, Politikwissenschaft und Slawistik an der Freien Universität in West-Berlin; 2000 Promotion, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Projektleiter u.a. im Forschungsverbund SED-Staat der FU Berlin, im Bundesarchiv und im Institut für Zeitgeschichte.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Einen Popanz errichtet und bekämpft der Historiker Michael Kubina laut Ulrich Mählert auf über 500 Seiten. Dass der Autor damit keinen großen Wurf landet, steht für den Rezensenten fest. Zu detailverliebt geht der Autor gegen die These an, Ulbricht habe seit den frühen 50ern auf den Mauerbau hingearbeitet, und bietet eine nach Mählerts Meinung sperrig strukturierte Kampfansage gegen Mauerbauspezialisten, wie Stefan Creuzberger und Gerhard Wettig, die er allerdings fleißig rezipiert, wie der Rezensent den Fußnoten entnimmt. Die Einsicht, die dabei herausspringt, ist für Mählert nicht neu. Spezialisten immerhin empfiehlt er den Band als Quelle für historische Details und entlegene Literatur.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 21.01.2014
Gegen westliche
„Wühlarbeit“
Michael Kubina untersucht, wann Ulbricht
auf die Idee kam, eine Mauer zu bauen
VON ULRICH MÄHLERT
Zwischen 1949 und 1961 verließen fast drei Millionen Menschen die DDR nach Westen. Diese Abstimmung mit den Füßen delegitimierte die DDR und destabilisierte ihre Wirtschaft. Ab 1960 stiegen die monatlichen Flüchtlingszahlen so sehr an, dass nur der Mauerbau den Kollaps des Staates abwenden konnte. Der 13. August 1961 war die Konkurserklärung des SED-Regimes, das sich nur behaupten konnte, indem es die Ostdeutschen einsperrte.
  Diese Zeilen bilden den gemeinsamen Nenner unzähliger Publikationen, die seit einem halben Jahrhundert zur Geschichte der Mauer erschienen sind. Neben dem Volksaufstand 1953, der friedlichen Revolution 1989 und der „Stasi“ zählt sie zu den am besten erforschten Themen der DDR-Geschichte. Umso bemerkenswerter ist es, dass die Entscheidungsabläufe, die 1961 zum Mauerbau führten, bis heute nicht vollständig rekonstruiert sind.
  Dies gilt vor allem für die Frage, ob der Mauerbau in erster Linie ein sowjetisches Projekt war oder ob es sich um „Ulbrichts Mauer“ handelte, wie Hope M. Harrison 2011 ein Buch überschrieb. Dessen Untertitel lautete pointiert: „Wie die SED Moskaus Widerstand gegen den Mauerbau brach“. Die amerikanische Historikerin ist überzeugt, die SED habe Moskau bereits in den 1950er-Jahren wiederholt zur Abriegelung Westberlins gedrängt, um die Westflucht zu unterbinden. Dort habe man jedoch den Konflikt mit den Westmächten gescheut. Wann genau wo die Entscheidung zum Mauerbau getroffen worden ist, lässt sich aus DDR-Akten nicht rekonstruieren. Die Antwort liegt in Moskauer Archiven, die nur sehr eingeschränkt zugänglich sind.
  Umso größere Aufmerksamkeit genießen die wenigen DDR-Forscher, die der russischen Sprache mächtig sind und mit viel persönlichem Einsatz trotz aller Willkür in Moskau immer wieder neue Dokumente finden. Zu diesen Historikern zählen Stefan Creuzberger und vor allem auch Gerhard Wettig. Beide haben, wie auch Harrison, in den vergangenen zwei Jahrzehnten wichtige russische Dokumente erschlossen und neue Einsichten in die Geschichte der Teilung ermöglicht. Die drei Historiker sehen einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen den Flüchtlingszahlen und den Ostberliner Planspielen zur Abriegelung Westberlins aus den 1950er-Jahren. Und die drei kommen zu der mal mehr und mal weniger explizit formulierten Schlussfolgerung, Ulbricht habe mit dem Mauerbau von 1961 ein seit Jahren verfolgtes Ziel erreicht.
  „Warum der SED-Chef nicht die Absicht hatte, eine ,Mauer‘ zu errichten, sie aber dennoch bauen ließ“, lautet demgegenüber der Untertitel eines Buches von Michael Kubina, das jüngst in der Schriftenreihe der Stiftung Berliner Mauer erschienen ist. Es ist das Ergebnis eines DFG-Projekts, in dem der Berliner Historiker zwischen 2007 und 2010 den Umgang der SED-Führung mit der Berliner Mauer zwischen 1961 und 1989 erforschen sollte.
  Offenkundig war Kubina jedoch so sehr von der Vorgeschichte seines Themas fasziniert, dass es „zu einer Verschiebung des thematischen Schwerpunktes“ gekommen sei, wie er in seiner Einleitung schreibt. Und so ist sein Buch nun den Jahren 1945 bis 1961 gewidmet und verwirft die „bisherige, verbreitete Lesart, wonach Ulbricht bereits seit Anfang der 50er-Jahre die Absicht gehabt habe, in Berlin eine ,Mauer‘ zur Verhinderung der Flucht seiner Bürger zu bauen“, als „wissenschaftlich unhaltbar“.
  Tatsächlich hat Kubina gute Argumente gegen die These, Ulbricht und Co. hätten seit den frühen 1950er-Jahren auf den Mauerbau hingearbeitet, um den Flüchtlingsstrom zu unterbinden. Er macht deutlich, dass die SED-Führung die Abwanderung in den Westen zunächst gar nicht als vordringliches Problem wahrgenommen hat. Die wiederholten Planungen, die Sektorengrenzen in Berlin strikt zu kontrollieren, seien – ebenso wie die Abriegelung der innerdeutschen Grenze ab 1952 – vor allem gegen vermeintliche und tatsächliche „westliche Wühlarbeit“ gerichtet gewesen.
  Erst als in der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre die forcierten Bemühungen scheiterten, die Menschen mit Zuckerbrot und Peitsche zum Bleiben zu bewegen, hätten in der SED-Führung, aber auch in Moskau zunehmend die Alarmglocken geschrillt. Denn nicht nur Jungarbeiter verließen zuhauf den Arbeiter- und Bauernstaat, sondern vor allem auch dringend benötigte Wissenschaftler, Ingenieure und Ärzte.
  Dennoch schien die Lösung des Problems für die SED damals in greifbarer Nähe zu sein. Die wähnte sich nämlich 1958/59 auf der Zielgeraden der Systemkonkurrenz: Bis 1961 würde man die Bundesrepublik ökonomisch überflügeln, so war man sich in „Pankow“ sicher. Dafür sorge nicht nur der neue Siebenjahresplan, sondern auch die fest erwartete Überproduktionskrise der kapitalistischen Staaten, die dem westdeutschen Wirtschaftswunder den Garaus machen würde.
  Auch das Problem Westberlin schien nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Ende 1958 verkündete Chruschtschow sein erstes Berlin-Ultimatum. Alsbald würde Westberlin wenn nicht der DDR einverleibt, so doch als „Freie Stadt“ ohne den Schutz der Westmächte kontrollierbar sein. Angesichts solcher Perspektiven hätte eine auf Dauer angelegte Abriegelung Westberlins kaum Sinn ergeben. Erst als 1960/61 deutlich wurde, dass der Westen das freie Berlin nicht preisgab und die Flüchtlingszahlen immer mehr anstiegen, sei die Mauer um Westberlin für Ulbricht alternativlos geworden. Deren Bau sei Zeichen für „Ulbrichts Scheitern“ gewesen, wie Kubina sein Buch überschrieben hat.
  Der große Wurf ist Kubina mit dieser – keineswegs neuen – Einsicht nicht gelungen. Sicher, er hat deutlich gemacht, dass seine eingangs genannten Kollegen die Vorgeschichte des Mauerbaus zu sehr von ihrem Ende her betrachtet haben. Doch für diese Feststellung hätte es keine 520-seitige Streitschrift benötigt, in der sich Kubina an dem selbst geschaffenen Popanz abkämpft, „die“ Forschung habe im Ulbricht der 1950er-Jahre vor allem den verhinderten Mauerbauer gesehen. Über weite Strecken ist das Buch die Exegese einiger Schriften von Harrison, Creuzberger und Wettig, denen Kubina immer wieder aufs Neue neben einigen Unstimmigkeiten im Detail deren „falsche“ Sicht auf die Mauerintentionen Ulbrichts „nachweist“.
  Gleichzeitig macht die Lektüre der Fußnoten wiederum deutlich, dass auch Kubina wesentliche Fakten zum Thema vor allem Harrison und Wettig entnommen hat. Deren Publikationen werden trotz der im Kern berechtigt erscheinenden Kritik Standardwerke bleiben. Demgegenüber dürfte Kubinas allzu detailverliebte und sperrig strukturierte Studie vor allem Spezialisten interessieren, die dort viele interessante Überlegungen, historische Details sowie Hinweise auf entlegene Literatur und Quellenveröffentlichungen finden werden.
Michael Kubina: Ulbrichts Scheitern. Warum der SED-Chef nicht die Absicht hatte, eine „Mauer“ zu errichten, sie aber dennoch bauen ließ. Ch. Links Verlag, 2013. 520 S., 49,90 Euro.
Ulrich Mählert ist Historiker und leitender Herausgeber des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung.
Zu Beginn nahm die
SED-Führung die Abwanderung
der DDR-Bürger gelassen
In Ostberlin setzte man auf
eine Überproduktionskrise
in Westdeutschland
Abstimmung mit den Füßen: Es hätte noch gefehlt, dass auch Kleiderbügel und Blumentöpfe Beine bekommen hätten. Die Abwanderung aus der DDR nach Westdeutschland war bedrohlich für die Volkswirtschaft. Typischerweise brauchte die Staatsführung Jahre, um das zu bemerken. Zeichnung: Hurlzmeier
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Kubinas Buch ist ein so interessantes wie irritierendes Buch: Die Thesen zum Mauerbau sind provokativ - doch sie basieren auf Spekulationen. Der Autor beklagt den Mangel an Quellen. Aber wie er die wenigen Quellen interpretiert, das wirkt stimmig, überzeugend. Kubinas Buch ist ein packendes Buch. Lustvoll zerpflückt ein streitbarer Forscher hier die Texte und Thesen seiner Kollegen. Uwe Stolzmann, Deutschlandradio Kultur