Sex 2 - Berg, Sibylle

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Vierundzwanzig Stunden in einer Großstadt. Vierundzwanzig Stunden Schwarz in Schwarz: 'Sex 2' ist ein provozierender, beklemmend-faszinierender Clip. Männer und Frauen, Kinder und Alte, Talkmaster, Müllmänner und Ingenieure, alle auf der Jagd nach dem Glück. Oder wenigstens nach dem kleinen Kick. Alle ohne Chance, denn kaum einer wird davonkommen. Und diejenigen, die davonkommen, wird es auch noch erwischen.…mehr

Produktbeschreibung
Vierundzwanzig Stunden in einer Großstadt. Vierundzwanzig Stunden Schwarz in Schwarz: 'Sex 2' ist ein provozierender, beklemmend-faszinierender Clip. Männer und Frauen, Kinder und Alte, Talkmaster, Müllmänner und Ingenieure, alle auf der Jagd nach dem Glück. Oder wenigstens nach dem kleinen Kick. Alle ohne Chance, denn kaum einer wird davonkommen. Und diejenigen, die davonkommen, wird es auch noch erwischen.
  • Produktdetails
  • Reclam Taschenbuch Bd.21665
  • Verlag: Reclam, Ditzingen
  • Seitenzahl: 200
  • Erscheinungstermin: Februar 2009
  • Deutsch
  • Abmessung: 191mm x 121mm x 18mm
  • Gewicht: 205g
  • ISBN-13: 9783150216651
  • ISBN-10: 3150216656
  • Artikelnr.: 25625217
Autorenporträt
Sibylle Berg, 1962 in Weimar geboren, reiste 1984 in die BRD aus. Bekannt wurde sie 1997 mit dem Roman 'Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot' (1997 bei Reclam Leipzig erstveröffentlicht; als Stück uraufgeführt 1999). Sibylle Berg lebt in Zürich.
Rezensionen
"Brutal gut geschrieben." -- WAZ

"Das sind ganz leise, böse, traurige Geschichten, bei denen sich einem der Magen umdreht." -- Berliner Zeitung

"Nur für starke Nerven." -- The gap
Besprechung von 01.08.1998
Heute schon gehaßt?
Roman II: Warum Sibylle Berg wieder nicht in Stimmung war

Es gibt ein Wort, das man einem Schriftsteller nur einmal kurz auf die Stirn kleben muß, und dann geht es nie wieder ab. Das Wort heißt Kultautor. Wer erst einmal Experte für irgendwas geworden ist, zum Beispiel Experte für Strahlenschutz der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, der wird es für immer bleiben. Das ist beim Kultautor nicht anders. Auch er ist ein Experte: für den Zeitgeist und das Lebensgefühl seiner Generation, vor allem aber in eigener Sache und im Umgang mit den Medien. Im Grunde ist es ganz einfach: Man stellt sich bloß wie weiland Scheidemann auf den heimischen Balkon und ruft statt der Republik den eigenen Kultstatus aus. Etwa zwanzig Minuten später kommen die ersten Fernsehsender und Stadtmagazine zum Interview.

Kultautorinnen sind aber nicht nur damit beschäftigt, mit jungen Journalisten Kaffee zu trinken und auf immer gleiche Fragen immer gleiche Antworten zu geben. Sibylle Berg zum Beispiel schreibt auch sehr gute Reportagen für Frauenmagazine, in denen sie mit Nachdruck darauf hinzuweisen versucht, daß sich die größten Problemzonen nicht an den Hüften der Leserinnen, sondern vor ihren Haustüren befinden. Dann können wir sie als Kolumnistin des "Zeit"-Magazins lesen, alle zwei, drei Wochen hundert Zeilen Weltschmerz, gut portionierte Keiner-liebt-mich-Prosa mit einem Schuß Galle und einer Spritze Gift, eitler Selbsthaß.

Ihr erstes Buch, im vergangenen Jahr erschienen, war immer da pointiert, wo es besonders nahe an diese Form des Journalismus herankam, und immer dort mühsam, wo es versuchte, Literatur zu spielen. Nun hat Sibylle Berg ihrem Debüt "Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot" ein zweites Buch folgen lassen, ein "Kultbuch", das sich Roman nennt. Es trägt den Titel "Sex II", müßte aber eigentlich heißen: "Ein paar Leute sind unglücklich und werden dann totgemacht".

Die Geschichte ist sehr konstruiert, sie erzählt von einem verzweifelten weiblichen "Ich", das vierundzwanzig Stunden in einer Großstadt verbringt und immer wieder mit schlechtgelaunten, misantrophischen Horrorphantasien die kurzen Lebensläufe irgendwelcher labiler Annas, Geralds und Ivans unterbricht. Alle zwei Seiten kommt eine neue Figur ins Spiel, die dann im Handumdrehen, aber auf möglichst eklige Weise zur Strecke gebracht oder wenigstens vergewaltigt beziehungsweise aufgebohrt wird, weil die Autorin ein neues Spielzeug will. Zu sexuellen Handlungen kommt es kaum, lediglich die Selbstbefriedigungsfrequenz der Figuren ist von Interesse. Schließlich gehe es, so Sibylle Berg, "um jeden selbst in dieser verkorksten Welt".

Und weil sie keine Geschichten erzählen kann oder will, streut Sibylle Berg zwischen all das Kleingehackte noch eine weitere Textsorte, die sich mit dem Rest nicht verbinden will: Sogenannte "Geschichten gegen den Wahnsinn", die man zuvor in ihren Zeitungskolumnen nachlesen konnte und bei denen man sich nicht ganz sicher sein kann, ob sie die erwünschte Wirkung auch erzielt haben.

Literatur lebt von lauten und leisen Tönen. Selbst "American Psycho", der Gewaltschocker der achtziger Jahre, der bei Berg immer wieder aus den Seiten hervorspritzt, gewann seine betäubende Brutalität vor allem vor dem Hintergrund des detailsüchtigen, oberflächlichen Modemarken-Droppings und Gesellschaftsklatsches der ersten hundert Seiten. Bei "Pulp Fiction" federte der Humor die Wucht der Pistolenkugeln ab. Bei Sibylle Berg jedoch ist der Zeiger immer am Anschlag: Ein Wort, ein Mord. Das ist nicht nur nervtötend, sondern wirkt vor allem nach zehn, zwanzig Seiten seltsam artifiziell. Der Haß auf die Welt im allgemeinen, die Großstadt im besonderen und alle die, die so tun, als seien sie glücklich im ganz besonderen - das trägt bei Sibylle Berg über hundert Zeilen. Nach hundert Seiten jedoch ist das kaum noch zu ertragen. Ihr Buch ist doppelt so lang.

In einem ihrer nicht ganz seltenen Interviews gestand sie, daß auch sie große Probleme mit ihrem Buch gehabt habe. Sie begann es in häßlicher Umgebung im Haß auf die Welt, doch im Hotel in Venedig und im Tessin, als sie weiterschreiben wollte, hatte sie "extreme Mühe, wieder in diese miese Stimmung zu kommen". So wirkt das Buch dann eben, als habe sich die Autorin immer erst zehnmal vor dem Spiegel "Ich bin so häßlich, ich bin der Haß" vorsagen müssen, bevor sie wieder daranging, sich "auszukotzen", wie sie ihr Verfahren recht kongenial beschreibt. Doch die große Geste läuft ins Leere. Das Horrorszenario als Endlosschleife. Das reflexive Ich ist obsessiv geworden.

Nun spürte man schon bei Christian Krachts "Faserland", auch bei dem Roman "Relax" Alexa Henning von Langes, einer anderen jungen Autorin, daß es der verwöhnten Generation Golf nicht gutgeht in unserer satten, feisten Welt. Aber man liest das irgendwie doch lieber implizit als explizit. "Sex II" benimmt sich wie die Romanfigur Maik: "Begrüßt jemanden und kotzt ohne Vorwarnung." Sibylle Berg trägt schwer an ihrer riesengroßen Haßkappe. Darunter stecken nicht viel mehr als Klischees, wie das vom dummen Talkshowmoderator, und wohlfeiler Spott, wie der über "Lebensabschnittgefährten", Vernissage-Geplauder oder über Juristinnen mit Perlenkette überm Kaschmir-Pullover. "Das Leben ist schön, sagen die Bekloppten" - das ist die Grundmelodie, mit der sich die Autorin auf ein hohes Roß schwingt, um von oben auf die Welt einzudreschen, die nur noch dumm ist, feige und gemein. Und. dann. immer. diese. Satzstummel. FLORIAN ILLIES

Sibylle Berg: "Sex II". Roman. Reclam Verlag, Leipzig 1998. 200 Seiten, geb., 29,80 DM.

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