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"Warum trägt man sein Leben lang Geheimnisse mit sich herum? Und nimmt sie dann mit ins Grab." Alleingelassen mit einem Mischlingskind in der Trümmerwüste Berlins 1946 - das Trauma ihres Lebens hat Neles Großmutter nie verkraftet und an die nächste Generation weitergegeben. Als Nele Niebuhr von der Existenz eines Degas-Gemäldes erfährt, das sich am Ende des Zweiten Weltkriegs im Besitz ihrer verstorbenen Großmutter befunden haben soll, geht es für sie mehr als nur um die Frage nach dem Verbleib eines wahrscheinlich millionenschweren Familienerbes. Denn um das Gemälde rankt sich eine bislang…mehr

Produktbeschreibung
"Warum trägt man sein Leben lang Geheimnisse mit sich herum? Und nimmt sie dann mit ins Grab." Alleingelassen mit einem Mischlingskind in der Trümmerwüste Berlins 1946 - das Trauma ihres Lebens hat Neles Großmutter nie verkraftet und an die nächste Generation weitergegeben. Als Nele Niebuhr von der Existenz eines Degas-Gemäldes erfährt, das sich am Ende des Zweiten Weltkriegs im Besitz ihrer verstorbenen Großmutter befunden haben soll, geht es für sie mehr als nur um die Frage nach dem Verbleib eines wahrscheinlich millionenschweren Familienerbes. Denn um das Gemälde rankt sich eine bislang sorgsam verschwiegene Familiengeschichte. Ein schwarzer amerikanischer Besatzungssoldat hatte das Bild einst ihrer Großmutter geschenkt, bevor er auf Nimmerwiedersehen nach Amerika verschwand und sie mit dem gemeinsamen Kind in der Trümmerwüste Berlins allein zurückließ. So jedenfalls hatte es ihre Großmutter erzählt. Nach ihrem Tod findet Nele im Nachlass Hinweise, dass diese Geschichte nur ein Teil der Wahrheit gewesen ist. Sie macht sich auf, den verschollenen Großvater in Amerika zu suchen - und mit ihm das Gemälde und den Schlüssel zum Verständnis ihrer eigenen Herkunft.

Mit ihrem Romandebüt ist Larissa Boehning ein großer Wurf gelungen - ein Buch mit einem packenden Stoff, Dramatik, Intelligenz und einer Sprache, biegsam und leuchtend, als sei sie mit Goldfäden durchzogen. Gleichsam nebenbei entfaltet sie über das Private hinaus ein großes Panorama der komplizierten deutsch-amerikanischen Beziehungen vom Weltkrieg bis heute.
Autorenporträt
Larissa Boehning, Jahrgang 1971, ist in Hamburg aufgewachsen und lebte eine Zeit lang in Spanien. Seit 2007 wohnt sie mit ihrer Familie wieder in Berlin. Larissa Boehning arbeitet als Grafikerin, Dozentin und freie Schriftstellerin.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 02.10.2007

Liebe am seidenen Faden
Kriegsfolgen: Larissa Boehnings deutsch-amerikanische Feindschaft

Die Geschichte beginnt in einem Haushalt kurz vor Kriegsende. Und sie beginnt in einem Flugzeug von Amerika nach Deutschland. 1945 wird ein hübsches junges Mädchen von seiner Mutter losgeschickt, um von den Amerikanern Essen zu erbetteln. Etwa sechzig Jahre später ist ihre Enkelin Nele auf dem Heimweg nach Deutschland. Hinter ihr liegen eine gescheiterte Beziehung, eine abgebrochene Karriere und ein misslungenes Treffen mit ihrem Großvater - dem Soldaten, der der jungen Deutschen damals Essen und Zuneigung gab.

Mittels zahlreicher Rückblenden erzählt "Lichte Stoffe" eine Geschichte, die von drei sehr unterschiedlichen Frauen handelt: der inzwischen verstorbenen Großmutter, die allein ein Mischlingskind aufziehen musste; der Tochter Eva, die mit ihrem Mann in die Reihenhaussiedlung gewordene Normalität geflüchtet ist, die ihr als krissellockigem kleinem Mädchen verwehrt geblieben war; und von der Enkelin Nele, die im ehemaligen Feindesland Amerika gemeinsam mit ihrem Freund in einer Modefirma arbeitet. Ohne Übertreibung lässt sich sagen, dass so ziemlich alles schiefgeht in den Lebensläufen dieser Frauen. Ein Buch über das Scheitern ist der Roman trotzdem nicht; eher darüber, dass es zwei Arten von Augenblicken gibt: solche zum Gehen und solche zum Bleiben.

Larissa Boehning hat an diesem, ihrem ersten Roman mehrere Jahre lang gearbeitet; das verraten der Verlag und ihre absolut geschliffene Sprache. Besonders auf den ersten paar Seiten überrascht immer wieder, wie präzise jeder der leicht süffisanten Sätze den Kern trifft. Jede Formulierung sitzt, die Sprache lebt von zahlreichen Metaphern und wurde ganz offensichtlich immer wieder genauestens überarbeitet.

Das Ergebnis wirkt nie artifiziell, sondern elegant und leichthändig - wie ein feinziseliertes Schmuckstück, dem man nicht die Arbeit des Goldschmieds ansieht, sondern nur die schimmernde Anmut. Boehnings Perfektionismus ist, ähnlich wie bei Oscar Wilde, einer der zweiten Stufe: Er verrichtet sein Werk, um dann, stets um eine lässige Außenwirkung bemüht, sorgfältig seine eigenen Spuren zu verwischen. Zurück bleiben Sätze wie diese, die Neles in den letzten Zügen liegende Beziehung beschreiben: "Der Faden war so dünn, kaum noch da, von ihm zu ihr. Daran hingen noch ein paar Worte, ein kleines ,Ich will', ein dünngewaschenes ,Bitte', ein lumpiges ,Ich habe dich mal geliebt'. Wirklich, da hing es noch."

Der Faden zerreißt endgültig, weil Nele sich mit den oberflächlichen Werbeleuten, die immer auf dem Sprung in die nächste hippe Stadt sind, nicht mehr identifizieren kann. Den Höhepunkt dieses Dilemmas bildet ein Assessment Center, bei dem firmenintern ein Projektteam zusammengestellt werden soll: Weil der Markt an Marken so übersättigt ist, will der Turnschuhfabrikant eine Marke aufbauen, um sie anschließend wieder verschwinden zu lassen und somit das Begehren der Zielgruppe zu wecken. Zu dieser verquasten Denkweise kommt allerdings noch ein kleines, dekadentes Detail. Denn das Team soll in die ärmsten Regionen der Welt reisen, um dort den Mangel zu studieren und eine fruchtbare PR-Idee aus dem Elend zu zaubern.

Nicht nur solch geradezu menschenverachtende Ideen dienen Boehning zur Formulierung ihrer Amerika-Kritik. Die Autorin zeichnet eine Skizze der deutsch-amerikanischen Beziehungen seit dem Krieg und umschifft dabei die Klischees auf der Gegenwartsebene weiträumig. Die vielen Facetten zeigen kein einheitliches Bild, doch insgesamt bleibt eher ein negativer Eindruck eines Landes haften, das sich in aggressiver Verteidigungsstellung befindet. "Je mehr wir uns als Opfer fühlen, desto unnachgiebiger führen wir Krieg. Je schwächer wir uns fühlen, desto größer wird unser Hunger nach Krieg", erklärt eine Anhalterin Nele.

Der offizielle Grund für Neles Suche nach ihrem Großvater ist ein Degas-Bild - Beutekunst, die er als junger Soldat fand und der Großmutter schenkte. Als diese ihn aus Angepasstheit an die deutsche Gesellschaft in sein Land zurückschickte, gab sie ihm auch das Bild zurück und erzählte kurz vor ihrem Tod auf Kassetten davon. Die Tonbänder begleiten Nele durch die Vereinigten Staaten, und obwohl sie auf den Verbleib des Bildes gespannt ist, scheint eine Aufarbeitung der dritten Generation überflüssig zu sein: Starke Emotionen in Bezug auf den alten Soldaten sucht man bei Nele vergebens. Ihre Mutter Eva hat umso mehr davon, doch sie wagt die Reise nach Amerika nicht und hat ohnehin Mühe, sich an ihrer nicht mehr ganz stabilen Ehe festzuhalten, während ihr Ehemann ihr seine Arbeitslosigkeit seit Monaten verschweigt.

Das Straucheln der Hauptfiguren bei der Suche nach dem richtigen Weg begleitet Boehning mit einem sicheren Gespür für die Situationen, die den Menschen gewissermaßen bis auf den Wesenskern aufbrechen. Dabei versenkt sie sich aber nicht zu tief in einzelne Personen, sondern schaut nach rechts und links, immer im Bewusstsein der dauernden gegenseitigen Belauerung. Das Ergebnis ist ein bezaubernder Roman voller Menschlichkeit. Er handelt von der Heimat, die jeder in sich selbst trägt, und davon, dass man auf andere Menschen trotzdem nicht verzichten kann - weil der einsame Lebenskampf ohne Rückendeckung und Rückzugsmöglichkeit keine Alternative ist.

JULIA BÄHR

Larissa Boehning: "Lichte Stoffe". Roman. Eichborn Berlin Verlag, Frankfurt am Main 2007. 325 S., geb., 19,95 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 09.10.2007

Auch ein Turnschuh kann Sinn stiften
Markenbewusstsein und Geschichtsträchtigkeit: Larissa Boehning macht mit ihrem Debütroman „Lichte Stoffe” alles richtig – und auch für das Problem der Erfahrungsarmut weiß sie eine gute Lösung Von Meike Fessmann
Mit Speck fängt man Mäuse, mit Geschichten Konsumenten – und natürlich auch Leser. Larissa Boehning erzählt in ihrem ersten Roman eine abenteuerliche Geschichte um ein verschollenes Degas-Gemälde, die zugleich eine bis zum Zweiten Weltkrieg zurückreichende Familiengeschichte ist. Die 1971 geborene Autorin, die vor vier Jahren mit dem Erzählungsband „Schwalbensommer” debütierte, macht das souverän. Anders als ihre von Flugangst gepeinigte Hauptfigur Nele Niebuhr, deren Rückreise aus den Staaten nach Deutschland den Roman strukturiert, fühlt sich der Leser gut aufgehoben. Dieser Roman wird nicht abstürzen, das weiß er von der ersten Seite an.
Denn Larissa Boehning verfügt über eine Menge handwerklicher Kniffe, die gerade Anfängern gut zu Gesicht stehen, deren literarische Schecks noch nicht durch Lebens- und Schreiberfahrung gedeckt sind. Von einem Richard Ford lässt man sich einen 700-Seiten-Roman in der ersten Person Präsens ohne weiteres gefallen. Nicht nur weil der Autor einen großen Namen hat, sondern auch weil Frank Bascombe, der Erzähler seines neuesten Romans, in den ersten beiden Bänden der Trilogie zu einer Figur geworden ist, der man vertraut. Von Debütanten aber erwartet man eine gewisse Demut in diesen Dingen. Es sei denn, sie haben Außerordentliches erlebt, das zum Ausdruck drängt, was selten der Fall ist.
Hellwache Wahrnehmung und geschickte Figurenführung zeichnen diesen Roman aus. Nele Niebuhr, ungefähr dreißig, steigt auf dem JFK-Airport ins Flugzeug, begleitet von all den Gedanken, die man so denkt, wenn man sich mit einem Haufen fremder Menschen zur Atlantiküberquerung anschickt. In diesem Dunst aus Aufbackbrötchen, kalkigem Tee und Parfumwolken soll man also seine letzten Stunden verbringen? Wer wird neben einem sitzen, wenn das Flugzeug aufschlägt und versinkt? Nele hat Glück, ein soignierter älterer Herr ist ihr Nachbar, schöne Hände hat er auch, die sie gern ergreift, als sie merkt, dass das Valium nicht wirkt. So sitzt das seltsame Paar, seine Flugangst teilend, fast den ganzen Roman lang über den Wolken, hält Händchen, trinkt Whiskey und erzählt sich Geschichten und kluge Dinge.
Mit dieser Scheherazade-Situation hat die Autorin ihren Roman schon gut im Griff, zumal der „Tweedmann”, ein pensionierter Jurist und Kunstliebhaber, der auf eigene Kosten berühmte Gemälde zu einer Ausstellung begleitet, all das Wissen liefern kann, das sie dafür braucht. Auf ganz natürlich wirkende Weise kann sie, die wie ihre Heldin Kunstgeschichte studiert hat und als Designerin arbeitet, die Themen anschneiden, die sie wirklich interessieren. Während das, was der Stoff des Romans zu sein scheint, eher Staffage ist. Neles Mutter war ein „Besatzungskind”, die Tochter eines schwarzen GI, der sich dem Familienmythos nach einfach aus dem Staub gemacht haben soll. Neles Mutter hat immer unter ihrer Herkunft gelitten und nie gewagt, nach ihrem Vater zu fragen. Erst kurz vor ihrem Tod hat die Großmutter, eine Berliner Hutmacherin, die wahre Geschichte erzählt, allerdings nur auf Band. Nele, die für fünf Jahre als Turnschuhdesignerin in Chicago gelebt hat und deren Beziehung mit einem Amerikaner gerade gescheitert ist, kennt diese Geschichte, wenn sie im Flugzeug sitzt. Sie hat die Kassetten auf der Autofahrt von Chicago nach New York abgehört. Und sie hat auch ihren Großvater besucht, bei dem tatsächlich ein Gemälde an der Wand hängt, das ein echter Degas sein könnte.
Dass aus diesem etwas fadenscheinigen Stoff trotzdem ein spannender Roman wird, spricht für das Talent Larissa Boehnings. Weil sie sich vor der auktorialen Erzählhaltung nicht scheut, kann sie, während das ungleiche Paar hoch oben über Licht, Kunst, Bildlichkeit, Mobilität, Sicherheit, Lüge und Wahrheit und was der interessanten Dinge mehr sind, philosophiert, unten auf der Erde die Handlung voranbringen. Und in die sickert der luftige Diskurs fast unbemerkt ein, so dass die Geschichte der Familie Niebuhr auch Leser interessiert, die sich ansonsten nicht für Familiengeschichten erwärmen können. Da glückt der Autorin so manches – nicht zuletzt eine kenntnisreiche Karikatur der schönen neuen Marketing-Welt, die jeder Hautcreme, jedem Turnschuh eine Geschichte andichtet, damit der Konsument glaubt, er bekomme etwas ganz Besonderes.
Eric, der Freund, von dem sich Nele getrennt hat, besitzt Schuhe, die es nur für kurze Zeit in ausgewählten Galerien zu kaufen gab: „das graublaue Modell aus der Thrift-Edition, eines von tausend Paaren weltweit, denen man nachsagte, sie seien aus geschichtsträchtigen Materialien gefertigt, auf Stoff gedruckte FBI-Protokolle der Watergate-Affäre, ausrangierte Talare, wettergegerbtes Segeltuch eines Weltreisenden, Stofffetzen, die von Deutschen 1945 als Zeichen ihrer Kapitulation aus dem Fenster gehängt worden waren.”
Den leisen Argwohn, der einen bei diesem Roman manchmal beschleicht, die ganze Besatzungskindgeschichte habe die gleiche Funktion – nämlich einen Gegenwartsroman mit der Suggestion von Geschichtsträchtigkeit aufzuwerten –, sollte man der Autorin nicht zum Vorwurf machen. Sie hat ihre Lektion nur gut gelernt. Denn offenbar ist es das, was die Leser wollen. Unter der Hand aber jubelt sie ihnen eine andere Erkenntnis unter: Wie sehr die Literatur in Bedrängnis gerät, wenn ihr ureigenstes Metier, Geschichten zu erzählen, in der Sphäre reinen Konsums überboten wird. Wer liest noch ein Buch, wenn auch ein Turnschuh Sinn liefert?
Larissa Boehning
Lichte Stoffe
Roman. Verlag Eichborn Berlin, Berlin 2007. 325 Seiten, 19,95 Euro.
Dieser Roman wird nicht abstürzen – das weiß der Leser von der ersten Seite an
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Ganz hingerissen zeigt sich Rezensentin Julia Bähr von Larissa Boehnings Roman "Lichte Stoffe". Sie bewundert den brillanten Stil der Autorin, der sie in seiner Perfektion an Oscar Wilde erinnert. Gleichwohl wirkt er nie künstlich auf sie, sondern immer "elegant und leichthändig". Sie sieht in dem Roman auch eine Skizze der deutsch-amerikanischen Beziehungen seit dem Zweiten Weltkrieg. Lobend hebt sie hervor, dass Boehning hierbei sämtliche Klischees vermeidet. Die Autorin zeichne das überaus facettenreiche Bild eines Landes in permanenter aggressiver Verteidigungshaltung. Im Blick auf die Entwicklung der Hauptfiguren attestiert Bähr der Autorin ein "sicheres Gespür für die Situationen, die den Menschen gewissermaßen bis auf den Wesenskern aufbrechen". Negativ wirkt das Buch auf sie gleichwohl nicht. Ihm Gegenteil: Bähr würdigt es als einen "bezaubernden Roman voller Menschlichkeit".

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