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»Ich hieß Salmon, wie das englische Wort für Lachs; Vorname Susie. Ich war vierzehn, als ich am 6. Dezember 1973 ermordet wurde.« Susie Salmon führt das ganz normale Leben eines Teenagers in einer merikanischen Kleinstadt - bis zu jenem Tag im Dezember, als sie allein durch ein Maisfeld nach Hause geht. Denn dort lauert ihr ein Nachbar auf, ein Mann, der sie vergewaltigen, töten und ihre Leiche verschwinden lassen wird. Aber Susies Existenz ist damit nicht ausgelöscht. Von »ihrem Himmel« aus verfolgt sie das Leben auf der Erde, beobachtet sie, wie ihre Geschwister, Eltern und Freunde mühevoll…mehr

Produktbeschreibung
»Ich hieß Salmon, wie das englische Wort für Lachs; Vorname Susie. Ich war vierzehn, als ich am 6. Dezember 1973 ermordet wurde.«
Susie Salmon führt das ganz normale Leben eines Teenagers in einer merikanischen Kleinstadt - bis zu jenem Tag im Dezember, als sie allein durch ein Maisfeld nach Hause geht. Denn dort lauert ihr ein Nachbar auf, ein Mann, der sie vergewaltigen, töten und ihre Leiche verschwinden lassen wird. Aber Susies Existenz ist damit nicht ausgelöscht.
Von »ihrem Himmel« aus verfolgt sie das Leben auf der Erde, beobachtet sie, wie ihre Geschwister, Eltern und Freunde mühevoll nach Wegen suchen, um den Verlust zu verarbeiten. Bis die Wunden vernarbt sind, neues Leben entstanden, und die fragile Balance menschlicher Existenz wiederhergestellt ist. Und auch Susie ihren Seelenfrieden gefunden hat und die Welt hinter sich lassen kann...
  • Produktdetails
  • Verlag: GOLDMANN
  • Seitenzahl: 380
  • Abmessung: 220mm
  • Gewicht: 627g
  • ISBN-13: 9783442545520
  • ISBN-10: 3442545528
  • Artikelnr.: 11300596
Autorenporträt
Alice Sebold hat an der Syracuse University studiert, in Manhattan und Kalifornien gelebt und für die New York Times sowie die Chicago Tribune geschrieben. Sie lebt mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Glen David Gold, in Kalifornien.
Rezensionen
Besprechung von 02.02.2003
Tote Mädchen sehen besser
Alice Sebolds in Amerika gefeiertes Romandebüt "In meinem Himmel" erscheint nun auch bei uns

"Mein Nachname war Salmon, also Lachs, wie der Fisch; Vorname Susie. Ich war vierzehn, als ich am 6. Dezember 1973 ermordet wurde." So radikal beginnt der Roman, der in den Vereinigten Staaten im vergangenen Jahr zur größten Sensation auf dem Buchmarkt wurde und der diese Woche auf deutsch erscheint. Wohl selten hat so viel dagegen gesprochen, daß ein Buch zum Erfolg wird: "In meinem Himmel", der Debütroman der 39jährigen Alice Sebold, erzählt die Geschichte eines Mädchens, das auf seinem Schulweg von einem Mann aus der Nachbarschaft vergewaltigt und zerstückelt wird und das nach seinem Tod die Geschehnisse auf der Erde vom Himmel aus beobachtet. Sebold erzählt die Geschichte aus Sicht des toten Mädchens, und daß das nicht grauenhaft kitschig und ganz und gar unmöglich wirkt, sondern natürlich, beinahe selbstverständlich, das ist das große Wunder dieses Buches.

Es ist eine Geschichte über das Erwachsenwerden (auch wenn die Ich-Erzählerin niemals ihren 15. Geburtstag erleben wird); es ist eine Kriminalgeschichte (ein Vater sucht den Mörder seiner Tochter); und es ist das psychologisch genaue Porträt einer Familie, der eine Tragödie zustößt. Zehn Jahre lang sieht Susie ihrer Familie und ihren Mitschülern dabei zu, wie diese mit ihrem Tod fertigzuwerden versuchen. Zehn Jahre, in denen der Vater fast zerbricht an der Last des Schicksals; in denen die Mutter es nicht mehr erträgt, Mutter zu sein, und der Familie entflieht; in denen der kleine Bruder zum Teenager wird und die jüngere Schwester zur erwachsenen Frau. Der Mörder wird nie gefaßt. All das sieht Susie vom Himmel aus, der ihr ganz persönlicher Himmel ist, ein Himmel der "einfachsten Träume". In ihrem Fall hat er Ähnlichkeit mit einer Highschool. Es gibt einen Pausenhof mit Schaukeln, als Schulbücher dienen "Seventeen", "Glamour" und "Vogue", der einzige Unterricht ist Kunsterziehung. Ein schöner Ort, an dem alle Wünsche in Erfüllung gehen - nur der eine, der größte nicht: lebendig zu sein.

Über zwei Millionen Mal hat sich "In meinem Himmel" seit seinem Erscheinen Anfang September in den Vereinigten Staaten verkauft. Es war der Überraschungserfolg des vergangenen Jahres, die Kritiker überboten sich in ihrem Lob. "Ein überwältigendes Werk", nannte es der "New Yorker", "Time" erklärte es zum "bahnbrechenden Roman-Debüt"; selbst Michiko Kakutani, die sonst so strenge Kritikerin der "New York Times" lobte das Buch als "tief berührende Meditation über die verschiedenen Arten, mit großem Schmerz umzugehen". Auf dem Buchrücken jubelt der Erfolgsautor des Vorjahres, Jonathan Frantzen: "Sebold schenkt uns eine Fantasiegeschichte von großer Kraft, großem Charme und Mut. Eine Ausnahme-Schriftstellerin."

Die Erfolgsgeschichte dieses Romans beginnt damit, daß Ende Mai die einflußreiche ehemalige "New York Times"-Kolumnistin Anna Quindlen in der "Today Show" im Fernsehen erklärte, wenn man in diesem Sommer nur ein einziges Buch lesen würde, dann müsse es "In meinem Himmel" sein. "Es ist eins der besten Bücher, die ich in Jahren gelesen habe", sagte sie und nannte es in einem Atemzug mit Klassikern wie "Wer die Nachtigall stört". Wenige Tage später stand das Buch beim Internetbuchversand Amazon.com auf Platz eins der Bestseller-Liste - und das sechs Wochen vor seiner Veröffentlichung. Obwohl der Verlag Little, Brown die Erstauflage daraufhin in deutlich höherer Stückzahl als geplant ausliefern ließ, kam man mit dem Drucken kaum nach: Eine Woche vor dem offiziellen Auslieferungstermin war bereits die sechste Auflage in Arbeit, vier Wochen später eine knappe Million Exemplare in Umlauf. Und das alles ohne Oprah Winfrey!

Jahrelang hatte die Talkmasterin mit ihren im Fernsehen gegebenen Buchempfehlungen für kommerzielle Riesenerfolge gesorgt, unter anderem Bernhard Schlink in Amerika zum Bestsellerautor gemacht. "In meinem Himmel", und das kommt im amerikanischen Buchmarkt einer Sensation gleich, hat sich ohne ihre Schützenhilfe, ohne teure PR-Kampagne millionenfach verkauft. Es gab gute Rezensionen, und es muß sich herumgesprochen haben, daß es sich um ein Buch handelt, das zu lesen sich lohnt.

Als Alice Sebold achtzehn Jahre alt war und frisch an der Syracuse-Universität im Bundesstaat New York, wurde sie eines Abends in einem Tunnel von einem Unbekannten brutal vergewaltigt. Als sie in dieser Nacht nach Hause kam, fragte ihr Vater sie, ob sie etwas essen wolle. "Das wäre nett", sagte sie, "zumal die einzigen Dinge, die ich in den letzten 24 Stunden im Mund hatte, ein Cracker und ein Schwanz waren." Natürlich sei ihr Vater da schockiert gewesen, aber es habe ihm auch gezeigt, daß seine Tochter immer noch dasselbe sarkastische Mädchen war wie vorher.

Diese Episode, die Alice Sebold einer amerikanischen Journalistin erzählt hat, zeigt, wie sie mit sogenannten Tabuthemen umgeht: nicht gerade zimperlich. Die Vergewaltigungsszene im ersten Kapitel, die mit Susies Tod endet, gehört zu den besten im Buch. "Ich fing an, meinen Körper zu verlassen; ich fing an, die Luft und die Stille zu bewohnen. Ich weinte und kämpfte, damit ich nichts spürte. (. . .) Das Ende kam trotzdem." In wenigen Worten ist das Unbeschreibliche beschrieben.

Ihren eigenen Vergewaltiger traf Sebold ein halbes Jahr nach der Tat zufällig auf der Straße, erkannte ihn und rief die Polizei. Sie sei das "beste Vergewaltigungsopfer" gewesen, das sie je gehabt hätten, bescheinigten ihr die Beamten - keine Frau habe sich je besser verhören lassen, keine je genauer über das Verbrechen Auskunft gegeben.

Es sollten fünfzehn Jahre vergehen, bis Alice Sebold sich wieder mit ihrer eigenen Vergewaltigung auseinandersetzte. In der Zwischenzeit beendete sie ihr Studium, arbeitete in New York als Journalistin und Lehrerin und traf ihren zukünftigen Mann, den Schriftsteller Glen David Gold, mit dem sie heute in Kalifornien lebt. Als Sebold eines Abends begann, die Geschichte eines vergewaltigten und ermordeten Mädchens namens Susie Salmon aufzuschreiben - das erste Kapitel schrieb sie in einer Nacht wie im Rausch -, kam ihr nicht in den Sinn, daß das etwas mit ihrer eigenen Geschichte zu tun haben könnte. Das sei ihr erst klar geworden, als ihr die nächsten Kapitel dann nicht mehr so mühelos von der Hand gingen. "Meine Erinnerung stand mir im Weg. Ich mußte sie erst rauslassen, um weitergehen zu können." Also unterbrach sie die Arbeit am Roman und schrieb die Geschichte ihrer eigenen Vergewaltigung auf, die sie unter dem Titel "Lucky" als Sachbuch veröffentlichte.

Anschließend ging es mit Susies Geschichte weiter, und daß "In meinem Himmel" tatsächlich fiktional ist und nicht autobiographisch gefärbt, nennt der Kritiker in der "Time" zu Recht einen "persönlichen und künstlerischen Triumph". Bei allem Jubel: "In meinem Himmel" hat Schwächen. Die Geschichte nimmt kurz vor Schluß eine Wendung, die nachzuvollziehen problematisch ist - (Susie schlüpft für kurze Zeit in den Körper einer Lebenden); und nachdem die ersten drei Viertel des Buchs so virtuos erdacht, liebevoll beobachtet und grandios erzählt sind, ist das allzu glückliche Ende schwach. Dennoch: Das Porträt der Familie Salmon im Angesicht einer Tragödie gehört zum schönsten, was seit langem zu lesen war. Wie Susie vom Himmel aus ihre Mutter nicht mehr nur als Mutter wahrnimmt, als Ehefrau, Hundebesitzerin, Hobbygärtnerin, sondern als erwachsene Frau, die sich ihr Leben auch anders erträumt hatte. Wie sie sieht, wie ihre Eltern sich voneinander entfernen, weil sie sich gegenseitig zu sehr an das Geschehene erinnern. Wie Susie vom Himmel aus durch ihre Schwester die Liebe entdeckt, erwachsen wird. Erst als sie die Erde aufgibt, die Vergangenheit losläßt, ist ihre Familie frei. Ein trauriges und schönes, ein naives und kluges Buch über Verlust, Neuanfang, Liebe und Tod.

"Es war nie mein Traum, aufzuwachsen, vergewaltigt zu werden und darüber zu schreiben", sagt Alice Sebold. "Ich wollte immer Schriftstellerin sein, also tat ich alles, inklusive schreiben und meine persönliche Geschichte veröffentlichen, um den besten Roman zu schreiben, den ich konnte." Wie es aussieht, ist ihr das geglückt.

JOHANNA ADORJÁN

Alice Sebold: In meinem Himmel. Roman. Goldmann-Manhattan. 381 S., 21,90 Euro. Erscheint am 4. Februar.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 30.04.2003
Mord hat eine blutrote Tür
In ihrem Roman „In meinem Himmel” umarmt Alice Sebold alle und jeden
Überraschend ist nur, dass es im Himmel nach Stinktier riecht. Vielleicht auch nach Kumqats oder Tabak. Doch die Erklärung ist einfach: Der Himmel ist exakt so, wie man ihn sich vorstellt. Wenn man will, entstehen dort Kissenberge und Glamour-Zeitschriften, Eis und Kuchen, altmodische Laternen und Hunde, die auf der Wiese zwischen den Pavillons umherjagen. Noch ein Hauch Skunk und das Leben nach dem Tod ist bezugsfertig! Ein bisschen steril vielleicht das Ganze, aber das gibt sich mit der Zeit.
In Alice Sebolds Bestseller „In meinem Himmel” ist das Paradies ein Service aus Schöner Wohnen: Bei Nichtgefallen wird umdekoriert. Susie Salmon („Salmon, wie Lachs, der Fisch”), vierzehnjährige Titelheldin und Neuankömmling über den Wolken, lernt dies unter Anleitung ihrer „Aufnahmeberaterin” Franny. Und sie begreift schnell: Der Himmel hat Grenzen. Auf der Erde Schicksal zu spielen, ist beispielsweise schwierig und die Rückkehr nach unten so gut wie ausgeschlossen. Am Ende kriegt sie zwar mit viel Mühe eine Stippvisite hin, aber da hat sie es sich überirdisch endlich eingerichtet und schielt nicht mehr nach den Appartements im irdischen Souterrain.
Susie ist tot. Sie wurde von Mr. Harvey, einem Nachbarn, auf dem Nachhauseweg in eine Grube gelockt, vergewaltigt, ermordet und zerstückelt. Ihre Leiche verschloss der Mörder in einem Safe und kippte ihn in einen Müllschlund. Nun sitzt Susie auf ihrer Wolke und beobachtet ihre Familie bei der Trauerarbeit. Eines Tages taucht ein Körperteil von ihr wieder auf: „Der Vater holte eine große, metallene Rührschüssel herunter: ,Es war der Ellbogen, der Hund von den Gilberts hat ihn gefunden‘”, sagt er zu Susies Schwester Lindsey, stellt die Schüssel auf den Tisch, hält ihre Hand, „und dann übergab sie sich, wie versprochen, in die silberne Schüssel”. Es ist sicher auch die unverfrorene Direktheit, mit der Sebold ihre Heldin Entsetzliches schildern lässt, die die Leser für den Roman einnimmt. Man kann über alles reden, lautet ihre Botschaft, selbst über Dinge, die man nicht einmal denken kann.Alice Sebold hat ihre eigenen Erfahrungen mit dem Unaussprechlichen gemacht. Als Literatur-Studentin wurde sie in einer Unterführung in New York so brutal vergewaltigt, dass sie genäht werden musste. In den nächsten 20 Jahren konsumierte sie Drogen, Alkohol, Therapien, verfasste drei erfolglose Romane und schrieb sich das Trauma schließlich mit „Lucky” von der Seele, dem Bericht einer Vergewaltigung.
„The lovely bones”, die schönen Knochen, wie der Originaltitel ihres jüngsten Buches heißt, geht weiter – in jeder Hinsicht. In den USA erreichte das Buch in vier Monaten eine Auflage von zwei Millionen. Inzwischen ist Alice Sebold berühmt und erfährt die Kehrseite des Glamour vor allem dann, wenn wieder eine Zeitschrift die autobiographischen Züge missversteht und sie zwischen zerstückelten Puppen fotografieren möchte. „In meinem Himmel” wurde als literarisches Trostpflaster für Amerika nach dem 11. September begriffen, aber dann verkauften sich die Rechte in alle Welt, und auch hierzulande fand „In meinem Himmel” auf die Bestsellerliste.
Der Puppenstuben-Mörder
Erstaunlich ist dies nur auf den ersten Blick. Sebolds Buch ist trotz seines furchtbaren – und authentischen – Themas kaum aufwühlender als eine Scheidung bei Pilcher, ja, sie gibt sich alle Mühe, um die Bewältigungsversuche im Himmel und auf Erden sogar witzig zu schildern: „Hätte ich gewusst, dass dies die Sexszene meines Lebens bleiben würde”, hadert Susie in Erinnerung an ihren ersten Kuss, „hätte ich mich vielleicht ein bisschen darauf vorbereitet und neuen Lipgloss mit Erdbeer-Bananen-Geschmack aufgetragen.” Zwar flüchtet sich der Vater in die besessene Suche nach dem Mörder und die Mutter erst in eine Affäre mit dem ermittelnden Detective und später nach Kalifornien, zwar duscht Lindsey im dunkeln, weil sie im eigenen Spiegelbild nur ihre Schwester erblickt (das „Wandelnde-Tote-Syndrom”), doch das Fundament dieser Familie ist nie erschüttert. Es gibt keine falsche Art zu trauern, sagt uns Sebold, alle machen alles richtig, und als sie das endlich erkennen, rücken sie noch enger zusammen. Auch Mr. Harvey hat eigentlich keine Wahl, er baut Puppenstuben, wenn er nicht gerade Mädchen tötet, und versucht, den Drang in sich zu ersticken: „Er hatte Tiere getötet, unbedeutendere Leben genommen, um kein Kind zu töten.” In dieser bauklotzbunten Welt haben die Figuren abgerundete Kanten: Man stößt sich niemals. Selbst die Metaphern wirken wie aus einem Spielzeugladen: Was, bittesehr, ist „krokusartige Lust”? Und welche Erkenntnis verbirgt sich hinter dem Satz: „Mord hat eine blutrote Tür”?
So liegt ein Schimmer Erdbeer-Banane-Lipgloss über dem Buch, das nicht nur ein Familienroman ist, sondern das Hohelied der Gemeinschaft schlechthin anstimmt. Zwar beschreibt Sebold Susies Heimat als stickiges Suburbia, in dem die Lektüre von Erica Jong zum Schulverweis führen kann und Außenseiter einen schweren Stand haben. Doch die Nachbarn stellen einander Apfelkuchen vor die Tür und eigentlich sind alle eine große Familie. An Susies erstem Todestag versammelt sich die Gemeinschaft auf dem Maisfeld wie die amerikanische Ur- Gemeinde an der Grenze. Überhaupt steckt der Roman voll religiöser Anspielungen: Lindsey malt einen Fisch auf ihr Namensschild, ein Ventilator pustet die Haare von Susies Mutter zum „Glorienschein”, die jungen Männer führen den Vater behutsam wie „jugendliche Seelsorger”, und gekrönt wird das Ganze von Susies finaler Seelenwanderung. Und doch hat dies alles weniger mit Christentum zu tun als mit einem fast sektenhaften Gemeinschaftserlebnis.
„Ich bin ok., Du bist ok.” ist gewiss eine zuverlässige Formel für einen Bestseller. Doch dieses allumarmende Generalverständnis schnürt einem einfach die Luft ab.
SONJA ZEKRI
ALICE SEBOLD: In meinem Himmel. Roman. Manhattan Verlag, München 2003. 384 Seiten, 21,90 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
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Ein außergewöhnliches Leseerlebnis
In meinem Himmel ist erst das zweite Buch von Alice Sebold, aber sie hat damit etwas geschafft, wovon andere Autoren ein Leben lang nur träumen können: Der Roman stand über Wochen auf Platz 1 sämtlicher amerikanischer Bestsellerlisten. Jetzt begeistert er auch international das Publikum und die Kritiker. Alice Sebold hat aus einem Allerweltsstoff ein außergewöhnliches Leseerlebnis komponiert. Susie Salmon, ein 14-jähriges Mädchen, wird von einem Nachbarn vergewaltigt und ermordet. Doch daraus entsteht weder ein Krimi noch ein Rührstück, denn das Geschehen spielt sich aus einem überraschenden Blickwinkel ab: Susie selbst schildert die Ereignisse.
Der Blick vom Himmel
Nach ihrem gewaltsamen Tod existiert Susie in ihrem ganz persönlichen Himmel weiter. Von hier aus verfolgt sie, was auf der Erde passiert. Während sie "ihren Himmel" nach den eigenen Wünschen immer wieder neu gestalten kann, hat sie auf die Lebenden und deren Welt aber keinen Einfluss. Sie kann nur beobachten, wie ihre Familie und ihre Freunde versuchen, mit dem Verlust fertig zu werden. Ihre Schwester Lindsay etwa, die sich mit einem Panzer gegen den Schmerz wappnet. Oder die Mutter, die Mann und Kinder verlässt, um dem Kummer zu entfliehen. Mühevoll tastet sich der Vater zurück zu einer Normalität, die für den kleinen Bruder Buckley keine ist.
Die Lebenden und die Toten
Susie begleitet aber auch immer wieder ihren Mörder, der zwar entlarvt, aber nie geschnappt wurde. Und sie träumt von Ray, dem Jungen, der sie zum ersten Mal geküsst hat. Mit den Jahren sieht sie ihre Freunde und Geschwister erwachsen werden, ist Zuschauerin bei allem, was sie selbst nie erleben durfte. Ganz langsam findet jeder zurück auf seinen Weg und in seine Zukunft. Je mehr die Lebenden es schaffen Susie loszulassen, desto leichter fällt es ihr, ihr Schicksal zu akzeptieren und ihren Frieden zu finden. Susies Geschichte hört sich tränenreich an, aber keine Angst. Alice Sebold gewährt dem Leser den Platz im Himmel, der eine verblüffende Distanz schafft. Ihr geschickter, unverkrampfter Plauderton und ein trockener Humor tun ein Übriges!
(Rosina Wälischmiller)
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

""Ist das nur Stuss - oder taugt es als Vorlage für einen Zombiefilm?" fragt Rezensent Claudius Seidl nach vollzogener Lektüre dieses Debütromans. Es geht, lesen wir, um die vierzehnjährige Susie, die vergewaltigt und ermordet wird und nun ihre Geschichte vom Himmel aus erzählt. Das erste Kapitel, in dem es um die Tat selbst geht, scheint beim Rezensenten noch einen gewissen Eindruck hinterlassen zu haben. Doch bald wird ihm die Sache zu bunt. Zu versessen findet er die Autorin auf Details: "ständig schneit es und es hört wieder auf; Wolken ballen sich, Regen kommt auf ... die Zimmer sind mit Gegenständen vollgestopft", und dennoch würden sich die Figuren des Buches der Vorstellung des Lesers entziehen. Die tote Susie, die vom Himmel aus zwanzig Jahre lang Eltern, Geschwister, Freund und auch ihren Mörder beobachtet und gelegentlich auch heimsucht ("huscht als kalter Hauch durchs Zimmer"), kann sich zum Leidwesen des Rezensenten auf nichts konzentrieren. Wann immer er es gern genauer wüsste, schweift sie ab, gibt sich die Autorin mit der blanken Oberfläche zufrieden.

© Perlentaucher Medien GmbH"
"Eine glänzend erzählte Kriminal- und Familiengeschichte. Die Wahrheit ist, dass dieses Buch seine Leser nicht loslässt."
(Elke Heidenreich)

"Ein Roman nicht über das Sterben, sondern über das Leben, das kostbar ist und einzigartig und unvergesslich."
(Stern)