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Auf den Spuren seiner Vorfahren reist der Spielzeugbauer Osman gen Osten. Der Weg führt ihn nach Südrussland, wo er den Vagabunden Tschepucha kennenlernt. Mit diesem beschließt er, zu einer brachliegenden Fischfabrik am fernöstlichen Ende des sibirischen Landungeheuers zu reisen, um diese instand zu setzen. Unterwegs gabeln sie das einarmige Waisenmädchen Nastja auf, das als stumme Dritte permanent Unruhe stiftet.
Das phantastische Ziel der Fischfabrik vor Augen, passieren sie Orte, die eine aberwitzige Wirklichkeit ins Bild rücken, verstricken sich im Dickicht des Redens und kämpfen immer
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Produktbeschreibung
Auf den Spuren seiner Vorfahren reist der Spielzeugbauer Osman gen Osten. Der Weg führt ihn nach Südrussland, wo er den Vagabunden Tschepucha kennenlernt. Mit diesem beschließt er, zu einer brachliegenden Fischfabrik am fernöstlichen Ende des sibirischen Landungeheuers zu reisen, um diese instand zu setzen. Unterwegs gabeln sie das einarmige Waisenmädchen Nastja auf, das als stumme Dritte permanent Unruhe stiftet.

Das phantastische Ziel der Fischfabrik vor Augen, passieren sie Orte, die eine aberwitzige Wirklichkeit ins Bild rücken, verstricken sich im Dickicht des Redens und kämpfen immer mehr mit der eigenen Sprach- und Lebensmüdigkeit.

In seinem virtuosen Debüt erzählt Roman Widder von einer Fahrt durch "Sibirien" als einer Auswanderung, die sich in ihren eigenen Täuschungsmanövern verfängt, von dem Traum, eine "neue Welt" in maximaler Entfernung zur eigenen Herkunft zu finden - oder zu erschaffen.
  • Produktdetails
  • Diaphanes Broschur
  • Verlag: Diaphanes
  • Seitenzahl: 144
  • 2013
  • Ausstattung/Bilder: 2013. 144 S. 200 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 203mm x 131mm x 15mm
  • Gewicht: 186g
  • ISBN-13: 9783037343203
  • ISBN-10: 3037343206
  • Artikelnr.: 36892065
Autorenporträt
Roman Widder lebt in Berlin. Er hat russische und deutsche Literatur in Berlin und Krasnojarsk studiert. Gedichte und Erzählungen erschienen in literarischen Zeitschriften und Anthologien
Rezensionen
Besprechung von 12.07.2013
In der Fischfabrik rührt sich keine Flosse mehr
Beckett-Figuren reisen im Tschechow-Tempo durch Kamtschatka: Roman Widders Debüt spielt im leeren Osten

Wenn es das Gegenteil des sonnenverwöhnten Kalifornien gäbe, dann müsste es Kamtschatka heißen. Die große Halbinsel im Ochotskischen Meer bietet zwar Vulkane, die zum Unesco-Welterbe zählen, ist aber ansonsten aus mitteleuropäischer Sicht das ungleich unattraktivere Ende der Ost-West-Ausdehnung einer klassischen Landkarte. Gründe für ein Go-East? Kaum vorhanden. Allerdings hatte sich einst der große Tschechow - mit Sinnkrise und bereits im erkrankten Zustand - auf den mehrere tausend Kilometer langen Weg nach der etwas südlicher gelegenen Insel Sachalin gemacht, um an einer langen Dokumentation über die Situation der dorthin verbannten Gefangenen zu arbeiten. György Dalos legte im Jahr 2000 denselben Weg zurück, um sich davon zu überzeugen, was aus dem tristen Eiland heute geworden ist - "eine Metapher".

Nun lässt der Berliner Autor Roman Widder in seinem Debüt mit dem Titel "Ibissur" den "leerescheuen" deutschen Spielzeugbauer Osman, der eigentlich Paul heißt, eine ähnliche Reise an die ferne Ostküste unternehmen. Es sind aber nicht die Schicksale von Strafgefangenen, mit denen er sich während seiner Lebenskrise beschäftigen will. Vielmehr ist das Alibi eine brachliegende Fischfabrik. In einem kleinen Dorf auf Kamtschatka soll sie liegen, das hat der Vagabund, Hobbyethnologe und Reisegefährte Tschepucha in Erfahrung gebracht. Kennengelernt haben sich die beiden im Anschluss an Osmans gescheiterte Ahnenforschung in Armenien, um bald darauf einen gemeinsamen Fischkonservenidealismus zu begründen. Wenig später nimmt das Gespann noch das mit nur drei Zähnen und einem Arm ausgestattete Mädchen Nastja auf.

Eine beckettsche Konstellation, die der Autor mit tschechowschem Elan aufbrechen lässt. Seine Erzählung bewegt sich dabei in lethargischem Rhythmus auf dem Untergrund einer Reisereportage, der wiederum die Früchte eines Quellenstudiums historischer Reiseliteratur implantiert wurden. Mehr als ein Dutzend Zitatquellen gibt Widder am Ende an, entnommen aus Werken zwischen Mittelalter und neunzehntem Jahrhundert. Der in osmanische Gefangenschaft geratene Kreuzritter Johannes Schiltberger (etwa 1380 bis 1427), in dessen Schriften auch die Bezeichnung "Ibissibur" für Sibirien zu finden ist, kommt beispielsweise zu Wort oder auch der Naturforscher Georg Wilhelm Steller (1709 bis 1746), der eine detaillierte "Beschreibung von dem Lande Kamtschatka" verfasst hat - von den Seetieren bis zur Einteilung der Zeit unter der Bevölkerung oder deren Angst vor Echsen. Diese Persönlichkeiten samt ihren Werken wären selbst mehrere Romane wert, aber darum geht es Widder nicht. Vielmehr exzerpiert er sparsame Zitate und verwebt sie so in seine Erzählung, dass sie, wären sie nicht kursiv gesetzt, kaum auffielen.

Dadurch gelingt ihm ein seltsam zeitenthobener Ton, der seine eigene Antiquiertheit ausstellt und damit unterschwellig einen ironisierenden Abstand erzeugt. Auch entsteht der Eindruck, dass die in der Gegenwart angesiedelte Erzählung mit ihren postsowjetischen Erfahrungen, etwa von geschlossenen Städten oder von Umweltkatastrophen am russisch-chinesischen Grenzfluss Amur, beinahe archaische Zustände beschreibe. Die Sprache scheint eine fossilisierende Wirkung auf die Ereignisse und auch die Dinge zu haben, selbst auf Mobiltelefone.

Als wären das Herstellen dieses Verfahrens und die wenig vertraute Umgebung seiner Erzählung nicht schon Herausforderung genug, setzt Widder, scheinbar blutleer, wie es seinem Grundton entspricht, dann plötzlich zum Debütanten-Salto-mortale an. Auf wenigen Seiten wird das Kind Nastja zur Lolita. Nach einem indirekt wiedergegebenen Monolog Tschepuchas über die Vorzüge des Mädchens - die beide Protagonisten genossen hätten - lässt der Autor seine Figur dann noch zu einem debilen Rechtfertigungsdiskurs ausholen, wonach die sich immer mehr ausbreitenden Steinreichen "ihre Frauen durch Luxus, Spiel und Konsumerei so infizierten, dass sie ihre Pädophilie in den ewig jungbleibenden, kosmetisch ständig erneuerten und verjüngten Mädchenkörpern ausleben konnten".

Leider sieht Roman Widder offenbar nicht den geringsten Anlass, sich der komplexen Abgründigkeit, die er da eröffnet, auch tatsächlich zu stellen. Nastja interessiert ihn eigentlich reichlich wenig. Das könnte der Erzählperspektive durch den so gehemmten wie gefühlsinkonsistenten Osman geschuldet sein. Allerdings spricht neben den genannten stilistischen Elementen auch die raffinierte intertextuelle Machart des ersten Romanteils dafür, dass Roman Widder um einiges reflektierter ist als sein Ich-Erzähler. Diesen Vorsprung lässt er sich leider in der zweiten Buchhälfte nehmen.

ASTRID KAMINSKI

Roman Widder:

"Ibissur". Erzählung.

Diaphanes Verlag, Zürich 2013. 144 S., br., 14,95 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Roman Widder schickt in seinem Debüt-Roman "Ibissur" eine wahrhaft beckettsche Konstellation ins Rennen: ein sinnkriselnder Spielzeugbauer, ein Hobbyethnologe und ein einarmiges Mädchen mit nur drei Zähnen reisen, angetrieben von einem obskuren "Fischkonservenidealismus", "im Tschechow-Tempo durch Kamtschatka", auf dem Weg zu einer brachliegenden Fischfabrik, berichtet die Rezensentin Astrid Kaminski. Widder durchsetzt seine lethargische Erzählung mit Originalzitaten aus Reiseberichten unterschiedlichster Jahrhunderte, die sich, obwohl das Buch in der Gegenwart spielt, nahtlos eingliedern, was der Geschichte eine eigentümliche Zeitlosigkeit verleiht, erklärt Kaminski. Nur den "Debütanten-Salto-mortale" hätte sich Widder lieber sparen sollen, findet die Rezensentin: am Ende macht er aus dem Mädchen eine Lolita und scheint nicht ausreichend zu reflektieren, welche "komplexe Abgründigkeit" er damit ins Spiel bringt.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 24.09.2013
KURZKRITIK
Schlafendes Land
Roman Widders erstaunliches
Erzähldebüt „Ibissur“
In den nördlichsten und entlegensten Gegenden Sibiriens spielt diese Erzählung, im halblegendären, titelgebenden „Ibissur“. Mit unverkennbarer Lust am Klang werden die Eigennamen dieses dunklen, fernen Raums herbeigeholt, die Völkerschaften der Wogulen, Wojtjaken, Ostjaken, nicht zu vergessen die Samojeden, von denen eine unhaltbare Etymologie behauptet, sie leiteten sich ab von „sam sebja est“, „sich selbst essen“.
  Nur um zwei Ecken wird der Leser über den Helden der Geschichte, den weitgereisten und namenwechselnden Osman, ins Bild gesetzt; dessen Schicksal erfährt der sich wenig offenbarende Erzähler vom Berichterstatter Tschepucha, auch Maltritz genannt. Eines Tages hatte sich Osman von seiner Frau getrennt. „An einem gewittrigen Tag habe er sie plötzlich wie einen Hagelsturm vom Himmel fallen sehen, habe sich von ihrer unbelehrbaren Zuneigung erdrückt gefühlt, ihren steifen Bewegungen, ihrem nicht fassbaren Körper, dem langen trockenen Haar, ihrem grenzenlosen Glück. Kurz vorm Ersticken sei Osman gewesen an diesem anfangs wunderbaren Tag mit dem Gewittergeruch, der unvergleichlich frischen, jenseitigen Luft, die vor einem Sommergewitter herrscht. ‚Ich jedenfalls‘, so Maltritz, ‚kann klar sagen: Ich lehne die Liebe ab.‘“
  Das ist erstaunlich originell im Umgang mit menschlichen Konstanten, aber auch sehr spröde im vorherrschenden Modus der indirekten Rede und ziemlich undeutlich in Bezug auf die Gestaltung von Figuren und Handlung. Der junge Autor Roman Widder hat in seinem Erzähldebüt, so kommt es dem Leser vor, gerade erst entdeckt, was sich mit Sprache alles anstellen lässt, und verwendet sie versuchsweise in einer Art Traumspiel, für das Sibirien, das „schlafende Land“, wie es übersetzt heißt, gerade den rechten Rahmen liefert. Hier äußert sich auf tastende Weise eine entschiedene Begabung. Ihren eigentlichen Weg und Gegenstand gefunden hat sie vorerst noch nicht.
BURKHARD MÜLLER
Roman Widder: Ibissur. Erzählung. Diaphanes Verlag, Zürich und Berlin 2013. 144 Seiten, 14,95 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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"Eine beckettsche Konstellation, die der Autor mit tschechowschem Elan aufbrechen lässt." Astrid Kaminski, Frankfurter Allgemeine Zeitung