Heilig Blut - Elsner, Gisela

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Dieser Roman ist eine Rarität, denn zu Lebzeiten der vor 15 Jahren verstorbenen Gisela Elsner erschien ?Heilig Blut? nur in russischer Übersetzung. Dabei war eine Publikation des Romans geplant, doch Auseinandersetzungen zwischen der Autorin und ihrem damaligen Verlag verhinderten letztlich ein Erscheinen des Textes. Diese Ausgabe, die von der Germanistin Christine Künzel nach dem Manuskript letzter Hand herausgegeben wird, ist also eine deutsche Erstveröffentlichung. In ?Heilig Blut? nimmt Elsner die national geprägte Jägerkultur aufs Korn. Ältere Herren nehmen den Sohn eines erkrankten…mehr

Produktbeschreibung
Dieser Roman ist eine Rarität, denn zu Lebzeiten der vor 15 Jahren verstorbenen Gisela Elsner erschien ?Heilig Blut? nur in russischer Übersetzung. Dabei war eine Publikation des Romans geplant, doch Auseinandersetzungen zwischen der Autorin und ihrem damaligen Verlag verhinderten letztlich ein Erscheinen des Textes. Diese Ausgabe, die von der Germanistin Christine Künzel nach dem Manuskript letzter Hand herausgegeben wird, ist also eine deutsche Erstveröffentlichung. In ?Heilig Blut? nimmt Elsner die national geprägte Jägerkultur aufs Korn. Ältere Herren nehmen den Sohn eines erkrankten Kameraden mit in ihre Jagdhütte, um ihn das Leben zu lehren ? eine Geschichte mit tödlichen Folgen. Wie stets nimmt sich Gisela Elsner auch in ?Heilig Blut? die Zeit, um deutsche Gemütlichkeit in ihrer ganzen Grauenhaftigkeit zu zeigen. Der Roman erscheint anlässlich des 70. Geburtstages von Gisela Elsner am 2. Mai 2007.
  • Produktdetails
  • Verlag: Verbrecher Verlag
  • Seitenzahl: 311
  • 2007
  • Ausstattung/Bilder: 2016. 311 S.
  • Deutsch
  • Abmessung: 171mm x 120mm x 19mm
  • Gewicht: 224g
  • ISBN-13: 9783935843829
  • ISBN-10: 3935843828
  • Best.Nr.: 22507877
Autorenporträt
Gisela Elsner wurde am 2. Mai 1937 in Nürnberg geboren. Nach einem kurzen Studium der Philosophie, Germanistik und Theaterwissenschaften in Wien lebte sie als freie Schriftstellerin unter anderem in Rom, London, Paris, Hamburg, New York und schließlich in München. Sie veröffentlichte acht Romane, diverse Erzählungen, Aufsätze und Hörspiele sowie ein Opernlibretto. Für ihr Werk erhielt sie etliche internationale Auszeichnungen. Sie war Mitglied der DKP und seit 1971 im PEN. Am 13. Mai 1992 nahm sich Gisela Elsner das Leben
Rezensionen
Besprechung von 02.05.2007
Höhe des Deutschlandekels
Gisela Elsner und ihr Roman „Heilig Blut”
Die Avantgarde, die nach dem Krieg kurz sogar in Deutschland auflebte, war manieristisch. Ein Zwerg trommelte sich durch die Welt und musste doch zugeben, dass er Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt war. „Mein Pfleger beobachtet mich, lässt mich kaum aus dem Auge.” In den „Riesenzwergen”, dem ersten Buch Gisela Elsners, ist der Held ein Fresssack und der Vater: „Mein Vater ist ein guter Esser. Er lässt sich nicht nötigen. Er setzt sich an den Tisch. Er zwängt sich den Serviettenzipfel hinter den Kragen. Er stützt die Handflächen auf den Tisch, rechts und links neben den Teller, und übersieht so den Inhalt der Schüsseln. Dann senkt er das Gesäß auf den Sitz.” Mit diesem Anfang, mit diesem Buch wurde Gisela Elsner in den sechziger Jahren fast über Nacht berühmt. Sie erhielt 1964 den Prix Formentor und erschien in allen großen europäischen Ländern gleichzeitig. Danach ging es, wie in einem negativen Bildungsroman, unaufhaltsam bergab mit ihr. Der Literaturbetrieb sorgt sonst für die Seinen, staffiert jeden mit einem Quantum Bedeutung aus und ermöglicht einigen wenigen sogar ein Auskommen. Bei Gisela Elsner hielt der frühe Erfolg nicht an, und der Betrieb hatte auch nichts mehr für sie übrig, als Manierismus aus der Mode kam.
Es war aber mehr als eine Manier, es war ihr Leben. „Entweder bleibt man in dem Stall, in dem man geboren wurde, oder man schlägt sich auf die andere Seite”, erklärte sie einmal in einem Interview. Ihr Vater war Direktor bei Siemens gewesen, war kriegswichtig mit den Nazis aufgestiegen und konnte seine Laufbahn danach so ungehemmt fortsetzen wie zuvor. Gisela Elsner wuchs auf im typisch deutschen Nachkriegshaushalt, in dem mit Opa Adenauers Segen ein neues Biedermeier gespielt wurde, damit nicht über die Verbrechen der Vergangenheit gesprochen werden musste.
Lang bevor die sogenannten Achtundsechziger gegen die Vätergeneration aufstanden, entlief Gisela Elsner ihrem Siemensvaterhaus und geriet in den Literaturstall, der zumindest vorübergehend wie eine bessere Welt aussah. Sie schrieb über Monstren, Scheusale, Widermänner, aber es war immer das Elternhaus, der Vater, das Deutschland der nie überwundenen Nazi-Jahre. Sie trat in die DKP ein und glaubte an die Revolution, an den Volkswillen, wieder eine bessere Welt, zu haben erst nach der Niederlage der Pläne des Kapitals. Aber sie konnte Deutschland nicht so lieben, wie’s heute Vorschrift ist. Der Blick der Pfleger ruhte auf ihr. In einer Geschichte schilderte sie ihre „allmähliche Entfernung aus dem Lande”. Nach der Rückkehr aus dem Ausland wird sie in Deutschland nicht mehr heimisch. Sie fühlt sich überwacht, beobachtet, bespitzelt. Sie leidet unter Verfolgungswahn, aber sie wird wirklich verfolgt. Es ist ein Albtraum. „Ich habe mich hierzulande nie sicher gefühlt.”
Pathos und Manier
Der Rowohlt-Verlag, in dem Gisela Elsner europaweit berühmt geworden war, konnte sie irgendwann nicht mehr brauchen; es verkaufte sich nicht, wie sie die Geschichte der „Madame Bovary” neu schrieb oder in der „Zähmung” einen Mann zur putzsüchtigen Hausfrau entemanzipierte und ihm zuletzt sogar Brüste wachsen ließ. W. G. Sebald kannte auch ihr Buch „Fliegeralarm” nicht, als er ahnungslos behauptete, der Luftkrieg sei kein Thema für die deutsche Literatur gewesen. Sie musste doch davon reden, wie es war im Krieg und danach.
1984 entstand der Roman „Heilig Blut”, der jetzt zum ersten Mal in deutscher Sprache erscheint. Nachgelassen müsste man ihn nennen, aber er ist schon einmal erschienen, 1987 in Moskau und in russischer Sprache. Da nahm niemand mehr ein Stück Brot von ihr, es half ihr nur noch die Partei. Dieses Buch, erschienen in dem rührend um ihr Werk bemühten Berliner Verbrecher-Verlag, zeigt Gisela Elsner auf der Höhe ihres Deutschlandekels. Sie hat sich nie zum Realismus bekehren mögen, und deshalb sind die Figuren auch in diesem Roman wieder Karikaturen, mit denen verglichen George Grosz’ Stützen der Gesellschaft fotorealistisch porträtiert wirken.
Vier Herren finden sich weit hinten im Bayerischen Wald zu einer Jagdgesellschaft zusammen. Glaubrecht trägt vom „Russlandfeldzug” eine Einschussnarbe neben dem rechten Mundwinkel, Hächlers Knie hat ein russischer Wachposten im Zweiten Weltkrieg zerschossen, Lüßl werfen die anderen eine echte oder erfundene jüdische Großmutter vor, weshalb ihm auch etwas „Zersetzendes” eigne, und der „junge Gösch” ist nicht mehr ganz jung, sondern ein altes und entsprechend widerwärtiges Kind: „Sein alles andere als markantes, rosiges Gesicht war von einer zu üppigen Kost und einem nicht immer maßvollen Alkoholgenuss bereits so aufgeschwemmt, dass es über die Ränder zu quellen drohte.”
Bildschöne Nazis
Es handelt sich bei den Älteren natürlich um alte Nazis, mit einer „ausgeprägten Schwäche für Menschen, die ohne Rücksicht auf Verluste aufs Ganze gingen”. Die Teilnehmer der Jagdgesellschaft haben proturbierende Bäuche, entbergen abscheuliche Geschlechtsteile, zeigen widerliche Tischmanieren und sind vor allem so bildschöne Nazis, wie sie kein antifaschistisches Lehrbuch mehr liefern würde. Sie mögen Karikaturen sein, aber es ist ihnen blutig ernst mit ihrem Treiben: Sie wollen nicht bloß schießen, sondern morden.
Die Gegend um Heilig Blut (das es wirklich gibt) hat viel von dem gut erfundenen Gebirgsdorf Weng, in dem Thomas Bernhards erster Roman „Frost” (1963) spielt. Der Wald ist finster, die Wege sind tief verschneit, und selbst den Bergen wird noch vorgehalten, dass sie nicht „imposant” genug seien. Es ist das Ende der Welt, und die Bewohner sind so hinterwäldlerisch, wie es die Einheimischen in solchen parabolischen Landschaften immer sind: „Sie fanden ihn in seinem Devotionalienladen umgeben von gerahmten Bibelsprüchen, lachreizerregend kitschigen Heiligenbildern, buntbemalten Madonnenstatuen aus Gips, Kruzifixen aus Plastik sowie Rosenkränzen, Weihwasserbecken und Seidentüchern, auf die das schmerzverzerrte, blutbesudelte Gesicht des Gekreuzigten mit der Dornenkrone gedruckt war.”
So viel Frömmelei fordert ein Opfer, das dem Gekreuzigten nachfolgt. Der „alte Gösch”, der die Gefährten in früheren Jahren begleitete, hat diesmal seinen Sohn geschickt, um dem Kriegsdienstverweigerer die pazifistische Verweichlichung auszutreiben. Er ist das ideale Opfer, und deshalb muss er sterben. Die Väter, das ist die Botschaft dieses inzwischen aus aller Zeit gefallenen Buches, sind Mörder und sie morden noch ihre eigenen Kinder. Ein solches Pathos hat es heute schwer, aber „Heilig Blut” ist ein herrliches Antidot in der gegenwärtigen Papst-Raserei und dem allseitigen Bedürfnis nach einer Rückkehr in eine heile Welt, die es nie gab. Der große Manierist Thomas Bernhard wäre neidisch gewesen auf dieses bösartige kleine Buch.
Wie die Frankfurter Schule sah Gisela Elsner in der Familie die Keimzelle des Faschismus – vor allem in ihrer eigenen, an der sie sich bis zum letzten Buch rächen wollte. Es gelang ihr nur nicht. Am Ende musste sie doch in dieses Elternhaus zurück und um Almosen betteln. „Ich habe mich hierzulande nie sicher gefühlt.” Ohne Unterstützung, ohne Verlag, ohne Geld blieb ihr zuletzt nur ein romanhafter Schluss. Vor fünfzehn Jahren stieg Gisela Elsner auf das Dach der Heil- und Pflegeanstalt, in die sie sich eingeliefert hatte, und stürzte sich in den Tod. An diesem Mittwoch wäre sie siebzig Jahre alt geworden. WILLI WINKLER
GISELA ELSNER: Heilig Blut. Roman. Herausgegeben von Christine Künzel.Verbrecher-Verlag, Berlin 2007. 250 Seiten, 14 Euro.
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Die Bösartigkeit ihres Werkes hätte einen Thomas Bernhard vor Neid erblassen lassen und ihre Karikaturen einen George Grosz. Mit allen ihren Büchern, erklärt Rezensent Willi Winkler, habe sich Gisela Elsner rächen wollen an ihrem Nazi-Vater und der Familie. "Heilig Blut" stelle sogar eine Art Kulminationspunkt ihres "Deutschlandekels" dar in Form einer satirisch gezeichneten Jagdgesellschaft von Altnazis, die die Gier nach frischem Blut in den bayrischen und naturgemäß katholischen Wald treibt. Angestachelt von der "Frömmelei" und den vielen Kruzifixen eines Bergdorfes suchten die alten Herren der Jagdgesellschaft gewissermaßen ein Kreuzigungsopfer, das sie im "jungen Gösch", dem Sohn eines Kriegskameraden, auch finden. Sowohl die Szenerie als auch die Handlung sei parabolisch düster gezeichnet und in ihrem Manierismus wie "aus der Zeit gefallen". Aktuell sei Gisela Elsners Satire hingegen, schlägt der Rezensent vor, wenn man sie als "herrliches Antidot" gegen die aktuelle Renaissance von heiler Welt und Papsttum verstehe.

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