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Nach der Wende sahen sich die Heimatmuseen in Ostdeutschland von heute auf morgen mit der Frage konfrontiert: Wie erinnert man an ein Land, das es nicht mehr gibt? Wie bildet man im Nachhinein die kollektive Erinnerung an eine Zeit, in deren offizieller Geschichte persönliche und alltägliche Erfahrungen keinen Platz hatten? Anders als in den großen Museen fand der oft schmerzhafte Prozess des Erinnerns in diesen kleinen Museen aktiv auf einer lokalen und persönlichen Ebene statt. Mit verschiedenen Ausstellungsformen experimentierend, wurden sie zu Gedächtnislaboren. Thalia Gigerenzer hat fünf…mehr

Produktbeschreibung
Nach der Wende sahen sich die Heimatmuseen in Ostdeutschland von heute auf morgen mit der Frage konfrontiert: Wie erinnert man an ein Land, das es nicht mehr gibt? Wie bildet man im Nachhinein die kollektive Erinnerung an eine Zeit, in deren offizieller Geschichte persönliche und alltägliche Erfahrungen keinen Platz hatten? Anders als in den großen Museen fand der oft schmerzhafte Prozess des Erinnerns in diesen kleinen Museen aktiv auf einer lokalen und persönlichen Ebene statt. Mit verschiedenen Ausstellungsformen experimentierend, wurden sie zu Gedächtnislaboren. Thalia Gigerenzer hat fünf ostdeutsche Heimatmuseen in Eisenhüttenstadt, Müllrose, Wittenberge, Wittstock und Berlin-Marzahn und ihre Ausstellungen zur DDR untersucht. Entstanden ist eine Momentaufnahme von der Vielfalt der Erinnerung an die DDR, gut 20 Jahre nach dem Fall der Mauer.
  • Produktdetails
  • Verlag: be.bra verlag
  • Seitenzahl: 160
  • Erscheinungstermin: November 2013
  • Deutsch
  • Abmessung: 216mm x 168mm x 15mm
  • Gewicht: 542g
  • ISBN-13: 9783954100187
  • ISBN-10: 3954100185
  • Artikelnr.: 38262285
Autorenporträt
Thalia Gigerenzer, geboren 1986, hat Deutsche Geschichte und Indologie an der University of Chicago und Anthropologie an der School of Oriental and African Studies in London studiert. Sie ging mit einem Fulbright Stipendium ein Jahr nach Neu Delhi, um die Lebensgeschichten der 'Unberührbaren ' zu dokumentieren. Ihre Artikel wurden u.a. in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der New York Times und der indischen Zeitschrift The Caravan veröffentlicht. Sie lebt in London.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Höchst interessant findet Rezensentin Regina Mönch den Versuch der Historikerin Thalia Gigerenzer, der Erinnerungskultur in den Heimatmuseen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR auf die Spur zu kommen. Für ihre Studie besuchte die Autorin 2008 und wiederum 2013 acht Museen und stellt fest: Es handelt sich um "Gedächtnislabore", in denen mittels Ausstellung von Alltagskultur an einer kollektiven Erinnerung, ja einem Heimatgefühl jenseits staatlicher Gedenkkonzepte gearbeitet wird. Dass die Autorin die unterschiedlichen Vorgehensweisen der Museen unkommentiert lässt, geht für Mönch in Ordnung. Der Befund der Studie, wonach eine überkommene Symbolik langsam einer Mischung aus sozialistischem und regionalem Heimatbegriff weicht, scheint ihr ein nachvollziehbarer, wenngleich vorläufiger zu sein.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 19.12.2013

Die Zeit der Putzmittel ist vorbei

Operation Erinnerung: Thalia Gigerenzer hat untersucht, wie die ostdeutschen Heimatmuseen sich nach der Wende neu aufgestellt und die Mythen der DDR-Geschichte abgeschüttelt haben.

Was war die DDR? Mit dieser Frage waren nach dem Fall der Mauer alle Museen im Osten konfrontiert, die bis dahin das offizielle Geschichtsbild der SED zu vermitteln hatten. Die großen Häuser hatten es dabei noch leichter, ein neues Bild zu finden, verfügten sie doch über mehr Mittel und professionelle Ausstellungsmacher und passten sich rasch den Standards westdeutscher Geschichtskonzepte an. Die kleinen Heimatmuseen jedoch, waren "eng mit einem ortsgebundenen und persönlichen, weder nationalen noch politischen Gedächtnis verknüpft", schreibt die Historikerin Thalia Gigerenzer in ihrer emphatischen Studie "Gedächtnislabore".

Sie versteht sie als Momentaufnahme des Kampfes um die richtige, die akzeptable Erinnerung an die DDR. Als sich die Zeiten änderten, nach 1989, wurde vielerorts das Museum erst einmal ausgeräumt. Doch was stattdessen zuerst hineinkam, war nicht unbedingt die unter Propagandasymbolen verschüttete Heimatgeschichte, sondern politisch Unverfängliches, etwa so wie in Eisenhüttenstadt, wo eine Jubelausstellung zum berühmten Stahlwerk EKO abgeräumt wurde und eine über "Omas Küche" an deren Stelle trat.

Doch zu Unrecht habe man diesen kleinen Museen immer wieder "ahistorische Nostalgie" oder gar Verdrängung unterstellt, schreibt Gigerenzer. Sie hat genauer hingeschaut und "Gedächtnislabore" entdeckt, die sich in einer schnell wandelnden Gesellschaft zu behaupten versuchten, die den Zeittakt verlangsamten bei ihrer Suche nach dem, was bleiben würde von einer Vergangenheit, deren Geschichte ein "Diktat von oben war und die fast keine Aufzeichnungen von alltäglichen Erfahrungen ganz gewöhnlicher Menschen" bot.

Zweimal, 2008 und 2013, besucht Thalia Gigerenzer acht dieser Heimatmuseen und protokolliert deren Versuche, die Desorientierung der Transformationsjahre zu überwinden und zu einer kollektiven Erinnerung zu finden, die sich weniger an staatlichen Gedenkkonzepten orientiert, dafür mehr an der Akzeptanz durch die Adressaten. Die schaffen in den ersten Jahren in die Museen, was sie für bewahrenswert halten, alltägliche Gegenstände oder Brigadetagebücher; "unkodierte Relikte" nennt sie Gigerenzer, die Erinnerung anstoßen, erleichtern, aber natürlich kein Gesamtbild schaffen können, vor allem keines, das auch der Nichteingeweihte sich zu übersetzen vermag.

Überraschend ihr Befund, dass es in der ersten Phase des Wandels gleichgültig war, wie gut oder schlecht die neuen Darstellungen waren: Das Interesse war überall groß, die Debatten spannend und sie wurden, mindestens bis 2008, hochemotional geführt. Es war egal, ob die Ratlosigkeit, was weg sollte und was stattdessen von der DDR zu zeigen war, zu einem Sammelsurium alltäglicher Gegenstände und überkommener offizieller Symbole führte, wie etwa in dem Städtchen Müllrose (Brandenburg), oder schon bald zu einer fundierten, quellengestützten, aber abstrakten Ausstellung wie im Stadtmuseum von Eisenhüttenstadt, das sich recht früh der besonderen Architektur dieser sozialistischen Idealstadt zuwandte.

Die Besucher identifizierten sich damit, weil das Ideal zwar von der Realität immer entfernt blieb, aber doch Teil ihres Lebens gewesen ist. Erfolgreich auch Wittstock, das sich mit einem "Museum im Museum" ironisch dem Gegenstand näherte, und in einer Zeit, da die konkrete Erinnerung daran zu verblassen begann, in dieser Zeitkapsel immerhin vorführte, wie sich die DDR selbst darstellte. Für Thalia Gigerenzer zeigt sich in diesen Versuchen weniger die Sehnsucht nach letztgültiger Aufklärung oder Verteidigung einer Deutungshoheit, dafür umso mehr ein kreativer und demokratischer Prozess, ein neues, aus der ideologischen Klammer befreites Heimatgefühl zu entwickeln.

Nicht überall will das gelingen, weil eine kollektive Erinnerung an die DDR sich nicht mit wiedererkennbaren Objekten, mit Hühnereierbechern oder den bewährten Putzmitteln "ATA" und "IMI" herstellen lässt, auf die sich viele Museen beschränken - ob aus Unsicherheit oder Phantasielosigkeit, ist unwichtig. Mit Kommentaren aber tun sich viele Museen immer noch schwer, vielleicht auch, weil sie befürchten, man könnte ihnen unterstellen, schon wieder verordnen zu wollen, was wie zu sehen und zu bewerten ist. Und sie scheuen sich leider oft, das Lokale, das einmalig Alltägliche herauszulösen aus der überkommenen überregionalen Darstellung, die meist sehr an das kollektivistische Geschichtskonzept der DDR erinnert, nur dass ihr der reale Kontext abhandengekommen ist.

Als Grund für ihre Zögerlichkeit führen viele Museumsdirektoren auch mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Mauerfall die fehlende emotionale Distanz an. Das Vergangene also zu nah für eine entschiedene Musealisierung? In einigen Fällen, vor allem im Müllroser Museum, kann man sich nicht des Eindrucks erwehren, dass es auch eine Frage der Professionalität der Museumsleitung ist und deren eigener innerer Freiheit, sich von der Propaganda entstaubten Inhalten zuzuwenden.

Ein anderes Hindernis deutet Gigerenzer nur an: Untergegangen in den plakativen Geschichtsmythen aus DDR-Zeiten waren in den Heimatmuseen auch die Erzählungen, was in den Orten im Nationalsozialismus tatsächlich geschehen ist. Der überhöhte antifaschistische Widerstand, der suggerierte, ein ganzes Volk habe immer auf der richtigen Seite gestanden, entlastete lange Zeit, sich persönlichen Verstrickungen in die Nazizeit zu stellen. Wie aber will man ein "kollektives Geschichtsbild" zur DDR finden, das Thalia Gigerenzer immer wieder als Ziel benennt, wenn die dahinter liegende Geschichte nie aufgearbeitet wurde?

Die Autorin kommentiert die vielen, sehr unterschiedlichen Experimente dieser "Gedächtnislabore" nicht. Sie sind legitim, egal wie unvollkommen vieles wirkt, weil sie die Diskussion über die DDR und wie sie nun wirklich gewesen ist, auf eine sehr eigene, authentische Art abbilden. Sie sind nicht in die großen zornigen Debatten einbezogen, ja entziehen sich sogar, vor allem dem Schwarzweißschema von gut und schlecht. Ihr Blick auf die DDR mag noch provisorisch sein, aber sie unterscheiden sich deutlich von den vielerorts entstandenen privaten Ostalgie-Kabinetten, die großen Zulauf haben, aber mit ihren putzigen Anekdoten eher auf den Jahrmarkt gehören.

Die Autorin beschreibt Heimatmuseen, die sich nun zum Teil auf die Geschichte der wichtigsten (fast immer untergegangenen) Betriebe der Orte beziehen. Ob sie die Desorientierung, nicht genau zu wissen, woher man kommt, beheben können, sei dahingestellt. Aber ein Heimatmuseum, in dem sich die dort Beheimateten nicht wiedererkennen, wäre keins. Und wenn man bedenkt, welche Bedeutung der Mythos Arbeit für die meisten Ostdeutschen hat, weil diese Arbeit, so ungeliebt oder auch unzumutbar sie gewesen sein mag, das Leben, den Alltag bestimmte - ist dieses Experiment bestens geeignet, ein anderes, unideologisches Heimatgefühl zu entwickeln und einen objektiven Blick zurück.

Als Thalia Gigerenzer 2013 noch einmal die Museen besuchte, sagte ihr die Leiterin des Heimatmuseums Wittenberge, die Zeit der Putzmittel und Hühnereierbecher sei lange vorbei. Inzwischen geht es um Ausstellungen, die auch von den Nachgeborenen verstanden werden, jenen, die mit "ATA" nichts verbinden. Viele Heimatmuseen befreien sich langsam, aber endgültig aus der offiziellen DDR-Symbolik, so Gigerenzers Befund. Ihr Begriff von Heimat sei inzwischen weder dem sozialistischen noch dem traditionell-regionalen zuzuordnen, sondern ließe ein Hybrid von beiden erkennen. Noch ist dieser Prozess nicht abgeschlossen, die "Gedächtnislabore" arbeiten weiter.

REGINA MÖNCH

Thalia Gigerenzer: "Gedächtnislabore". Wie Heimatmuseen in Ostdeutschland an die DDR erinnern. Verlag be.bra Wissenschaft, Berlin 2013. 160 S., Abb, geb. 26,- [Euro].

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