Fanny Holzbein - Bartsch, Kurt
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"Der Untergang der Stadt war beschlossene Sache." Mit diesem Satz beginnt der Roman Fanny Holzbein, der Roman über ein Mädchen, das eigentlich Fanny Salbei heißt, und der vom März 1945 bis Winter 1947 in Berlin spielt. An Fannys Seite ihre Freundin Charlotte - etwas älter als sie - eine treue Seele, der einzige Mensch, den sie noch hat. Und vier Jungen aus der Nachbarschaft, Spielgefährten von einst, die zu Kindersoldaten geworden sind, die wild entschlossen das verteidigen, was Ehre und Treue ihnen gebietet: das Vaterland, die Mädchen, die Illusion.
Mit einer poetisch verdichteten Härte
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Produktbeschreibung
"Der Untergang der Stadt war beschlossene Sache." Mit diesem Satz beginnt der Roman Fanny Holzbein, der Roman über ein Mädchen, das eigentlich Fanny Salbei heißt, und der vom März 1945 bis Winter 1947 in Berlin spielt. An Fannys Seite ihre Freundin Charlotte - etwas älter als sie - eine treue Seele, der einzige Mensch, den sie noch hat. Und vier Jungen aus der Nachbarschaft, Spielgefährten von einst, die zu Kindersoldaten geworden sind, die wild entschlossen das verteidigen, was Ehre und Treue ihnen gebietet: das Vaterland, die Mädchen, die Illusion.

Mit einer poetisch verdichteten Härte und einem fast filmischen Erinnerungsvermögen erzählt Kurt Bartsch in einer Mischung aus rasantem Tempo und retardierender Langsamkeit Geschichten über Ereignisse aus den letzten Tagen des Krieges und der Zeit danach, die sich taghell in ihn eingebrannt haben: Ein großartiger Überlebensroman über eine verlorene Generation, die das Lieben nicht verlernen will.
  • Produktdetails
  • Verlag: ULLSTEIN HC
  • Seitenzahl: 236
  • 2004
  • Ausstattung/Bilder: 2004. 236 S.
  • Deutsch
  • Abmessung: 23mm x 142mm x 220mm
  • Gewicht: 412g
  • ISBN-13: 9783550086052
  • ISBN-10: 3550086059
  • Best.Nr.: 12881360
Autorenporträt
Kurt Bartsch, geboren 1937 in Berlin und heute noch dort wohnend; seit 1966 freier Autor, Texte für Kabarett und Theater; 1976 Protest gegen die Ausbürgerung Biermanns; 1979 Ausschluss aus dem Schriftstellerverband der DDR; 1980 Übersiedlung nach West-Berlin; ab 1986 Fernsehautor.
Rezensionen
Besprechung von 16.06.2005
Tänzerin im Granatenhagel
Kurt Bartsch erzählt von einer Jugend zwischen den Trümmern Berlins

Sein Lebenslauf war ein Schulbeispiel für die existentielle und emotionale Berg-und-Tal-Fahrt, die literarische Talente im Staat DDR zu durchleiden hatten: Kurt Bartsch, Jahrgang 1937, brach 1965 seine Lehre am Leipziger Literaturinstitut ab, nachdem das elfte Plenum des ZK der SED eine erneute Verhärtung des kulturpolitischen Kurses signalisiert hatte. Dennoch erschienen in den Folgejahren einige seiner Arbeiten, Lyrik, Prosa, Theatertexte - bis dann, 1976, der Autor einen sozialistischen Glaubensfrevel beging: Er setzte seinen Namen unter die Petition, in der namhafte DDR-Schriftsteller um ein Überdenken der Maßnahmen gegen Wolf Biermann baten. Drei Jahre später offenbarten er und sieben andere aufmüpfige Briefschreiber dem Staatsratsvorsitzenden Honecker ihre Sorge um die Entwicklung der Kulturpolitik in dessen Staat. Die Absender flogen aus dem Schriftstellerverband, was nach DDR-Usancen nicht nur die Veröffentlichungschancen, sondern auch die soziale Existenz beeinträchtigte.

Im Jahr 1980 ging Kurt Bartsch nach West-Berlin, abgeschoben mit der in solchen Fällen üblichen Genehmigung für einen mehrjährigen, aber dauerhaft gemeinten Westaufenthalt. Zehn Jahre später löschte die Historie die Zwiespältigkeiten, unter denen Bartsch und seinesgleichen litten; sie sind heute nicht mehr sein Thema. Wohl aber bewegt ihn der politische Wahnwitz, der im zwanzigsten Jahrhundert deutsche Geschichte regierte, seine Kindheit prägte und letzten Endes die Anfechtungen und Belastungen seiner jungen Jahre erst möglich machte.

Davon, nämlich von der Hitlerzeit, handelt sein just erschienener Roman "Fanny Holzbein". Und zwar führt uns der Autor sofort und ohne schonenden Anlauf zum höllischen Höhepunkt - genauer: zum infernalischen Tiefpunkt der Geschehnisse. Er zeigt uns Berlin in den letzten Kriegstagen, wie er es als Kind erlebte, nicht ganz acht Jahre alt. Es muß sich messerscharf in sein Gedächtnis gebrannt haben, auch wenn die Menschenbilder, in denen er die Katastrophe einfängt, nicht aus der eigenen Erfahrung stammen können, sondern eher aus späterem Hörensagen, verarbeitet von seiner schöpferischen Phantasie.

Zwar sind seine Romanhelden auch Kinder, aber entscheidend älter als damals der kleine Kurt Bartsch. Die titelgebende Fanny ist dreizehn, ihre Freundin Charlotte ungefähr vierzehn bis fünfzehn, die Jungen in ihrem Umkreis fünfzehn, sechzehn, siebzehn, gerade alt genug für das letzte Aufgebot. Es ist erstaunlich, wie der Schrecken, wann immer er zur Sprache kommt, zwar die Handlung lenkt, aber sie niemals beherrscht, also die Lebensläufe nicht zudeckt, sondern das Seine zu ihrer Formung beiträgt. Mit anderen Worten, Bartschs Buch, durch ein grausiges Thema beschwert, leistet, was einen Roman ausmacht: Es erzählt uns eine Geschichte von unseresgleichen.

Die Geschichte nämlich von einem Kind an der Schwelle zum Großsein, den Kopf voll krauser Träume, die vom Grauen zwar gefärbt, aber nicht ausgelöscht werden. Fanny schwärmt für den Burschen Armin Kutzner, einen der Hitler-Verteidiger, wird ihrerseits angeschwärmt von dem Jüngelchen Hans Klein, genannt Hänschenklein; sie ist in aufrichtiger Zuneigung und in ersten erotischen Tastversuchen der Freundin Charlotte verbunden; sie wünscht sich innigst, Tänzerin zu werden. Die Halbwaise, bald nach Romanbeginn Vollwaise, hat keine Aufsicht, keine Lenkung. Und hätte sie eine, was sollte die ausrichten inmitten des kreischenden Irrsinns im sterbenden Berlin, im untergegangenen Deutschland?

Das kleine Leben, in das der Romanautor uns verstrickt, ist bei allem Entsetzen immer rührend und bei aller Rührung immer entsetzlich. Was soll aus diesen Halbkindern werden? Was aus Fanny, der Möchtegern-Tänzerin, die im Granatenhagel der Endkämpfe ein Bein verliert? Bartsch schildert niemals allzu unerträgliche Einzelheiten, je schlimmer es wird, desto inniger verwebt er die Handlung mit den Träumen, die den Kopf des kleinen Mädchens füllen, und schafft so einen Schleier, der die Tragödie zwar nicht zudeckt, aber so weit sänftigt, daß wir sie ertragen können.

Eine der Phantasiefiguren, die dem Kind begegnen, ist ein schwarzgekleideter Herr, höflich und zu allem entschlossen; es ist der Tod. Er sucht Fanny - nun Fanny Holzbein - auch nach dem Krieg heim, weil sie in Verdacht gerät, einen emigrierten Juden, späteren amerikanischen Bomberpiloten und jetzigen Besatzer, erschossen zu haben. Der wahre Täter war Armin Kutzner, wegen Einbruchs in einen amerikanischen PX-Laden ebenfalls in Haft. Kutzner gesteht kurz vor Fannys Hinrichtung. Will er lieber für einen Mord erschossen als für einen Diebstahl gehängt werden? Oder ist es das erste und zugleich letzte Mal, daß er bekennt, Fannys Neigung zu erwidern? Sie nimmt es so und läßt sich vom höflichen Herrn Tod aus der Delinquentenzelle ins Leben führen, einsam und hinkend.

SABINE BRANDT

Kurt Bartsch: "Fanny Holzbein". Roman. Ullstein Verlag, Berlin 2004. 237 S., geb., 20,- [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Märchen sind oft grausam, stellt Yaak Karsunke wieder einmal fest, der einen grausamen Roman mit märchenhaften Volten von Kurt Bartsch gelesen hat. Der Autor hat ein Buch geschrieben, in dem halbwüchsige Protagonisten ihre Kindheit und ihre Pläne an den Krieg verlieren. Die 13-jährige Titelheldin Fanny etwa will mit ihrer "seidenleichten Figur" nach dem Krieg Tänzerin werden. Wenig später verunziert eine plumpe Prothese den prädestinierten Körper. Das Buch zeigt, wie der Krieg die Kinder verrohen und ihr Denken von Mordphantasien beherrschen lässt. Dies geschieht in einem "lyrisch verknappten, lakonischen Ton", meint der Kritiker. Das Inferno des zu Ende gehenden zweiten Weltkriegs "wird registriert und nicht ausgemalt" - Karsunke scheint durchaus dankbar zu sein für diese Erzählweise. Mit diesen Stil gelingt es dem Autor, das Entsetzen mit Nüchternheit zu bannen, um es mitteilbar zu machen, lobt der Rezensent.

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