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Nach einer Schießerei mit Polizisten wurde Christof Wackernagel 1977 als Mitglied der RAF verhaftet und für zehn Jahre inhaftiert. In dieser Zeit söhnte er sich mit dem von ihm verletzten Polizisten aus und distanzierte sich in einem schmerzhaften Prozess vom bewaffneten Kampf. Wackernagel drohte irre zu werden an der Erkenntnis, dass die Gründe, die ihn hatten zur Waffe greifen lassen, fort existierten und das letzte Mittel, eben der bewaffnete Kampf im Untergrund, ihn genau zu dem machte, wogegen er kämpfte. Um sich nicht das Leben zu nehmen, wurde er zu einem "Terroristen" der Worte und…mehr

Produktbeschreibung
Nach einer Schießerei mit Polizisten wurde Christof Wackernagel 1977 als Mitglied der RAF verhaftet und für zehn Jahre inhaftiert. In dieser Zeit söhnte er sich mit dem von ihm verletzten Polizisten aus und distanzierte sich in einem schmerzhaften Prozess vom bewaffneten Kampf. Wackernagel drohte irre zu werden an der Erkenntnis, dass die Gründe, die ihn hatten zur Waffe greifen lassen, fort existierten und das letzte Mittel, eben der bewaffnete Kampf im Untergrund, ihn genau zu dem machte, wogegen er kämpfte. Um sich nicht das Leben zu nehmen, wurde er zu einem "Terroristen" der Worte und schrieb die Geschichte seiner Generation. Nur in einer besonderen literarischen Form sah Wackernagel die Möglichkeit, die Widersprüche, die ihn zu zerreißen drohten, angemessen auszudrucken. Dieselben Geschehnisse werden in den drei verschiedenen Aggregatzuständen des Traumes dargestellt: Traum, Halluzination und Tagtraum. Jeder ist in einer eigenen Spalte gesetzt, deren Absätze gleich lang sind und sich aufeinander beziehen. Die erste Spalte, die Basis des ganzen Buches, bilden Wackernagels Träume von 1979 bis 1994, die er schonungslos offen protokolliert hat. In der zweiten und dritten Spalte wird das Traummaterial in Halluzinationen und Tagträume verwandelt. Frei erfunden zwar, aber nach den Gesetzen des Traumes komponiert: verdichten, verschieben und vertauschen.
  • Produktdetails
  • Verlag: Zu Klampen Verlag
  • Seitenzahl: 603
  • Erscheinungstermin: August 2011
  • Deutsch
  • Abmessung: 430mm x 320mm x 55mm
  • Gewicht: 4944g
  • ISBN-13: 9783866741409
  • ISBN-10: 3866741405
  • Artikelnr.: 33463428
Autorenporträt
Christof Wackernagel, Jahrgang 1951, war von 1967 bis 1977 Schauspieler und Mitglied des Medienkollektivs »Produktionsgemeinschaft Schrift, Ton und Bild«. 1977 bis 1987 wurde er wegen bewaffneter Politik und Mitgliedschaft in der RAF inhaftiert. Für seine vorzeitige Haftentlassung setzte sich auch Hermann van Hoogen ein, der Polizist, der Wackernagel festgenommen hatte und der später sein Freund wurde. Seit 1987 ist Wackernagel wieder als Schauspieler und Autor tätig. Er wirkt in zahlreichen Kino- und Fernsehproduktionen mit. Buchveröffentlichungen u. a.: »Nadja. Erzählungen und Fragmente« (1984); »Bilder einer Ausstellung. Erzählungen« (1986); »Ghadafi lässt bitten. Reisenovelle« (2002); »es. Traumtrilogie« (2011 »Verlogen, dumm und unverschämt. Essays« (2015); sowie Hörspiele und Theaterstücke und Beiträge zu Anthologien. Er ist Initiator der Kulturkarawane »Humanity's Ark«.
Rezensionen
Besprechung von 26.08.2011
Die Träume des Christof Wackernagel

Nach Freud und Stephen King komme jetzt ich", sagte er über "Es". So heißt ein soeben im Berliner Literaturhaus präsentiertes Traumprotokoll des ehemaligen RAF-Häftlings Christof Wackernagel. "Es" ist ein dreispaltig gesetztes, 4,2 Kilo schweres und 280 Euro teures Digitaldruckbuch im Folioformat: eine Spalte Traumprotokolle, eine Spalte Halluzinationen, eine Spalte Tagträume. Der Zu Klampen Verlag aus Springe am Deister hat weder Kosten noch Mühen gescheut, um dieses wahrhaft monströse Projekt in die Tat umzusetzen: eine Lebensgefühlbeschwörung auf mehr als sechshundert Seiten, die man sich größenwahnsinniger und anmaßender kaum denken kann. Hätten Bücher ein Über-Ich, dann wäre es in diesem Fall ganz sicherlich "Zettel's Traum" von Arno Schmidt. Kein Wunder, dass sich bei derartigen Vorbildern bald ein anarchistisch wütendes "Es" artikuliert.

Nun also drei Spalten, in denen das Unbewusste "strukturiert ist wie eine Sprache". Nicht nur wird darin Max Horkheimer von Linksradikalen entführt. Auch entwickelt er währenddessen ein ausgewachsenes Stockholmsyndrom, das in einer Affäre mit seiner Entführerin gipfelt. Gleich im ersten Traum, den Christof Wackernagel 1978 im Gefängnis notiert, kommt ein internationaler Revolutionspromi vor. "Mit Fidel Castro im Hubschrauber über den Niederlanden; wir sitzen an einem kleinen Tischchen, fast wie im Flugzeug, und er redet auf mich ein, ernst und eindringlich, es geht ganz eindeutig um etwas sehr Wichtiges, etwas Grundsätzliches, aber ich begreife ums Verrecken nicht, was er sagen will; er redet und redet, aber ich verstehe kein Wort, es scheint sinnloses Blabla, und je mehr ich es verstehen will, desto weniger begreife ich - bis ich mit Schrecken entdecke, dass er keinen Bart mehr hat." Was man so träumt!

"Träume sind Kunstwerke", und vielleicht lässt sich Ähnliches à la Coelho auch über Revolutionen sagen. Christof Wackernagel, der selbst aus einer Künstlerdynastie stammt und dem nach seiner Haftentlassung 1987 eine zweite Karriere beim Film beschieden war, hat sich an die Ausformung dieses Kunstwerks gemacht. Wer über Geschichte schreiben wolle, müsse dies mit den Mitteln des Traums tun. Diese Mittel lauteten: "Verschiebung" und "Verdichtung". Und um das einmal auszuführen: Weil die Wahrheit bekanntermaßen ein sich ewig Entziehendes ist und unser Erinnern deshalb per se geschichtsklitternd, könne es keine allgemeingültigen Aussagen geben über die RAF - schon gar nicht über die Generation RAF. Stattdessen solle man sich lieber treiben lassen - Wackernagel empfiehlt das tatsächlich - in seinem Stream of Inconsciousness voller Einsichten, Anklagen und Widersprüche.

Begleitet wurde der heute in Bamako lebende Autor von seinem Neffen Jonas Grosch sowie zwei bekannten Schauspielerinnen, seiner Schwester Sabine und seiner Nichte Katharina Wackernagel. Insofern hatte das Ganze auch etwas von einer Familientherapie vor Fachpublikum. Hatte man sich damit einmal abgefunden, schien es auf einmal beunruhigend, als der Patient von einem Traum jüngeren Datums berichtete. Fidel Castro sei abermals aktiv geworden. Seinen Bart, sagt Wackernagel, den habe er da wieder "ein bisschen" gehabt.

KATHARINA TEUTSCH

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Ratlosigkeit und auch ein bisschen Überdruss bringt Michael Sontheimer in einer eingehenden Kritik von Christof Wackernagels Buch über die RAF zum Ausdruck. Der Ex-RAF-Terrorist, der zehn Jahre im Gefängnis saß, versucht darin seiner Geschichte mit künstlerischen Mitteln Herr zu werden, stellt der Rezensent fest, der sich vom Ergebnis allerdings nicht überzeugt zeigt. Sontheimer stöhnt unter der Last von 600 Seiten, jeweils in drei Spalten aufgeteilt, die parallel gelesen werden wollen. In der ersten Spalte notiert der Autor Träume, dann folgen Wahn- oder Rauschzustände und in der dritten Spalte schließlich Tagträume, lässt der Rezensent wissen. Wackernagel glaubt, dass nur über das "Verdrängte" deshalb der an Freud anknüpfende Titel - die persönliche und die politische Geschichte zu verstehen ist, doch in Sontheimers Augen wird hier mehr "verklärt" und verschleiert als wirklich erklärt, wie er kritisiert. Irgendwie will es dem Rezensenten auch anmaßend erscheinen, das Lesepublikum mit diesem Konvolut an Träumen zu traktieren.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 06.02.2013
Der bewegte Mann
Christof Wackernagel, Schauspieler und Autor, sagte sich 1983 von der RAF los. Seit gut zehn Jahren lebt er in Mali:
Dort hat er das unförmige Traumbuch „es“ verfasst, einen Krimi und Erzählungen – und schreibt nun Blogs aus Bamako
VON WILLI WINKLER
Mali, wer kennt schon Mali! Das Land liegt irgendwo in Afrika und soll, so steht es in jeder Reportage, bis vor Kurzem noch ein Hort der Demokratie gewesen sein. Bei der postkolonialen Grenzziehung vor gut fünfzig Jahren ist ein unregelmäßiges Siebzehneck entstanden, in dem die verschiedensten Stämme bisher mehr oder weniger friedlich zusammenlebten. Nicht das märchenhafte Timbuktu ist die Hauptstadt, sondern das mittlerweile recht hoch gebaute Bamako.
  Christof Wackernagel ist vor zehn Jahren nach Bamako gezogen. Inzwischen ist er dort so heimisch, dass er einen Krimi mit kräftigem Lokalkolorit schreiben konnte, „Der Fluch der Dogon“. Es geht um Korruption in höchsten und Gangsterkreisen, es geht um Kunstraub und das kleine Handwerkeridyll in der Vorstadt. Vom Krieg ist noch nicht die Rede. Das Interessanteste an diesem Mali-Krimi ist sein Autor; vermutlich gibt es derzeit keinen besseren deutschen Kenner der Lage in Mali als Christof Wackernagel.
  Wackernagel, wer war das gleich wieder? Das Bild, mit dem die Süddeutsche Zeitung in der Wochenendausgabe vom 29./30. Oktober 1977 ihre Seite Drei illustrierte, schien zu beweisen, dass Christof Wackernagels Weg gar nicht anders als in den Untergrund, zur RAF und zum Schießen führen konnte. Mit fünfzehn hatte er die Schule abgebrochen und spielte die Hauptrolle in Johannes Schaafs Film „Tätowierung“ (1967), einen Fürsorgezögling, der die Waffe gegen den Ziehvater richtet. Dabei hatte der ihn doch aus dem Heim befreit, ihm Arbeit und Brot gegeben und sogar ein Moped geschenkt.
  Dieses Filmbild, der junge Wackernagel mit der Waffe am ausgestreckten Arm, zierte die Reportage von Ursula von Kardorff, die den scheinbar unaufhaltsamen Weg des Schauspielers in den Terrorismus nachzeichnete. Bei einer Beschaffungsaktion für das drogensüchtige RAF-Mitglied Peter-Jürgen Boock kam es am 10. November 1977, keine zwei Wochen nach dem Artikel, in Amsterdam zu einer Schießerei, bei der Wackernagel den Polizisten Herman van Hoogen lebensgefährlich verletzte.
  Die Gage für „Tätowierung“ brachte dem 16-Jährigen Freiheit vom Elternhaus, von der Mutter Erika, selber eine bekannte Schauspielerin. Der Stiefvater machte das Haschisch mitverantwortlich für die Entfremdung. Wackernagel wurde süchtig, kam in die Klinik und bald wieder frei. Er resozialisierte sich in einer Druckerei, die Fantasia hieß, unterstützte Freunde, Drogies und auch politische Häftlinge, und fand wie natürlich zu den Eingeschlossenen von Stammheim. Beim Prozess soll er sie sogar noch aufgewiegelt haben: „Also, Ulrike und Andreas, die Genossen draußen erwarten ein Wort von euch.“
  Das Wort kam, und die Genossen draußen führten den Kampf weiter, brachten Siegfried Buback um, dann Jürgen Ponto, sie entführten Hanns Martin Schleyer und töteten schließlich auch ihn. Christof Wackernagel meldete sich zunächst nur als agitproppierender Filmemacher zum Einsatz in der deutschen Hilfstruppe des fernen Vietcong. Dem staunenden Volker Schlöndorff führte er seine hochmoderne Videoanlage vor. Damit drehte er im Sommer 1976 Szenen auf dem Kanzlerfest in Bonn. Vietnam? Die Mutter lachte darüber und meinte, das könne doch nichts werden.
  Die Lage in Mali ist, wie die Korrespondenten gern schreiben, unübersichtlich, aber das Land wird kaum das neue Vietnam werden. Der weltweite Kampf gegen den Terror hat nicht nur zum Sturz von Saddam Hussein geführt, sondern auch zur Bewaffnung bis dahin unbekannter Gruppen, die sich im Namen Allahs gegen den Westen richten und die Scharia mit deutschen Waffen und amerikanischen Boden-Luft-Raketen durchzusetzen suchen. Gaddafis Elite-Soldaten waren Tuareg, die nach dessen Sturz unter Mitnahme ihrer modernen Waffen nach Mali zurückkehrten. Im Nu hatten sie den Norden des Landes in der Hand.
  Der arabische Frühling geht weiter, nur anders als erhofft: Im März 2012 putscht das Militär gegen die Regierung in Bamako. In seinem Internet-Tagebuch notiert Wackernagel: „Mali war international anerkannterweise eine der stabilsten Demokratien Afrikas – und das geht gerade in einem atemberaubenden Tempo den Bach runter, das Leben normalisiert sich, unzählige Organisationen stellen sich hinter die Putschisten und verlesen langatmige Erklärungen im Fernsehen, ‚retten‘ die Demokratie, indem sie demokratische Wahlen verhindern, die am 29. April hätten stattfinden sollen.“
  Der ausgewanderte Deutsche hat sich, wie er sagt, in Bamako fürs Schreiben „Bedingungen aufgebaut wie im Knast“. Wackernagel hat dort nicht nur einen Krimi geschrieben, sondern auch noch ein halbes Lebenswerk vorgelegt. Es heißt überdeutlich „es“ wie in der Freud’schen Trias Es/Ich/Über-Ich und hat mit Mali auf den ersten, auch auf den zweiten Blick nichts zu tun. „es“ verweigert sich jeder halbwegs vernünftigen Lektüre. Das Buch ist zu groß (31 mal 42 Zentimeter), zu schwer (4,2 Kilo) und es hört niemals auf. Schon der technische Begriff „Fließtext“ wäre hier verfehlt, denn es sind immer nur Ansätze, also Phantasien, Assoziationen, Nacht- und Tagträume, alles zwischen einer und mehr als fünfzig Zeilen, die jedoch dreispaltig, ohne erkennbaren Zusammenhang, aber mit erkennbarem Zwinkern in Richtung von „Zettel’s Traum“ nebeneinander gesetzt.
  Mit dem Schreiben hat Wackernagel bereits im realen Gefängnis begonnen. Im Jahr 1983 sagte er sich von der RAF los, in der er nur zehn Wochen Dienst tat. Damit wird er ein Resozialisierungsprojekt wie einst der Fürsorgezögling Benno in der „Tätowierung“. Claus Peymann holt ihn, nachdem seine Strafe zu zwei Dritteln verbüßt ist, als Praktikanten ans Bochumer Theater. Bei Stroemfeld/Roter Stern erscheint 1984 (kein Erzählungs-, sondern) ein Textband mit dem anspruchsvollen Titel „Nadja.“. Und der Botschaft: „Minus mal minus gibt plus, dachte er, erst die Vernichtung der Vernichtung macht Leben möglich.“
  Wackernagel tut, was von ihm erwartet wird, er integriert sich. Der zweifelhafte Ruhm, ein ehemaliger Terrorist zu sein, verschafft ihm reichlich Fernsehaufträge, aber was für welche: Alle diese Cobras und Sokos, in denen er Dutzendauftritte als Polizist oder Ausbilder oder Regalauffüller absolviert, sind bestimmt kein Spaß, sondern wie eine weitere Buße. Sönke Wortmann, der erfolgreichste Regisseur der postpolitischen Generation, schickt den ehemaligen Jungschauspieler im „Bewegten Mann“ (1994) in die Männergruppe, wo er sich mit dem gequälten Ausruf „Titten, Titten, Titten!“ zum Narren machen darf. Der Satz wird fällig: Der ehemalige Terrorist ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen.
  Dort will er aber so wenig sein wie damals als Terrorist. Wackernagel ist mit dem Land zerfallen, aus dem er stammt. Er verlässt es schließlich und kommt nur noch zum Geldverdienen nach Deutschland. In Bamako versucht er eine Brotfabrik aufzubauen. Er heiratet eine malische Frau, zeugt ein Kind mit ihr. Dennoch scheint er nicht völlig dem going native der Afrikafahrer vergangener Jahrhunderte erlegen zu sein.
  In einem Interview klagt er heftig über das Land, in das er sich gerettet hat: „Ich werde langsam selber zum Neger.“ Wenn er sich die systematische Verschwendung von Entwicklungshilfe in Mali anschaue und wer davon profitiere, könnte er glatt „rückfällig werden“. Er habe sich auch nie als „Ex-Terrorist“ bezeichnet. „Ich habe die Mittel gewechselt, das ist alles.“ Das Mittel der Wahl ist jetzt das Wort.
  Nichts liegt näher, als das Buch als weiteres terroristisches Unternehmen zu bezeichnen. „es“ ist zu schwer, zu umfänglich, undurchdringlich, unlesbar, vor allem von allem zu viel. Aber was ist es? Der „Nachlass einer Generation“, als den Peter Laemmle einst „Die Reise“ (1977) Bernward Vespers bezeichnete, der sich 1971 das Leben genommen hatte?
  Wackernagels Buch liegt eine Leseanleitung bei. Danach stehen links Träume, in der Mitte Tagträume, rechts – was immer das sein soll – Unterhaltung. Die Träume beginnen 1979/80, als Wackernagel, aus den Niederlanden überstellt, wegen Mordversuchs zu fünfzehn Jahren verurteilt ist und im Gefängnis sitzt. Das ist bald nachdem Karl Carstens, ehemals NSDAP, zum Bundespräsidenten gewählt wird und die Nachrüstungsdebatte wegen der Stationierung der Pershing-Raketen tobt. Das alles und noch viel mehr aus der Geschichte der vergangenen 35 Jahre kommt vor. Aber geht es deshalb gleich um eine „Generation, die den Traum von einer anderen Welt hatte“, wie der Verlag wirbt?
  „Das Imperium der Kohle – das ist es, was Sie mit Ihrem Terror verteidigen“, sagt nicht irgendjemand, sondern eine Brigitte Mohnhaupt wirft es ihrer Bewacherin im Gefängnis vor. Ein Beamter bricht ihre weiteren Ausführungen mit dem Satz ab: „Damit werden Sie nicht weit kommen, das kennen wir alles schon.“
  Der Leser kennt die ehemalige RAF-Anführerin Brigitte Mohnhaupt, die zuletzt im September 2011 vor dem Oberlandesgericht Stuttgart im Prozess gegen Verena Becker als Zeugin auftrat und keinerlei Lust zeigte, zur Wahrheitsfindung beizutragen. Mohnhaupt ist trotzdem nicht Mohnhaupt, denn Wackernagel zitiert hier schelmisch aus dem Bekennerschreiben, das Susanne Albrecht nach der Ermordung des Bankiers Jürgen Ponto im Auftrag der RAF verfasst hat: „den kampf für den es keine gefängnisse gibt gegen das universum der kohle, in dem alles gefängnis ist.“
  Helmut Schmidt, Rudolf Augstein, Ernst Piper treten auf und haben nichts mit den realen Personen zu tun, so wenig wie Johannes Schaaf, Günter Herburger oder Rosemarie Fendel, die immerhin bei der „Tätowierung“ dabei waren. Hunderte weitere bekannte Namen kommen vor, trotzdem ist es kein Schlüsselroman, und dass es ein Bekenntnisbuch wäre, ein brustbetrommelndes „Ich war dabei!“, weist Wackernagel selber weit von sich.
  Von Brecht träumt ihm, dass er verurteilt wird und zwei Soldaten ihn erschießen sollen, die dann aber in Tränen ausbrechen. Der Mann kann aber auch unernst sein und wahr reden, wenn er Heiner Geißler sagen lässt: „Nicht nur Gutes tun, sondern vor allem darüber reden.“ Was wird hier gespielt?
  Am 14. Mai 2012 gibt die Angeklagte Verena Becker in Stuttgart eine Erklärung ab, in der sie jede Beteiligung am Mordfall Buback abstreitet. „Wie ich ansonsten mit meiner Vergangenheit umgehe und umgegangen bin, folgt Gedanken, die sich Außenstehenden nicht unbedingt erschließen müssen.“ Da klingt nicht nur das Schweigegebot der RAF an, sondern auch der Zwang zur Hermetik, dem die alten Kämpfer bis heute folgen. Die RAF wollte einmal „Dem Volke dienen“, aber auf keinen Fall von ihm verstanden werden. Diesem Geheimwesen entspricht umgekehrt die ungeheure Menge an Wörtern, die von den Gefangenen in Stammheim produziert wurde. Wackernagel hat dem bewaffneten Kampf vor Jahrzehnten abgeschworen, aber die Grafomanie der RAF hat er geerbt. Er will sich nicht rechtfertigen, „es“ ist alles andere als ein Verständigungstext, der Autor errichtet sich vielmehr ein Gefängnis aus Papier und Worten.
  Damit wäre alles wie früher, aber so einfach ist es nicht. In seinem jüngsten Bericht aus Bamako (http://www.hintergrund.de/201301142408/politik/welt/mali-ein-doppelboediges-spiel.html) behauptet Wackernagel, dass die Salafisten in Mali deutsche Panzer besäßen, die ihnen aus dem mit dem Westen verbündeten Quatar weitergeliefert würden. „Deutsche Waffen, deutsches Geld,/ morden mit in aller Welt“ und derlei linke Transparentweisheiten? Links und rechts hilft hier nicht weiter. Wackernagel, der ehemalige Vietnam-Aktivist, wendet sich ausdrücklich gegen die linke Verherrlichung der Tuareg als „stolze Verteidigern der Freiheit“. Er greift die deutsche „Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit“ (GIZ) an, weil sie die Forderung nach einer „nationalen Unabhängigkeit der Tuareg“ unterstützt habe. Die Tuareg haben sich längst mit den Dschihadisten verbündet, die im Windschatten des arabischen Frühlings immer mächtiger auftreten konnten.
  Die eher unverdächtige Financial Times weiß, dass der Militärcoup gegen die halbwegs demokratische Regierung von Soldaten angeführt wurde, die von Africom ausgebildet wurden, einem ausgerechnet in Stuttgart angesiedelten amerikanischen Regionalkommando, das ebenfalls den Krieg gegen den Terror führt und in Afrika die islamistische Machtübernahme verhindern soll. „es“ hat damit nichts zu tun, oder nur, dass es das grandiose Abschieds- und Schlusswort eines kleinen Akteurs der Zeitgeschichte ist, der sein Heil in der Dritten Welt gesucht und sich ein neues Gefängnis gebaut hat. Wackernagel zieht keine Bilanz, aber er verzeichnet in seiner Travestie der Ereignisse alles, was für seine Generation einmal von großtönender Bedeutung war. Gleichzeitig will das Buch mit aller Gewalt unlesbar sein. Außenstehenden soll sich der Text nicht erschließen.
  In einem Aufsatz, der 1997 zum zwanzigsten Jahrestag der Ermordung Hanns Martin Schleyers entstand, hat Wackernagel die RAF als Rache der Geschichte analysiert. Mit Berufung auf Hannah Arendt spricht er von einem „Brudermord“, der das „Gründungsverbrechen“ der Bundesrepublik bilde. Schleyers Ermordung sei von den Regierenden in Kauf genommen worden, „ihn zu schützen, wäre auf seine ganze Generation zurückgefallen“. Das gehört alles zum Hinter- und vielleicht auch zum Untergrund des Buches, das so anmaßend „es“ heißt. Dieses „es“, und sei es auch im Kopf eines einzelnen Gefangenen entstanden, könnte das kollektive Unbewusstsein einer Gesellschaft abbilden, die über die RAF so wenig wie über den Nationalsozialismus hinwegkommt, obwohl beides doch glücklich vergangen sein sollte.
  Sechzehn Monate hat die Lektüre von „es“ beansprucht. Mali, das vorher niemand kannte, ist inzwischen Kampfplatz der Weltpolitik geworden. Französische Truppen haben Timbuktu eingenommen. Der französische Präsident wird gefeiert. Die Islamisten sollen in der Bibliothek wertvolle Bände zerstört haben.
  Während das Buch Wackernagels zu Ende ist, geht der Kampf gegen den Terror weiter. Nach sechshundert Seiten fällt endlich der erlösende, der wirklich traumhaft schöne Satz, den eine Julia spricht: „Freiheit wird es erst geben, wenn keiner mehr Macht hat und will.“ Gewidmet ist die „Traumtrilogie“ „Denen, die es nicht überlebt haben“. Namen müssen nicht genannt werden.
Christof Wackernagel: Der Fluch der Dogon. Krimi. Nautilus Verlag, Hamburg 2012. 160 Seiten, 12,90 Euro.  
Christof Wackernagel: Dieu est grand. Malische Geschichten. Martin Schmitz Verlag, Berlin 2012. 216 Seiten, 16,80 Euro.  
Christof Wackernagel: es. Traumtrilogie. Verlag zu Klampen, Springe 2011. 604 Seiten, 248 Euro.
Mit 15 spielte er einen
Fürsorgezögling, der die Waffe
gegen den Vater erhebt
Der Ruf, ein ehemaliger
Terrorist zu sein, verschaffte ihm
zahlreiche Fernsehauftritte
Der ehemalige Vietnam-Aktivist
wendet sich gegen die linke
Verherrlichung der Tuareg
Auf dem Weg nach Mali: Christof Wackernagel, geboren 1951 in Ulm, im September 2002 in Köln. Die Träume, die er in seinem Buch „es“ aufgezeichnet hat, beginnen 1979/80, als er zu 15 Jahren Haft verurteilt wurde.
FOTO: DAVID KLAMMER/VISUM
Blick auf ein Feld in der Nähe von Douentza in Zentral-Mali nach einem französischen Luftangriff auf einen Stützpunkt der Islamisten.
FOTO: REUTERS
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