Die Flussbiegung - Dmitriew, Andrej
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Andrej Dmitriews Erzählung leuchtet mit seiner lakonischen und doch poetischen Sprache in menschliche Beziehungsgefüge hinein und zeigt die Macht des Vergangenen und Verlorenen, die sich neuen Lebensentwürfen entgegenstellt.

Produktbeschreibung
Andrej Dmitriews Erzählung leuchtet mit seiner lakonischen und doch poetischen Sprache in menschliche Beziehungsgefüge hinein und zeigt die Macht des Vergangenen und Verlorenen, die sich neuen Lebensentwürfen entgegenstellt.
  • Produktdetails
  • edition suhrkamp 2178
  • Verlag: Suhrkamp
  • Originaltitel: Povorot reki
  • 2000.
  • Seitenzahl: 106
  • Deutsch
  • Abmessung: 10mm x 108mm x 176mm
  • Gewicht: 100g
  • ISBN-13: 9783518121788
  • ISBN-10: 3518121782
  • Artikelnr.: 08557026
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 10.02.2001

Hinter Heckenrosen
Andrej Dmitriew erzählt russisch-realistisch: „Die Flussbiegung”
Ähnlich wie andere russische Autoren der Gegenwart, Bakin und Tschertschessow zum Beispiel, wird auch der 1956 in Petersburg geborene Autor Andrej Dmitriew im hiesigen Feuilleton mit amerikanischen Kollegen verglichen. Das ist weniger auf einen amerikanischen Einfluss zurückzuführen als auf ein gemeinsames Muster: den für ein halbgebildetes Massenpublikum bestimmten realistischen Roman des 19. Jahrhunderts. In der Sowjetzeit sahen sich die Schriftsteller unentwegt aufgefordert, eine „dem Volk” verständliche Literatur zu produzieren. In Amerika diktiert der Markt das gleiche.
Zahlreiche junge Gegenwartsautoren Russlands – unter ihnen Dmitriew – haben zwar die kommunistische Ideologie des „Sozrealismus” ad acta gelegt, behalten aber dessen ästhetische Vorgaben bei. Neben dieser konventionellen Richtung in der heutigen russischen Belletristik gibt es die der „zweiten oder neuen Moderne” (von „Post-Moderne” in Russland kann man kaum sprechen, da die Tradition der russischen Moderne um 1930 gewaltsam abgebrochen wurde). Hinzu kommt die kleinere Schar der „Avantgarde”-Autoren, die sich sowohl an der früheren russischen Avantgarde als auch an den neuen Strömungen im Westen orientieren. In der edition suhrkamp sind alle drei „Schulen” mit anspruchsvollen Texten vertreten; zur „neuen Moderne” gehört zum Beispiel der Erzählband von Assar Eppel Die Straße aus Gras, zur avantgardistische Strömung Pawel Peppersteins Binokel und Monokel.
„Allen verständlich” bedeutet nicht unbedingt schlecht (und vice versa). Dmitriews humanistisch grundierte Erzählung Die Flussbiegung hat Qualitäten einer Prosa, die so gemütlich und warm ist wie eine gute alte Wolljacke. Das Personal könnte aus der russischen Provinz, Ende des 19. Jahrhunderts, stammen: ein Arzt, von den anderen Menschen etwas abgesondert, eine halb zynische, halb heilige Tschechow-Figur; ein kranker Junge, träge, mitleidig, phantasievoll; eine Frau, die Gott sucht und sich in Wahrheit nach Liebe sehnt; ein Lebemann, der dieser Frau nicht nur seine Liebe schenken, sondern sie auch mit seinen philosophischen Überlegungen belehren will. Dmitriews Geschichte spielt jedoch kurz vor der jüngsten Jahrhundertwende in und bei einem Sanatorium für lungenkranke Kinder. Es liegt auf einem Berg, auf dem sich auch eine Kirche, Überrest eines Klosters, befindet. Sie und ihre Wandmalerei locken Gottsuchende und Touristen an.
Die Handlungslinien sind klar gezeichnet. Jede Figur hat ihr psychologisches Motiv. Smirnow will seinen kranken Sohn nach Hause holen, um die Spannungen mit seiner Frau zu mildern. Der Arzt Snetkow ist dagegen, weil das Kind nach derartigen Familienaufenthalten immer ganz entkräftet zurückkommt. Da der Vater das Gesetz und die Polizei auf seiner Seite hat, überredet Snetkow den Jungen, sich zu verstecken. Während der Junge vom Morgen bis zum Abend auf dem Vorsprung einer Steilwand hoch über der Flussbiegung vor Kälte zitternd ausharrt und Snetkow sich Sorgen um ihn macht, erfährt der Leser die Geschichten der anderen Figuren. Die nach Gott suchende Frau zum Beispiel, soeben angekommen, um sich die Wandmalerei anzusehen, will später als Nonne hier leben. Es ist nämlich geplant, das Kloster wieder zu eröffnen, dann müssen die kranken Kinder den Berg verlassen. Im Mittelpunkt der Geschichte aber bleibt der von seinem Vater und der Polizei gesuchte Junge.
Ein Heckenrosen-Gebüsch tarnt sein Versteck. Einmal, nachdem der Arzt Snetkov bei Thomas Mann von einer „unangenehmen Dame” gelesen hatte, die ständig blutroten Hagebuttentee trinkt, hatte er die Sanatoriumskinder zum Hagebutten-Sammeln dorthin geschickt. Doch aus den an Vitamin C reichen Früchten ließ sich nur ein durchsichtiger rostbrauner Tee brauen, weshalb Snetkow annimmt, dass das „leuchtend-rote Getränk vom Autor des Zauberbergs als literarische Ausschmückung erfunden worden war”. . .
Woran erkennt der Leser Realismus alter Schule? Zum Beispiel daran, dass er einem nicht existierenden Arzt, der darüber nachdenkt, wie eine nicht existierende Frau zu blutrotem Hagebuttentee kommt, schreiben möchte: „Fügen Sie dem Aufguss eine Hibiskusblüte hinzu. ”
OLGA MARTYNOVA
ANDREJ DMITRIEW: Die Flussbiegung. Erzählung. Aus dem Russischen von Tatiana Frickhinger-Garanin. edition suhrkamp, Frankfurt/M. 2000. 106 Seiten, 16,90 Mark.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
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Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 18.06.2001

Statt Liebestrank Hagebuttentee
Rast auf dem Zauberberg: Eine Erzählung von Andrej Dmitriew

Ein Tagesausflug, der irgendwohin in die russische Provinz führt, ans Ende einer Autobuslinie und zu einem Berg, der sich hoch über einem Fluß erhebt. Unterschiedliche Institutionen haben dort Heimat gefunden. Ein Internat beherbergt lungenkranke Kinder, die der Fürsorge von Oberarzt Snetkow unterstehen, der auf seine Therapie aus guter Luft, strenger Disziplin und moderner Medizin vertraut. Ein östlicher Zauberberg also? Tatsächlich hat Snetkow, wenn auch widerwillig, Thomas Mann gelesen, fühlt sich aber den Ärzten von Davos weit überlegen: "In der Realität gibt es keine Zauberberge, in der Wirklichkeit keine Alpensahne, keine weichen Kamelhaardecken"; und wenn er an den schwächlichen Hans Castorp denkt, bewundert der Doktor um so mehr die Lebensfähigkeit seiner russischen Schützlinge: "Von den schwierigen Kindern unserer Zeit, die meiner Obhut anvertraut sind, flucht die Mehrzahl, raucht ab und zu heimlich statt Zigarren billige Zigaretten, aber um ihre Zukunft mache ich mir im großen und ganzen keine Sorgen."

Bei alledem erscheint die Geschichte wie ein Ausflug in die Vergangenheit, so als könnten wir unversehens Tolstoj oder Tschechow begegnen. Geduldig werden Zubereitungsformen von Hagebuttentee und die Farben eines Flusses im Sonnenlicht beschrieben; und rauschhafte Leidenschaften werden schlicht zu "Unkeuschheiten", wie es die von der Liebe enttäuschte Frau im schwarzen Regenmantel unversehens dem Fremden anvertraut, der wie sie den entlegenen Berg besucht. Aber was hier voller Behaglichkeit erzählt wird, ist dennoch postsowjetische Gegenwartsliteratur.

Dem fünfundvierzigjährigen, aus St. Petersburg stammenden Andrej Dmitriew gelingt mit seiner auf den ersten Blick hoffnungslos rückständig wirkenden kleinen Erzählung dennoch die schwierige Balance zwischen Tradition und Moderne, weil er nicht einfach den Stil einer vergangenen Epoche zu imitieren versucht, sondern sich das Ethos seiner realistischen Vorgänger zu eigen gemacht hat. Seinen Figuren begegnet er mit respektvollem Takt, und so detailliert er auch ihre Schwächen beschreibt, erlaubt er sich dennoch kein Urteil über sie. Überdies bewahrt ihn aber das leichte Spiel mit der literarischen Tradition vor moralischer Schwere.

Seinem Vertrauen in die Zukunft der Jugend versucht Oberarzt Snetkow allerdings hier und da kräftig nachzuhelfen. Denn den kleinen Smirnow, einen scheuen und verträumten Jungen, überredet er zum Ausreißen, damit ihn sein Vater nicht nach Hause holen kann, wo eine angespannte familiäre Atmosphäre seine Krankheit nur verschlimmern würde. Was zunächst nach einem harmlosen Familienstreit aussieht, offenbart sich allmählich als komplizierte Geschichte von Liebe, Schuld und Scham, deren Wurzeln weit zurückreichen: Tief ist der Brunnen der Vergangenheit.

Auch wenn die Erzählung auf keinem aus der Zeit entrückten Zauberberg spielt, ist ihre Topographie dennoch sinnbildlich arrangiert: Das Sanatorium wird zum Symbol für den angestrengten Optimismus des aufgeklärten Mediziners; der benachbarte Dom und ein verlassenes Kloster stehen für die geheimnisvolle Welt des Glaubens und der Mystik. Die berühmten mittelalterlichen Fresken des Klosters sollen zwar verschlossen bleiben, aber zwei hartnäckigen Besuchern gelingt es schließlich, sie doch noch zu besichtigen. Ein ungleiches Paar ist hier zusammengetroffen. Er ist ein zynischer Agnostiker, der sich auf dem Berg die Zeit bis zur Rückfahrt des Busses in die Stadt vertreiben will, sie eine vom Leben Enttäuschte, die Gott suchen möchte und menschliche Nähe zu finden hofft, auch wenn sich damit womöglich neue "Unkeuschheiten" verbinden.

Dmitriew führt seine Leser weit in die Lebensgeschichten seiner Gestalten zurück und spannt ein breites Panorama unerfüllter Träume und Sehnsüchte auf. Die Entscheidung zwischen Vernunft und Glauben, zwischen Sanatorium und Kloster aber bleibt bis zum Ende in der Schwebe. Auch die beiden Besucher finden nicht wirklich zueinander. Am Abend fahren die beiden mit dem Autobus zurück in die Stadt, ohne sich ein erlösendes Wort gesagt zu haben. Über allem aber weht ein Hauch von Melancholie, der aus fernen Zeiten zu kommen scheint.

SABINE DOERING

Andrej Dmitriew: "Die Flußbiegung". Erzählung. Aus dem Russischen übersetzt von Tatiana Frickhinger-Garanin. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2000. 107 S., br., 16,90 DM.

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Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Der Ton, in dem von dieser besonderen Sammlung von "Sommergästen" oder "überflüssigen Menschen" berichtet wird, so Benedikt Erenz, ist ein fast amerikanisch-existenzialistischer. Aber dann klingt es wieder wehmütig "gemischt mit spöttischer Resignation", also doch irgendwie russisch. Mit der "russischen Seele" hat der Autor, Jahrgang 1956, aber denn doch nur so viel am Hut, dass er sie als "Mondlandschaft in fahlem Licht" zeigt. Die Gestalten der Erzählung - "Novelle" wäre eine treffendere Bezeichnung, findet der Rezensent - sind ratlos, verwirrt und Suchende, ob der Vater, der seinen Sohn aus dem Sanatorium abholen will, der in Scheidung lebende Arzt oder die Gottsucherin. Das "Tableau" ist nicht nur eines der Personen, sondern auch des Ortes und der Zeit, ein Sanatorium im heutigen Russland mit vielen Erinnerungen an den Verfall der Sowjetunion. Mit viel Raffinement gezeichnet ist diese "Geschichte einer großen Verwüstung", meint Benedikt Erenz, und sie lässt einen fürchten, dass nicht nur diese Menschen, sondern "der Mensch selbst längst überflüssig" ist.

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