Der Mann, der den Zügen nachsah, Jubiläumsausgabe - Simenon, Georges
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    Buch mit Leinen-Einband

Abends um acht war Kees Popingas Schicksal noch nicht besiegelt, es wäre also noch nicht zu spät gewesen. Kees Popinga hat genug davon, Kees Popinga zu sein. Und nachdem die Firma in Groningen, in der er sein ganzes Leben lang gearbeitet hat, bankrottgeht und der von ihm bewunderte Firmenchef mit der Kasse verschwindet, gibt es für Kees kein Halten mehr: Einmal richtig leben und lieben, das will er, egal wie hoch der Preis dafür ist."…mehr

Produktbeschreibung
Abends um acht war Kees Popingas Schicksal noch nicht besiegelt, es wäre also noch nicht zu spät gewesen. Kees Popinga hat genug davon, Kees Popinga zu sein. Und nachdem die Firma in Groningen, in der er sein ganzes Leben lang gearbeitet hat, bankrottgeht und der von ihm bewunderte Firmenchef mit der Kasse verschwindet, gibt es für Kees kein Halten mehr: Einmal richtig leben und lieben, das will er, egal wie hoch der Preis dafür ist."
  • Produktdetails
  • Verlag: Diogenes
  • Originaltitel: L' homme qui regardait passer les trains
  • Seitenzahl: 304
  • Abmessung: 148mm
  • Gewicht: 183g
  • ISBN-13: 9783257056099
  • ISBN-10: 3257056095
  • Artikelnr.: 24075215
Autorenporträt
Georges Simenon war ein Vielschreiber, führte ein unstetes Leben, brachte es auf mehr als 30 Wohnsitze und schuf einen der bekanntesten Helden der Kriminalliteratur: den Pariser Kommissar Jules Maigret. Der Belgier Simenon, 1903 in Liège geboren, entdeckte schon früh die Literatur und das freie Leben und war so für einen geregelten Beruf nicht mehr zu gewinnen. Er brach eine Konditorenlehre ab, eignete sich auch nicht als Buchhändler, entdeckte aber leidenschaftlich als Reporter die Welt. Diese Arbeit war ganz nach dem Geschmack des unkonventionellen Simenon. 1922 zog er nach Paris und etablierte sich nach und nach als Schriftsteller. Er schrieb erotische Erzählungen, Groschenromane, Kurzgeschichten, Erzählungen, Romane und Kriminalromane. 1928/29 zog Simenon mit Frau und Geliebter zuerst auf ein Hausboot, später auf einen Kutter, und er befuhr Kanäle und Flüsse bis zur Ostsee und nach Lappland. Die Idee zur Figur Maigret soll ihm in einem Café gekommen sein - jedenfalls suchte er so etwas wie ein literarisches "Sicherheitsnetz" und fand es in Maigret. Diese Figur wurde ein großer Erfolg und Simenon berühmt. Er schrieb 75 Romane, in denen Maigret ermittelte. Simenon selbst bezeichnete ihn als einen "Ausbesserer von Schicksalen", der den "kleinen Leuten" zugetan war. Simenon starb 1989 in Lausanne.
Das meint die buecher.de-Redaktion: Simenons Maigret-Romane sprengten die Grenzen des Genres, verbanden Literatur und Krimi - und die Bücher mit dem melancholischen Ermittler bergen nach wie vor Suchtpotenzial.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 28.08.2004

Band 24
Das nackte Monster
Georges Simenons Roman „Der Mann, der den Zügen nachsah”
Georges Simenon sagte oft, Antrieb für sein Schreiben sei die Angst davor, als raté, als Versager und Clochard an den Rändern der Gesellschaft zu stranden. Wie groß diese Furcht war, lässt sich schon daraus ersehen, wie häufig solche verkrachten Existenzen durch seine Romane geistern. Er selbst führte seine manische Schaffenskraft auf diese dunkle Angst zurück. Geradezu eruptiv entstanden seine Bücher, sechs bis elf Tage schrieb er daran im Zustand der „Gnade”, einem Zustand, in dem er scheinbar in die Haut eines Anderen zu schlüpfen vermochte: „Ich neutralisiere mich, vergesse mein eigenes Ich”, schreibt er 1938 an Gide, im Jahr, da „Der Mann, der den Zügen nachsah”, entstand.
Ist Kees Popinga ein Gescheiterter? Oder ist er ein mutiger Mensch, weil er aus den Zwängen eines bürgerlichen Lebens ausbricht, um radikal seine Lust zu leben? So wurde der Roman oft gedeutet. Aber das ist deshalb falsch, weil es zu eindeutig ist: In dem Versuch, seinem bisherigen Leben zu entfliehen, wird Popinga zum gehetzten Outlaw, der nach und nach alles verliert, wirklich alles, bis er splitternackt gefangen genommen und in die Psychiatrie gesperrt wird. „Der Mann, der den Zügen nachsah” ist deshalb so unheimlich, weil Simenon in der Schwebe lässt, inwieweit Popinga nur scheitert oder in diesem Scheitern doch auch eine Art von Freiheit gewinnt; und inwieweit er in dem Bestreben, die festgezurrten Verhältnisse in seinem Leben zu verrücken, tatsächlich verrückt wird.
Popinga ist ein unauffälliger Biedermann: Eigenheim im holländischen Hafenstädtchen Groningen, Frau und Kinder, ein Job in der alteingesessenen Firma „Coster und Sohn”. Eines Abends aber eröffnet ihm sein betrunkener Chef, die Firma sei pleite, er, Coster, werde sich noch diese Nacht absetzen. Für den korrekten Buchhalter Popinga müsste eine Welt zusammenbrechen. Zu seinem eigenen Erstaunen aber wird er ganz ruhig und erkennt, als er die Bilanzfälschungen seines Chefs durchschaut, wie sehr sein bisheriges Leben von einem Bluff bestimmt wurde, von dem Bestreben zu gefallen, irgendwelchen Konventionen zu gehorchen. Er verlässt Groningen, um die Geliebte des Chefs zu erobern - und bringt sie (versehentlich?) um.
Ähnlich wie sein Autor einige Jahre zuvor, nimmt Popinga den Nachtzug von Amsterdam nach Paris. Anders aber als Simenon, der dort als rasender Reporter und Romanmaschine zum „Phänomen” aufstieg, wird Popinga zum „Monster” und obdachlosen Gejagten. Kommissar Lucas ist ihm auf den Fersen, die Zeitungen berichten gierig vom „Ungeheuer aus Amsterdam”, das irgendwo im Bauch von Paris sein Unwesen treibe. Popinga, der aufgebrochen war, um keinerlei Vorstellungen mehr genügen zu müssen, versucht nun verzweifelt in Leserbriefen, das Image, das die Zeitungen von ihm entwerfen, zu korrigieren. Zwar zeichnet er dabei ein scharfsichtiges Bild seiner selbst, zugleich aber steigert er sich in grotesken Größenwahn hinein.
Am Ende sitzt er in der Irrenanstalt, spielt ab und zu eine Partie Schach gegen seinen Psychiater und bittet diesen um ein Heft: Er, Popinga, wolle sein Leben aufschreiben. Nach einigen Wochen schaut der Psychiater, was aus den Aufzeichnungen wurde. Das Heft enthält nur sieben Wörter: „Die Wahrheit über den Fall Kees Popinga”.
ALEX RÜHLE
Georges Simenon
Foto: Diogenes Verlag
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