Das sexuelle Leben des Immanuel Kant - Botul, Jean-Baptiste
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Immanuel Kant gilt als Prototyp des knochentrockenen Philosophen, dessen mönchische Lebensweise schon seine Zeitgenossen erheiterte.
Nichtsdestoweniger - Mitte unseres Jahrhunderts emigriert eine Gemeinde glühender Kant-Anhänger aus Königsberg nach Paraguay, um dort ungestört als wahre Kantianer zu leben. Nur - das strenge Kopieren der keuschen, schrulligen Lebensweise des Meisters gefährdet den biologischen Fortbestand der Kolonie; es droht das natürliche Ende von Neu-Königsberg. Abhilfe verschafft der Kant-Kenner Jean-Baptiste Botul (1896-1945), der die bislang verborgen gebliebenen…mehr

Produktbeschreibung
Immanuel Kant gilt als Prototyp des knochentrockenen Philosophen, dessen mönchische Lebensweise schon seine Zeitgenossen erheiterte.
Nichtsdestoweniger - Mitte unseres Jahrhunderts emigriert eine Gemeinde glühender Kant-Anhänger aus Königsberg nach Paraguay, um dort ungestört als wahre Kantianer zu leben. Nur - das strenge Kopieren der keuschen, schrulligen Lebensweise des Meisters gefährdet den biologischen Fortbestand der Kolonie; es droht das natürliche Ende von Neu-Königsberg. Abhilfe verschafft der Kant-Kenner Jean-Baptiste Botul (1896-1945), der die bislang verborgen gebliebenen erotischen und libidinösen Züge im Werk Immanuel Kants offen legt.

Diese Darstellung über Sittlichkeit und Sinnlichkeit, Erhabenheit und Sexualität fördern einige exemplarische Merkwürdigkeiten über das Verhältnis von Philosophie und Praxis zutage.
  • Produktdetails
  • Verlag: Reclam
  • Deutsch
  • ISBN-13: 9783379200172
  • ISBN-10: 3379200174
  • Artikelnr.: 09841212
Rezensionen
"Der Denker Botul hat wie Sokrates und Christus nichts Schriftliches hinterlassen. Deshalb präsentiert auch die von Frédéric Pagès herausgegebene Vortragsreihe über Das sexuelle Leben des Immanuel Kant die Transkription eines grandiosen Feuerwerks französischer Rhetorik, das auf selten gewordene Weise Amusement mit Esprit vereint. Botul wählt listig die Position des Nicht-Kant-Spezialisten, will sich aber auch nicht aufs biographische Anekdotenerzählen herausreden. Er nimmt den Umweg übers Werk, das er mit neugierigem und zugleich naivem Blick auf seine sexuelle Metaphorik abklopft. Die Ernte ist reich - wenn auch nicht an skandalösen Enthüllungen. Botul folgt vielmehr der These einer unbedingten Treue Kants gegenüber dem Reinheitsgebot der reinen Vernunft. Der botulsche Diskurs ist somit ein faszinierendes Beispiel für einen dekonstruktiven Einsatz psycho- und kulturanalytischer Relektüren der Philosophie.

Dieser Botul ist ein Schelm, der es faustdick hinter den Ohren hat, und wenn es ihn nicht gegeben hat, so müsste man ihn erfinden. Die Zeit

"Botul entwirft nun in seinen Vorträgen unter Rückgriff auf zeitgenössische Biographen Kants und auf skurrile Randbemerkungen in seinen Werken eine Theorie der Sterilität, auf der letztlich Kants ganzes Denksystem beruhe. Sein strenges Werk, so Botuls desillusionierende Schlussfolgerung, tauge eben nicht zur Konvertierung in ein Lebensprogramm. Man kann aus den von Kant hinterlassenen Büchern gar kein Neu-Königsberg auferstehen lassen. Von Jean-Baptiste Botul wiederum, dem ominösen Exegeten, findet sich in den Bibliotheken nicht die geringste Spur. Will uns der französische Herausgeber Frédéric Pagès womöglich nur zuflüstern, dass Sexualität und Wahrheit weniger eng verflochten sind, als es dieser Tage den Anschein hat?" Frankfurter Allgemeine Zeitung

"Botul will das Genie nicht mit biographischen Enthüllungen in den Schmutz ziehen oder als weltfremden Kauz denunzieren; er bewundert Kant vielmehr für seine Konsequenz - und deckt scharfsinnig und spielerisch die verborgenen Widersprüche und schwarzen Löcher seines Werks auf. Die Leerstelle von Kants Denken ist das Geschlecht, das unerkennbare ´Ding an sich´, an das sich auch seine sexuelle Diätethik knüpfte. Kant vermied jede Schweißabsonderung; er verurteilte das Spucken als Verschwendung von Lebenssaft, die Masturbation als Vergießen von Pneuma und Selbstmord auf Raten: Der geschlossene Kreislauf der Körpersäfte, das Zurückhalten des Spermas, war für ihn die Bedingung der Möglichkeit, am Leben und bei Verstand zu bleiben: Jungbrunnen und Quelle einer humanen, wenn auch nicht unfehlbaren Urteilskraft. Botuls ironische Apologie ist mehr als nur eine Satire auf die akademische Sorbonne-Philosophie. Und so ist dieses amüsante Büchlein zuletzt eine subtile Kritik der reinen Unvernunft im 20. Jahrhundert." Tages-Anzeiger
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Besprechung von 10.09.2001
Das Ende aller Enthüllungen

Die nicht eben schreibfaule Aufklärung wurzelt, paradox genug, in einem gründlichen Mißtrauen gegen Bücher. Wer ein Druckerzeugnis an die Stelle seines Verstandes setze, so Kant apodiktisch, der habe sich in der Unmündigkeit schon eingerichtet. Das Selbstvertrauen der Aufklärung mußte Rückschläge verkraften, der Verdacht gegen die Ersatzwelt der Bücher ist geblieben. Denn das echte Leben darf man sich nicht einfach anlesen, es muß am eigenen Leib erfahren werden: Mehr Fleisch, weniger Papier! Nun macht diese Verheißung freilich gerade auf Buchrücken einen besonders starken Eindruck. Schon Rousseau versprach dem Leser ein ganzes Leben und ersparte ihm folglich keine noch so private Hinteransicht seiner Person. Rückhaltlose Bekenntnisse sind seither daran zu erkennen, daß Text und Haut zur Deckung kommen: Erst wenn alle rhetorischen Hüllen gefallen sind und nur noch der nackte Körper mit seinen unmittelbaren Wünschen übrigbleibt, vollzieht sich die Fleischwerdung des Buches. Die neue pornographische Beichtliteratur, die derzeit von Frankreich aus die Büchertische überspült, stillt genau dieses Inkarnationsbegehren, das keine Fiktion je einzulösen vermag. Vor allem die intimen Memoiren der Kunstjournalistin Catherine Millet, im Frühjahr unter dem Titel "La vie sexuelle de Catherine M." bei Seuil veröffentlicht, leben ganz vom Skandal der Authentizität - der nicht zuletzt deshalb so groß ist, weil Millet als prominente Vertreterin der Hochkultur genau jener artifiziellen Sphäre entstammt, in welcher sich das echte Leben schon immer hinter Museumswänden, Bücherregalen und Zeitschriftenständern zu verbergen schien. Wenn nun als deutsche Erstausgabe ein 1999 in Frankreich veröffentlichtes Buch mit dem Titel "Das sexuelle Leben des Immanuel Kant" erscheint, dann schließt sich scheinbar der Kreis: Der Königsberger Philosoph, berüchtigt für seinen vollkommen unspektakulären Lebenswandel, wird zum Gegenstand jenes Entschleierungsprogramms, in welchem der Gestus der Aufklärung seine letzte Zuflucht gefunden hat (Jean-Baptiste Botul: "Das sexuelle Leben des Immanuel Kant". Hrsg. und aus dem Französischen übersetzt von Dieter Redlich und Angelika Rüther. Reclam Verlag, Leipzig 2001. 92 S., br., 15,90 DM). Allein, der Fall liegt anders. Denn während das Genre der Pornographie auf die Perspektivierung der nackten Tatsachen keinerlei Wert legt, gibt gerade der Rahmen der sexologischen Kantstudie zu denken auf. Der Verfasser führte, wie eine biographische Skizze am Ende des Buches mitteilt, in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts ein abenteuerliches Leben zwischen Europa und Lateinamerika und hielt die acht Vorträge über Kant, die der vorliegende Band versammelt, im Jahr 1945 in einer deutschen Kolonie in Paraguay, gegründet von Kantianern und getauft auf den Namen Neu-Königsberg. Doch nicht allein das schwüle Dschungelklima motiviert den Blick auf das Kantsche Triebleben, nein, die Frage nach dem Sex beansprucht auch ethische Dringlichkeit. Denn die Auswanderer, die sich ganz der Nachfolge Kants verschrieben haben, stehen vor dem Problem, daß die von ihrem Idol vorgelebte Maxime der Keuschheit schlecht als allgemeine Gesetzgebung einer Kolonie dienen kann, die auf dem fremden Kontinent eine Zukunft haben will: Ausgerechnet die Askese entzieht sich dem kategorischen Imperativ. Botul entwirft nun in seinen Vorträgen unter Rückgriff auf zeitgenössische Biographen Kants und auf skurrile Randbemerkungen in seinen Werken eine Theorie der Sterilität, auf der letztlich Kants ganzes Denksystem beruhe. So habe etwa die fanatische Sorge, möglichst keinen Schweißtropfen zu verlieren, ebenso wie die Verachtung der Selbstbefleckung mit dem Ideal eines geschlossenen Kreislaufs der Körperflüssigkeiten und Lebensgeister zu tun. Die glänzenden Tropfen, welche als Abzeichen der Authentizität auf dem pornographischen Körper erscheinen, fehlen im Leben des großen Aufklärers. Sein strenges Werk, so Botuls desillusionierende Schlußfolgerung, tauge eben nicht zur Konvertierung in ein Lebensprogramm. Am Ende kann aus den von Kant hinterlassenen Büchern gar kein Neu-Königsberg auferstehen. Von Jean-Baptiste Botul wiederum, dem ominösen Exegeten, findet sich in den Bibliotheken nicht die geringste Spur. Will uns sein französischer Herausgeber Frédéric Pagès womöglich nur zuflüstern, daß Sexualität und Wahrheit weniger eng verflochten sind, als es dieser Tage den Anschein hat?

ANDREAS ROSENFELDER

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Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Michael Wetzel zeigt sich sehr angetan von Jean-Baptiste Botuls geistreicher Erkundung des sexuellen Lebens des Königsberger Meisterphilosophen: "Dieser Botul ist ein Schelm, der es faustdick hinter den Ohren hat." Wie unser Rezensent allerdings bemängelt, wartet das Bändchen leider mit einem "überflüssigem Nachwort" und einer "merkwürdig flapsigen" deutschen Übersetzung auf, die Botuls "grandiosem Feuerwerk französischer Rhetorik" nicht wirklich gerecht werde. Inhaltlich zeigt sich Wetzel durchweg fasziniert von der Weise, wie Botul Kants Werk auf seine "sexuelle Metaphorik" hin untersucht, Kants abstrakte Gedankengänge "in suggestive Sprachbilder" auflöst und schließlich den pathologischen Kern der sexuellen Askese Kants freilegt. Wetzel sieht den bereits 1947 verstorbenen, weithin unbekannten Botul dabei als Vorläufer französischer Denker wie Levi-Strauss, Devereux und Lacan und bescheinigt ihm umfassende Kenntnisse der Psychoanalyse. Botuls Interpretationen erscheinen Wetzel insgesamt als ein gelungenes "faszinierendes Beispiel für einen dekonstruktiven Einsatz psycho- und kulturanalytischer Relektüren der Philosophie".

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