Produktdetails
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  • Verlag: Patmos
  • ISBN-13: 9783794148608
  • ISBN-10: 3794148606
  • Best.Nr.: 09742064
Rezensionen
Besprechung von 09.10.2001
Das letzte sichtbare Kind
Wandern in einem Bilderbuch: Jörg Müller geht neue Wege

Nicht aus dem Donnerwort Ewigkeit gewannen die Kinder des frühen zwanzigten Jahrhunderts ihre erste Vorstellung vom Unendlichen, sondern aus der Werbung. Bei Michel Leiris war es die Büchse mit dem holländischen Kakao: "Eine Seite dieser Büchse war mit einem Bild geschmückt, das eine Bäuerin mit Spitzenhäubchen darstellte, die hielt in ihrer linken Hand eine ganz gleiche Büchse, mit dem gleichen Bild geschmückt, und zeigte es vor und lächelte . . . Eine Art Schwindel überfiel mich, wenn ich mir diese unendliche Reihe von Wiederholungen des gleichen Bildes vorstellte, das ungezählte Male die gleiche junge Holländerin reproduzierte, die theoretisch mehr und mehr verkleinert wurde, ohne jemals zu verschwinden . . ."

Jetzt hat Jörg Müller aus diesem Jahrhundertmotiv eine Bilderbuchgeschichte gemacht. Der Schutzumschlag täuscht das Geschenkpapier vor, aus dem jemand, der sehr neugierig war, bereits eine Ecke herausgerissen hat. Das erste Blatt zeigt ein Kind auf einem labyrinthisch gemusterten Teppich, wie es gerade diese Ecke wegreißt und einen Umschlag sieht, auf dem es selbst abgebildet ist, wie es das Buch aufschlägt. Eine Sprechblase signalisiert einen Hilferuf, dessen Urheber erst in der Mitte des Buchs sichtbar wird: Es ist der Bilderbuchmaler selbst, der verflucht scheint, bis ans Ende aller Tage zu malen, wie ein Kind ein Bilderbuch aufgeschlagen hat, das genauso aussieht wie das, das wir in den Händen haben und auf dem ein Kind ein Bilderbuch aufschlägt . . .

Es gibt ein "reales" Kind im Buch, und daneben weitere, die schwarzweiß gezeichnet sind und in erstarrter Mimik verharren. Das erste Kind unterscheidet sich von ihnen durch Farbe, Körperlichkeit, Bewegung, durch den Schein von Leben. Es ist neugierig, und die irritierende Vervielfältigung weckt seinen experimentellen Sachverstand. Mit Spiegel, Lupe und einer 3-D-Zauberbrille versucht es herauszubekommen, wo der Hase herkommt, der ihm über die Schulter sieht - da es doch selbst gerade mit seiner Katze spielt und kein Hase weit und breit zu sehen ist. Der 3-D-Effekt öffnet die Illusion räumlicher Tiefe und erlaubt dem Kind, ins Buch hineinzuspazieren und den Maler, der sich in seinem eigenen Konzept gefangen hat, zu erlösen. Allerdings vollzieht es die rettenden Pinselstriche nur um den Preis, daß der Maler den Hasen durch die Katze ersetzt. Bleibt noch der Rückweg. Aber wer der Unendlichkeit Einhalt gebieten kann, findet auch zurück ins Kinderzimmer.

Die Geschichte bietet Gelegenheit zu den schnellen, raffinierten Perspektiv- und Proportionswechseln, für die Jörg Müller berühmt ist. Was in der Lupe erscheint, kunstvoll gezeichnet mit den optischen Verzerrungen und Spiegelungen an ihren Rändern, ist zugleich in anderer Größenordnung um die Lupe herum zu sehen - der dadurch provozierte Blickwechsel macht schwindlig. Während die Augen noch versuchen, den Figuren ins immer Entferntere, immer Kleinere zu folgen, rückt ein jäher Zoom das Gesicht des Malers so nah, daß wir die schwarzen Punkte auf seinen rasierten Wangen erkennen. Später ist er so klein, daß er auf der Hand des Kindes Platz hat, dessen Gesicht nun, riesengroß, nur noch halb in die Bildfläche ragt, wie Alice, als sie zuviel Wachstumskuchen gegessen hat.

Der Bilderbuchkünstler Jörg Müller hat seit den siebziger Jahren ein facettenreiches Werk geschaffen, das immer wieder überraschen, oft auch provozieren konnte. "Das Buch im Buch . . ." vollzieht einen Wechsel von der sonst bei ihm stets gegenwärtigen Gesellschaftskritik zu Philosophie und Ästhetik. Das hier spielerisch inszenierte Motiv gehört seit der Romantik, seit Novalis seinen Helden Heinrich von Ofterdingen in einem Buch sich selbst und seine Geschichte finden ließ, zur Grundausstattung der Moderne. Als Signal für diese Traditionswahl der literarischen Selbstreflexion hat Jörg Müller neben die Arbeitsutensilien des Malers im Buch wiederum ein Buch gezeichnet: Italo Calvinos labyrinthischen Roman aus lauter Romananfängen "Wenn ein Reisender in einer Winternacht . . .". Erstaunlich ist, daß bei allem theoretischen Kalkül Calvinos Roman und Müllers Bilderbuch auf je eigene Weise noch immer den Zauber entfalten können, der den zehnjährigen Michel Leiris an der Kakaobüchse faszinierte.

GUNDEL MATTENKLOTT.

Jörg Müller: "Das Buch im Buch im Buch". Sauerländer Verlag, Frankfurt am Main 2001. 32 S., geb., 34.95 DM. Ab 5 J.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Sehr gelungen findet Jens Thiele dieses Bilderbuch, weil es in verblüffender Weise mit Augentäuschung und Illusion spiele. Regelrecht "raffiniert" sei die etwa Geschichte, in der sich ein Kind mit dem gleichen Bilderbuch wie dem vorliegenden im Spiegel sieht und sein Spiegelbild wiederum ein Bild von dem Buch in der Hand hält usw. Der Rezensent preist den Schweizer Illustrator für seine "konzeptuelle Klugheit", hält allerdings seine ins Bild gesetzte Idee vom Künstler, der ein nur durch die "kindliche Unbefangenheit" zu erlösender Gefangener sei, für zu philosophisch für ein Kinderbuch. Doch insgesamt ist er von der "vieldeutigen" Geschichte so begeistert, dass er Müller die für sein Gefühl viel zu "plüschige Hauptfigur" verzeiht.

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