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Wäre sie ein Mann gewesen, müsste man sie Frauenheld nennen, Schwerenöter oder Heiratsschwindler, Lüstling, Wüstling oder einfach nur Schuft: Frauen pflasterten ihren Weg. Anne Lister (1791-1840) betete sie an, begehrte, belog und betrog sie, ging ihnen an die Wäsche und ans Geld. Angela Steidele schildert anhand der pornografischen Tagebücher das faszinierende Leben einer schillernden Persönlichkeit, die allen Vorstellungen vom keuschen präviktorianischen Zeitalter widerspricht. Staunenswert, kurios, hocherotisch.…mehr

Produktbeschreibung
Wäre sie ein Mann gewesen, müsste man sie Frauenheld nennen, Schwerenöter oder Heiratsschwindler, Lüstling, Wüstling oder einfach nur Schuft: Frauen pflasterten ihren Weg. Anne Lister (1791-1840) betete sie an, begehrte, belog und betrog sie, ging ihnen an die Wäsche und ans Geld. Angela Steidele schildert anhand der pornografischen Tagebücher das faszinierende Leben einer schillernden Persönlichkeit, die allen Vorstellungen vom keuschen präviktorianischen Zeitalter widerspricht. Staunenswert, kurios, hocherotisch.
  • Produktdetails
  • Biografisches Schreiben .1
  • Verlag: Matthes & Seitz Berlin
  • Seitenzahl: 329
  • Erscheinungstermin: 31. August 2018
  • Deutsch
  • Abmessung: 180mm x 105mm x 27mm
  • Gewicht: 235g
  • ISBN-13: 9783957576477
  • ISBN-10: 3957576474
  • Artikelnr.: 52496336
Autorenporträt
Steidele, Angela
Angela Steidele, 1968 geboren in Bruchsal, erforscht und erzählt historische Liebesgeschichten. Sie veröffentlichte u. a. In Männerkleidern. Das verwegene Leben der Catharina Linck alias Anastasius Rosenstengel, 2004, sowie Geschichte einer Liebe: Adele Schopenhauer und Sibylle Mertens, 2010. Für ihr literarisches Debüt Rosenstengel (Matthes & Seitz Berlin) erhielt sie 2015 den Bayerischen Buchpreis. Angela Steidele lebt in Köln.
Rezensionen
Besprechung von 10.10.2017
Hab ich sehr
schön gemacht
„Gay pride“ im 19. Jahrhundert: Angela Steideles
Lebens- und Liebesgeschichte der Anne Lister
VON INSA WILKE
Felix am Nachmittag“, „felix um 8 Uhr“ notiert die 17jährige Anne Lister 1808 ins liebe Tagebuch. Das „Früchtchen“ mit dem „geräumigen“ Herzen, wie sie sich selbst einmal nennt, spricht vom Sex mit ihrer Jugendliebe Eliza Raine. Akribisch notiert die spätere Herrin von Shibden Hall bei Halifax Tag für Tag, wann sie mit welcher Frau geschlafen hat und zu wie vielen und wie guten Orgasmen es auf beiden Seiten gekommen ist. Anfangs auf losen Blättern, ab 1816 in dicken, in „zartes Kalbsleder“ gebundenen Bänden, inklusive Schlagwort-Register: „Ich bin entschlossen, mein Leben nicht ohne ein persönliches Denkmal der Erinnerung vorüberziehen zu lassen“, schreibt Lister 1819. Und: „Die Frauen mögen mich und haben mich immer gemocht und keine hat mich je abgewiesen.“
Was für eine Figur, was für ein Stoff! Auf subtile Weise ist Angela Steideles Biografie über Anne Lister und ihr Leben zur Zeit der Industrialisierung ein Buch zur Debatte um die Hierarchisierung von Benachteiligten, also den Versuch, die soziale Misere einer weißen, heterosexuellen Mehrheit gegen den andauernden Kampf von Minderheiten für ihre Rechte auszuspielen. Die Figur der ungehörig bildungshungrigen und reiselustigen, verhältnismäßig offen lesbischen Engländerin, die aus dem wenig vermögenden, aber doch privilegierten Landadel stammte, provoziert soziale und emanzipatorische Fragen: In der unfreien und ungerechten Klassen-Gesellschaft nahm sie sich standes-, aber nicht geschlechtergemäße Freiheiten heraus.
Schon mit „Geschichte einer Liebe“ (2010) hat Angela Steidele die Blickachsen in die Vergangenheit neu justiert, indem sie die „keusche Frauenfreundschaft“ zwischen Adele Schopenhauer und Sibylle Mertens in die Realität einer Liebe geholt hat. Sie tat es auch mit ihren Büchern über Catharina Linck, die ein Jahrhundert früher für ihren Lebens-, Liebes- und Freiheitsdrang noch hingerichtet wurde (der Biografie „In Männerkleidern“ und dem Roman „Rosenstengel: Ein Manuskript aus dem Umfeld Ludwigs II“, für den sie 2015 den Bayerischen Buchpreis bekam). Buch für Buch, Leben für Leben und Liebe für Liebe arbeitet Angela Steidele daran, die durch Männer geprägte Überlieferung nicht-männlicher Biografien und auch die Geschichtsbilder vom Leben im 18. und 19. Jahrhundert zu berichtigen.
Nun also Anne Lister. Allein die Überlieferung ihrer Tagebücher ist aufregend: Mit nur 49 Jahren starb Lister 1840 auf dem Rückweg einer abenteuerlichen Reise, die sie mit ihrer letzten Frau über Moskau und Tbilissi nach Bagdad und wieder zurück in die nordenglische Heimat hätte führen sollen. 1867 entdeckte der 20jährige John Lister, im Gegensatz zu seiner Tory-Erbtante einer der frühen Unterstützer der Arbeiterbewegung, Anne Listers Tagebücher und erkannte ihren lokalhistorischen Wert.
Ein Archivar knackte in seinem Auftrag den Code der auf griechischen Buchstaben basierenden Geheimschrift, in der laut Steidele etwa ein Sechstel der Tagebücher abgefasst ist. Was er entzifferte, nannte er „widerlich“ und empfahl, die Tagebücher auf den Scheiterhaufen zu werfen. Das tat John Lister nicht und versteckte sie so, dass spätere Besitzer sie entdecken mussten, was auch geschah. Erst ab 1988 erschienen die ersten unzensierten Editionen; noch in den 1960er Jahren hatte die mit Anne Listers Werk befasste Phyllis Ramsden behauptet, die chiffrierten Passagen, in denen es laut Steidele um „lesbisches Begehren“ und „Geschlechtsverkehr“ gehe, seien „von keinerlei historischem Interesse“ und „unerträglich öde für heutige Leser“.
Die Trophäensammlung der „Pelzjägerin“ Lister und die Schilderungen ihrer „geschäftigen Pendeldiplomatie“ sind zeitweise tatsächlich eher ermüdend, als dass sie amüsieren, ganz anders als die aufregend detailreichen Reiseberichte oder die Erzählung von Listers tollkühner Erstbesteigung des Vignemale in den Pyrenäen, deren Anerkennung Lister gegen den Prince de la Moscowa durchsetzte, den Sohn von Napoleons Marschall. Aber von „öde“ kann keine Rede sein.
Angela Steidele weiß genau, warum sie sich durch die maßlose Materialfülle gearbeitet hat, warum Listers Biografie erzählt werden muss und jenseits der faszinierenden Einblicke in die Rechts-, Wirtschafts-, Sozial- und Alltagsgeschichte, die an die Bedeutung von Samuel Pepys’ Tagebüchern erinnern, für die Gegenwart relevant ist: Hier findet eine Frau ohne Schwierigkeiten eine Sprache für weibliche und lesbische Lust, deren Existenz noch in den 1950er Jahren die Vorstellungskraft des Bundesverfassungsgerichtes überstieg, wie Carolin Emcke in ihrem Buch „Wie wir begehren“ 2012 dokumentiert hat.
In unserer prüden Zeit, in der die Straftaten gegen Schwule, Lesben und Transsexuelle gerade wieder um 27 Prozent gestiegen sind, ist das spektakulär – und ermutigend. Eine frühe Form von „gay pride“, erkennt Angela Steidele in der Selbstverständlichkeit, mit der Anne Lister trotz anonymer Briefe und tätlicher Angriffe, allerdings mit der erstaunlicher Unterstützung ihrer Familie, sich ihr Recht zu lieben nahm.
Dabei war sie kein Freigeist, keine Revolutionärin, und eignet sich nicht als Emanzipations-Ikone: Wird eine ihrer Frauen sexuell zu fordernd, zweifelt sie an deren „Sittlichkeit“. Ihrer langjährigen Geliebten Mariana verbietet sie die Vernunft-Ehe mit einem Mann, möchte sich selbst aber durch lukrative, freilich weibliche Partien absichern. An die reiche Manufakturbesitzerin Ann Walker, mit der sie als einziger offiziell mit allen rechtlichen Konsequenzen zusammen leben wird, macht sie sich nur aus finanziellem Pragmatismus heran. Eigentlich ist sie sich zu fein für diesen nicht standesgemäßen Umgang, zieht aber alle Register, um die labile Walker an sich zu binden: „Mir schien eine Szene angeraten und ich täuschte einen dämlichen Heulkrampf vor, scheinbar tief bekümmert und hoffnungslos, und erklärte mein Benehmen (oder eher meine Hoffnung) für irrsinnig. ... Hab ich sehr schön gemacht.“
Als die Kämpfe für Reformen der Feudalordnung, des Wahlrechts und der Arbeiterrechte lauter werden, fürchtet Anne Lister sich vor der „Reformseuche“ und „Mobokratie“. Sie lebt mit einem ähnlich geschlossenen Weltbild wie die Verfasser der anonymen Schmäh- und Drohbriefe. Die emanzipatorische Tat Anne Listers ist nicht ihr Leben, sondern, dass sie es aufgeschrieben hat. Erst durch die Öffentlichkeit kann es wirken, wenn auch viele Generationen später. Angela Steideles Darstellung zeigt, dass es eine einzelne Anne Lister, die ihr Ich über alles stellt und sich durch keine Konvention daran hindern lässt, ihren Bedürfnissen zu folgen, genauso braucht, wie die kollektive Bewegung der Arbeiter. Beide Bewegungen, die individuelle wie die kollektive, sind Bewegungen hin zur Freiheit und bedingen einander am Ende.
Das alles spricht Angela Steidele selten direkt aus. Es steht zwischen den Zeilen. Sie selbst hält sich mit Urteilen und Einordnungen zurück, nimmt eher die Rolle einer Ghostwriterin ein, die Listers Material so arrangiert, dass es sie mal als berechnenden Parvenü, mal als blinde und taube Gefangene ihrer Epoche und mal als Rebellin zeigt, die ihrer Zeit weit voraus ist.
„Anne Listers große Liebe war sie selbst“, schreibt Angela Steidele, und dass es ihr ergangen sei wie allen Frauen von Anne Lister: „Erst hat sie mich verführt, dann betrogen.“ Aus dieser Spannung resultiert die beteiligte Distanz, die es überhaupt möglich gemacht hat, Listers Aufzeichnungen in eine erzählbare Form zu bringen. Angela Steideles politischer Scharfsinn, ihr kluger Umgang mit historischen Kontexten und nicht zuletzt ihr Humor haben dafür gesorgt, dass Anne Listers Lebenserzählung tatsächlich zu dem geworden ist, was ihre Biografin darin gesehen hat: ein „textuelles soziohistorisches Ereignis“ – und jetzt auch eines der Erzählkunst.
Hier findet eine Frau ohne
Schwierigkeiten eine Sprache
für weibliche, lesbische Lust
Erst hat sie mich verführt,
dann betrogen – so ging es allen
Frauen von Anne Lister
Angela Steidele: Anne
Lister. Eine erotische
Biographie. Verlag
Matthes & Seitz, Berlin 2017. 327 Seiten, 28 Euro.
E-Book 22,99 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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