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Mirna Funk erzählt die Geschichte einer jungen deutschen Jüdin in Berlin und Tel Aviv. Ihr Name ist Lola. Sie ist Deutsche. Sie ist Jüdin. Und die einzige, der ihr ein Hitlerbärtchen ins Gesicht malen darf, ist sie selbst. Sie hat genug davon, dass andere darüber bestimmen wollen, wer sie ist und wer nicht. Sie entscheidet, wovon sie sich verletzt fühlt und wovon nicht.
Wer bestimmt darüber, wer wir sind? Unsere Herkunft, falsche Freunde, orthodoxe Rabbiner? Lola ist in Ost-Berlin geboren, ihr Vater macht rüber und geht in den australischen Dschungel. Sie wächst auf bei ihren jüdischen
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Produktbeschreibung
Mirna Funk erzählt die Geschichte einer jungen deutschen Jüdin in Berlin und Tel Aviv.
Ihr Name ist Lola. Sie ist Deutsche. Sie ist Jüdin. Und die einzige, der ihr ein Hitlerbärtchen ins Gesicht malen darf, ist sie selbst. Sie hat genug davon, dass andere darüber bestimmen wollen, wer sie ist und wer nicht. Sie entscheidet, wovon sie sich verletzt fühlt und wovon nicht.

Wer bestimmt darüber, wer wir sind? Unsere Herkunft, falsche Freunde, orthodoxe Rabbiner?
Lola ist in Ost-Berlin geboren, ihr Vater macht rüber und geht in den australischen Dschungel. Sie wächst auf bei ihren jüdischen Großeltern und ist doch keine Jüdin im strengen Sinne. Ihre Großeltern haben den Holocaust überlebt, sie selber soll cool bleiben bei antisemitischen Sprüchen. Dagegen wehrt sie sich.
Sie lebt in Berlin, sie reist nach Tel Aviv, wo im Sommer 2014 Krieg herrscht. Sie besucht ihren Großvater und ihren Geliebten, Shlomo, der vom Soldaten zum Linksradikalen wurde und seine wahre Geschichte vor ihr verbirgt. Lola verbringt Tage voller Angst und Glück, Traurigkeit und Euphorie. Dann wird sie weiterziehen müssen. Hartnäckig und eigenwillig, widersprüchlich und voller Enthusiasmus sucht Lola ihre Identität und ihr eigenes Leben.
  • Produktdetails
  • Verlag: S. Fischer
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 352
  • Erscheinungstermin: 21. Juli 2015
  • Deutsch
  • Abmessung: 210mm x 134mm x 30mm
  • Gewicht: 460g
  • ISBN-13: 9783100024190
  • ISBN-10: 3100024192
  • Artikelnr.: 42672212
Autorenporträt
Funk, Mirna
Mirna Funk wurde 1981 in Ostberlin geboren und studierte Philosophie sowie Geschichte an der Humboldt-Universität. Sie arbeitet als freie Journalistin und Autorin, unter anderem für 'Neon', 'L'Officiel Germany' und 'Süddeutsche Magazin', und schreibt über Kultur und ihr Leben zwischen Berlin und Tel Aviv. 2015 erschien ihr Debütroman 'Winternähe', für den sie mit dem Uwe-Johnson-Förderpreis 2015 für das beste deutschsprachige Debüt ausgezeichnet wurde.Literaturpreise:Uwe-Johnson-Förderpreis 2015
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Meike Feßmann gibt sich zufrieden mit diesem Debütroman der Journalistin Mirna Funk. Das Thema Identität in Zeiten des multimedialen Selbstdarstellungszwangs scheint ihr interessant genug. Sogar sprachliche und dramaturgische Mittelmäßigkeit nimmt Feßmann dafür in Kauf. Die aus der jüdischen Familiengeschichte der jungen, im Dauerstress sozialen Networkings gefangenen Protagonistin sich ergebenden Fragen hätte sich Feßmann bei aller Spannung der Story allerdings etwas eindringlicher behandelt gewünscht. Ob Identitätsfragen für die Generation Selfie überhaupt noch relevant sind, weiß Feßmann nämlich gar nicht.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 09.08.2015
Raus aus der Schutzzone

Fremdenhass, Antisemitismus, soziale Vereinzelung: Was die literarischen Debüts dieses Sommers über das Land sagen, in dem wir leben

Versteht man Deutschland nachts besser? Sollte, wer sich für die kollektiven Ängste im Land interessiert, mit dem Beobachten überhaupt erst nach Sonnenuntergang beginnen?

Eine junge Frau bleibt abends zu Hause, während auf der Feier, auf der sie eigentlich eingeladen ist, jemand ein Foto von ihr an die Wand hängt, ihr mit einem schwarzen Edding einen Hitlerbart über die Oberlippe malt und das Ganze auf Facebook postet. Eine andere klingelt weit nach Mitternacht an den Türen der Häuser, in denen sie Licht sieht, lädt sich dort ein und hofft, dass sie auch wieder herauskommt. Eine dritte wacht im Berliner Westen allein auf einer Parkbank auf und fragt sich, was sie dort tut. Und natürlich könnte man jetzt sagen: Das ist Zufall, dass die interessantesten Debüts, die in diesem Sommer erscheinen - von Mirna Funk, von Mercedes Lauenstein und von Kat Kaufmann -, alle nachts beginnen, von der Nacht handeln oder in ihren entscheidenden Szenen nachts spielen. Richtige Nachtleben-Bücher sind es ja auch nicht, was aber eher eine gute Nachricht ist, weil man das Clubkultur-Drogen-und-Ausschweifungsgenre nach Rainald Goetz' "Rave", Airens "Strobo" oder Helene Hegemanns "Axolotl Roadkill" für eine ganze Weile lang erst mal auch nicht mehr braucht. Gab's ja schon.

Da die neuen Bücher aber alle drei von dem Land erzählen, in dem wir leben, von sozialer Vereinzelung, von Fremdenhass, von Antisemitismus, ist die Nacht perfekt für sie, weil dort, wo es dunkel ist, wo zu viel getrunken wird oder man sich auf sich selbst zurückgeworfen sieht, Grenzen unbedachter überschritten werden, Dinge schneller eskalieren, Wahrheiten in der Überzeichnung deutlicher werden. Wo lassen sich Ängste besser aufspüren als da?

Erste Station ist München: "Nachts" heißt das Buch von Mercedes Lauenstein, 27 Jahre alt, Journalistin in der "jetzt"-Redaktion der "Süddeutschen Zeitung", ein Buch, das eher eine literarische Reportage ist als ein traditioneller Roman. Die Erzählerin, die sich immer neue Namen gibt, läuft durch die Straßen der unterschiedlichsten Viertel, guckt, in welchen Fenstern noch Licht brennt, versucht die dazugehörigen Wohnungen auszumachen und klingelt: Samstag um 3 Uhr 28, Freitag um 4 Uhr 51, Mittwoch um 2 Uhr 33.

Wenn dann ein Fenster aufgerissen wird und jemand schreit, was das denn solle, so mitten in der Nacht, läuft sie weg. Wenn jemand aufmacht, geht sie hinein. Und dann stehen wir mit ihr da in Hausfluren, Küchen und Wohnzimmern, in denen es manchmal merkwürdig riecht oder unklar bleibt, wer sonst noch da ist. "Was machst du nachts, wenn du nicht schläfst?", fragt sie und trifft komischerweise durchgängig auf Menschen, die alleine wach sind, was gar nicht selbstverständlich ist. Man könnte ja auch zu zweit oder zu dritt lange auf sein und das Licht noch brennen haben.

Doch scheinen diejenigen, die die Tür öffnen, den Besuch zum Anlass zu nehmen, Beichte abzulegen oder sich neu zu erfinden, die Erzählerin hineinzulassen, gerade weil sie alleine sind. Die Einsamkeit treibt sie an und verleitet sie gleichzeitig dazu, ein Risiko einzugehen, das umgekehrt auch die, die hineingeht, in Kauf nimmt: Sie hoffe, sich nicht mehr allein zu fühlen, wenn sie den Schlaflosen in ihrer Einsamkeit begegne, sagt die Erzählerin. Es ist ein bisschen wie beim Autorennen. Man guckt zu, ist dabei und wartet irgendwie doch die ganze Zeit darauf, dass eine Runde schiefgeht und der Wagen gegen die Leitplanke knallt.

Im Buch heißt die Leitplanke Egon und wohnt in einem verschachtelten Siebziger-Jahre-Bau: "Ich hab dich schon mal gesehen", sagt der Mann und schnauft. "Du mauerst die Häuser." Sie denkt: "Der Typ ist nicht ganz dicht" und beginnt reflexartig seine Sprache zu imitieren: "Warum bist du hier?", fragt er. - "Es gab einen Sonnensturm." Er sperrt sie auf seinem Balkon aus. Er steht mit einem kleinen Messer vor ihr im Treppenhaus, als das Licht ausgeht. Man fragt sich, ob sie weiter an Türen klingeln wird und wenn ja, warum. Aus welchem Grund - das ist in diesem Buch die grundsätzliche gesellschaftliche Frage - die Schutzzone verlassen, die die Vereinzelung bedeutet, in der wir uns befinden. Lohnt es sich? Und um welchen Preis?

"Hey you, out there in the cold. Getting lonely, getting old. Can you here me?", heißt das Pink-Floyd-Motto von "Nachts", das klassisch und dezent wirkt im Vergleich zu dem, was die in Leningrad geborene Kat Kaufmann, 34 Jahre alt, Schriftstellerin, Komponistin und Fotografin, ihrem Roman "Superposition" mit voller Wucht voranstellt: "Alle Personen in diesem Buch haben sich selbst frei erfunden oder wurden von Mutter, Vatter, Schulkameraden, Arschlöchern und Wichsern zu dem gemacht, was sie sind. Und der Jude ist nicht reich. Und der Russe ist nicht kalt. Und Berlin ist nicht Berlin."

Nun gibt es jetzt sicher diejenigen, die bei den Worten "Arschlöcher und Wichser" die Augen verdrehen, weshalb zumindest kurz erwähnt sei, dass für all jene, für die das zu viel Wirklichkeit ist, es in diesem August womöglich passendere Lektüre gibt, nämlich den Debütroman des "Zeit"-Journalisten Adam Soboczynski. "Fabelhafte Eigenschaften", heißt der, spielt in einem Martin-Mosebach-artigen Setting und handelt von einem Tiermaler namens Hans Weinling, der sich verliebt.

Und ähnlich wie bei Fotos, die man mit einem Sepia-Filter mit altmodischer Anmutung einfärben kann, klingt die Sprache so, als sei sie insgesamt mit einer Art Thomas-Mann-App bearbeitet worden. Das Ganze spielt heute, darf aber nicht so klingen: "Der Parvenü trinkt den guten Wein mit lauten Bekundungen über seine Schmackhaftigkeit, weltläufige Menschen nehmen ihn mit alltäglicher Routine zu sich und machen überhaupt viel Aufhebens um Großartiges", heißt der zweite Satz. Oder, weiter hinten: "Es lag an Hans, das Lokal auszusuchen, ein französisches in Berlin-Mitte, das seine kostspielige Vortrefflichkeit durch die stadtteiltypisch herausgestellte Unverkrampftheit vernebelte." Mit dem, was die Nacht über dieses Land erzählt, hat Soboczynskis beschauliche Künstlergeschichte erwartungsgemäß eher wenig zu tun.

Also lieber zurück dahin, wo es spannend ist: Kat Kaufmanns Erzählerin heißt Izy Lewin, ist Russin und Jüdin, eine Musikerin, als Kind Schülerin der Leningrader Musikschule, die sich mit Jazzkonzerten in Berlin Geld verdient. Sie bewegt sich durch die Stadt mit dem Gefühl, wenn überhaupt nur halb dazuzugehören: "Wir sind das Extra in diesem Land. Wir sind die, über die man redet. Wir werden niemals hierher passen. Und dort, wo wir herkommen, passen wir längst nicht mehr. Die ganze Klasse lacht, während du nicht einmal verstehst, warum alle lachen, weil das einzige, was du vielleicht kennst, ,Hände hoch' und ,Heil Hitler' ist. Aus alten Filmen gemerkt. Und die fragen ,Wowohnstdu?', und du weißt nicht mal, wie viele Worte das sein sollen, geschweige denn, was sie bedeuten."

Sie taucht ab auf einer Russenparty, immer mehr Menschen, die sie aus der Kindheit kennt, begegnet sie jetzt hier in Berlin ("Willkommen im Dschungel!"). Sie protokolliert mit lässiger Beiläufigkeit die Zumutungen, Anfeindungen und Angriffe, denen sie ausgesetzt ist, was sie nicht davon abhält, sich zu wehren, tatsächlich zurückzuschlagen und sich auch weiterhin ins Leben zu stürzen, mitten hinein. Das Betörende dabei ist die oft rücksichtslose Härte des Tonfalls, der ohne Posen auskommt, also in seine eigene Härte überhaupt nicht verliebt ist. Eine rauhe junge weibliche Stimme, wie man sie sonst nicht oft hört. Kat Kaufmann weiß im Schlaf, wie sie ihre Sätze am besten reduziert, welche Wörter sie besser weglässt, sie hat ein besonderes Gefühl für Rhythmus. Das muss man erst mal hinkriegen.

Der Roman ist die Bestandsaufnahme einer inneren Zerrissenheit in einer Gesellschaft, die keinen Schutz bietet. Ein Gefühl, das sich, wie Izy es sich erträumt, auflösen könnte in dem, was die Quantenphysik "Superposition" nennt - übereinandergelagerte Zustände, die nur als Gesamtzustand messbar sind: "Sei da und hier und überall sonst zur gleichen Zeit", heißt es im Roman.

Womit wir bei "Winternähe" wären, dem ersten Roman der in Ost-Berlin geborenen Autorin Mirna Funk, 34 Jahre alt, die mit der Hitlerbart-Szene auf Facebook beginnt und dem daraus resultierenden Prozess vor Gericht: Funks Protagonistin Lola, die wegen des von ihr zirkulierenden Hitler-Fotos Anzeige erstattet hat, betritt aus Provokation den Gerichtssaal mit einem sorgfältig mit schwarzem Kajalstift aufgetragenem Rechteck über ihrer Oberlippe. Sie wird des Saals gleich wieder verwiesen, diejenigen, die hier eigentlich vor Gericht sitzen, werden aber nicht weiter strafrechtlich verfolgt. Das ist der Punkt, an dem Lola aufhört, zu erdulden, dass die Menschen, die ihr begegnen, jeder in einer anderen Weise glauben, über ihre Identität bestimmen zu können: "Wer ist der Jude bei dir in der Familie?", fragt Toni, Plattenladenbesitzer in der Berliner Torstraße, sie abends im Restaurant so laut, dass sich alle Personen an den umliegenden Tischen umdrehen. "Mein Vater", antwortet Lola leise. "Dann bist du ja gar keine Jüdin. Soweit ich weiß, muss deine Mutter Jüdin sein."

Mirna Funk lässt Lola mit der Frage, wer sie ist, rastlos umherreisen: Berlin - Tel Aviv - Jerusalem - Bangkok - Berlin. Was die Philosemiten, die Anhänger des Reformjudentums, die Orthodoxen über sie sagen, lässt sie hinter sich. Warum soll sie nicht selbst bestimmen können, wer sie ist. Nur den scheinbar beiläufig eingestreuten antisemitischen Anfeindungen entkommt sie nicht. Sie lauern in den Gesprächen mit Freunden, tauchen bei harmlosen Verabredungen auf, einfach so dahingesagt, nicht von NPD-Wählern, sondern von Berlin-Mitte-Hipstern, die grün wählen, im LPG-Markt einkaufen und das Comedy-Programm von Oliver Polak lieben, weil der so lustig ist: "Mir wäre das peinlich, einem ganzen Volk siebzig Jahre lang Theater zu machen. Ich fände es cool, wenn die Israelis und auch die Juden endlich verzeihen würden. Ich fände es cool, wenn sie sagen würden, so, siebzig Jahre sind eine lange Zeit, uns reicht es jetzt auch langsam. Vergeben und vergessen."

So stürzen sich diese drei Stimmen gegen alle Widerstände ins Leben. Eine Weile lang hat es ja geheißen, die junge deutsche Literatur riskiere wenig und stelle sich nicht der Realität. Diese drei tun es, und genau genommen gibt es noch einen vierten Roman, der es tut: "Greenwash Inc." des in Bielefeld geborenen Karl Wolfgang Flender, 29 Jahre alt, Mitherausgeber der Literaturzeitschrift "BELLA Triste". Flender erzählt vom Typus des Zynikers, Mitarbeiter von "Mars & Jung", einer Agentur, die sich auf so genannte "Hope Stories" spezialisiert hat: Geschichten, durch die das wohltätige Engagement großer Unternehmen in aller Welt ein menschliches Gesicht erhalten, mit dem man auch Lügen verkaufen kann. Oder Fair-Trade-Zertifikate. Er erzählt es ausgezeichnet recherchiert und gut zu lesen. Nur bleibt man lesend auf Distanz, weil man sich dem "Ich" eines Zynikers eben nicht so ohne weiteres anheimgibt. Mercedes Lauenstein, Mirna Funk und Kat Kaufmann dagegen ziehen einen unwiderstehlich hinein in die Nächte, in denen wir mit ihnen besser sehen können.

JULIA ENCKE

Karl Wolfgang Flender: "Green Wash Inc.". Roman, Dumont, 395 Seiten, 19,99 Euro Mirna Funk: "Winternähe". Roman, S. Fischer, 345 Seiten, 19,99 Euro Kat Kaufmann: "Superposition". Roman, Hoffmann & Campe, 270 Seiten, 20 Euro Mercedes Lauenstein: "Nachts". Aufbau, 192 Seiten, 18,95 Euro

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 18.12.2015
Ich-Suche unter
dem Iron Dome
„Winternähe“, der erste Roman von Mirna Funk
Schnell sein, witzig sein, pointiert und meinungsfreudig, einfach raushauen, was einem so durch den Kopf schwirrt, schließlich kommt es nicht drauf an. Wer in sozialen Netzwerken unterwegs ist, muss unterhaltsam sein, nur keine Hemmungen, Nachdenken ist nur hinderlich – sonst sind die anderen schon ein paar Pointen weiter. Posten, taggen, swippen, stalken, das Vokabular elektronischer Dauererregung perlt Lola Wolf nur so von den Lippen. Sie ist die Heldin des ersten Romans der Journalistin Mirna Funk, ziemlich genau gleich alt wie die 1981 in Ostberlin geborene Autorin.
  Lola ist Fotografin und arbeitet in einer Bilddatenbank. Ihr ganzes Leben wird davon bestimmt, wie sie aussieht und rüberkommt, was andere über sie sagen, denken, meinen. Auf der Jubiläumsparty einer Agentur für digitale Medien malt ein Typ, den sie nur vom Koksen kennt, einen Hitlerbart auf ein Selfie von ihr, das man dort, ohne sie zu fragen, aufgehängt hat, weil sie als „Instagram-Größe“ gilt. Sie selbst ging nicht zur Party. Doch eine Frau, mit der sie aus unerfindlichen Gründen auf Facebook befreundet ist, taggt das Foto noch in der Nacht. So schaut sie morgens nach dem Aufwachen in ihr verunstaltetes Gesicht.
  Nur ein Partygag? Das findet Lola nicht. In ihren Augen handelt es sich um einen klaren Fall von Antisemitismus. Sie wehrt sich und zieht vor Gericht. Die beiden hätten gewusst, dass sie Jüdin ist. Doch das Gericht sieht es anders: Weil nur ihr Vater, nicht aber ihre Mutter Jüdin ist, sei sie nach der Halacha, also nach den Religionsgesetzen des Talmuds, keine Jüdin. Die beiden werden freigesprochen.
  Alle ihre Freunde haben dazu eine Meinung – und wollen sie auch unbedingt kundtun. Lolas verschiedene Accounts quellen über. Die Äußerungen lassen sich leicht klassifizieren. Die einen gehören zur Was-hab-ich-mit-dem-Holocaust-zu-tun-Fraktion, die anderen vertreten den Wir- dürfen-den-Holocaust-niemals-vergessen-Standpunkt. Als dann auch noch auf einer Sitzung ihrer Agentur, bei der es um hohe Immobilienpreise geht, von „jüdischer Mischpoke“ und „orientalischer Profitgier“ die Rede ist, hat Lola genug. Sie hängt den Job an den Nagel und begibt sich auf die Suche nach ihrer Identität.
  Lolas Mutter war ein Ostberliner Heimkind. Sie hat den Vater, einen schüchternen jungen Mann, der Chirurg werden wollte, gezielt verführt, um endlich eine Familie zu haben, gegen die sie rebellieren konnte. Kaum verheiratet, wurde das Paar auch schon wieder geschieden, der Vater türmte in den Westen, Lola wuchs bei ihren jüdischen Großeltern auf, bei Hannah, die Dachau überlebt hat und eine Buchhandlung führte, und Gershom, der im Palast der Republik arbeitete. Sie selbst fühlt sich gespalten, mütterlicherseits den Tätern zugehörig, väterlicherseits den Opfern. Fand sie es früher übertrieben, dass ihre Großmutter überall Antisemitismus witterte, gibt sie ihr nun, viele Jahre nach deren Tod, recht.
  Als sie sich über Tinder in Shlomo verliebt, einen Israeli auf Berlin-Besuch, folgt sie ihm bald nach Tel Aviv. Es ist der 13. Juni 2014, ein Tag nach der Entführung der drei Yeshiva-Schüler, kurz vor Beginn des Gaza-Kriegs. Am Anfang reagiert sie noch auf den Raketenalarm, bald aber setzt sie wie die meisten Bewohner Tel Avis ihre Tätigkeiten fort und verlässt sich auf den Iron Dome, die israelische Raketenabwehr.
  „Winternähe“ ist gewiss nicht frei von Schwächen. Die Sprache des in der dritten Person erzählten Romans ist eher schlicht, die Dramaturgie nicht besonders einfallsreich – weder die Vatersuche, die Lola bis nach Thailand führt, noch die Geheimnis verkündenden Briefe der Großmutter, die nach dem Tod des Großvaters genretypisch auftauchen. Gershom ist nach dem Tod seiner Frau wieder nach Tel Aviv gezogen, wohin er während des Nationalsozialismus geflohen war. Nach Lolas erstem Besuch stirbt er prompt, und sie findet die für sie bestimmten Briefe. Mit dem erfundenen Aus- und Aufdruck „Winternähe“ schickt sie das Paket an eine Freundin, während sie selbst Wege sucht, dem Vater das entdeckte Geheimnis zu offenbaren.
  Dennoch liest man den Roman mit Gewinn. Spannend ist vor allem der Zusammenprall von Lolas Suche nach ihrer jüdischen Identität, der Lage in Israel und den Bedingungen des digitalen Zeitalters. Sie überlagern die Kriegshandlungen mit Simulationseffekten und führen in den klassischen Topos der Suche eine Unruhe ein, die Lolas Selbstfindung erschwert, wenn nicht sogar torpediert. Nachdem ihr das Gericht in Berlin die Zugehörigkeit abgesprochen hat, will sie zum Judentum übertreten. Doch sie scheitert an der eigenen Ungeduld. Die nötige religiöse Unterweisung geht ihr rasend schnell auf die Nerven. In Tel Aviv ist sie dann mit der Neugier der Novizin unterwegs und entdeckt überall Dinge, die ihr vorher nicht klar waren. Andererseits checkt sie ständig, was ihre deutschen Freunde und die deutschen Medien meinen. Mit Recht empört sie sich über Unkenntnis und mangelnde Sensibilität, etwa wenn ausgerechnet Deutsche den Einmarsch israelischer Bodentruppen in Gaza einen „Genozid“ nennen.
  „Winternähe“ erzählt vom Hunger nach Wahrheit, nach Essenz, nach Zugehörigkeit, mit einer gewissen Naivität – bei einem Debütroman durchaus verzeihlich. Dennoch hätte man sich gewünscht, dass die Autorin den Fragen, die ihr Stoff nahelegt, nicht völlig ausweicht: Ist die Identitätsproblematik in Zeiten des Selfie-Kults und des elektronischen Priapismus überhaupt noch glaubhaft? Und was bedeutet der Wunsch nach Zugehörigkeit zu einer Religion, wenn die Mühen der Aneignung und der Überlieferung so weit von den eingeübten Praktiken der Selbstwahrnehmung entfernt sind?
MEIKE FESSMANN
Am Anfang reagiert Lola, anders
als die Einwohner Tel Avivs,
noch auf den Raketenalarm .  .  .
  
  
  
  
  
Mirna Funk: Winternähe. Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2015.
343 Seiten, 19,99 Euro. E-Book 17,99 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Würde man diesen Sommer nur ein Buch in den Urlaub mitnehmen, es könnte dieses sein. Man könnte am Ende nochmal von vorn anfangen.