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Sechs große Werke - allesamt Brief- und Gesprächsbücher - hat Bettine von Arnim zu Lebzeiten publiziert, ein weiteres, Letzte Liebe, blieb ungedruckt. Berlin, im Januar 1839: Bettine von Arnim ist nach der Veröffentlichung von Goethes Briefwechsel mit einem Kinde 1835 eine Berühmtheit. Zahlreiche von der Frische und Couragiertheit dieses Buches begeisterte junge Männer versuchen - sich Bettines Verhältnis zum wesentlich älteren Goethe zum Vorbild nehmend - in Kontakt mit ihr zu treten. Einer der jungen Verehrer ist der aus dem Örtchen Wolmirstedt bei Magdeburg stammende Jura-Student Julius…mehr

Produktbeschreibung
Sechs große Werke - allesamt Brief- und Gesprächsbücher - hat Bettine von Arnim zu Lebzeiten publiziert, ein weiteres, Letzte Liebe, blieb ungedruckt. Berlin, im Januar 1839: Bettine von Arnim ist nach der Veröffentlichung von Goethes Briefwechsel mit einem Kinde 1835 eine Berühmtheit. Zahlreiche von der Frische und Couragiertheit dieses Buches begeisterte junge Männer versuchen - sich Bettines Verhältnis zum wesentlich älteren Goethe zum Vorbild nehmend - in Kontakt mit ihr zu treten. Einer der jungen Verehrer ist der aus dem Örtchen Wolmirstedt bei Magdeburg stammende Jura-Student Julius Döring. Er hat mit seinem Werben Erfolg und wird in ihre Berliner Wohnung vorgelassen. Dann geschieht Bemerkenswertes: Julius Döring bewundert die selbstbewusste Frau nicht nur als Autorin, er verliebt sich auch in sie - und die mittlerweile weit über 50-Jährige erwidert die Zuneigung des um 32 Jahre Jüngeren. Rund zwei Jahre hält die sehr ungleiche Beziehung. Ein einziges Mal finden beide auf einer gemeinsamen Reise für längere Zeit zusammen, sonst schreiben sie sich, was sie einander an Gedanken und Gefühlsregungen mitzuteilen haben. Doch von Anfang an gibt es auch starke Spannungen in diesem Verhältnis: Bettine von Arnim versucht, den beruflichen Werdegang ihres Gegenübers zu beeinflussen und will Julius Döring zu ihrem literarischen Mitarbeiter machen. Er selbst wiederum ist von Eifersucht geplagt, weil die von ihm Verehrte auch mit anderen jungen Männern Umgang pflegt. Die antisemitische Entgleisung gegen einen seiner »Konkurrenten« beendet die Briefbeziehung: Bettine von Arnim sagt sich von Julius Döring los und lässt seine flehenden Kontaktversuche unbeantwortet. Es ist ein unbekanntes Werk aus der Feder Bettine von Arnims: Wir lesen die faszinierende Korrespondenz zwischen der Grande Dame der Romantik und ihrer »letzten Liebe« - eine unerhörte, einzigartige Briefliebschaft der Romantik. Zuvor hat sie sich ihre Briefe von ihm zurückgeben lassen, um sie zu veröffentlichen. Da er ihr signalisierte, eine Bekanntmachung würde ihm beruflich schaden, beließ sie die Schriftstücke schließlich unpubliziert, bewahrte sie aber sorgfältig auf und vermachte sie einer ihrer Töchter, über die sie ins Freie Deutsche Hochstift nach Frankfurt a. M. kamen. Nun wird der Briefwechsel erstmals vollständig und ungekürzt nach den Originalen vorgelegt - und wir werden zu Zeugen einer ungewöhnlichen und einzigartigen Beziehung. Es ist ein Genuss, diese sehr persönlichen und subtil erotischen Briefe zu lesen. Bettine von Arnim tritt uns darin verändert vor Augen - nämlich als späte Liebende, die freilich stets die Fäden der Beziehung zu ihrem jungen Gegenüber in der Hand behält. Das Bild dieser couragierten Frau, das die Romantikforschung in Generationen von ihr gezeichnet hat, muss um eine entscheidende neue Facette ergänzt werden.
Autorenporträt
Bettine von Arnim (1785-1859) war eine der zentralen Figuren der deutschen Romantik. Die Schwester von Clemens Brentano führte sich in jungen Jahren eigensinnig als Brieffreundin J. W. Goethes in die erste Gesellschaft der deutschen Dichter und Künstler ein - nachdem sie zuvor dessen Mutter ihre Aufwartungen gemacht hatte. Hervorragend mit der schreibenden und publizierenden Prominenz ihrer Zeit verbunden, trug sie maßgeblich zur Pflege des Werks ihr nahestehender Autoren bei: so gab sie die Bücher ihres Ehegatten Achim von Arnim nach seinem Tod heraus und veröffentlichte ihre eigene Korrespondenz mit Goethe unter dem Titel Goethes Briefwechsel mit einem Kinde - hier wie dort nicht ohne bisweilen ein eigenes Kunstprinzip in den von ihr herausgegebenen Büchern zur Anwendung zu bringen. Als Sympathisantin revolutionärer Bewegungen und sozialer Ideen wurden einige ihrer Bücher von der preußischen Zensur verboten. Sie starb 1859 an den Folgen eines Schlaganfalls Wolfgang Bunzel (geb. 1960), ist Leiter der Abteilung Romantik-Forschung im Goethehaus Frankfurt und lehrt als Professor an der Goethe-Universität Frankfurt; Publikationen zur deutschen Romantik, Herausgeber der hist.-krit. Brentano-Gesamtausgabe und der Briefe Bettine von Arnims.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 10.07.2019

Viel Geist für wenig Sinnlichkeit
Endlich ist der Briefwechsel zwischen Bettine von Arnim und dem viel jüngeren Julius Döring vollständig ediert.
Er zeigt, wie Lobpreis und Schwärmerei der Einübung in den politischen Ernst dienten
VON HANNELORE SCHLAFFER
Wenn eine zweiundfünfzigjährige Dame ein Buch veröffentlichen wollte unter dem Titel „Meine letzten Liebschaften“, so dürfte sie höchst wahrscheinlich auf einen immensen Erfolg beim neugierigen Publikum spekuliert haben. Dies Buch aber hat jene Dame aus den ersten Kreisen der Berliner Gesellschaft schließlich doch nicht erscheinen lassen; erst jetzt kann der Leser teilhaben an der aparten Beziehung zwischen Bettine von Arnim und Julius Döring, dem zweiundzwanzigjährigen Studenten der Rechte. Beider Briefwechsel aus den Jahren 1839 bis 1849 ist nun aus den Archiven des Freien Deutschen Hochstifts in einer typografisch kostbaren und mit vielen zeitgenössischen Illustrationen ausgestatteten Ausgabe von Wolfgang Bunzel in der „Anderen Bibliothek“ publiziert worden. Die Schönheit des Buches und die Gründlichkeit der Edition sind nicht genug zu rühmen.
Wolfgang Bunzels kenntnisreiches Nachwort macht mit dem „letzten Liebhaber“ der Bettine bekannt, der als Landgerichtsrat und Mitglied des Preußischen Abgeordnetenhauses endete und 1893 starb. Den Rang, den Bettine von Arnim von ihren Freunden und Brief-Liebhabern immer erwartete – und der Goethe, dem Fürsten Pückler-Muskau, der Günderode und Clemens Brentano tatsächlich zukam –, dieser Ruhm also des Korrespondenten, der vor allem ihr eigenes Ansehen heben sollte, kommt Julius Döring jedoch nicht zu. So verwundert es denn auch nicht, dass dessen letzte Briefe von der „Geliebten“ unbeantwortet blieben, so sehr auch der Freund, den sie gelehrt hatte vor ihr zu knien, darum bitten mochte.
Es bliebe zu fragen, wie dies Schmuckstück der Buchkunst und warum diese editorische Rarität den heutigen Leser beschäftigen und belehren, ja gar noch beglücken könne? Zwar erinnert der Titel des nun edierten Briefwechsels – „Letzte Liebe“ – an die „letzten Liebschaften“, zu denen sich Bettine von Arnim hatte bekennen wollen, doch nimmt der neue Titel dem einst konzipierten alles Pikante, das zur Lektüre anreizen könnte. Und in der Tat handelt es sich bei diesem Briefwechsel weder um Liebe noch um Liebschaft, sondern um nichts als um Schwärmerei.
Diese Briefe, die zu Beginn der Bekanntschaft acht bis zehn Druckseiten füllen können, sind keine Liebesbriefe, sondern ein historisches Lehrstück. Sie zeigen, welche Sprachakrobatik ein Jüngling jener Epoche beherrschen musste, um sich Eintritt in die Kreise des gehobenen Bürgertums und der intellektuellen Elite zu verschaffen. „Steig herunter von der kalten Höhe des Entsagens“, fleht dieser Jüngling in einer manierierten Sprache seine Dame an, „wo nur dein eigner Geist dich anweht im Hauch der Winde, und dein Blick flüchtig durcheilt die grünen Thäler. Steig hernieder ins blühende Thal, ergehe dich in Frühlingsgärten die alle dir offen stehen; herrsche, sei stark und unverzagt im Fordern.“ Nicht ohne Selbstironie antwortet Bettine auf solch einen Andrang von Gefühl ihrem „Ingurd“: „die Geister“, so gesteht sie, gingen tatsächlich oft nicht miteinander um, „wie Gott sie geschaffen“; „sie hängen den Theaterpurpur um, ihre Würde gegen einander zu behaupten; auch ich erlaub mir oft, so einen alten Mottenpelz von Hermelin anzulegen, und einen Zepter mit einer Angelschnur daran Die ich auswerfe“.
Trotz solcher Reserve, mit der die Angebetete sich ziert und zurückzieht, bleibt Döring dabei, Bettine als „Priesterin“ der Sprache zu ehren, denn „in dir ist herrschend geworden, jene Ursprache … deine Rede ist eine Quelle geworden ihres lebendigen Wassers, erfrischend und läuternd, helltönend.“
So viel Worte sie auch machen, so hoch sie in ihren Huldigungen auch greifen, die Briefpartner sagen einander eigentlich nichts. Was sie beide sich vormachen, sind sprachturnerische Übungen im Lobpreisen und Anhimmeln. Sie verbrauchen viel Geist für wenig Sinnlichkeit, viel Verehrung für wenig Erlebtes, viele volle Worte für kleine Erkenntnisse.
Die Lektüre dieses Briefwechsels ist deshalb eine nicht allzu bequeme Reise in ein fernes Land mit einer für Heutige exotischen, von der romantischen Dichtung inspirierten Schreibweise und einem fremd gewordenen Kult der Anbetung und Verehrung. Die „letzten Liebhaber“ der Bettine von Arnim sind Liebhaber der Poesie mehr denn Galane ihrer Person.
Julius Dörings sprachliche und dichterische Zeugungen – auch Gedichte legt er seinen Briefen bei – sind allerdings nicht sonderlich geglückt, so dass es ihm und dem Leser eine Erleichterung ist, wenn er endlich den literarischen Ehrgeiz aufgibt und sich bereits im Laufe der vierziger Jahre dem politischen Leben zuwendet.
1842 sendet er Bettine seinen Aufsatz „Fürst und Volk“ und bittet um ihre Unterstützung bei der Publikation: „Mir ist der Weg in die Öffentlichkeit verrammelt: brich mir Bahn. – So red’ ich zu dir; kurz, wie zu einem Zeltkammeraden. Sei mein Führer wieder, wie du es einst warst. Ich folge deinem Commandorufe.“
Dieser schneidige Befehl aber bleibt aus, Döring erhält keine Antwort. Von 1840 an monologisiert er vor sich hin, versucht Bettine, die selbst ihr revolutionäres Denken durch „Dies Buch gehört dem König“ unter Beweis gestellt hat, mit seinem politischen Elan auf den Versen zu bleiben – doch sie eilt davon und schaut zu ihm nicht mehr zurück.
Diese Missachtung ist gleichwohl für Döring eine Befreiung, für den Leser eine Erleichterung, und sie gibt endlich Raum für eine Erkenntnis. Die Briefe dieses jungen Mannes zeigen, dass ein Zusammenhang besteht zwischen dem, was man heute als Schwulst abzutun geneigt sein könnte, und der politischen Begeisterung, die das an Revolutionen und Aufständen reiche neunzehnte Jahrhundert hervorgebracht hat. Die Briefe führen die Entwicklung eines jungen Mannes vor, der aus der schwärmerischen Bewunderung einer Autorität zu eigenständiger Tätigkeit gelangte.
Bettine von Arnim war – und zwar nicht nur für Julius Döring – die Allegorie der Liebe, die sich der Jüngling erdichtete, und sie wird für den erwachsenen Mann zur Galionsfigur einer revolutionären Einstellung, die freilich zu keiner politischen Handlung führt. Die verliebte Schwärmerei entpuppt sich als Einübung in politischen Ernst.
Für den Zutritt zu den höheren
Kreisen musste der Jüngling
viel Sprachakrobatik beherrschen
Bettine war ihm erst Allegorie
der Liebe, dann Galionsfigur
revolutionärer Einstellungen
Bettine von Arnim vor Goethe-Denkmal. Ludwig Emil Grimms Radierung zeigt die Grande Dame der Romantik im Jahr 1838. Wenig später, 1843, veröffentlichte sie „Dies Buch gehört dem König“, in das sie Berichte über das Leben der Ärmsten Berlins aufnahm, die vor dem Hamburger Tor, im „Vogtland“, lebten.
Foto: Freies Deutsches Hochstift, Andere Bibliothek
Bettine von Arnim:
Letzte Liebe. Das unbekannte Briefbuch. Korrespondenz mit Julius Döring. Ediert, mit Anmerkungen und einem Nachwort von Wolfgang Bunzel. Die Andere Bibliothek, Berlin 2019. 374 Seiten, 42 Euro.
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Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 13.07.2019

Zwischen uns sind nur die Musen

Liebeskutschfahrt nach Kassel: Der Briefwechsel zwischen der verwitweten Bettine von Arnim und dem Jurastudenten Julius Döring schlummerte lange im Archiv. Endlich liegt er gedruckt vor - und erzählt von zwei Leben zwischen Prosa und Poesie.

Der junge Student fängt es listig an, indem er sich der verehrten Schriftstellerin mit ihren eigenen Waffen nähert. Bettine von Arnim, deren Mann Achim acht Jahre zuvor gestorben war, erhielt im Januar 1831 den Brief eines Unbekannten, der eine Vertrautheit mit dem Stil und dem Inhalt ihres jüngsten Werks, "Goethes Briefwechsel mit einem Kinde", aufwies. Der Autor des Briefs, ein Jurastudent aus Wolmirstedt bei Magdeburg, der nun in Berlin lebte, zieht alle Register eines spätromantischen Briefstils und nimmt dabei die Position ein, die von Arnim selbst in ihrem Goethe-Buch gegenüber dem verehrten Dichter eingenommen hatte: "Begnadete, gebenedeite hätt ich beinah geschrieben", so hebt das Schreiben an, nur um sich selbst ins Wort zu fallen und eine reizende Geschichte zu erzählen, in der ihn der eigene Verstand, "dieser uralte Philister", wegen seines schwärmerischen Briefanfangs verspottet und vor Lachen darüber, dass er wirklich an die berühmte Bettine von Arnim schreibe, schier in Atemnot geraten sei.

Am Ende bittet der Autor um ein winziges Zeichen, dass der Brief angekommen sei, und unterzeichnet poetisch mit "Ingurd", dem Namen eines damals populären Helden der nordischen Sagenwelt. Seinen echten Namen teilt der Jurastudent Julius Döring, geboren 1817, aber auch mit, schließlich käme ein Antwortbrief sonst nicht an. Im Januar 1839 ist er 21 Jahre alt, von Arnim 53.

Der Briefwechsel, der sich nun entspinnt, währt etwa zehn Jahre lang, wobei das Hauptgewicht auf der ersten Zeit liegt - allein 60 der 97 erhaltenen Briefe fallen ins Jahr 1839, weitere 18 ins Folgejahr, etwa so viel also, wie dann insgesamt in den acht weiteren Jahren der Korrespondenz noch hin und her gehen.

Die eine Seite dieses Briefwechsels ist seit 1963 zumindest in der Welt, wenn auch nicht sonderlich bekannt: Damals erschien im "Jahrbuch des Freien Deutschen Hochstifts", herausgegeben von dem Germanisten Werner Vordtriede, ein Konvolut von 36 Briefen, die von Arnim an Döring schrieb.

Andere fehlten, etwa der allererste, mit dem die Dichterin sichtlich geschmeichelt, vor allem aber auch zum Spiel mit den Konventionen bereit, die einen solchen Kontakt eigentlich nicht vorsahen, den von Döring angeschlagenen Ton aufnahm, der ja ihr eigener war. Döring hatte seine kleinbürgerliche Herkunft mit den Adelskreisen verglichen, in denen sie sich bewege und wo man ihr "gewiß viel Schönes, viel Kluges über ihre Briefe" sage - er selbst sei aber "weder hochwohl- noch wohlerzogen" und könne "fürchterlich unhöflich sein". Darauf antwortete von Arnim: "Auch ich bin auf Erziehung nicht angewiesen sondern auf Natur, von der ich jedoch nicht wie Sie mit Der Waffe Der Unhöflichkeit begabt, mich genöthigt fühle mit Höflichkeit um den Sieg zu ringen." Das leitet eine ausführliche Antwort auf Dörings langes Schreiben ein, die alles diskutiert, was er angesprochen hatte - das Spektrum reicht von der Philosophie über die Religion bis hin zu den politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen in Preußen.

Dass man sich nun einen Eindruck von diesen Briefen verschaffen kann, vor allem: dass man nun erstmals auch Dörings Schreiben liest, ist Wolfgang Bunzel zu verdanken, der im Freien Deutschen Hochstift als Experte für die literarische Romantik arbeitet und seit vielen Jahren mit Leben und Werk der Bettine von Arnim befasst ist. Was bereits Werner Vordtriede angekündigt hatte, ohne es umsetzen zu können, die Edition des kompletten Briefwechsels zwischen von Arnim und Döring, ist Bunzel nun gelungen, und dies in einer Form, die in ihrer editorischen Sorgfalt, reichen Bebilderung und dem bestechend präzisen Kommentar keinen Wunsch offenlässt, den man an eine solche Ausgabe sinnvollerweise richten kann.

So verfolgt man die rasante Entwicklung eines Verhältnisses, das zwischen Schwärmerei, Liebe und Befremden changiert, zeitversetzt und in unterschiedlicher Intensität auf beiden Seiten, denn auch von Arnim geizt zu Zeiten nicht mit Zärtlichkeit: "Lieber Blonder! - zu Füssen wolltest Du mir fallen und dann ans Herz? - Ach! - frühere Gelübde verhindern dies. - Wie gern wollt ich sonst!", schreibt sie am 18. März 1839 nach knapp zwei Monaten Bekanntschaft.

Dass die Briefe von Anfang an nicht nur literarischen Mustern folgen, sondern auch auf ein tatsächliches oder erträumtes gemeinsames Leben in der Literatur zielen - in Abgrenzung zu einer bürgerlichen Karriere, ebendem Dasein als "Philister" -, untermauert Döring am 20. März: "Die Musen seien zwischen dir und mir. Jedes Wort, das sie nicht hören können, sei Lüge und Sünde, wie denn alle Sünde nichts ist als Lüge. - In wenig Tagen nimmt mich ein erbärmliches, beschränktes Philisterleben auf in seinen Familienschooß. Da gilt es Ausdauer zeigen, und mit Muth die Wasserprobe bestehen." Etwas später beteuert er: "Wächst mir ja der Philister über den Kopf: so geb ich dir das Recht, nein, ich bitte dich, mich zu vergessen. - Auch der Philister wird dann froh sein, zu vergessen, was er gedacht und gefühlt hat, seit er dich kannte."

Das ist das zentrale Problem, das zwischen Döring und von Arnim verhandelt wird, im März 1839, als der Student zurück nach Wolmirstedt kehren musste, um seine juristische Ausbildung abzuschließen, wie auch in den folgenden Monaten, als von Arnim ihm eine philologische Arbeit anvertrauen will und Döring dies zugunsten seines Brotberufs ausschlägt. Ob man daher aus der Rückschau, wie der Herausgeber Bunzel, Dörings Überlegungen als bloße "Ausbruchsphantasien" einstufen will, die dem Konformitätsdruck seitens des Vaters wie der Gesellschaft insgesamt geschuldet seien, ist schwer zu entscheiden.

Langfristig wurzelt jedenfalls wohl hier die Enttäuschung von Arnims über ihren Zögling und Geliebten, dem sie dann viel später, als er sie tatsächlich um Hilfe in der beruflichen Laufbahn bittet, nicht einmal mehr antwortet. Und wenn es noch eines Grundes bedarf, diesen Briefwechsel neben allem anderen auch für äußerst gegenwärtig zu halten, dann liegt er in der intensiven Darstellung dieses Konflikts zwischen dem Wunsch, ein anderes Leben zu führen als die Eltern, und der Ahnung, dass es am Ende auf genau so ein Leben hinauslaufen wird.

Kurzfristig aber scheint die Diskussion über das "Philistertum" eine zauberhafte Herbstreise motiviert zu haben, für die von Arnim eigens nach Magdeburg fährt, ihren Studenten mit in die Kutsche nimmt und für einige Tage über den Harz bis nach Kassel reist, wo der staunende Döring die Brüder Grimm kennenlernt. Von Arnim macht manchmal ein Geheimnis aus der Identität ihres Begleiters und lässt diejenigen, die dem Paar begegnen, im Unklaren über das genaue Verhältnis der beiden, dann wieder stellt sie ihn vor und küsst ihn öffentlich.

Diese Intensität lässt sich offenbar nicht bewahren, die Sache kühlt sich ab, und als von Arnim auf den Gedanken kommt, den Briefwechsel mit Döring zusammen mit den zwischen ihr und dem ebenfalls jungen Fabrikantenerben Philipp Nathusius bearbeitet herauszugeben, lässt Döring - der ihr ihre Briefe wie verlangt zurückschickt - durchblicken, dass ihm eine solche Publikation wegen seiner freimütigen politischen Äußerungen in seiner Laufbahn schaden könnte. Von Arnim versteht das und beschränkt sich auf den Briefwechsel mit Nathusius.

Trotzdem betätigt sich Döring, von dem nicht einmal ein Bild überdauert hat und über dessen Lebensumstände vieles unklar ist, 1848 politisch, liebäugelt mit der Revolution und wird danach strafversetzt. Ganz so philisterhaft wie befürchtet verläuft sein Leben nicht - eine späte Folge womöglich dieser Liebesverbindung.

TILMAN SPRECKELSEN.

Bettine von Arnim: "Letzte Liebe".

Herausgegeben und kommentiert von Wolfgang Bunzel. Die Andere Bibliothek, Berlin 2019. 576 S., geb., 42,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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"Was Goethe einst für Bettine von Arnim gewesen ist, ist die über 50jährige nun dem Studenten Julius Döring: Mentorin, erotische Gespielin, Karriereplanerin. Es entspinnt sich ab Januar 1839 ein schwärmerischer Briefwechsel, der jetzt erstmals in der Schmuckausgabe der Anderen Bibliothek veröffentlicht wird." Deutschlandfunk 20190908